{"id":97232,"date":"2023-05-05T09:00:38","date_gmt":"2023-05-05T07:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97232"},"modified":"2026-01-27T11:43:23","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:23","slug":"corona-demonstrationen-journalismus-fern-aller-qualitaetsstandards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97232","title":{"rendered":"Corona-Demonstrationen: Journalismus \u201efern aller Qualit\u00e4tsstandards\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Medienjournalist <strong>Timo Rieg <\/strong>hat sich intensiv mit der Berichterstattung der Medien &uuml;ber die Corona-Demonstrationen auseinandergesetzt. In einer <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/corona-berichterstattung-das-interesse-der-medien-an-aufarbeitung-ist-gering-li.334923\">&bdquo;umfassenden Fallsammlung&ldquo;<\/a> hat Rieg <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/368289947_Qualitatsdefizite_im_Corona-Journalismus_Eine_kommentierte_Fallsammlung\">zahlreiche Beispiele dokumentiert,<\/a> die zeigen, dass Journalisten ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden sind. Rieg ist auf &bdquo;schwere Qualit&auml;tsm&auml;ngel&ldquo; gesto&szlig;en. Im NachDenkSeiten-Interview liefert er einen Einblick in die Abgr&uuml;nde der Corona-Berichterstattung. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6103\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97232-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97232-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230505_Corona_Demonstrationen_Journalismus_fern_aller_Qualitaetsstandards_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong><a href=\"https:\/\/www.timo-rieg.de\/\">Herr Rieg<\/a>, in Teilen der Bev&ouml;lkerung kam die Pandemiepolitik nicht gut an. Es gab Demonstrationen und Gegenwehr. Wie sind die Medien mit den Kritikern der Ma&szlig;nahmen umgegangen?<\/strong><\/p><p>Das Auff&auml;lligste ist sicherlich, dass Kritik an der Corona-Politik inhaltlich so gut wie gar nicht dargestellt wurde. In den Medien tauchten vor allem Schlagworte wie &bdquo;Corona-Kritiker&ldquo; auf, was schon sprachlich Nonsens ist. Oder es wurden eben alle als &bdquo;Querdenker&ldquo; bezeichnet, obwohl das eine spezielle Gruppierung ist. Oder als &bdquo;Impfgegner&ldquo;, was f&uuml;r viele, vermutlich die meisten Kritiker, ebenfalls ein v&ouml;llig falsches Label ist.<\/p><p><strong>Wie meinen Sie das?<\/strong><\/p><p>Als in s&auml;mtlichen Medien &uuml;ber die erste gro&szlig;e Demonstration in Berlin vom 1. August 2020 berichtet wurde, ging es um Verst&ouml;&szlig;e gegen Auflagen der Ordnungsbeh&ouml;rde, um Auseinandersetzungen mit der Polizei, mal um ein einzelnes Plakat oder einen winzigen Auszug aus einer Rede eines Demonstranten. Aber was da insgesamt gefordert oder konstruktiv vorgeschlagen wurde, auch was es an &sbquo;internen&lsquo; Widerspr&uuml;chen und Auseinandersetzungen gibt, wurde nicht berichtet. Es wurden also schon einige der simplen W-Fragen nicht beantwortet, die jeder Praktikant in einer Lokalredaktion lernen sollte: Wer (hat demonstriert)? Was (wurde gefordert, ist geschehen, war zu beobachten)? Wie (wurde protestiert)? Warum (gehen die Menschen auf die Stra&szlig;e, nehmen zum Teil weite Anreisen und Kosten in Kauf)?<\/p><p><strong>Medien haben also berichtet, aber sie haben die Inhalte aus dem Munde der Demonstranten gar nicht richtig aufgegriffen?<\/strong><\/p><p>Sie werden sich mit kaum einem Bericht &uuml;ber Proteste auch nur ann&auml;hernd ein Bild vom tats&auml;chlichen Geschehen machen k&ouml;nnen. Der RBB wusste beispielsweise schon vorab &ndash; wenig nachrichtlich &ndash; zu berichten: <a href=\"https:\/\/www.rbb24.de\/politik\/thema\/2020\/coronavirus\/beitraege_neu\/2020\/07\/berlin-demos-querdenker-verschwoerungsmythen-corona.html\">&bdquo;Wanderzirkus der Corona-Leugner kommt in die Stadt&ldquo;<\/a>. Da br&auml;uchte es dann schon ein gutes Standing, nach der Demo zu sagen: &bdquo;Entschuldigung, da waren wir vielleicht etwas voreilig, unter den 20.000 oder 30.000 Demonstranten waren ganz offensichtlich nicht nur Corona-Leugner.&ldquo; Deshalb war ich dann zum Beispiel bei der zweiten Berliner Gro&szlig;demonstration als Beobachter vor Ort, um meine Eindr&uuml;cke mit der Medienleistung abzugleichen.<\/p><p><strong>Was hei&szlig;t das denn, wenn Demonstrationen zu den schwersten Grundrechtseingriffen, die die Republik jemals gesehen hat, von Medien nicht sauber inhaltlich erfasst werden? Also was bedeutet das auch im Hinblick auf die Demokratie?<\/strong><\/p><p>Journalismus wird in allen Lehrb&uuml;chern und auch in den Politik- und Rechtswissenschaften als essenziell f&uuml;r jede Demokratie angesehen &ndash; weil ihm die Aufgabe zukommt, Orientierungsangebote zu machen und damit den gesellschaftlichen Diskurs zu erm&ouml;glichen. Journalismus hat die relevanten Tatsachen und das ganze Spektrum an Meinungen zu diesen Tatsachen abzubilden. Wenn er das nicht tut, ist die Gesellschaft orientierungslos &ndash; oder, was noch schlimmer ist, aufgrund von Einseitigkeit, Unvollst&auml;ndigkeit, Fehlerhaftigkeit etc. sogar desorientiert, also falsch &bdquo;informiert&ldquo;. <\/p><p><strong>Was haben Sie selbst auf der zweiten Gro&szlig;demonstration am 29. August 2020 in Berlin gesehen?<\/strong><\/p><p>Der Protest war bunt, vielf&auml;ltig, sehr heterogen &ndash; wie das eigentlich bei allen gr&ouml;&szlig;eren Demos ist. Die Kritik an der Politik war absolut nicht aus einem Guss. Sie kam ja nicht aus einer Partei oder einer sonstigen strukturierten Gruppe. Und dann stand ich beispielsweise in einer Gruppe von Gegendemonstranten, die in Sprechch&ouml;ren gegen &bdquo;Corona-Leugner&ldquo; und &bdquo;Nazis&ldquo; skandierten. Nur: Die konnten den gro&szlig;en Demonstrationszug gar nicht sehen, weil ein riesiges Polizeiaufgebot dazwischenstand. Die Parolen konnten sich also gar nicht auf die tats&auml;chlichen Demonstranten beziehen, sie und ihre Botschaften waren weder zu sehen noch zu h&ouml;ren.<\/p><p>In der Medienforschung schl&auml;gt sich diese brutale Vereinfachung dann so nieder, dass die Forderungen nach <em>mehr<\/em> und die nach <em>weniger<\/em> staatlichen Eingriffen zusammengefasst werden als &bdquo;Kritik&ldquo;. So gesehen sollte dann aber wohl jeder B&uuml;rger irgendwie Politik-Kritiker sein, denn niemand wird mit allem zufrieden sein.<\/p><p><strong>Was ist Ihnen noch aufgefallen?<\/strong><\/p><p>Kritiker der Corona-Politik sind in den Medien stets &bdquo;die Anderen&ldquo;, nicht &bdquo;wir&ldquo;, nicht die Community der Schreibenden, Sendenden und ihres Publikums. Damit geht dann zwingend auch die Unterscheidung von vern&uuml;nftig und unvern&uuml;nftig einher, denn &bdquo;wir&ldquo; sind nat&uuml;rlich immer die Vern&uuml;nftigen, &bdquo;wir&ldquo; stehen auf der richtigen Seite.<\/p><p><strong>Sie meinen also, dass in den Redaktionen niemand sozusagen aus der Perspektive eines Journalisten berichtet hat, der das Anliegen der Demonstranten teilt?<\/strong><\/p><p>Die Forderung nach Objektivit&auml;t im Journalismus wird ja inzwischen offen attackiert: Das sei gar nicht m&ouml;glich, eine Fiktion. Stattdessen sollten Journalisten Haltung zeigen, also sich klar positionieren. Ich habe bestimmt nichts gegen klare Positionen. Aber der Job des Berichterstatters ist es, so zu informieren, dass Medien-Konsumenten bei eigener Inaugenscheinnahme nicht zu einem grundlegend anderen Bild k&auml;men. Kein Journalist muss das Anliegen der Demonstranten teilen, aber er muss es objektiv darstellen, er muss ganz klassisch recherchieren &ndash; beobachten und Fragen stellen. Stattdessen werden st&auml;ndig Meinungen und pers&ouml;nliche Glaubenss&auml;tze verbreitet.<\/p><p><strong>Zu Ihrer Untersuchung. Schildern Sie uns bitte, wie diese aufgebaut ist? Was haben Sie gemacht?<\/strong><\/p><p>Nachdem ich in den ersten Wochen schier fassungslos die Berichterstattung verfolgt habe und nicht glauben konnte, wie fern aller Qualit&auml;tsstandards da gerade gearbeitet wird, habe ich f&uuml;r einen Essay in der Fachzeitschrift <em>journalistik<\/em> begonnen, <a href=\"https:\/\/journalistik.online\/ausgabe-2-2020\/desinfektionsjournalismus\/\">Beispiele sehr offensichtlicher Qualit&auml;tsdefizite in den Artikeln und Sendungsbeitr&auml;gen zu sammeln<\/a>.<\/p><p>Weil ich darin schon nur einen Bruchteil meines Materials unterbringen konnte, habe ich eine ausf&uuml;hrliche Artikelserie f&uuml;r Telepolis geschrieben und dazu kontinuierlich weiteres Material gesammelt, um strukturiert einzelne Qualit&auml;tsaspekte wie Richtigkeit, Vollst&auml;ndigkeit oder Repr&auml;sentativit&auml;t durchzugehen. F&uuml;r das nun vorliegende Paper habe ich all das nochmal zusammengefasst, &uuml;berarbeitet, gestrafft und um weitere markante Fallbeispiele erg&auml;nzt. Au&szlig;erdem habe ich Redaktionen und einzelne Journalisten zu ihren Beitr&auml;gen befragt, um zu verstehen, wie es zu dem kam, was meiner Ansicht nach klare Qualit&auml;tsdefizite sind.<\/p><p><strong>Gut, also wie ging es weiter?<\/strong><\/p><p>Fragen zu ihren Beitr&auml;gen beantworten Journalisten leider recht selten &ndash; das kenne ich als Medienjournalist allerdings schon seit 30 Jahren. Ich kann nat&uuml;rlich keine quantitativen Aussagen treffen, da ich nur Einzelf&auml;lle gesammelt und ausgewertet habe. Es gab keine repr&auml;sentative Stichprobe, sondern eben das Material, das mir so aufgefallen ist. Wobei ich zu einzelnen Ereignissen dann schon sehr umfangreich gesucht habe, um mir ein Bild von der Vielfalt &ndash; oder eben leider oft Einfalt &ndash; der Berichterstattung zu machen. Es geht mir um Fallbeispiele f&uuml;r verbreitete Fehler und Unzul&auml;nglichkeiten, die zu diskutieren sind. Und da fand sich f&uuml;r jeden Aspekt reichlich Material. Insgesamt habe ich etwa 2.000 Artikel und Sendungsbeitr&auml;ge mit Qualit&auml;tsdefiziten in der Corona-Berichterstattung archiviert. In der derzeitigen Fassung meines Papers habe ich circa 10 Prozent davon verwendet. Es ist ein Diskussionsangebot, jeder kann die F&auml;lle selbst pr&uuml;fen. Ich biete eine erste Kommentierung an. Aber ich bin v&ouml;llig offen f&uuml;r andere Sichtweisen.<\/p><p><strong>Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?<\/strong><\/p><p>Schwere Qualit&auml;tsm&auml;ngel finden sich vermutlich in allen Medien. Denn in meiner Fallsammlung ist alles vertreten, von kleinen Lokalredaktionen bis zu den Leitmedien. Und es sind leider gerade die gro&szlig;en Leitmedien, die sich besonders schwertun, Qualit&auml;tsdefizite einzugestehen. Um ein Beispiel zu nennen: Der <em>Spiegel<\/em> hielt an einer Falschberichterstattung &uuml;ber die erste Berliner Gro&szlig;demonstration auch nach zahlreichen Hinweisen aus dem Publikum und zwei Presseanfragen von mir fest. Erst meine Eingabe bei der neu eingerichteten Ombudsstelle f&uuml;hrte zu einer Korrektur &ndash; allerdings ohne Fehlereingest&auml;ndnis. Solche Fallbeispiele m&uuml;ssten eigentlich f&uuml;r einen Eklat sorgen, aber selbst Richtigkeit als ein sehr leicht pr&uuml;fbares Kriterium scheint keine allzu gro&szlig;e Bedeutung im Journalismus zu haben.<\/p><p><strong>Was wurde noch sichtbar?<\/strong><\/p><p>Der Medienjournalismus ist sehr fokussiert auf ethische Probleme &ndash; die aber immer Ansichtssache sind, weil es sich um Meinungen handelt. Der zweite Schwerpunkt sind Falschmeldungen, also unrichtige Tatsachenbehauptungen. In Summe erscheinen mir aber andere Qualit&auml;tskriterien gewichtiger zu sein: die Vollst&auml;ndigkeit etwa, Meinungsvielfalt, die Repr&auml;sentativit&auml;t. Letztlich lassen sich dabei alle Defizite auf mangelhafte Recherche zur&uuml;ckf&uuml;hren. Denn ich mache ja bei meinen Checks nichts anderes als zu recherchieren: Ich stelle Fragen zu den ver&ouml;ffentlichten Beitr&auml;gen, zun&auml;chst mir selbst, danach zu allem noch unklaren Anderen. Und wenn ich diesen Fragen nachgehe, komme ich regelm&auml;&szlig;ig zu anderen Bildern als in den kritisierten Beitr&auml;gen.<\/p><p><strong>Haben Sie Beispiele?<\/strong><\/p><p>Ende 2021 <a href=\"https:\/\/twitter.com\/c_drosten\/status\/1476192189793411076?lang=de\">twitterte<\/a> Prof. Christian Drosten nach Ver&auml;rgerung &uuml;ber Interviewaussagen im Deutschlandradio:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Wer glaubt, durch eine Infektion sein Immunsystem zu trainieren, muss konsequenterweise auch glauben, durch ein Steak seine Verdauung zu trainieren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Aus dieser Mini-Behauptung machten zahlreiche Medien eigenst&auml;ndige Meldungen, Tenor: Drosten zerlegt Querdenker-Thesen. Recherche dazu fand nicht statt. Dabei sollten auch medizinisch oder biologisch nicht speziell Vorgebildeten Zweifel an Drostens Behauptung kommen. Ein Blick in Fachorgane wie die &Auml;rzte-Zeitung zu den Stichworten &sbquo;Immunsystem&lsquo; und &sbquo;trainieren&lsquo; f&ouml;rdert denn auch Hunderte Artikel zutage, in denen ganz selbstverst&auml;ndlich davon ausgegangen wird, das Immunsystem zu trainieren &ndash; von einem Blick in die Fachliteratur ganz abgesehen. Jeder kann sich auch fragen, was wohl das Geheimnis ist, dass zwar die Urlauber in s&uuml;dlicheren L&auml;ndern aufs Essen mit Durchfall reagieren (&bdquo;Montezumas Rache&ldquo; genannt), die einheimische Bev&ouml;lkerung aber wohlauf ist. Sind das andere Menschen? Oder hat sich schlicht ihr Verdauungssystem an die aus Touristen-Sicht ungen&uuml;gende K&uuml;chenhygiene gew&ouml;hnt, ist es trainiert? Die Sache war aber noch doller.<\/p><p><strong>Was meinen Sie?<\/strong><\/p><p>Nur zwei Tage zuvor lief die gegenteilige Meldung in einigen Medien. Tenor dort: Geimpfte sollten ihr Immunsystem <em>trainieren<\/em>, indem sie <em>keine<\/em> Maske tragen. Einige Medien haben es dann geschafft, einfach beides in einen Artikel zu packen. Aber gekl&auml;rt wurde nicht, wer da gerade Quatsch erz&auml;hlt, denn beides konnte ja nicht stimmen.<\/p><p><strong>Also dieser Widerspruch ist Journalisten nicht aufgefallen?<\/strong><\/p><p>In den getrennt erschienenen Meldungen offenbar nicht. Aber einige Medien haben ihre Online-Artikel sukzessive erg&auml;nzt und dabei einfach beide Positionen dargestellt. Das klingt fair, ist aber Humbug, weil es sich dabei gerade nicht um Meinungen, sondern um Tatsachenbehauptungen handelt. Beide Professoren hatten ja behauptet: So, wie ich es sage, ist es wahr. Damit sollte der Journalismus sein Publikum nicht alleinlassen. Noch deutlicher kann doch ein Thema nicht nach Recherche rufen.<\/p><p>Doch der Professor, von dem die zweite Aussage stammt, Cornel Fraefel aus der Schweiz, sagte mir auf Anfrage, kein einziger Journalist habe bei ihm nachgefragt. Jeder darf selbst googeln, wie viele Medien die Steak-Aussage von Drosten verbreitet haben &ndash; und wie viele davon recherchiert haben, was nun stimmt und was nicht bzw. wo das Missverst&auml;ndnis liegt. Am Ende sucht sich dann jeder das raus, was sein Weltbild best&auml;tigt. Das hilft uns als Gesellschaft aber nicht weiter.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich, dass Medien sich so verhalten haben?<\/strong><\/p><p>Auch wenn es sehr besserwisserisch klingen mag, aber im Hinblick auf die von mir untersuchten Fallbeispiele wird einfach nicht professionell gearbeitet. Alle Qualit&auml;tsdefizite, die ich dokumentiert habe, w&auml;ren vermeidbar gewesen, wenn simple und allseits bekannte Handwerksregeln auch angewendet w&uuml;rden. Unterscheidung von Tatsachen einerseits und Meinungen &uuml;ber Tatsachen andererseits zum Beispiel. Jede Tatsachenbehauptung zu belegen, wenigstens intern &ndash; es passt nicht alles in Artikel oder gar Radiobeitr&auml;ge. Zu jeder Meinung auch Gegenpositionen suchen. Die Relevanz der eigenen Story pr&uuml;fen mit dem Mut, die bisher geleistete Arbeit in die Tonne zu kloppen.<\/p><p><strong>Da sind wir doch an einem wichtigen Punkt. Sie sagen es selbst: &bdquo;allseits bekannte Handwerksregeln&ldquo;. Es ist doch nur logisch, dass Journalisten im Grunde genommen ihr Handwerk beherrschen. Wenn Journalisten aber so massiv gegen journalistische Regeln versto&szlig;en, und zwar &ndash; das ist meine Beobachtung &ndash; gerade dann, wenn es um gro&szlig;e politische und gesellschaftliche Themen geht, dann w&uuml;rde ich von Vorsatz ausgehen. Journalisten versto&szlig;en gegen die journalistischen Regeln aus taktisch-weltanschaulichen Gr&uuml;nden (siehe dazu auch <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Der-Journalismus-muss-sich-der-Diskussion-um-Objektivitaet-stellen-3369820.html\">dieses Interview<\/a>). Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Journalisten beanspruchen, eine besondere gesellschaftliche Rolle zu spielen. Sie wurden in der Pandemie nicht m&uuml;de, von ihrer Systemrelevanz zu sprechen. Aber wenn es dann mit der professionellen Rolle nicht klappt und stattdessen die normale B&uuml;rgerrolle eingenommen wird, wenn Journalisten auf ihre &Auml;ngste genauso reagieren wie alle ihre Mitmenschen, anstatt mit Erkenntnisinteresse v&ouml;llig ergebnisoffen zu recherchieren, dann haben wir wohl ein Problem im Mediensystem. Das gilt nat&uuml;rlich auch f&uuml;r die Gegenposition: Nur zu glauben, Lockdowns k&ouml;nnten nicht sinnvoll helfen, ist ebenso wenig hilfreich. Es muss recherchiert werden &ndash; mit dem Mut zu sagen, dass man etwas noch nicht wei&szlig;.<\/p><p><strong>Es gibt zu diesem Thema &uuml;brigens eine sehr interessante Aussage von Kai Gniffke. Freim&uuml;tig erz&auml;hlt er in vertrauter Runde, dass es auch in den Nachrichtenformaten der ARD bisweilen einen &bdquo;missionarischen Eifer&ldquo; gibt (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/KlocknerMarcus\/status\/1640436696381571073\">siehe Video ab 0:32<\/a>)<\/strong><\/p><p>Missionarischen Eifer gibt es immer, wenn man von der Richtigkeit einer Position &uuml;berzeugt ist &ndash; da nehmen wir beide uns sicher nicht aus. Allerdings sollten wir alle dennoch &ndash; und insbesondere als Journalisten und Medienforscher &ndash; stets offen sein f&uuml;r andere Sichtweisen, f&uuml;r andere Argumente, also Tatsachen, und andere Meinungen, n&auml;mlich Bewertungen dieser Tatsachen. Deshalb m&uuml;ssen Journalisten in jedem Stadium recherchieren. Wenn schon alles klar ist, braucht es auch keinen Journalismus mehr &ndash; dann k&ouml;nnen PR-Abteilungen &uuml;bernehmen. Und zu Corona wurde von Anfang an bis heute viel zu wenig recherchiert, es wurden nicht einmal die ganz naheliegenden Fragen gekl&auml;rt. Stattdessen gab es &Uuml;berzeugungen, die mangels Fakten in weiten Teilen quasi Glaube waren.<\/p><p>Zahlreiche Journalisten haben inzwischen bekannt, dass die &bdquo;Bilder von Bergamo&ldquo; f&uuml;r sie eine Art Erweckungserlebnis waren und sie fortan der Ansicht waren, nun sei nicht die Zeit f&uuml;r Meinungsvielfalt, sondern f&uuml;r Warnungen, f&uuml;r eine kollektive Bek&auml;mpfung der Pandemie nach dem von der Regierung vorgegebenen Muster. Leider waren die &bdquo;Bilder von Bergamo&ldquo; selbst eine gro&szlig;e Medienfehlleistung. Denn das Publikum &ndash; einschlie&szlig;lich vieler Journalisten &ndash; hat irgendwas gespeichert in der Art: Tausende Tote in einem gr&ouml;&szlig;eren Dorf, da sind Menschen gestorben wie die Fliegen. Tats&auml;chlich ging es bei den Milit&auml;rlastern um 60 S&auml;rge in einer Stadt mit etwa 120.000 Einwohnern. Mit der korrekten Zahleneinordnung w&auml;re das schlicht gar keine Meldung gewesen. So aber wurde es ein ikonisches Bild der Pandemie.<\/p><p><strong>In einem <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/der-militaerkonvoi-aus-bergamo-wie-eine-foto-legende-entsteht,TJZE6AQ\">BR-Bericht<\/a> zu den Fotos aus Bergamo hei&szlig;t es:<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>In Wahrheit war das Milit&auml;r nicht etwa eingesetzt worden, weil Berge von Leichen nicht anders h&auml;tten transportiert werden k&ouml;nnen. Die Anzahl der Verstorbenen war damals nicht h&ouml;her als bei manchen Grippewellen in Italien (Stand April Anfang 2020). Es war die Angst vor dem &bdquo;Killervirus&ldquo; genannten Erreger. Um Fakten zu schaffen, beschloss man die sofortige Ein&auml;scherung der an COVID Verstorbenen. Normalerweise werden in Italien aber nur die H&auml;lfte aller Verstorbenen einge&auml;schert. Deshalb reichten die Kapazit&auml;ten des Krematoriums in Bergamo nicht aus und die Leichen mussten in umliegende Orte transportiert werden.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>K&ouml;nnen wir festhalten: Es fehlt oft an eigenen und vor allem auch unvoreingenommenen Recherchen?<\/strong><\/p><p>Absolut. Dass Redaktionen auf Recherche verzichtet und quasi nur Regierungsmeinungen verbreitet haben, wurde schon in der Anfangsphase der Pandemie vereinzelt aus der Medienwissenschaft kritisiert &ndash; von einer Mehrheit allerdings gerechtfertigt, Stichwort &bdquo;Verantwortungsethik&ldquo;, was aber ein Zirkelschluss ist. Denn ich kann ja nicht auf Diskussionen verzichten wollen, ohne zuvor alle Positionen gekl&auml;rt zu haben und damit wenigstens argumentieren zu k&ouml;nnen, dass es nur <em>eine<\/em> alternativlose Handlungsoption gibt. Die Vielfalt von M&ouml;glichkeiten, auf die Pandemie zu reagieren, wurde nie in den Medien abgebildet und offen diskutiert. Und es bleiben gen&uuml;gend Grundsatzpositionen, bei denen niemand einen Generalkonsens erwarten kann, etwa: Paternalismus (&bdquo;Der Staat trifft die richtigen Entscheidungen f&uuml;r alle&ldquo;) versus Selbstbestimmung (&bdquo;Wenn ich als Pflegeheimbewohner meine Angeh&ouml;rigen auch auf das Risiko einer t&ouml;dlichen Infektion hin sehen m&ouml;chte, dann ist das meine freie Entscheidung&ldquo;).<\/p><p>Der journalistische Missionseifer ist l&auml;ngst belegt &ndash; sowohl durch Studien, die nach der Vielfalt gesucht haben, als auch durch drastische Fallbeispiele. Julian Reichelt hat gesagt, er habe als BILD-Chefredakteur von seiner Verlegerin Friede Springer die Order erhalten, den Regierungskurs zu st&uuml;tzen &ndash; er habe das aber abgelehnt. Marc Walder, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer des gro&szlig;en Schweizer Ringier-Verlags, hat seinerseits tats&auml;chlich an alle Medien seines Hauses die Parole <a href=\"https:\/\/www.nebelspalter.ch\/geheimes-video-zeigt-ceo-marc-walder-zwang-alle-redaktionen-der-ringier-medien-weltweit-auf-regierungskurs\">ausgegeben<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Wir wollen die Regierung unterst&uuml;tzen durch unsere mediale Berichterstattung, dass wir alle gut durch die Krise kommen.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Es ist also keine Verschw&ouml;rungsidee, Medien h&auml;tten darauf verzichtet, ihren Job zu machen und stattdessen Regierungs-PR verbreitet: Es ist f&uuml;r einzelne, aber sehr bedeutsame F&auml;lle eindeutig belegt. Und das ist ganz offensichtlich passiert, schlicht, weil Journalisten nicht journalistisch gearbeitet haben.<\/p><p><em>Timo Rieg auf Twitter: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Helgolaender\">twitter.com\/Helgolaender<\/a><\/em><\/p><p>Titelbild: shutterstock.com\/New Africa<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Medienjournalist <strong>Timo Rieg <\/strong>hat sich intensiv mit der Berichterstattung der Medien &uuml;ber die Corona-Demonstrationen auseinandergesetzt. In einer <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/corona-berichterstattung-das-interesse-der-medien-an-aufarbeitung-ist-gering-li.334923\">&bdquo;umfassenden Fallsammlung&ldquo;<\/a> hat Rieg <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/368289947_Qualitatsdefizite_im_Corona-Journalismus_Eine_kommentierte_Fallsammlung\">zahlreiche Beispiele dokumentiert,<\/a> die zeigen, dass Journalisten ihrer Aufgabe nicht gerecht geworden sind. Rieg ist auf &bdquo;schwere Qualit&auml;tsm&auml;ngel&ldquo; gesto&szlig;en. Im NachDenkSeiten-Interview liefert er einen Einblick in die Abgr&uuml;nde der Corona-Berichterstattung. 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