{"id":97510,"date":"2023-05-11T09:00:47","date_gmt":"2023-05-11T07:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97510"},"modified":"2023-05-15T07:44:56","modified_gmt":"2023-05-15T05:44:56","slug":"sexualisierte-gewalt-reichelt-die-bild-ein-buch-ein-podcast-und-die-frage-der-individuellen-verantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97510","title":{"rendered":"Sexualisierte Gewalt, Reichelt, die BILD, ein Buch, ein Podcast und die Frage der individuellen Verantwortung"},"content":{"rendered":"<p>Ein Buch und ein Podcast zur &bdquo;Reichelt-Aff&auml;re&ldquo; erobern derzeit die Charts. W&auml;hrend Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem wohl nur aus juristischen Gr&uuml;nden &bdquo;fiktionalen&ldquo; Roman &bdquo;Noch wach?&ldquo; ein sprachlich exzellentes, aber auch ziemlich elit&auml;res Sittengem&auml;lde des Springer-Verlags und seiner Protagonisten liefert, scheitert die von Jan B&ouml;hmermann f&uuml;r Spotify coproduzierte achtteilige Podcast-Reihe &bdquo;Boys Club&ldquo; auf ganzer Linie, stellt sie die weiblichen Opfer des &bdquo;Systems BILD&ldquo; doch einseitig als &bdquo;Opfer&ldquo; dar, ohne ernsthaft die Frage nach ihrer Mitt&auml;terschaft f&uuml;r die publizistischen Verbrechen des Hetzblatts zu stellen. Das ist frauenfeindlich, findet <strong>Jens Berger<\/strong>, der das Buch und den Podcast f&uuml;r die NachDenkSeiten konsumiert hat.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9502\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97510-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97510-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230511_Sexualisierte_Gewalt_Reichelt_die_BILD_ein_Buch_ein_Podcast_und_die_Frage_der_individuellen_Verantwortung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Sexualisierter Machtmissbrauch ist ein ernstes Thema, und es ist wichtig und richtig, dass man heute offen dar&uuml;ber redet. Sich publizistisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen ist jedoch ein Minenfeld, wurde die Debatte doch von den R&auml;ndern der gesellschaftspolitischen Debatte emotional aufgeladen. Daher ist es wohl sinnvoll, zun&auml;chst einmal abzugrenzen, worum es eigentlich geht oder besser, worum es nicht geht. Es geht nicht um Straftaten wie beispielsweise Vergewaltigung oder N&ouml;tigung, und es geht auch nicht um den Flirt am Arbeitsplatz unter gleichrangigen Kollegen. Es geht vielmehr darum, dass &ndash; meist m&auml;nnliche &ndash; Vorgesetzte ihre Machtposition missbrauchen, um sich Vorteile sexueller Art bei &ndash; meist weiblichen &ndash; Untergebenen zu erschleichen und sie so physisch oder psychisch zu missbrauchen. Und es geht um betriebliche sowie gesellschaftliche Strukturen, die dies zulassen, verniedlichen und bagatellisieren. <\/p><p>Manchmal fragt man sich als &bdquo;Normaldenkender&ldquo;, warum dieses Thema eigentlich derart polarisiert. Dass es nicht ok ist, wenn der Chef mit der Praktikantin ins Bett geht, ihr einen Job und berufliche Vorteile verschafft und sie dann unter Druck setzt, sollte eigentlich selbstverst&auml;ndlich sein. Leider gilt dies jedoch &ndash; wie so viele eigentlich selbstverst&auml;ndliche Dinge &ndash; offenbar nicht f&uuml;r die <em>BILD-Zeitung<\/em>, und hier wird die Sache kompliziert, da die <em>BILD<\/em> ja nicht nur selbst ein Schauplatz sexualisierter Gewalt ist, sondern publizistisch die Saat s&auml;t, aus der auch sexualisierte Gewalt erw&auml;chst. Man kann den sexualisierten Machtmissbrauch im Hause BILD daher auch nicht kritisieren und gleichzeitig die Augen vor dem Sexismus des &bdquo;Systems BILD&ldquo; verschlie&szlig;en. Die <em>BILD<\/em> ist schlie&szlig;lich gerade in diesem Kontext kein wertfreier Raum.<\/p><p><em>BILD<\/em> hetzt &ndash; gegen alles, was nicht ins erzkonservative, stets nationalchauvinistisch gepr&auml;gte Raster der <em>BILD<\/em> passt. <em>BILD<\/em> hetzt gegen Migranten, gegen den Islam, gegen Linke, gegen die 68er und ihre Erben, gegen liberale Werte und gegen Arbeitslose sowie Hartz-IV-Empf&auml;nger. <em>BILD<\/em> ist sozialdarwinistisch bis ins Mark und steht dabei weit au&szlig;erhalb des ansonsten gesellschaftlich tolerierten politischen Spektrums. Die <em>BILD<\/em> s&auml;t Zorn und lenkt ihn dann auf die sozial an den Rand Gedr&auml;ngten, auf Minderheiten und auf Ausl&auml;nder. <em>BILD<\/em> trommelt f&uuml;r Kriege und tut alles daf&uuml;r, dass Deutschland kein Volk der guten Nachbarn ist. Und last but not least ist <em>BILD<\/em> auch das sexistischste Blatt im Lande, das Frauen tagt&auml;glich auf ihr &Auml;u&szlig;eres reduziert und alte Rollenbilder pflegt.<\/p><p>Wer das &bdquo;System BILD&ldquo; auf den sexualisierten Machtmissbrauch reduziert, egal wie schlimm er ist, verharmlost diese Hassmaschine. Man kann sogar noch weiter gehen: Wer die Opfer des sexualisierten Machtmissbrauchs im Hause BILD als reine Opfer darstellt, verharmlost ihre Mitwirkung im &bdquo;System BILD&ldquo;. Auch das ist eine Art der T&auml;ter-Opfer-Umkehr.<\/p><p><strong>Boys Club &ndash; ein Podcast, der sich verhebt<\/strong><\/p><p>An genau diesem Punkt scheitert die Podcast-Reihe <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/show\/42A230DwCz7M1Wicnmjx7R\">&bdquo;Boys Club&ldquo;<\/a> kl&auml;glich. Der Podcast soll nach eigener Beschreibung das &bdquo;System BILD&ldquo; dekonstruieren. Genau das tut er jedoch nicht. Die Kritik an der Berichterstattung der <em>BILD<\/em> spielt hier eine Nebenrolle. Stattdessen erz&auml;hlt man die Geschichte des sexualisierten Machtmissbrauchs hoch emotional aus der Opferperspektive. Ginge es nicht um die <em>BILD<\/em>, sondern um ein x-beliebiges Unternehmen, w&auml;re dieses Format sicher weniger problematisch. So bleibt jedoch ein schaler Beigeschmack. Am Ende der Podcast-Reihe k&ouml;nnte man fast denken, dass die <em>BILD<\/em> weniger schlimm w&auml;re, wenn sie doch nur ihre internen Strukturen reformieren w&uuml;rde.<\/p><p>Das ist zumindest f&uuml;r mich als Au&szlig;enstehenden jedoch deutlich zu kurz gesprungen. Offenbar geht meine Empathie nicht so weit, dass ich das &ndash; zweifelsohne subjektiv grauenhaft empfundene &ndash; Schicksal einiger <em>BILD<\/em>-Mitarbeiterinnen h&ouml;her werte als den Schaden, den die <em>BILD<\/em> anrichtet. Die Hetze der <em>BILD<\/em> w&auml;re nicht weniger schlimm, wenn im Hause BILD paradiesische Zust&auml;nde herrschen w&uuml;rden, und das &bdquo;System BILD&ldquo; ist mehr als die internen Betriebsstrukturen. Auch wenn es herzlos klingt &ndash; mir ist es ziemlich egal, was im Springer-Hochhaus intern vor sich geht, solange sich an der publizistischen und politischen Ausrichtung der <em>BILD<\/em> nichts &auml;ndert. Doch auch hier muss man nat&uuml;rlich differenzieren. Schlie&szlig;lich wird es durchaus &ndash; auch wenn dies nicht sonderlich sympathisch ist &ndash; Frauen geben, die voll und ganz hinter der politischen Ausrichtung der <em>BILD<\/em> stehen, und auch diese Frauen haben selbstverst&auml;ndlich ein Recht darauf, am Arbeitsplatz vor &Uuml;bergriffigkeiten gesch&uuml;tzt zu werden. Doch weder im Podcast noch im Roman tauchen solche Frauen auf. Warum? &bdquo;Verkauft&ldquo; sich mit ihnen die Opfergeschichte nicht so gut?<\/p><p>Man kann mit der Kritik sogar noch weiter gehen. Der von Jan B&ouml;hmermann coproduzierte Podcast ist im weiteren Sinne sogar selbst frauenfeindlich. Warum? Weil er den Mitarbeiterinnen, deren Schicksale aus der Opfer-Perspektive geschildert werden, nicht die Frage der individuellen Verantwortung stellt. Man kritisiert auf abstrakter Ebene das &bdquo;System BILD&ldquo;, vers&auml;umt es jedoch, die einzelnen Bestandteile dieses Systems konkret zu benennen. Man baut ein Gut-B&ouml;se-Schema auf. B&ouml;se sind &ndash; das ist klar &ndash; die M&auml;nner an der Spitze dieses Systems. Der ehemalige Chefredakteur Julian Reichelt, sein &bdquo;Boys Club&ldquo; in der Chefredaktion, der ihn deckt und gew&auml;hren l&auml;sst, und nat&uuml;rlich der Konzernchef Matthias D&ouml;pfner, der getreu dem Motto der drei Affen nichts sehen, h&ouml;ren und sagen will. So weit, so richtig. <\/p><p>Doch was ist mit den vielen kleinen und mittleren Mitt&auml;tern? Ist der Hetzartikel der jungen <em>BILD<\/em>-Mitarbeiterin weniger schlimm, weil der Fisch vom Kopf her besonders widerlich stinkt? Muss man &ndash; auch angehenden &ndash; Journalisten nicht unterstellen, dass sie die Blattlinie ihres Arbeitgebers zumindest kennen und keine allzu gro&szlig;en Widerspr&uuml;che zum eigenen Wertekanon zulassen? Wenn man diesen Mindestanspruch stellt, muss man jedoch den <em>BILD<\/em>-Mitarbeiterinnen auch unterstellen, dass sie sich aus freiem Willen dazu entschlossen haben, f&uuml;r ein reaktion&auml;res, chauvinistisches Hetzblatt zu schreiben. Und was im konkreten Kontext besonders wichtig ist: Man muss ihnen auch unterstellen, f&uuml;r genau das Blatt zu schreiben, das durch seine sexistische Blattlinie genau das gesellschaftliche Klima schafft, in dem in Hunderten oder Tausenden anderen Unternehmen sexueller Machtmissbrauch gedeiht, kleingeredet, bagatellisiert und gedeckelt wird.<\/p><p>Wenn man diese Frauen einseitig als Opfer darstellt, nimmt man sie aus der individuellen Verantwortung. Da war man in einem anderen Kontext doch eigentlich schon weiter. Offenbar sind aus dieser Perspektive die kleinen und mittleren R&auml;der im &bdquo;System BILD&ldquo; dann auch nur Geblendete und Mitl&auml;ufer, und man kann die ganze Verantwortung auf den Mann an der Spitze dieses Systems auslagern. Das ist bequem, aber nicht wirklich reflektiert.<\/p><p>Wen man f&uuml;r das Medium schreibt, das selbst ein reaktion&auml;r-frauenfeindliches Bild transportiert, ist es wenig glaubhaft, sich selbst als Opfer genau jener Frauenfeindlichkeit darzustellen, die man selbst tagein tagaus bef&ouml;rdert. Dass die <em>BILD<\/em> mit all ihren &bdquo;Titten-Storys&ldquo; und all ihrer offen zelebrierten Frauenfeindlichkeit eben jenen Chauvinismus bef&ouml;rdert, den der Podcast vollkommen zu Recht kritisiert, kommt &uuml;brigens an keiner Stelle der langen acht Folgen vor. Die dargestellten Opfer des sexualisierten Machtmissbrauchs werden dabei im Grunde als naive Dummchen dargestellt, und auch die Autorinnen gl&auml;nzen vor allem durch ihre Naivit&auml;t. Der Podcast stellt in Summe &ndash; auch sprachlich &ndash; eine Springer-Kritik aus woker Perspektive dar, die sich stets nur um sich selbst dreht und jeglichen gesellschaftskritischen Anspruch vermissen l&auml;sst.<\/p><p><strong>Noch wach? &ndash; Ein gutes Buch vom falschen Autor<\/strong><\/p><p>Wie es besser geht, zeigt der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre. Auch wenn es seinem Roman <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/index.php?cl=details&amp;libriid=A45567881&amp;listtype=search&amp;searchparam=Noch%20wach%3F\">&bdquo;Noch wach?&ldquo;<\/a> prim&auml;r um die Entfremdung von seinem Freund Matthias D&ouml;pfner &ndash; im Roman nur &bdquo;mein Freund&ldquo; genannt &ndash; geht, schafft es der Autor hier auf vortreffliche Weise, den Opfern der sexualisierten Gewalt nicht nur ein Gesicht zu geben, sondern sie auch in Gestalt der fiktiven Figur &bdquo;Sophia&ldquo; als selbstbewusste, intelligente Frauen darzustellen. Die Mitarbeiterinnen im Roman kennen die Spielregeln des Boulevards und haben sich auf ein vielleicht zynisch zu nennendes Spiel eingelassen. Eine &bdquo;leicht d&uuml;mmliche Ich-hab-mich-instrumentalisieren-lassen-Trulla&ldquo;, wie sie es ironisch formuliert, will Sophia nicht sein. Das ist erfrischend, werden ihre realen Pendants im &bdquo;Boys-Club&ldquo;-Podcast doch genau so dargestellt.<\/p><p>Die <em>BILD<\/em>-Mitarbeiterinnen im Roman sind im eigentlichen Sinne Schauspielerinnen, die zwischen ihrer B&uuml;hnenrolle und ihrem privaten Ich nahtlos umschalten k&ouml;nnen. Vor der Kamera &ndash; Stuckrad-Barres &bdquo;BILD&ldquo; ist ein privater Krawall-Fernsehsender &ndash; geben sie optisch das Abziehbild einer sexistischen Medienwelt und transportieren dabei inhaltlich die reaktion&auml;ren Werte des fiktiven, aber klar an Springer orientierten &bdquo;Konzerns&ldquo;. Abseits der Kamera schl&uuml;pfen sie dann wieder in ihr normales Leben und zerbrechen am Ende nicht nur an der sexualisierten Gewalt ihres Chefredakteurs, sondern auch an diesem Widerspruch.<\/p><p>Das ist alles dank der virtuosen Sprache des Autors glaubhaft und vielschichtig erz&auml;hlt. Toughe Frauen, die ihren faustischen Pakt mit einem Hetzmedium geschlossen haben, werden von den Geistern, die sie t&auml;glich selbst rufen, verfolgt und zerbrechen letzten Endes daran. Die Opfer in &bdquo;Noch wach?&ldquo; sind weder moralisch noch unmoralisch &ndash; sie sind amoralisch, typische Kinder ihrer Zeit, die sich auf ein Spiel eingelassen haben, gegen dessen Regeln sie erfolglos k&auml;mpfen.<\/p><p>&bdquo;Noch wach?&ldquo; ist ein Buch des Scheiterns, dessen Figuren ihren Burgfrieden mit dem &bdquo;System BILD&ldquo; gemacht haben und im h&ouml;chsten Ma&szlig;e ambivalent sind. Der Freund (D&ouml;pfner), der sich gerne als liberaler kosmopolitischer Sch&ouml;ngeist gibt, aber seinen &bdquo;Krawallsender&ldquo; mit allen Mitteln vor jeglicher Kritik verteidigt. Der Ich-Erz&auml;hler (Stuckrad-Barre), der selbst finanziell sehr gut von diesem System gen&auml;hrt wird, sich mit ihm aber nicht gemeinmachen will. Die Mitarbeiterinnen, die unter dem sexualisierten Machtmissbrauch ihres Chefs leiden, aber in ihrer beruflichen Rolle ebenjenes reaktion&auml;re und chauvinistische gesellschaftliche Klima schaffen, das f&uuml;r den Eisberg verantwortlich ist, dessen Spitze das Arbeitsklima im eigenen Haus ist. Nur der Chefredakteur (Reichelt), &uuml;ber den im ganzen Roman nur in der dritten Person gesprochen wird, sprengt als lupenreiner reaktion&auml;rer Krawallbruder die Ambivalenz.<\/p><p>&bdquo;Noch wach?&ldquo; w&auml;re auch ein sehr gutes Buch, wenn der Ich-Erz&auml;hler nicht derart weltentr&uuml;ckt w&auml;re &ndash; ein wahrlich postmaterialistischer Jetset-Popliterat, dessen aufgesetzte Empathie den Leser irgendwann nur noch nervt. Aus literarischer Perspektive mag das materiell sorglose Leben am Pool eines Luxushotels in Los Angeles, bei dem die Dialoge eher an die Weisheiten einer Gruppe von bekifften Teenagern erinnern, sicher interessant sein &ndash; jedwede gesellschaftspolitische Bedeutung hat dieses entr&uuml;ckte Luxusleben, in dem das gr&ouml;&szlig;te Problem der Austausch einer Gucci-Werbetafel durch eine Netflix-Werbetafel zu sein scheint, jedoch nicht. Und das ist hochproblematisch, da der ganze Roman schon aufgrund seiner Themenwahl ja implizit den Anspruch erhebt, gesellschaftspolitisch bedeutend zu sein.<\/p><p>Das mag sich nun selbst ein wenig schizophren anh&ouml;ren &ndash; aber obgleich von Stuckrad-Barre es aufgrund seiner unbestrittenen literarischen Qualit&auml;ten schafft, dem Thema &bdquo;sexualisierter Machtmissbrauch&ldquo; ein glaubhaftes Gesicht zu geben, steht am Ende die Person Stuckrad-Barre als Ich-Erz&auml;hler und Autor dem eigenen Buch im Weg. Ein Autor, der mehr Schnittpunkte zur Lebenswirklichkeit normaler Menschen h&auml;tte, h&auml;tte dem Thema sicherlich genau die Facetten beisteuern k&ouml;nnen, die f&uuml;r eine gesellschaftliche Debatte n&ouml;tig w&auml;ren. Wie sieht beispielsweise das lateinamerikanische Zimmerm&auml;dchen, das dem Autor hinterherputzt und von den lausigen paar Kr&ouml;ten, die sie in diesem Job bekommt, eine ganze Familie ern&auml;hren muss, das Thema &bdquo;sexualisierte Gewalt&ldquo;? Diese Figur taucht im Roman nicht auf; im Roman taucht auch sonst keine in irgendeiner Form als normal oder gar unterprivilegiert zu bezeichnende Figur auf. So verkommt das ansonsten sehr gute Buch leider zu einem Sittengem&auml;lde, das sich abseits der Sophia stets nur selbst um die Welt der Reichen und Sch&ouml;nen dreht. Schade.<\/p><p>Aber vielleicht kann ja ein Popliterat, der sich dank eines hochdotierten Besch&auml;ftigungsverh&auml;ltnisses beim Springer Verlag ein sorgenfreies Jetset-Leben leisten kann, dazu ohnehin nicht viel beisteuern. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Doch wie glaubhaft kann am Ende ein Roman sein, dessen klar erkennbarer Kollateralnutzen ist, den Lebenswandel des Autors auch in einer Zukunft zu sichern, in der er nicht mehr von seinem &ndash; nun &ndash; Ex-Freund D&ouml;pfner finanziert wird?<\/p><p>Titelbild: Wikicommons\/usbotschaftberlin<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/a5ee343c686c4886841030c39f6f1106\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Buch und ein Podcast zur &bdquo;Reichelt-Aff&auml;re&ldquo; erobern derzeit die Charts. 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