{"id":97210,"date":"2023-05-04T12:22:55","date_gmt":"2023-05-04T10:22:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97210"},"modified":"2023-05-04T16:57:33","modified_gmt":"2023-05-04T14:57:33","slug":"wohnungsnot-wenn-es-den-alten-an-den-kragen-geht-geht-es-allen-an-den-kragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97210","title":{"rendered":"Wohnungsnot \u2013 wenn es den \u201eAlten\u201c an den Kragen geht, geht es allen an den Kragen"},"content":{"rendered":"<p>Wohnraum ist in vielen Metropolen knapp. Das ist bekannt. Ebenso bekannt sollte sein, dass diese Knappheit so lange ein Naturgesetz ist, wie man das Angebot nicht ausweiten oder die Nachfrage reduzieren kann. Nichtsdestotrotz hat man nun einen neuen oder besser alten S&uuml;ndenbock f&uuml;r die Wohnungsnot ausgemacht &ndash; Altmieter, meist Senioren, die es sich dank Bestandsschutz und Altvertr&auml;gen noch leisten k&ouml;nnen, vergleichsweise gro&szlig;e Wohnungen in begehrten Lagen zu bewohnen. Damit soll jetzt Schluss sein. <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/plus244988998\/Wie-die-grosse-Umverteilung-des-Wohnraums-funktionieren-soll.html\">So fordert es zumindest der Regierungsberater Steffen Sebastian von der Uni Regensburg<\/a>. W&uuml;rde man seine Vorschl&auml;ge umsetzen, w&uuml;rde es jedoch nicht &bdquo;nur&ldquo; den &bdquo;Alten&ldquo; an den Kragen gehen. Letztlich geht es vielmehr darum, die Wohnraumverteilung weitestgehend dem Markt zu &uuml;berlassen. Wer die vermeintlich &bdquo;fairen&ldquo; Mieten nicht zahlen kann, hat dann halt Pech gehabt. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6376\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97210-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97210-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230504_Wohnungsnot_wenn_es_den_Alten_an_den_Kragen_geht_geht_es_allen_an_den_Kragen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Debatte um die Verteilung knappen Wohnraums ist sowohl von liberaler als auch von linker Seite von Idealvorstellungen gepr&auml;gt, die meist wenig Substanz haben. Es ist Zeit, sich ehrlich zu machen. Wenn in einem Stadtteil, in dem nicht gro&szlig;artig zus&auml;tzlicher Wohnraum durch Neubauten geschaffen werden kann, die Nachfrage nach Wohnraum deutlich &uuml;ber dem Angebot liegt, liegt es in der Natur der Sache, dass nicht jeder Interessent die gew&uuml;nschte Wohnung bekommen kann. Auf die Frage, wie man die Knappheit m&ouml;glichst gerecht verteilen kann, gibt es je nach &ouml;konomischer und politischer Schule jedoch grunds&auml;tzlich verschiedene Antworten. In der ehemaligen DDR wurde Wohnraum nach politischen Kriterien zugeteilt &ndash; so genossen beispielsweise Familien mit Kindern bessere Chancen auf die Zuteilung einer der damals begehrten Neubauwohnungen in der Platte als alleinstehende Rentner. Der Gegenentwurf dazu sind reine Marktmechanismen, wie sie beispielsweise in Manhattan gelten. Dort wird der Wohnraum von den Immobilienbesitzern ganz simpel wie bei einer Versteigerung &uuml;ber die Zahlungsbereitschaft der Interessenten verteilt. Diese Verteilung von Wohnraum &uuml;ber den Markt ist zweifelsohne effizient; aber es kann auch kein Zweifel daran bestehen, dass sie ungerecht ist. In der Bundesrepublik versucht man daher seit Jahrzehnten, die goldene Mitte zwischen politischer Zuteilung und Marktmechanismen zu finden &ndash; wobei das Pendel seit vielen Jahren in Richtung Markt schl&auml;gt. <\/p><p>Nun hat ein Forscherteam des Immobilieninstituts IREBS der Uni Regensburg zum Sturm auf die verbleibenden Mieterschutzinstrumente geblasen, die vor allem in begehrten Lagen den Vermietern schon lange ein Dorn im Auge sind. Die Forderung, den Mieterschutz abzuschaffen und den Wohnungsmarkt noch weiter zu liberalisieren, ist jedoch nicht sonderlich popul&auml;r. Darum braucht es einen Aufh&auml;nger und die Regensburger haben sich daf&uuml;r den &bdquo;Generationenkonflikt&ldquo; herausgesucht. Oberfl&auml;chlich betrachtet k&ouml;nnen sie damit vielleicht sogar punkten. Es mag nicht sonderlich gerecht klingen, wenn eine verwitwete Rentnerin sich &bdquo;dank&ldquo; ihres Altvertrags eine Vier-Zimmer-Wohnung in begehrter Lage leisten kann, w&auml;hrend die sechsk&ouml;pfige junge Familie mangels Wohnraums abends die Schlafsofas im Wohnzimmer ausfahren muss. Diese Geschichte haben wir in letzter Zeit ja h&auml;ufiger geh&ouml;rt. Die L&ouml;sung der Regensburger: Wenn die Mieterschutzinstrumente wegfallen, ist die Rentnerin mangels finanzieller Mittel gezwungen, eine kleinere Wohnung in einer weniger attraktiven Lage zu beziehen und ihre schnieke gro&szlig;e Wohnung st&uuml;nde der Familie zur Verf&uuml;gung.<\/p><p>Grau ist die Theorie, noch grauer ist jedoch die Realit&auml;t. Denn wer sagt eigentlich, dass nach dem Wegfall des Mieterschutzes die sechsk&ouml;pfige Familie die freigewordene Wohnung beziehen wird? Betrachten wir es doch mal mit dem vielleicht n&ouml;tigen Zynismus: H&auml;tte die Familie die finanziellen Mittel, sich eine gro&szlig;e Wohnung in begehrter Lage zu nehmen, w&uuml;rde sie wahrscheinlich heute auch nicht in ihrer kleinen Wohnung leben. Wenn die Wohnung der Rentnerin frei wird, entscheidet n&auml;mlich der Markt, wer sie k&uuml;nftig beziehen darf. Und der hat eher ein Herz f&uuml;r zahlungskr&auml;ftige Besserverdiener &ndash; gerne Singles oder Doppelverdiener-Paare ohne Kinder &ndash; als f&uuml;r eine sechsk&ouml;pfige Familie, deren oft lauter Nachwuchs ja auch nicht gerade einen positiven Effekt auf die Mieten der anderen Wohneinheiten in dem Haus hat. <\/p><p>Oma zu vertreiben, hilft der jungen Familie also auch nicht. Und es geht beim Bestandsschutz ja nicht &bdquo;nur&ldquo; um Oma. Gerade in den begehrten Vierteln der Metropolen k&ouml;nnten sich viele Mieter, die noch lange nicht im Rentenalter sind und nicht &uuml;ber herausragende finanzielle Mittel verf&uuml;gen, ihre Wohnung ohne die vorhandenen Mieterschutzinstrumente nicht mehr leisten. W&uuml;rde man beispielsweise in Berlin Kreuzberg oder Prenzlauer Berg s&auml;mtliche Regulierungen f&uuml;r die Mietsteigerungen abschaffen, w&uuml;rde binnen k&uuml;rzester Zeit ein gro&szlig;er Teil der Mieter aus den Wohnungen herausgedr&auml;ngt. Nur: Wenn ich mal in diesen Stadtteilen unterwegs bin, sehe ich kaum Rentner. Stattdessen begegnen mir neben den zahlungskr&auml;ftigen Zugezogenen immer noch viele Migranten und die leben &ndash; man glaubt es ja kaum &ndash; oft in gr&ouml;&szlig;eren Familien. Eine Liberalisierung des Wohnungsmarktes, wie ihn die Regensburger Forscher vorschlagen, w&uuml;rde also gerade in diesen Vierteln in der Realit&auml;t sogar Familien vertreiben und zahlungskr&auml;ftige Singles und Paare anziehen. Oma ist hier nur ein politisch opportunes Opfer, das zumindest in den Redaktionen des Mainstreams keine Lobby hat. <\/p><p>Die ganze Debatte um Alte, die angeblich zu viel Wohnraum nutzen, ist unehrlich und vorgeschoben. Nat&uuml;rlich verf&uuml;gen Alte im Schnitt &uuml;ber mehr Wohnraum als junge Familien. Oft leben sie im &uuml;ber Jahrzehnte abbezahlten Eigenheim. Da will die junge Familie erst einmal in vielen Jahren hin. Oft leben sie auch auf dem Land, wo Wohnraum kein knappes Gut ist und die Mieten noch bezahlbar sind. Aber wer will schon ihre Wohnungen? Dort wo es kaum Jobs, keinen vern&uuml;nftigen Anschluss an den &Ouml;PNV und keine ordentlichen Kinderbetreuungsangebote gibt, will die sechsk&ouml;pfige Familie aus verst&auml;ndlichen Gr&uuml;nden auch nicht hin. Darum sind die Mieten dort ja so niedrig. Hier &uuml;bersteigt das Angebot oft die Nachfrage. Der Wohnraumverteilung ist also kein Jota damit geholfen, wenn hier der vorhandene Mieterschutz wegf&auml;llt. <\/p><p>Und wie sieht es in den begehrten Lagen der Metropolen aus? Hier kann man die Fallbeispiele, in denen tats&auml;chlich eine Rentnerin noch in einem 120-Quadratmeter-Appartement in Premiumlage lebt, wohl an einer Hand abz&auml;hlen. Auch mit Mieterschutzinstrumenten &uuml;bersteigen die Kosten samt f&auml;lligen Nebenkosten die &uuml;blichen Renten bei weitem. Es gibt freilich nicht nur normale Rentner, sondern nat&uuml;rlich auch wohlhabende Alte. Aber die reichen Charlottenburger Witwen werden ihre Luxuswohnungen auch zu freien Marktpreisen finanzieren k&ouml;nnen &ndash; und selbst wenn nicht, w&auml;ren diese Objekte ganz sicher nicht das potenziell neue Zuhause von normalen Familien.<\/p><p>Die Vorschl&auml;ge von Steffen Sebastian und seinem Team &auml;ndern also an der gerechten Verteilung von Wohnraum bezogen auf ihr Fallbeispiel nichts. Sie sorgen vielmehr f&uuml;r eine noch ungerechtere Verteilung von knappem Wohnraum abseits des Fallbeispiels, da sie bislang noch durch Reglementierungen gesch&uuml;tzte Mieter in Bedr&auml;ngnis bringen und ihren Wohnraum denjenigen freimachen, die auch heute schon aufgrund ihrer finanziellen Mittel kein wirkliches Problem bei der Wohnungssuche haben.<\/p><p>Wer vor allem von derartigen Ma&szlig;nahmen profitieren w&uuml;rde, sind die Vermieter und Immobilienkonzerne. Die k&ouml;nnten losgel&ouml;st von gesetzlichen Regulierungen ihren gesamten Wohnungsbestand nach den freien Regeln des Marktes anbieten. Die Opfer davon w&auml;ren alle Mieter. Da ist es sicher keine &Uuml;berraschung, dass die <a href=\"https:\/\/www.uni-regensburg.de\/forschung\/immobilien\/irebs\/stifter\/index.html\">&bdquo;Stifter&ldquo; des Immobilieninstituts IREBS der Uni Regensburg sich aus dem who is who der Immobilienbranche<\/a> rekrutieren.<\/p><p>Titelbild: PeopleImages.com &ndash; Yuri A\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/037c208644fb4f479fa0a37545353e6d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wohnraum ist in vielen Metropolen knapp. Das ist bekannt. Ebenso bekannt sollte sein, dass diese Knappheit so lange ein Naturgesetz ist, wie man das Angebot nicht ausweiten oder die Nachfrage reduzieren kann. 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