{"id":96997,"date":"2023-05-01T10:00:05","date_gmt":"2023-05-01T08:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96997"},"modified":"2023-05-08T10:28:42","modified_gmt":"2023-05-08T08:28:42","slug":"wir-russlandversteher-und-der-krieg-erste-hilfe-massnahmen-und-die-grosse-vision","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96997","title":{"rendered":"Wir \u201aRusslandversteher\u2018 und der Krieg \u2013 Erste Hilfe-Ma\u00dfnahmen und die gro\u00dfe Vision"},"content":{"rendered":"<p>Den Menschen, die sich jahrelang f&uuml;r ein gutes Verh&auml;ltnis zwischen Russen und Deutschen einsetzten, bl&auml;st der Wind nun scharf ins Gesicht. F&uuml;r den notwendigen langen Atem braucht es nicht nur Durchhaltewillen, sondern auch Konzepte. Ein Blick in die Vergangenheit k&ouml;nnte da helfen. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nEs sind keine einfachen Zeiten f&uuml;r hierzulande mit leicht sp&ouml;ttischem, neuerdings auch mitleidigem oder gar boshaftem Grinsen als &sbquo;Russlandversteher&lsquo; bezeichnete Menschen, die sich jahre-, jahrzehntelang f&uuml;r ein gutes Verh&auml;ltnis zwischen Russen und Deutschen eingesetzt hatten.<\/p><p>Nach dem Einmarsch &sbquo;ihres Landes&lsquo; in die Ukraine wirkte die Szene wie paralysiert. Der langj&auml;hrige Vorsitzende des Deutsch-Russischen Forums (DRF), Matthias Platzeck, erkl&auml;rte umgehend seinen R&uuml;cktritt, das zun&auml;chst desorientierte DRF ben&ouml;tigte ein Dreivierteljahr, um sich um- bzw. neu zu orientieren. Die &ndash; wenigen &ndash; Menschen, die in der Vergangenheit noch daf&uuml;r warben, die russische Sicht der Dinge zumindest mal zur Kenntnis zu nehmen, sind nun entweder &sbquo;freiwillig&lsquo; auf Tauchstation oder l&auml;ngst aus dem Leitmediendiskurs verbannt. Und wer es auch jetzt noch wagt, zu erkl&auml;ren, dass dieser schreckliche Krieg eine lange Vorgeschichte hat, an der auch der Westen (vorsichtig gesprochen) <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Cu6lSeQEy1M\">nicht schuldlos<\/a> ist, wird &ndash; wie unl&auml;ngst mal wieder die ehemalige ARD-Moskaukorrespondentin <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Gkozj8FWI1w\">Gabriele Krone-Schmalz<\/a> &ndash; gnadenlos zum Paria abgestempelt.<\/p><p>Es ist die Zeit der abgesagten Lesungen, der Auftrittsverbote f&uuml;r unbotm&auml;&szlig;ige K&uuml;nstler und der &ndash; man kennt das noch gut aus anderen Gesellschaftssystemen &ndash; verordneten &ouml;ffentlichen Selbstkritik. Der sich selbst h&ouml;chste Repr&auml;sentanten von Staat und Gesellschaft unterziehen mussten. Unvergessen, wie sogar der Bundespr&auml;sident sich, w&uuml;rdelos &bdquo;Mea culpa!&ldquo; rufend, vom damaligen forschen ukrainischen Botschafter coram publico am Nasenring durch die Arena ziehen lie&szlig;. <\/p><p><strong>Der &sbquo;Russlandversteher&lsquo; &ndash; Zur Genese einer Abwertungsvokabel<\/strong><\/p><p>Aber wer oder was ist eigentlich ein &sbquo;Russlandversteher&lsquo;?<\/p><p>Zun&auml;chst einmal, auch wenn es penetrant oberlehrerhaft klingen mag: Das korrekte &ndash; und sch&ouml;ne &ndash; Substantiv f&uuml;r das Verb &bdquo;verstehen&ldquo; lautet bekanntlich immer noch: &bdquo;Verst&auml;ndnis&ldquo;! Und nicht anders.<\/p><p>Das Wort &bdquo;Versteher&ldquo;, soviel &sbquo;Germanistik f&uuml;r Dummies&lsquo; muss sein, gibt es erst seit circa 25 Jahren und war von Anfang an abwertend konstruiert. Es begann mit dem ber&uuml;hmten &bdquo;Frauenversteher&ldquo;, womit jener bemitleidenswerte Jammerlappen gemeint war, der N&auml;he zu Frauen (in welcher Form auch immer) nur herstellen kann, indem er sich &ndash; gefragt oder ungefragt &ndash; in die Damen noch besser einf&uuml;hlt, als die das selber verm&ouml;gen. Kurz: ein Mann mit dem Sexappeal eines &bdquo;Warmduschers&ldquo; &ndash; auch so eine Abqualifizierungsvokabel aus jenen Tagen. Einmal in die Welt gesetzt, war es dann, namentlich in Krisenzeiten, zum &bdquo;Russland-&ldquo; oder gar &bdquo;Putinversteher&ldquo; nicht mehr weit. Ein Wort, ohne das heute niemand mehr auskommt, wenn es darum geht, Menschen, die sich um ein besseres Verh&auml;ltnis zu Russland bem&uuml;hen, prompt der L&auml;cherlichkeit preiszugeben. Ohne Auseinandersetzung mit deren Argumenten, versteht sich.<\/p><p>Und eine Vokabel, die umgekehrt die so apostrophierten Personen dazu zwingt, zum gef&uuml;hlt hundertundf&uuml;nfzigsten Mal klarzustellen, dass &sbquo;Verstehen&lsquo; nicht &sbquo;Rechtfertigen&lsquo; bedeutet, sondern schlicht den Versuch, sich einmal in die Schuhe des Anderen zu stellen und die Welt probeweise aus dessen Perspektive wahrzunehmen &ndash; eine f&uuml;r jegliches menschliches Zusammenleben unabdingbare &sbquo;conditio sine qua non&lsquo;! <\/p><p><strong>Erste Hilfe: Retten, was zu retten ist!<\/strong><\/p><p>Wie auch immer: Wem es auch jetzt noch eine Herzensangelegenheit ist, dass zumindest die jahrzehntelang m&uuml;hsam aufgebauten zwischenmenschlichen Kontakte &uuml;berleben, der kann sich Resignation, gar Selbstmitleid nicht leisten. In diesen Zeiten eines im Worst Case nicht mehr eingrenzbaren Krieges mitten in Europa, in dieser Zeit, in der Putins Herrschaftssystem von der Autokratie endg&uuml;ltig in die Diktatur kippt, in der immer mehr aufrechte Menschen das Land verlassen und in der h&uuml;ben wie dr&uuml;ben die Medien zum Halali blasen, k&ouml;nnen wir zun&auml;chst nichts Anderes tun, als &uuml;berall, wo das &uuml;berhaupt noch m&ouml;glich ist, zur Schadensbegrenzung beizutragen: in den &ndash; noch nicht gecancelten oder auf Eis gelegten &ndash; St&auml;dtepartnerschaften, in den wenigen noch verbliebenen Wirtschaftskontakten, im Jugendaustausch, im Sport, in den Kulturprojekten, im interkonfessionellen Dialog und nicht zuletzt in den allerprivatesten Beziehungen.<\/p><p>Und zwar im vollen Bewusstsein, dass auch die verbliebenen Kontakte jederzeit vom Krieg vergiftet zu werden drohen. Schon zu gem&uuml;tlichen Friedenszeiten gibt es kaum ein Thema, &uuml;ber das man sich so sehr entzweien kann, wie die Politik! Aber wie patriotisch oder ideologisch auch immer die Situation jetzt aufgeladen sein mag &ndash; jede M&ouml;glichkeit des Kontaktes zwischen beiden Seiten muss genutzt werden. Alle Formen der Kooperation m&uuml;ssen weitergehen, selbst dann &ndash; und das erfordert eine willentliche Entscheidung &ndash;, wenn dies mit einer zeitweisen Ausblendung strittiger Themen erkauft sein sollte. <em>&bdquo;Business as usual&ldquo; kann in einer akut zugespitzten Krisensituation eine erste deeskalierende Ma&szlig;nahme sein.<\/em><\/p><p>Wir werden lange &uuml;berwintern m&uuml;ssen. Unter erheblich schwierigen Bedingungen. Zumal die Kommunikationskan&auml;le und Reisem&ouml;glichkeiten nun massiv eingeschr&auml;nkt sind. Aber es gibt dazu keine Alternative. Es sei denn, der kommende zweite Kalte Krieg soll sich auch noch in den K&ouml;pfen und Seelen der Menschen dies- und jenseits des neuen Eisernen Vorhanges festsetzen, gar verewigen.<\/p><p><strong>Die Konzeptionslosigkeit des Westens<\/strong><\/p><p>Irgendwann wird auch dieser Krieg zu Ende sein. Die Frage ist: Wann? Zu welchem Preis? Mit wieviel weiteren Toten, Verwundeten, Fl&uuml;chtlingsstr&ouml;men und Zerst&ouml;rungen jeglicher Art? Und wie die geopolitische Landschaft in Europa und der ganzen Welt dann aussehen wird. Wozu nicht zuletzt auch die globalen &ouml;konomischen Folgen einschlie&szlig;lich steigender Energiepreise und knapper werdender Nahrungsmittel sowie die daraus resultierenden sozialen Verwerfungen geh&ouml;ren werden. <\/p><p>Wer hier nicht alles dem Lauf der akuten Eskalation &uuml;berlassen will, t&auml;te gut daran, schon jetzt realpolitische Konzepte f&uuml;r eine Nachkriegszeit zu entwerfen.<\/p><p>Nach wie vor aber fahren alle politischen Akteure auf Sicht. Au&szlig;er einer wahren Sanktions- und Aufr&uuml;stungsorgie scheint der Westen immer noch &uuml;ber kein strategisches Konzept zu verf&uuml;gen, was in der Ukraine denn eigentlich anzuvisieren sei. Um einen m&ouml;glichst schnellen Waffenstillstand, d.h. Stop der Kampfhandlungen und des Blutvergie&szlig;ens, geht es jedenfalls sp&auml;testens seit <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/krass-konkret\/hat-boris-johnsohn-selenskij-gedraengt-verhandlungen-mit-russland-einzustellen\/\">Boris Johnsons Kiewer Besuch bei Wolodymyr Selenski<\/a> &ndash; der das Ende der bereits weit fortgeschrittenen Verhandlungen zwischen russischen und ukrainischen Delegationen besiegelte &ndash;, also bereits seit Anfang April letzten Jahres, nicht mehr. <\/p><p>Oder geht es darum, Russland zu &sbquo;bestrafen&lsquo;? Soll der Krieg noch jahrelang weitergehen? Soll den russischen Aggressoren ein &sbquo;zweites Afghanistan&lsquo; &ndash; sowjetischer oder gar westlicher Couleur &ndash; beschert werden? Geht es um die Vertreibung der russischen Truppen aus der Ukraine? Wenn ja: inclusive der Rebellenrepubliken im Donbass? Am Besten auch noch aus der Krim? Geht es am Ende um den Sieg &uuml;ber Russland? &bdquo;Wir wollen&ldquo;, so <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/news\/pentagon-chef-russland-muss-weiter-geschwaecht-werden-li.224045\">t&ouml;nte <\/a>US-Verteidigungsminister Lloyd Austin am 25. April 2022, &bdquo;dass Russland so weit geschw&auml;cht wird, dass es zu so etwas wie dem Einmarsch in die Ukraine nicht mehr in der Lage ist&ldquo;.<\/p><p>An markig dr&ouml;hnenden Parolen herrscht jedenfalls kein Mangel. An moralisierenden Imperativen, dieses oder jenes umgehend zu tun bzw. zu lassen, ebenfalls nicht.<\/p><p><strong>Die gro&szlig;e Vision: Helsinki 2.0<\/strong><\/p><p>Dennoch: Es <em>wird<\/em> ein Leben nach dem Krieg geben &ndash; wann auch immer das sein mag! Fragt sich nur, wie es f&uuml;r alle direkt und mittelbar involvierten Akteure aussehen wird.<\/p><p>Vielleicht w&auml;re es hilfreich, sich einmal an die Zeit nach dem Einmarsch der Sowjetunion und der mit ihr verb&uuml;ndeten Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei zu erinnern, die Zeit, nachdem im August 1968 Panzerketten den Prager Fr&uuml;hling niedergewalzt hatten. Damals gab es im Westen M&auml;nner, die den Mut und die Weitsicht hatten, antizyklisch zu denken und zu handeln. Willy Brandt und Egon Bahr starteten wenig sp&auml;ter ihre Entspannungspolitik, die in den Siebziger Jahren ein erstes bedeutendes Resultat zeitigte: Die Konferenz f&uuml;r Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) mit der Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki im Sommer 1975. Dort einigten sich alle europ&auml;ischen Staaten block&uuml;bergreifend auf verbindliche &sbquo;Spielregeln&lsquo; wie Gewaltverzicht, Unverletztlichkeit der Grenzen, die territoriale Integrit&auml;t der Staaten, Nichteinmischung in innere Angelegenheiten und Achtung der Menschenrechte.<\/p><p>Ein solches &bdquo;Helsinki 2.0&ldquo;, sprich: <em>eine komplette Neujustierung der gesamten europ&auml;ischen Sicherheitsstruktur<\/em> unter dem Primat der Gemeinsamen Sicherheit, ist auch heute wieder dringend geboten! Der Punkt Null, an dem sich nun alle befinden &ndash; wir denken jetzt sehr optimistisch, aber dazu sind wir angesicht einer mangelnden vern&uuml;nftigen Alternative verpflichtet &ndash;, k&ouml;nnte im optimalen Fall auch der Startpunkt f&uuml;r den &sbquo;Turn around&lsquo; werden, wenn sich &uuml;berall wieder die Einsicht durchsetzen sollte, dass Sicherheit in der Tat <em>nur gemeinsam<\/em> m&ouml;glich ist. Ma&szlig;stab w&auml;re immer noch der klassische Satz aus der <a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/189558\/21543d1184c1f627412a3426e86a97cd\/charta-data.pdf\">&bdquo;Charta von Paris&ldquo;<\/a> vom 21. November 1990: <em>&bdquo;Sicherheit ist unteilbar und die Sicherheit jedes Teilnehmerlands ist untrennbar mit der Sicherheit aller verbunden.&ldquo;<\/em> Anderenfalls werden alle verlieren &ndash; au&szlig;er die R&uuml;stungsindustrie und die USA.<\/p><p>Die Idee einer neuen hochrangigen Konferenz, die <em>&bdquo;ohne Vorbedingungen und in unterschiedlichen Formaten und auf verschiedenen Ebenen &uuml;ber das Ziel einer Revitalisierung der europ&auml;ischen Sicherheitsarchitektur ber&auml;t&ldquo;,<\/em> stammt &uuml;brigens noch aus der Vorkriegszeit und wurde Ende 2021 von einer <a href=\"https:\/\/www.global-review.info\/2021\/12\/06\/raus-aus-der-eskalationsspirale-fuer-einen-neuanfang-im-verhaeltnis-zu-russland-5-12-2021-aufruf-ehemaliger-deutscher-generaele-und-botschafter\/\">Gruppe prominenter ehemaliger Gener&auml;le und Botschafter <\/a>in die &Ouml;ffentlichkeit lanciert. Die Vorschl&auml;ge sind durch Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine nicht etwa &uuml;berholt, sondern noch dringlicher geworden. Sie sollten umgehend ausgearbeitet werden.<\/p><p>&sbquo;Russlandversteher&lsquo; und eine neue Friedensbewegung h&auml;tten hier &uuml;ber die notwendigen Erste-Hilfe-Ma&szlig;nahmen hinaus einen verl&auml;sslichen Kompass, wohin die Reise gehen muss, wenn ein Kalter Krieg 2.0, eine erneute tiefe Spaltung des Kontinents und ein extrem gef&auml;hrliches &ndash; auch atomares &ndash; Wettr&uuml;sten doch noch verhindert werden soll. Sie sollten f&uuml;r diese Perspektive nach allen Seiten hin intensiv werben.<\/p><p>Denn: Resignation k&ouml;nnen wir uns nicht leisten. Und Arbeit gibt es mehr als genug!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Menschen, die sich jahrelang f&uuml;r ein gutes Verh&auml;ltnis zwischen Russen und Deutschen einsetzten, bl&auml;st der Wind nun scharf ins Gesicht. 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