{"id":97142,"date":"2023-05-03T10:00:39","date_gmt":"2023-05-03T08:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97142"},"modified":"2023-05-04T07:31:33","modified_gmt":"2023-05-04T05:31:33","slug":"nationale-interessen-und-staatsraeson-alte-begriffe-mit-neuem-inhalt-fuellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97142","title":{"rendered":"\u201eNationale Interessen\u201c und \u201eStaatsr\u00e4son\u201c \u2013 Alte Begriffe mit neuem Inhalt f\u00fcllen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;&bdquo;Nationale Interessen&ldquo; &ndash; Orientierung f&uuml;r deutsche und europ&auml;ische Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che&ldquo;, so lautet der provokante Buchtitel einer Monografie, die 2022 von dem sozialdemokratischen Urgestein Klaus von Dohnanyi ver&ouml;ffentlicht wurde. Nun mag der Leser sich fragen, warum ein Linker den Titel eines Buches eines eher rechten Sozialdemokraten wohlwollend zitiert, da doch kaum Schnittmengen zwischen ihnen bestehen d&uuml;rften. Die Antwort ist: Nun, weil K. Dohnanyi einfach recht hat &ndash; zumindest in gro&szlig;en Teilen kann ich ihm zustimmen. &bdquo;Nationale Interessen&ldquo; und &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; sollten wir neu definieren und von links besetzen. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8418\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97142-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97142-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230503_Nationale_Interessen_und_Staatsraeson_Alte_Begriffe_mit_neuem_Inhalt_fuellen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Vor 10 oder 20 Jahren h&auml;tte die Frage, warum ich als Linker K. v. Dohnanyi zitiere, eine Berechtigung gehabt, ich h&auml;tte diese M&ouml;glichkeit sicherlich weit von mir gewiesen. Aber Zeiten &auml;ndern sich: Seit einigen Jahren beobachten politisch interessierte Menschen einen immer schneller vonstatten gehenden Wandel der internationalen Ordnung. Wir durchleben multiple Krisen (Finanz-, Klima-, Sicherheits-, Repr&auml;sentations-, Fl&uuml;chtlingskrise etc.), die Unsicherheiten in der Gesellschaft unseres Landes hinterlassen. Hinzu kommen die absehbare und durch die Politik zu verantwortende Deindustrialisierung Deutschlands und somit der unausweichliche Wohlstandsverlust in gro&szlig;en Teilen der Gesellschaft sowie das Totalversagen vieler etablierter Massenmedien, die, statt Fakten zu berichten sowie Hintergr&uuml;nde und Kontexte aufzuzeigen, um die Menschen aufzukl&auml;ren, lieber selbst direkt Politik betreiben.<\/p><p>Die Gesamtheit dieser Krisen f&uuml;hrt dazu, dass auch das herk&ouml;mmliche politische Koordinatensystem von Politikern und Politikinteressierten institutionalisiert durch das Parteiensystem eine Ersch&uuml;tterung erf&auml;hrt. Manche politische Weggef&auml;hrten von gestern sind mir heute fern, manche politische Gegner von gestern werden nun zu interessanten Gespr&auml;chspartnern, alte politische Fronten brechen auf, neue Fronten entstehen vor dem Hintergrund der weltpolitischen Entwicklungen und ihrer innergesellschaftlichen Auswirkungen. Eine sehr spannende Erfahrung nicht nur auf der politischen Ebene, sondern auch als pers&ouml;nliche, ja teilweise bereichernde Erfahrung bis in mein eigenes soziales Umfeld hinein. Wo liegen nun die neuen Trennungen, die neuen Fronten? Sie liegen in der Analyse und noch viel mehr in der Deutung derselben, wohin Deutschland, wohin Europa angesichts des unaufhaltsamen Epochenbruchs, dem unaufhaltsamen Ende der seit Jahrhunderten w&auml;hrenden westlichen Globaldominanz sich hin entwickeln k&ouml;nnte und sollte. Ein Epochenbruch ist der kurze Moment zwischen zwei Epochen, der auch eine Neubewertung und mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Neujustierung der &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; und der &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; erforderlich macht. Denn &bdquo;Nationale Interessen&ldquo; und &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; sollten nicht als statisch, als immer g&uuml;ltige Handlungsmaximen, betrachtet werden:<\/p><p>Zur Debatte steht also nichts weniger als eine au&szlig;en-, au&szlig;enwirtschafts-, sicherheits- und geopolitische Grundsatzentscheidung Deutschlands und Europas:<\/p><p>Sollten die Europ&auml;er sich weiterhin als transatlantisches Anh&auml;ngsel in der Familie des globalen Werte-Westens verstehen, wie die Anh&auml;nger des westzentrierten Weltbildes, wonach alles so bleiben m&uuml;sse, wie es ist, es vehement fordern? Oder sollte Europa ein eigenst&auml;ndiger, ein wahrlich souver&auml;ner Akteur gem&auml;&szlig; den eigenen Interessen werden, wie die Aufgeschlossenen, die die Zeichen der Zeit erkennen, es empfehlen. Genau hier liegt die Trenn- und Konfliktlinie, die Linie zwischen den transatlantischen Gesinnungsethikern und den pragmatischen, nach vorne blickenden Verantwortungsethikern. Genau hier geht auch die Trennlinie durch die Parteien in Deutschland. Bislang dominieren &ndash; flankiert durch die vorwiegend transatlantisch eingestimmten Massenmedien &ndash; die Vertreter des konservativen Verst&auml;ndnisses, also der traditionellen transatlantischen Ausrichtung &ndash; zumindest in der SPD, der FDP, der CDU\/CSU und den Gr&uuml;nen. Nur in der LINKEN und der AfD scheinen die Mehrheiten nicht eindeutig zu sein.<\/p><p><strong>&bdquo;Nationale Interessen&ldquo; und &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; &ndash; Begriffskl&auml;rung<\/strong><\/p><p>Der oben zitierte Buchtitel ist deshalb provokant, da der Begriff der &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; angesichts zweier von Deutschland zu verantwortender Weltkriege eher durchaus und zu Recht vorbelastet ist. Die Begriffe &bdquo;Interessen&ldquo; und &bdquo;national&ldquo; und erst recht die Kombination werden in der zeitgen&ouml;ssischen Politik- und Mediensprache eher mit spitzen Fingern angefasst. Das hei&szlig;t nicht, dass die<i> <\/i>Berliner Republik tats&auml;chlich keine &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; h&auml;tte oder haben sollte, sondern nur, dass sie dieses Etikett eher meidet und die Interessen vorzugsweise mit Werten bem&auml;ntelt. Werte h&ouml;rt sich einfach harmloser und letztlich altruistisch an.<\/p><p>Gegebenenfalls vernimmt man noch den Begriff der &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;, der sich seri&ouml;ser und weniger historisch belastet anh&ouml;rt als &bdquo;Nationale Interessen&ldquo;. Das Wesen der &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; ist das Primat des Staatlichen und der Notwendigkeit, die Staatlichkeit um jeden Preis aufrechtzuerhalten. In diesem Verst&auml;ndnis steht der Staat &uuml;ber dem Individuum, was mit der Errungenschaft der Rechtsstaatlichkeit kollidiert und daher im innerstaatlichen Gef&uuml;ge des modernen westlichen Staatsverst&auml;ndnisses in der Debatte nahezu keine Rolle spielt. Ganz anders jedoch auf der au&szlig;enpolitischen Ebene: Im au&szlig;enpolitischen Selbstverst&auml;ndnis Deutschlands z&auml;hlt die historische Verantwortung Deutschlands f&uuml;r Israel ebenso zur &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; wie die unverbr&uuml;chliche Freundschaft und Partnerschaft mit den USA und der von ihr gef&uuml;hrten NATO, mithin die als alternativlos betrachtete transatlantische Orientierung. Die ausschlie&szlig;liche transatlantische Orientierung wird von ihren deutschen Protagonisten geradezu zur Bringschuld (beispielsweise &bdquo;B&uuml;ndnissolidarit&auml;t&ldquo;) gegen&uuml;ber den USA aufgeblasen.<\/p><p>Nachfolgend die europ&auml;ische Integration und ggf. weitere Elemente. Diese Elemente der au&szlig;enpolitischen &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; Deutschlands stehen faktisch &uuml;ber dem internationalen Recht, f&uuml;r den Fall der Kollision zwischen Recht und Interessen. Das viel strapazierte Bekenntnis zur Pflege und Verteidigung der internationalen Rechtsstaatlichkeit verkommt hierbei zu einem Lippenbekenntnis, da Verlautbarungen &uuml;ber die Treue zum internationalen Recht und die tats&auml;chliche au&szlig;enpolitische Praxis auseinanderfallen.<\/p><p><strong>Grenzen des demokratischen Streits<\/strong><\/p><p>Demokratietheoretisch geh&ouml;ren alle das Gemeinwesen betreffenden relevanten Fragen und deren erforderliche Regelungen auf den Tisch: wenn schon nicht durch Volksentscheide, so doch zumindest durch parlamentarische Beratungen &ndash; sollte man meinen. Mit Blick auf die au&szlig;enpolitische &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; indessen ist der demokratische Entscheidungsprozess weitgehend au&szlig;er Kraft gesetzt. Es gilt die exekutive Pr&auml;rogative, das hei&szlig;t das Vorrecht der Regierung, frei nach ihrem Gusto au&szlig;enpolitische Entscheidungen zu treffen. Das pr&auml;rogative Recht ist der Bundesregierung sogar durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 2001 best&auml;tigt und in weiteren Entscheidungen im Laufe der Jahre unterstrichen worden. Dieses Verst&auml;ndnis kollidiert jedoch bei genauer Betrachtung mit dem Prinzip der Gewaltenteilung:<\/p><p>Denn diese besagt, dass die Legislative &ndash; also das Parlament &ndash; die Gesetze und somit den politischen Rahmen regierungsamtlichen Handelns bestimmt und die Regierung auch kontrolliert. Gibt das Bundesverfassungsgericht bereits der Regierung einen Blankoscheck in au&szlig;enpolitischen Entscheidungen, so verhindert die Bundesregierung sogar die Kontrollpflicht des Deutschen Bundestages. So werden beispielsweise h&auml;ufig Fragen von Abgeordneten ausweichend und nichtssagend &bdquo;beantwortet&ldquo; oder gerade in au&szlig;enpolitischen Fragen ganz offen mit dem Hinweis auf das &bdquo;Staatswohl&ldquo; gar nicht erst beantwortet. Was genau das &bdquo;Staatswohl&ldquo; ist, entscheidet allein die Bundesregierung. Kurzum, die &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; setzt auch den demokratischen Entscheidungs- und Kontrollprozessen enge Grenzen. Die Inhalte der &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;-Elemente d&uuml;rfen nicht zur Diskussion gestellt werden, so das eigent&uuml;mliche Demokratieverst&auml;ndnis &ndash; weder im Deutschen Bundestag noch durch au&szlig;erparlamentarische und zivilgesellschaftliche Diskussionen.<\/p><p>Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Ort, an dem diese Frage sinnigerweise h&auml;tte diskutiert werden k&ouml;nnen und m&uuml;ssen, n&auml;mlich der Deutsche Bundestag, in meiner Zeit das Thema der &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; gem&auml;&szlig; seiner Relevanz debattiert h&auml;tte. Und wenn eine solche Debatte vielleicht irgendwann mal gef&uuml;hrt wurde, so m&uuml;sste doch alle paar Jahre eine Debatte &uuml;ber eine eventuelle Aktualisierung der &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; gef&uuml;hrt werden. Das hat meiner Wahrnehmung nach so nicht stattgefunden.<\/p><p>Ganz offensichtlich sind die Inhalte sakrosankt, werden moralisierend sowie wertebasierend verteidigt und sodann der demokratischen Meinungsbildung innerhalb und au&szlig;erhalb des Parlaments bei Strafe durch politische und mediale &Auml;chtung entzogen. Nur Parteien, die diese &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; akzeptieren und aktiv tragen, sind &bdquo;regierungstauglich&ldquo;. DIE LINKE, beispielsweise, steckt diesbez&uuml;glich in einem Dilemma: Schluckt sie die Pille der transatlantischen &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;, geht sie unter. Bleibt sie standhaft anti-militaristisch, lehnt die NATO ab und fordert stattdessen ein System gegenseitiger kollektiver Sicherheit, wird sie auf absehbare Zeit auf Bundesebene nicht &bdquo;regierungstauglich&ldquo; sein: So forderten beispielsweise die Gr&uuml;nen im Bundestagswahlkampf 2021 von der LINKEN, sich zur NATO zu bekennen als Voraussetzung einer rot-gr&uuml;n-roten Koalition.<\/p><p>Mit anderen Worten, grundlegende au&szlig;en-, sicherheits- und geopolitische Fragestellungen werden der demokratischen Debatte und Entscheidung aufgrund der Einstufung als &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; seitens der transatlantisch gepr&auml;gten politischen Entscheider und ihrer sie unterst&uuml;tzenden Massenmedien auf der parlamentarischen Ebene weitgehend entzogen und auf der au&szlig;erparlamentarischen Ebene diffamiert.<\/p><p><strong>Tabuthema NATO<\/strong><\/p><p>Beide Begriffe, &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; und &bdquo;Nationale Interessen&ldquo;, sind inhaltlich nicht vollst&auml;ndig deckungsgleich, jedoch liegen sie im Bereich der Au&szlig;enpolitik nahe beieinander, sodass ich in diesem Beitrag beide Begriffe auf der au&szlig;enpolitischen Ebene synonym verwende. So w&uuml;rde ich mindestens die innere und &auml;u&szlig;ere Sicherheit Deutschlands, den Frieden in Europa und der Welt, den Kampf gegen die Klimakatastrophe sowie die Aufrechterhaltung der sozialstaatlichen Errungenschaften und das Wirken der sozialen Marktwirtschaft als &bdquo;Nationales Interesse&ldquo; bezeichnen. Ob aber das &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo;-Element der NATO, der transatlantischen Orientierung tats&auml;chlich die alternativlosen Garantien f&uuml;r die &auml;u&szlig;ere Sicherheit oder &uuml;berhaupt eine Garantie f&uuml;r den Frieden angesichts des globalen Wandels darstellt, ist mindestens diskutabel. Genau das aber darf respektive kann nicht diskutiert werden, ohne dass das Damoklesschwert des Anti-Amerikanismus oder des Pro-Putinismus &uuml;ber einem schwebt.<\/p><p>Die Methode ist so durchsichtig, wie sie primitiv und dumm ist, aber erstaunlicherweise wirksam. Die Debatte &uuml;ber eine europ&auml;ische Neuorientierung ist tabu &ndash; Schluss! Es gibt hier nur schwarz und wei&szlig;. Graut&ouml;ne sind unerw&uuml;nscht. Unerw&uuml;nscht, auch weil die Argumentation der Schwarz-Wei&szlig;-Denker h&auml;ufig von geringer &Uuml;berzeugungsqualit&auml;t ist. Und wenn man in einem Diskurs unterliegen w&uuml;rde, tabuisiert man ihn besser vorsorglich und stigmatisiert entsprechende Personen. Ein wunderbares Beispiel hierf&uuml;r ist die Stigmatisierung von K. v. Dohnanyi durch seinen sozialdemokratischen &bdquo;Parteifreund&ldquo;, den Vorsitzenden des Ausw&auml;rtigen Ausschusses, Michael Roth. K. v. Dohnanyi hatte es in einem Beitrag des NDR gewagt, seine vom vorherrschenden Narrativ abweichende Meinung &uuml;ber den Ukraine-Krieg und die Rolle der USA und Deutschlands darin zu &auml;u&szlig;ern. Das kam bei M. Roth nicht gut an. Via Twitter ma&szlig;regelte er K. v. Dohnanyi:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das ist zum Fremdsch&auml;men + (sic) und hat mit sozialdemokratischer Haltung nichts zu tun. Das ist (&hellip;) das Verharren im Einflusssph&auml;rendenken des 20. Jahrhunderts + ganz viel Antiamerikanismus&ldquo;.\n<\/p><\/blockquote><div class=\"external-2click\" data-provider=\"X (Twitter)\" data-provider-slug=\"twitter\"><div class=\"external-placeholder\"><p><strong>Externer Inhalt<\/strong><\/p><p>Beim Laden des Tweets werden Daten an X (ehemals Twitter) &uuml;bertragen.<\/p><button type=\"button\" class=\"external-load\">Inhalt von X (Twitter) zulassen<\/button><\/div><div class=\"external-content\"><blockquote class=\"external-2click-target twitter-tweet\">\n<p lang=\"de\" dir=\"ltr\">Das ist zum Fremdsch&auml;men+hat mit sozialdemokratischer Haltung nichts zu tun. Das ist kolonialistische Arroganz gegen&uuml;ber dem Freiheitswunsch osteurop&auml;ischer Staaten, das Verharren im Einflusssph&auml;rendenken des 20. Jahrhunderts+ganz viel Antiamerikanismus. <a href=\"https:\/\/t.co\/5hKRiCEepz\">pic.twitter.com\/5hKRiCEepz<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Michael Roth &ndash; das Original &#127466;&#127482;&#127482;&#127462; (@MiRo_SPD) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/MiRo_SPD\/status\/1629782450011361281?ref_src=twsrc%5Etfw\">February 26, 2023<\/a><\/p><\/blockquote><\/div><div class=\"external-optout\"><a href=\"#\" data-revoke=\"twitter\">Inhalte von X (Twitter) nicht mehr zulassen<\/a><\/div><\/div><p>  <\/p><p>Dass Roth Vorsitzender des Ausw&auml;rtigen Ausschusses ist und davor Staatsminister im Ausw&auml;rtigen Amt, hat, so ist zu vermuten, nicht dazu gef&uuml;hrt, dass er sich entsprechende Kompetenzen angeeignet h&auml;tte. Denn sonst w&uuml;sste er, dass intra- und interregionale Regierungsorganisationen wie die NATO, die EU, ebenso wie die Eurasische Union, die BRICS etc. geopolitisch und -&ouml;konomisch gepr&auml;gte Formate sind, denen das Denken und Handeln in Einflusssph&auml;ren geradezu konstitutiv ist. Er w&uuml;sste auch, dass die Aussage von K. v. Dohnanyi, wonach die USA den Krieg h&auml;tten verhindern k&ouml;nnen, nichts mit &bdquo;Antiamerikanismus&ldquo; zu tun hat. Diese Stigmatisierung ist Ausfluss &uuml;belster Gesinnungsethik.<\/p><p><strong>&bdquo;Nationale Interessen&ldquo; und &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; neu identifizieren<\/strong><\/p><p>Die entscheidenden Fragen f&uuml;r die Zukunft Deutschlands sind, und das w&auml;re die Aufgabe linker Kr&auml;fte, ob die sogenannten &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; respektive die au&szlig;enpolitische &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; nicht auch mit anderen Inhalten gef&uuml;llt werden k&ouml;nnten als mit den klassischen Kategorien der &ouml;konomischen und politischen Macht, der B&uuml;ndnistreue und dem Unterwerfungsgestus gegen&uuml;ber den USA. Denn dann bliebe Deutschland im &Uuml;brigen auch so manche Peinlichkeit erspart. Man erinnere sich nur an den Antrittsbesuch unseres Wirtschaftsministers R. Habeck in den USA: Dort erkl&auml;rte er: &bdquo;Je st&auml;rker Deutschland (den USA &ndash; Anmerkung Alexander Neu) dient, umso gr&ouml;&szlig;er ist seine Rolle.&ldquo; <i>Focus Online<\/i> wusste dazu zu berichten, dass die Erkl&auml;rung vom deutschen Wirtschaftsminister R. Habeck &bdquo;in der US-Hauptstadt erfreut zur Kenntnis genommen&ldquo; worden sei. Ja, selbstverst&auml;ndlich wurden diese Unterw&uuml;rfigkeit und B&uuml;cklingshaltung dort vom US-Establishment mit Freude zur Kenntnis genommen. Das kann man ihnen ja nicht einmal ver&uuml;beln.<\/p><p>Und weiter muss die Frage debattiert werden, ob nicht dieses traditionelle Macht- und letztlich Gewaltverst&auml;ndnis nicht nur anachronistisch, sondern eben auch friedensgef&auml;hrdend ist. Weiter, ob eine Neubestimmung der &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; Deutschlands nicht auch eine Emanzipation von den USA bedeuten k&ouml;nnte, weil unsere gegenw&auml;rtigen europ&auml;ischen und &bdquo;Nationalen Interessen&ldquo; mit denen der USA nicht deckungsgleich sind. Ob nicht eine souver&auml;ne und den eigenen Interessen geschuldete multivektorale Au&szlig;en-, Au&szlig;enwirtschafts- und Sicherheitspolitik zukunftsf&auml;higer f&uuml;r Deutschland und auch f&uuml;r Europa sein kann, denn als transatlantisches Anh&auml;ngsel zu fungieren. Die eindimensionale Ausrichtung auf die USA, auf das transatlantische Verh&auml;ltnis k&ouml;nnte in naher Zukunft zu einem b&ouml;sen Erwachen f&uuml;hren, sei es, dass Europa in einen Krieg mit China gen&ouml;tigt wird, sei es, dass ein neuer US-Pr&auml;sident vom Typus D. Trump im Wei&szlig;en Haus sitzen wird und Europa den R&uuml;cken kehrt.<\/p><p>So wie sich Individuen weiterentwickeln, so entwickeln sich Gesellschaften und ihre Staaten weiter, so entwickelt sich die Weltpolitik weiter &ndash; Imperien kamen und gingen. Das ist schlichtweg der Lauf der Geschichte. Es geht nun darum, in dieser Umbruchszeit f&uuml;r Deutschland und Europa einen neuen, einen endlich souver&auml;nen Weg zu finden &ndash; aber keinen souver&auml;nen Weg, der auf Konfrontationen, Konflikte, Dominanzgebaren etc. ausgelegt ist. Es muss ein konstruktives Souver&auml;nit&auml;tsverst&auml;ndnis sein, das auf Gleichberechtigung, friedliche Koexistenz und die Suche des Ausgleichs mit dem &uuml;bergro&szlig;en Rest der Welt ausgelegt ist.<\/p><p>Ein solches Verst&auml;ndnis von &bdquo;Nationalem Interesse&ldquo;, von &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; Deutschlands w&uuml;rde unser Land zu einem auch jenseits der westlichen Hemisph&auml;re und somit tats&auml;chlich international geachteten Akteur machen.<\/p><p>Denn die Welt ist mehr als nur der Westen &ndash; diese Erkenntnis mag f&uuml;r den einen oder anderen Zeitgenossen im politischen Berlin und den Redaktionsstuben tats&auml;chlich eine kognitive Herausforderung darstellen.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Peter Jesche<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345\">Eine Niederlage, die die Welt ver&auml;ndern wird<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94687\">Doppelstandards der westlichen Au&szlig;enpolitik<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95404\">Die Infantilisierung der deutschen Au&szlig;enpolitik: Botschafterin in der Ukraine posiert mit &bdquo;Kuschel-Leo&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/e941a037f8ed4239b1b688387504a83b\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;&bdquo;Nationale Interessen&ldquo; &ndash; Orientierung f&uuml;r deutsche und europ&auml;ische Politik in Zeiten globaler Umbr&uuml;che&ldquo;, so lautet der provokante Buchtitel einer Monografie, die 2022 von dem sozialdemokratischen Urgestein Klaus von Dohnanyi ver&ouml;ffentlicht wurde. 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