{"id":9757,"date":"2011-06-10T10:24:23","date_gmt":"2011-06-10T08:24:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9757"},"modified":"2014-09-01T11:42:32","modified_gmt":"2014-09-01T09:42:32","slug":"sollbruchstelle-im-gesundheitssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9757","title":{"rendered":"Sollbruchstelle im Gesundheitssystem"},"content":{"rendered":"<p>Auf der einen Seite erzielt das gesetzliche Krankenversicherungssystem nach j&uuml;ngsten Sch&auml;tzungen auch in diesem Jahr gigantische &Uuml;bersch&uuml;sse, auf der anderen Seite droht immer mehr Kassen das wirtschaftliche Aus. Was sich zun&auml;chst wie ein Widerspruch anh&ouml;rt, hat System. Mit dem Gesundheitsfonds steht dem FDP-gef&uuml;hrten Gesundheitsministerium genau das Instrument zur Verf&uuml;gung, um schonungslose Klientelpolitik zu betreiben. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><p>Seit dem Jahr 2009 gehen Beitragseinnahmen gesetzlich Krankenversicherter nicht mehr direkt an die jeweilige Krankenkasse, sondern an den zentralen Gesundheitsfonds, der dem Bundesgesundheitsministerium untersteht. Das Ministerium hat dann zu entscheiden, wie viel Geld die Kassen im Folgejahr aus dem Fonds zugewiesen bekommen. Um konjunkturelle Dellen abzufedern, steht dem Fonds eine sogenannte Liquidit&auml;tsreserve zur Verf&uuml;gung, deren H&ouml;he <a href=\"http:\/\/dejure.org\/gesetze\/SGB_V\/271.html\">gesetzlich<\/a> mit zwanzig Prozent der monatlichen Zuweisungen festgelegt wurde. F&uuml;r das Jahr 2011 <a href=\"http:\/\/www.bundesversicherungsamt.de\/cln_115\/nn_1912730\/DE\/Gesundheitsfonds\/Finanzergebnisse\/Ein__Auszahlungen__Gesundheitsfonds__2011,templateId=raw,property=publicationFile.pdf\/Ein_Auszahlungen_Gesundheitsfonds_2011.pdf\">entspricht dies [PDF &ndash; 18 KB]<\/a> einer Summe von etwas unter drei Milliarden Euro. Aktuelle Sch&auml;tzungen gehen jedoch davon aus, dass die Liquidit&auml;tsreserve des Gesundheitsfonds zum Ende dieses Jahres auf stolze 7,2 Milliarden Euro angewachsen sein wird.<\/p><p><strong>Gewollte Unterfinanzierung<\/strong><\/p><p>Das GKV-System ist somit keinesfalls defizit&auml;r. Keine Krankenkasse m&uuml;sste Zusatzbeitr&auml;ge, die ausschlie&szlig;lich vom Versicherten und nicht vom Arbeitgeber geleistet werden, erheben oder gar Insolvenz anmelden. Im System ist gen&uuml;gend Geld vorhanden, es wird jedoch den Krankenkassen vorenthalten. Das wiederum ist politisch gewollt. Die FDP macht gar keinen Hehl daraus, dass Schlie&szlig;ungen und Fusionen einzelner Krankenkassen politisch angestrebt sind. Ein durch selektive Unterfinanzierung angerichtetes Chaos im GKV-System hilft einerseits den von der FDP favorisierten privaten Krankenkassen und erzeugt andererseits im Nebeneffekt auch &Uuml;bersch&uuml;sse f&uuml;r den Gesundheitsfonds, die vom FDP-gef&uuml;hrten Gesundheitsministerium klientelgerecht ausgesch&uuml;ttet werden k&ouml;nnen. <\/p><p>Nach brancheninternen Sch&auml;tzungen verf&uuml;gt jede vierte bundesweit t&auml;tige Krankenkasse &uuml;ber zu geringe R&uuml;cklagen. Die Finanzlage von zwanzig Kassen sei derart angespannt, dass sie im internen Bewertungssystem der gesetzlichen Krankenversicherung mit der kritischen Stufe &bdquo;rot&ldquo; bewertet w&uuml;rden. Obgleich das GKV-System milliardenschwere &Uuml;bersch&uuml;sse einf&auml;hrt, sind 28 Millionen Bundesb&uuml;rger bei einer Krankenkasse versichert, die aufgrund finanzieller Engp&auml;sse in ihrer Existenz bedroht ist.<\/p><p><strong>Das Beispiel City BKK<\/strong><\/p><p>Wie es soweit kommen konnte, zeigt das Beispiel der City BKK. Der Versichertenpool dieser Kasse geh&ouml;rt zu den kostenintensivsten im GKV-System, mehr als die H&auml;lfte ist &uuml;ber 60 Jahre alt, 16% der Versicherten leiden an mehreren Krankheiten &ndash; doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Hinzu kommt, dass die City BKK vor allem in Gro&szlig;st&auml;dten aktiv ist, in denen zahlreiche kostenintensive Fach&auml;rzte und Therapieeinrichtungen um Patienten buhlen. <\/p><p>Am 1. April 2010 sah sich die Kasse dazu gezwungen, einen Zusatzbeitrag in H&ouml;he von acht Euro zu erheben, was dazu f&uuml;hrte, dass viele j&uuml;ngere und mobile &ndash; und damit im Schnitt kosteng&uuml;nstigere &ndash; Versicherte, die Kasse verlie&szlig;en. Dies f&uuml;hrte dazu, dass die prek&auml;re Finanzierungslage sich abermals anspannte und die City BKK am 1. Januar 2011 den Zusatzbeitrag auf 15 Euro erh&ouml;hen musste. Der Teufelskreis aus erh&ouml;hten Zusatzbeitr&auml;gen und Mitgliederabwanderungen f&uuml;hrte schlie&szlig;lich dazu, dass die Kasse im Mai ihre Schlie&szlig;ung zum 1. Juli dieses Jahres bekanntgeben musste. <\/p><p><strong>Teufelskreis<\/strong><\/p><p>Wie das Beispiel City BKK zeigt, hat die Erhebung von Zusatzbeitr&auml;gen auch nichts mit gutem Wirtschaften oder dem politisch geforderten Wettbewerb unter den Kassen zu tun. Ein Wettbewerb findet zwar statt &ndash; doch ist dies ein Wettbewerb um die kosteng&uuml;nstigsten Mitglieder und somit ein Wettbewerb, der mit einer Sozialkasse per Definition nicht zu vereinbaren ist. <\/p><p>Zusatzbeitr&auml;ge sind nicht nur unsozial, da sie ausschlie&szlig;lich vom Versicherten und nicht vom Arbeitgeber getragen werden m&uuml;ssen, sondern stellen auch ein s&uuml;&szlig;es Gift f&uuml;r die Krankenkassen dar. Sobald sich eine Kasse gezwungen sieht, Zusatzbeitr&auml;ge zu erheben, wechseln preisweitere Versicherte zu einer kosteng&uuml;nstigeren Kasse, was mittel- bis langfristig bei der Kasse, die Zusatzbeitr&auml;ge erhebt, nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung der Finanzsituation f&uuml;hrt. Das Gesundheitsministerium k&ouml;nnte diesen Teufelskreis durch Zuweisungen, die sich an den Ausgaben der Kassen orientieren, durchbrechen. Da das Kassensterben aber von der FDP politisch gewollt ist, findet auch keine Rettung der angeschlagenen Kassen statt.<\/p><p><strong>Wohin mit den &Uuml;bersch&uuml;ssen?<\/strong><\/p><p>Da die Liquidit&auml;tsreserve des Gesundheitsfonds gesetzlich festgelegt ist, muss das Gesundheitsministerium auch begr&uuml;nden, warum es die &Uuml;bersch&uuml;sse nun bereits im zweiten Jahr in Folge nicht aussch&uuml;ttet. Um die Reserve auf die gesetzlich vorgesehene H&ouml;he zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, stehen dem Ministerium drei Optionen zur Verf&uuml;gung:<\/p><ol>\n<li>Senkung des allgemeinen Beitragssatzes des GKV-Systems<\/li>\n<li>Erh&ouml;hung der Zuweisungen an die Krankenkassen<\/li>\n<li>Erh&ouml;hung der Ausgaben im GKV-System <\/li>\n<\/ol><p>Eine Senkung des Beitragssatzes entspricht eigentlich dem langj&auml;hrigen Mantra der Senkung der Lohnnebenkosten, da von diesem Schritt auch die Arbeitgeber profitieren w&uuml;rden. Eine Senkung w&uuml;rde jedoch gleichzeitig die Attraktivit&auml;t des GKV-Systems im Vergleich zum privaten Krankenversicherungssystem (PKV) steigern. Dem PKV-System <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/32\/32165\/1.html\">stehen durch die demographische Entwicklung schwere Zeiten bevor<\/a> &ndash; jeder &bdquo;Wettbewerbsvorteil&ldquo; des GKV-Systems ist daher f&uuml;r das PKV-System existenzbedrohend. Es ist daher auch alles andere als &uuml;berraschend, dass die FDP, die sich stets als Interessenvertreter des PKV-Systems verstanden hat, W&uuml;nschen nach einer Senkung des Beitragssatzes bereits eine Abfuhr erteilt hat.<\/p><p>Eine Erh&ouml;hung der Zuweisungen an die Krankenkassen w&auml;re die sinnvollste Alternative, da damit die Zusatzbeitr&auml;ge wieder abgeschafft werden k&ouml;nnten. Im letzten Jahr nahmen die Krankenkassen rund 1,2 Milliarden Euro durch Zusatzbeitr&auml;ge ein &ndash; gleichzeitig erzielte der Gesundheitsfonds &Uuml;bersch&uuml;sse in H&ouml;he von 4,2 Milliarden Euro. Zusatzbeitr&auml;ge sind also nicht wirtschaftlich notwendig, sondern politisch gewollt. Gewollt ist daher auch, dass die Zuweisungen an die Kassen weiterhin so niedrig ausfallen, dass sie gezwungen sind, weiterhin Zusatzbeitr&auml;ge zu erheben.<\/p><p><strong>Klientelpolitik &aacute; la FDP<\/strong><\/p><p>Die sicherste Methode, k&uuml;nftige &Uuml;bersch&uuml;sse des GKV-Systems zu vermeiden und die Kassen weiterhin ausbluten zu lassen, ist es daher, die Kostenseite zu erh&ouml;hen. Und was l&auml;ge da n&auml;her, als die &bdquo;Lieblingsklientel&ldquo; der FDP zu begl&uuml;cken? Das Jahr 2013 ist Wahljahr und genau f&uuml;r dieses Jahr sieht die Gesundheitsreform von Daniel Bahr nach <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13417918\/Aerzte-bekommen-2-8-Milliarden-Euro-mehr-Honorar.html\">Angaben des Kassenverbandes<\/a> auch eine Erh&ouml;hung der &Auml;rztehonorare um stolze 2,8 Milliarden Euro vor &ndash; ein Schelm, wer B&ouml;ses dabei denkt.<\/p><p>Diese Form der Klientelpolitik reiht sich dabei nahtlos in die Politik der Umverteilung von unten nach oben ein. Den Versicherten wird &uuml;ber die Zusatzbeitr&auml;ge Geld entzogen, das indirekt auf der anderen Seite an die FDP-Klientel ausgesch&uuml;ttet wird. <\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/81207fb0a5944303ab13ff792116faf2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der einen Seite erzielt das gesetzliche Krankenversicherungssystem nach j&uuml;ngsten Sch&auml;tzungen auch in diesem Jahr gigantische &Uuml;bersch&uuml;sse, auf der anderen Seite droht immer mehr Kassen das wirtschaftliche Aus. Was sich zun&auml;chst wie ein Widerspruch anh&ouml;rt, hat System. Mit dem Gesundheitsfonds steht dem FDP-gef&uuml;hrten Gesundheitsministerium genau das Instrument zur Verf&uuml;gung, um schonungslose Klientelpolitik zu betreiben. 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