{"id":9754,"date":"2011-06-10T10:10:50","date_gmt":"2011-06-10T08:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9754"},"modified":"2014-09-01T11:41:39","modified_gmt":"2014-09-01T09:41:39","slug":"hoher-anstieg-der-arbeitskosten-das-statistische-bundesamt-lasst-sich-als-pr-agentur-der-bundesregierung-und-der-arbeitgeber-instrumentalisieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9754","title":{"rendered":"\u201eHoher Anstieg der Arbeitskosten\u201c \u2013 Das Statistische Bundesamt l\u00e4sst sich als PR-Agentur der Bundesregierung und der Arbeitgeber instrumentalisieren"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Hoher Anstieg der Arbeitskosten im 1.&nbsp;Quartal 2011: +&nbsp;2,0% zum Vorquartal&ldquo;, das war die &Uuml;berschrift der gestrigen <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2011\/06\/PD11__217__624,templateId=renderPrint.psml\">Pressmitteilung des Statistischen Bundesamtes<\/a> und nat&uuml;rliche musste in dieser Meldung noch ein Superlativ folgen: &bdquo;Das ist der zweith&ouml;chste Anstieg seit Beginn der Zeitreihen des Arbeitskostenindex im Jahr 1997.&ldquo;<br>\nSolche Schlagzeilen, die dann erst im &bdquo;Kleingedruckten&ldquo; relativiert werden und die letztlich nur eine geringe Aussagekraft f&uuml;r die Rentabilit&auml;t der Produktion und f&uuml;r die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Wirtschaft haben, k&ouml;nnen eigentlich nur zwei Interessen bedienen:<br>\nSie sind Wasser auf die M&uuml;hlen der Bundesregierung, dass der &bdquo;Aufschwung&ldquo; bei den Arbeitnehmern ankomme und sie liefern Munition f&uuml;r den Abwehrkampf der Arbeitgeberseite gegen Lohnerh&ouml;hungen und f&uuml;r die Senkung der sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;. Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Man muss die Arbeitskosten nicht an der Inflationsrate messen, aber wenn man einmal danach fragt, was von dieser Steigerung in den Geldbeuteln der Arbeitnehmer angekommen sein k&ouml;nnte, dann ist die Bilanz negativ. In jedem Monat des Jahres 2011 lag die Inflationsrate bei &uuml;ber 2 %, im April sogar bei 2,4% &ndash; also &uuml;ber dem Anstieg der Arbeitskosten und damit jedenfalls auch &uuml;ber dem Anstieg der L&ouml;hne. <\/p><p>Schaut man sich die Zeitreihen in der Pressemitteilung an, dann ist der Anstieg nicht besonders bemerkenswert, denn im 3. Quartal 2010 sind die Arbeitskosten um &ndash; 0,3% gesunken und sind im 4. Quartal des letzten Jahres nur m&auml;&szlig;ig gestiegen, so dass der Anstieg um 2,0 % im 1. Quartal 2011 eigentlich nur den R&uuml;ckgang der Jahre 2009 und 2010 wieder ein wenig ausgleicht.<\/p><p>Das erkl&auml;rt das Statistische Bundesamt in der Pressemitteilung auch selbst, wenn es darauf hinweist, dass die Steigerung vor allem durch den weiteren Abbau von (&ouml;ffentlich subventionierter) Kurzarbeit und dann noch durch eine Zunahme von Sonderzahlungen bedingt sei. <\/p><p>F&uuml;r die Arbeitnehmer relativiert sich der Anstieg der Arbeitskosten noch mehr dadurch, dass sich die Bruttol&ouml;hne und &ndash;geh&auml;lter nur um 1,3% erh&ouml;hten, die sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; jedoch um 4,4%. Der Anstieg der Bruttol&ouml;hne wurde also teilweise wieder durch die Anhebung der Beitragss&auml;tze zur Arbeitslosen- und Krankenversicherung wieder reduziert. Dass die &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; auch durch eine h&ouml;here Anzahl von Krankheitstagen (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall) anstiegen, ist aus Arbeitnehmersicht eher ein Alarmsignal daf&uuml;r, dass auch die Arbeitsbelastungen zugenommen haben. <\/p><p>Vollends relativiert sich der &bdquo;hohe Anstieg&ldquo; der Arbeitskosten, wenn man diesen mit dem Anstieg in anderen EU-L&auml;ndern vergleicht. So war der durchschnittliche Anstieg der Arbeitskosten in der gesamten Europ&auml;ischen Union im Jahr 2010 mit + 1,8% h&ouml;her als in Deutschland mit + 0,8%. Gemessen an dem Anstieg im Vereinigten K&ouml;nigreich (+ 3,5%), Frankreich (+ 3,2%), D&auml;nemark (+ 3,1%) stellt sich der jetzige Anstieg in Deutschland eher als ziemlich moderat dar.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110610_wachstumsrate_der_arbeitskosten.png\" alt=\"Wachstumsrate der Arbeitskosten\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_60_2011.pdf\">IMK Report Nr. 60 \/ M&auml;rz 2011 [PDF &ndash; 428 KB]<\/a><\/p><p>Nun sind ja die &bdquo;hohen&ldquo; Arbeitskosten vor allem vor Tarifauseinandersetzungen Anlass f&uuml;r Klagelieder der Unternehmerseite und seit Jahren tragendes Argument f&uuml;r ihre Forderungen nach Lohnzur&uuml;ckhaltung der Gewerkschaften. Der fr&uuml;here BDI-Pr&auml;sident und Talk-Show Stammgast Hans-Olaf Henkel zum Beispiel wird nicht m&uuml;de, zu behaupten, Deutschland habe die h&ouml;chsten Arbeitskosten. Dabei liegt Deutschland mit 29,20 Euro deutlich hinter D&auml;nemark mit 37,60 Euro, Schweden mit 35,90 Euro, Frankreich mit 33,10 Euro, Luxemburg mit 32,80 Euro, den Niederlanden mit 30,40 Euro.<br>\nHier eine Grafik aus Berechnungen von Eurostat, Bundesbank und IMK (deshalb geringf&uuml;gig abweichende Werte): <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110610_arbeitskosten_je_arbeitstunde.jpg\" alt=\"Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_60_2011.pdf\">IMK Report Nr. 60 \/ M&auml;rz 2011 (Siehe dort auch die Grafiken zu den Arbeitskosten im Verarbeitenden Gewerbe und im privaten Dienstleistungssektor) [PDF &ndash; 428 KB]<\/a><\/p><p>Die Arbeitskosten haben dar&uuml;ber hinaus f&uuml;r die Rentabilit&auml;t der Produktion und im Zusammenhang mit der preislichen Wettbewerbsf&auml;higkeit nur eine relative Aussagekraft. Auch Wechselkurs&auml;nderungen und vor allem die Entwicklung der Arbeitsproduktivit&auml;t spielen dabei eine erhebliche Rolle. Entscheidender f&uuml;r die Rentabilit&auml;t und die Wettbewerbsf&auml;higkeit der Wirtschaft ist nicht die absolute H&ouml;he der Arbeitskosten, sondern es sind die Lohnst&uuml;ckkosten, also das Ma&szlig;, das die Arbeitskosten mit der Arbeitsproduktivit&auml;t miteinander in Beziehung setzt. Kurz: Die Arbeitskoten je erbrachter Leistung.<\/p><p>Beim Anstieg dieser Lohnst&uuml;ckkosten war Deutschland in den letzten zehn Jahren das absolute <a href=\"http:\/\/www.wko.at\/statistik\/eu\/europa-lohnstueckkosten.pdf\">Schlusslicht in Europa und weltweit lag nur Japan darunter [PDF &ndash; 35 KB]<\/a>. <\/p><p>Selbst die j&uuml;ngste <a href=\"http:\/\/www.cesifo-group.de\/portal\/page\/portal\/ifoContent\/N\/data\/forecasts\/forecasts_container\/GD20110407\/GD-20110407-lang.pdf\">&bdquo;Gemeinschaftsdiagnose&ldquo; der Konjunkturforschungsinstitute [PDF &ndash; 5.3 MB]<\/a> kommt nicht umhin, festzustellen, dass angesichts des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktivit&auml;t um 1,0% und angesichts der Tatsache, dass die nominalen Lohnst&uuml;ckkosten ihr Niveau vom Vorjahr um 1,1 % unterschritten, sich die Gewinnsituation der Unternehmen sp&uuml;rbar verbessert habe. (S. 36) Gemessen am Produktionsniveau l&auml;gen die realen Arbeitskosten 2012 immer noch niedriger als vor Beginn der Lohnmoderation im Jahr 2004. (S. 37)<\/p><p>Es ist diese vergleichsweise geringe Steigerung der Lohnst&uuml;ckkosten, die Deutschland gegen&uuml;ber seinen europ&auml;ischen Nachbarn und in der Welt so wettbewerbsf&auml;hig gemacht und zu den hohen Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;ssen gef&uuml;hrt hat.<br>\nDamit zusammenh&auml;ngend:  Das lange Zeit relativ geringe Wachstum der L&ouml;hne in Deutschland hat zwar die Exportwirtschaft gest&auml;rkt und es hat zu den bedrohlichen wirtschaftlichen Ungleichgewichten im Euroraum beigetragen, aber auf der anderen Seite entstanden daraus nur geringe Impulse f&uuml;r die Binnennachfrage. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110610_divergenz_der_kosten.jpg\" alt=\"Divergenz der Kosten\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/pdf\/110207_HF+FS_Euroland_in_der_Krise.pdf\">Flassbeck\/Spiecker [PDF &ndash; 77.5 KB]<\/a><\/p><p>Der Anstieg der &bdquo;<strong>Lohnnebenkosten<\/strong>&ldquo; um 4,4% d&uuml;rfte sicherlich einmal mehr zur Festigung des &bdquo;<a href=\"\/wp-print.php?p=5015\">Mythos<\/a>&ldquo; von den angeblich in Deutschland zu hohen Abgaben beitragen. <\/p><p>Deshalb sei auch an dieser Stelle nochmals daran erinnert: Rechnerisch bezogen auf 100 Euro Bruttolohn lag Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes vom April dieses Jahres bei den Lohnnebenkosten mit 28 Euro unter dem europ&auml;ischen Durchschnitt von 31 Euro und nahm mit Rang 15 einen Mittelplatz innerhalb der EU ein. Auf 100 Euro Lohn wurden etwa in Schweden dagegen <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2011\/04\/PD11__143__624,templateId=renderPrint.psml\">51 Euro und in Frankreich 49 Euro bezahlt<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Hoher Anstieg der Arbeitskosten im 1.&nbsp;Quartal 2011: +&nbsp;2,0% zum Vorquartal&ldquo;, das war die &Uuml;berschrift der gestrigen <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Presse\/pm\/2011\/06\/PD11__217__624,templateId=renderPrint.psml\">Pressmitteilung des Statistischen Bundesamtes<\/a> und nat&uuml;rliche musste in dieser Meldung noch ein Superlativ folgen: &bdquo;Das ist der zweith&ouml;chste Anstieg seit Beginn der Zeitreihen des Arbeitskostenindex im Jahr 1997.&ldquo;<br \/> Solche Schlagzeilen, die dann erst im &bdquo;Kleingedruckten&ldquo; relativiert werden und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9754\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,50,157,133],"tags":[777,365,343,333,405],"class_list":["post-9754","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-finanzkrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","category-wichtige-wirtschaftsdaten","tag-henkel-hans-olaf","tag-inflation","tag-luegen-mit-zahlen","tag-lohnstueckkosten","tag-statistisches-bundesamt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9754","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9754"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9754\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9756,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9754\/revisions\/9756"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9754"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9754"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9754"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}