{"id":97587,"date":"2023-05-12T10:57:25","date_gmt":"2023-05-12T08:57:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97587"},"modified":"2023-05-15T07:50:58","modified_gmt":"2023-05-15T05:50:58","slug":"technischer-fortschritt-ohne-technikfolgeabschaetzung-fuehrt-ins-desaster","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97587","title":{"rendered":"\u201eTechnischer Fortschritt ohne Technikfolgeabsch\u00e4tzung f\u00fchrt ins Desaster\u201c"},"content":{"rendered":"<p>ChatGPT und vergleichbare Tools K&uuml;nstlicher Intelligenz dringen in alle Bereiche der Gesellschaft vor &ndash; nicht zuletzt in die Schulen. Sie liefern Texte, Referate und Pr&auml;sentationen, die der Mensch nicht besser h&auml;tte machen k&ouml;nnen. Und die Lehrkr&auml;fte r&auml;tseln, wen oder was sie wof&uuml;r noch benoten sollen. Im Interview mit den NachDenkSeiten pl&auml;diert der P&auml;dagoge, Medienwissenschaftler und Buchautor <strong>Ralf Lankau <\/strong>ob des Ansturms digitaler Technologien f&uuml;r eine R&uuml;ckbesinnung auf das, was Lernen wirklich ausmacht: ein selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben f&uuml;hren zu k&ouml;nnen. Mit ihm sprach <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1513\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97587-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97587-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230512_Technischer_Fortschritt_ohne_Technikfolgeabschaetzung_fuehrt_ins_Desaster_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Lankau, viel ist derzeit die Rede davon, was der Chatbot ChatGPT des US-Unternehmens OpenAI und vergleichbare Anwendungen K&uuml;nstlicher Intelligenz (KI) alles leisten k&ouml;nnen, also etwa Texte, Bilder und Pr&auml;sentationen auf Zuruf zu generieren oder Sprachen zu &uuml;bersetzen. Das hinterl&auml;sst m&auml;chtig Eindruck und wir erleben deshalb seit Monaten einen riesigen Hype um die neue Technologie. Ziemlich unter geht dabei, was diese Werkzeuge &ndash; abseits von &bdquo;Kinderkrankheiten&ldquo; wie der Erfindung von Falschinformationen &ndash; nicht k&ouml;nnen oder noch nicht k&ouml;nnen. Wie ist da der Stand? <\/strong><\/p><p>Man muss sich klar machen, was sich hinter dem Begriff der K&uuml;nstlichen Intelligenz verbirgt. Es geht im Kern um nichts anderes als automatisierte Datenverarbeitung. Da unsere Rechnersysteme immer leistungsf&auml;higer geworden sind und vernetzt arbeiten, sind die technischen Parameter wie Rechengeschwindigkeit, zugrundeliegende Datenbasis oder verarbeitete Parameter in der Tat beeindruckend. Aber das ist nur die Quantifizierung der technischen Leistung. Das ist wie bei einer Automobilausstellung, wo mit immer gr&ouml;&szlig;eren Autos, h&ouml;herer Motorleistung und H&ouml;chstgeschwindigkeit geprotzt wird. An der entscheidenden Frage nach einer umweltvertr&auml;glichen Mobilit&auml;t im 21. Jahrhundert geht das aber alles komplett vorbei.<\/p><p><strong>Wie kommen da die Bots ins Spiel? <\/strong><\/p><p>Die immer h&ouml;here Rechenleistung und die Auswertung von Milliarden Dateien aus dem Web &auml;ndern nichts an der elementaren Arbeitsweise, wie solche Systeme und mathematischen Sprachmodelle Texte generieren, n&auml;mlich rein statistisch, berechnet nach Wahrscheinlichkeit und anhand typischer Muster, ohne Wissen oder Reflexionsverm&ouml;gen &uuml;ber das eigene Tun. Auch die schnellsten Bots bleiben &bdquo;stochastische Papageien&ldquo;, wie die Linguistin Emily Bender und Kolleginnen formulierten. Sie &bdquo;plappern nach&ldquo;, setzen Texte beziehungsweise Wortteile zusammen, ohne die Inhalte oder die Bedeutung von Worten und S&auml;tzen oder die Funktion von Kommunikation zu kennen. Sie generieren mit Hilfe von statistischen Methoden Texte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit grammatikalisch korrekt sind und sogar sinnvolle Aussagen enthalten k&ouml;nnen.<\/p><p><strong>Zur&uuml;ck zum Vergleich mit einer Automesse. Wo liegt der gro&szlig;e Haken bei der Nutzung von KI? <\/strong><\/p><p>Die Frage ist weniger, was diese Systeme heute technisch leisten, sondern warum der Mensch so schnell und leichtgl&auml;ubig mit Maschinen kommuniziert. Wir &bdquo;reden&ldquo; ja mit unserem PC oder Auto oder anderen Maschinen, weil uns das Reden ein Bed&uuml;rfnis zu sein scheint. Daher lassen wir uns auch von der Simulation von vermeintlicher Intelligenz durch Bots so leicht blenden.<\/p><p><strong>Was bedeutet: Wir lassen uns durch eine dumme Maschine blenden. Aber nicht nur das: Nicht wenige sind bereit, sich ihr auszuliefern, sich ihr Leben durch alle m&ouml;glichen technischen Tools &bdquo;erleichtern&ldquo; zu lassen. Beweist der Mensch damit neben seiner Faulheit nicht auch seine Dummheit? <\/strong><\/p><p>Wir sind als Menschen gerne bequem. Wenn jemand anderes f&uuml;r uns denkt und entscheidet, m&uuml;ssen wir das nicht selbst tun, schrieb schon Immanuel Kant. Anstelle des Lehrers, des Arztes oder Pfarrers ist es heute eben meine Smartwatch oder ein Avatar, der mich anstupst, damit ich mich bewege oder jemandem zum Geburtstag gratuliere oder rechtzeitig ins Bett gehe. Anders als bei Lehrer, Arzt oder Pfarrer habe ich zwar kein Gegen&uuml;ber mehr, von dem ich wei&szlig;, was er will, und dem ich widersprechen kann. Daf&uuml;r ist die Grenze zwischen Bequemlichkeit und freiwilliger Selbstentm&uuml;ndigung nicht definiert und meine digitale Kontrollinstanz immer pr&auml;sent. Ob Anpassung an die Maschinenlogik Dummheit ist oder am Ende eher &bdquo;smart&ldquo;, weil man mit Minimalaufwand und ohne selbst etwas entscheiden zu m&uuml;ssen, zu Belohnung und Belobigung kommt? Digitalsysteme sind von Haus aus Kontrollsysteme und Anpassung minimiert den eigenen Aufwand. Die Frage ist vielleicht eher: Wie selbstbestimmt wollen wir leben?<\/p><p><strong>Man h&ouml;rt immer mehr Stimmen, die sagen, in Gestalt von ChatGPT schicke sich die K&uuml;nstliche Intelligenz an, den Menschen zu &uuml;berholen oder &bdquo;besser&ldquo; als der Mensch zu werden. Was f&auml;llt Ihnen dazu ein? <\/strong><\/p><p>Wir wissen bis heute nicht, was das eigentlich ist, die menschliche Intelligenz. Wir behelfen uns mit dem Modell des Intelligenzquotienten, erg&auml;nzt um Konstrukte wie die emotionale oder soziale Intelligenz. Mit diesem verk&uuml;rzten Verst&auml;ndnis kann man Maschinen bauen, die bestimmte logische Operationen schneller und ausdauernder ausf&uuml;hren als der Mensch. Ein Schachcomputer zum Beispiel rechnet erm&uuml;dungsfrei und, bei korrekter Programmierung, fehlerfrei. Dagegen kommt ein Mensch auf Dauer nicht an, eben weil wir keine Maschinen sind. Wir sollten daher &uuml;berlegen, auf welche &bdquo;Wettbewerbe&ldquo; mit Maschinen wir uns einlassen oder ob das &uuml;berhaupt sinnvoll ist.<\/p><p>Interessanterweise hat ein Go-Meister zuletzt wieder gegen einen Computer gewonnen, weil der Mensch, anders als eine Software, das Spiel versteht und durch unorthodoxe Z&uuml;ge taktieren und kreativ spielen kann. Das hei&szlig;t: Ja, es gibt Dinge, die Maschinen &bdquo;besser&ldquo; k&ouml;nnen als Menschen. Die entscheidende Frage ist aber doch, wer dieses &bdquo;besser&ldquo; definiert und ob es Aufgabe des Menschen ist, Dinge besser zu k&ouml;nnen als Maschinen, oder ob es nicht intelligenter w&auml;re, dass Menschen sich auf das fokussieren, was Maschinen nicht k&ouml;nnen, etwa Ideen zu entwickeln, ihre Phantasie zu nutzen und selbstbestimmt etwas zu wollen und zu tun.<\/p><p><strong>Heute geht es eher darum, was alles sich der Mensch von der Technik abnehmen l&auml;sst und was er damit anrichtet, ohne es zu ahnen. Immer mehr Kinder lassen sich heute ihre Gutenachtgeschichte von einer Toniebox erz&auml;hlen, also einem digitalen Kassettenrekorder. Jetzt will der deutsche Hersteller das <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article245208808\/KI-im-Kinderzimmer-Jetzt-erfindet-die-KI-auch-Gute-Nacht-Geschichten.html\">Ger&auml;t mit ChatGPT koppeln<\/a>, um so ganz individuelle Geschichten, etwa mit dem Zuh&ouml;rer als M&auml;rchenheld, zu generieren. So kann das T&ouml;chterchen mal eben in die Rolle von Schneewittchen schl&uuml;pfen oder der Sohnemann mit seinen Freunden auf dem Mond kicken. Das Beste ist: Die Kinder schlafen auch noch ein damit. Hier paaren sich Zweckdienlichkeit mit Kreativit&auml;t, k&ouml;nnte man meinen. Was denken Sie? <\/strong><\/p><p>Solche Anwendungen haben mehrere, negative Aspekte. Das Vorlesen von Geschichten beim Einschlafen ist ja eine private, empfindsame Situation zwischen Vater, Mutter und Kind. Es ist eine Frage des Vertrauens: Man h&ouml;rt der Stimme und der Geschichte zu, f&uuml;hlt sich geborgen und besch&uuml;tzt und schl&auml;ft idealerweise ein. Diese gemeinsame Zeit des zur Ruhe Kommens sollte man nicht an Abspielger&auml;te delegieren. Zugleich gehen Sagen, Mythen und M&auml;rchen verloren, die ein wichtiger Teil jeder Kultur sind und die wir auch Kindern vermitteln sollten, um sie in die Kulturgemeinschaft einzubinden.<\/p><p>KI-generierte Geschichten sind beliebig und zuf&auml;llig. Au&szlig;erdem verlieren Kinder ihre Empathie, wenn man sie immer selbst zu Protagonisten macht, weil es ein ganz wesentlicher Aspekt von solchen Geschichten ist, dass wir mit anderen etwas miterleben, mitfiebern und mitleiden, uns gemeinsam freuen, wenn das Rotk&auml;ppchen doch gerettet oder der Drache besiegt wird. Auch die Eltern verlieren nicht nur gemeinsame Zeit, wenn sie weder vorlesen noch sich Geschichten ausdenken. Der britische Koch Jamie Oliver hat gerade ein Kinderbuch mit Geschichten ver&ouml;ffentlicht, die er f&uuml;r seine Kinder erfunden hat. Er ist zwar Legastheniker, aber hat die Texte mit seinen Kindern ausprobiert und ge&auml;ndert. So entsteht ein kleiner, gemeinsamer Kosmos an Figuren und Geschichten. Digitaltechniken und Bildschirmmedien haben ja die Tendenz zu sozialer Isolation und Vereinzelung. Selbstbezogenheit bis hin zum Egozentrismus und letztlich Nihilismus werden verst&auml;rkt, wenn man auch in solchen Geschichten immer im Mittelpunkt steht.<\/p><p><strong>ChatGPT im Kinderzimmer ist das eine. Noch nachhaltiger und wom&ouml;glich verheerend wird die Technik das Klassenzimmer ver&auml;ndern. Die Klagen von Lehrkr&auml;ften &uuml;ber mutma&szlig;lich durch KI verfasste Hausaufgaben, Aufs&auml;tze und Referate werden immer lauter. Schummeln mit Google lie&szlig; sich ziemlich leicht entlarven. KI kreiert dagegen Unikate, fehlerlos oder, zur Tarnung und altersgerecht, mit schlampiger Orthografie und Grammatikpatzern. Wie sollen die armen Pauker da noch durchblicken oder dagegenhalten? <\/strong><\/p><p>Die Frage ist doch, wer ein Interesse daran an, dass solche Techniken den Unterricht ver&auml;ndern. Die Behauptung, wonach jede neue Technik und alle neuen Ger&auml;te und Dienste in den Unterricht geh&ouml;ren, verfolgt uns seit Jahrzehnten. Und der Nutzen? Negativ, nicht nachgewiesen und vor allem nicht nachzuweisen. Alles nachzulesen beim d&auml;nischen Kollegen Jesper Balslev in seinem Buch &bdquo;Evidence of a potential&ldquo;. Hierin f&uuml;hrt er s&auml;mtliche Argumente pro Digital von 1983 bis 2015 auf und kommt zu dem Schluss: &bdquo;Obwohl die empirische Evidenz in zahlreichen F&auml;llen negative, seltener auch positive und in vielen F&auml;llen neutrale Effekte des Einsatzes digitaler Medien auf die Lernleistung zeigt, h&auml;lt die Forderung nach einer verst&auml;rkten Digitalisierung von Bildungsprozessen seit Jahrzehnten an.&ldquo;<\/p><p><strong>Das hilft jetzt aber dem Lehrer nicht weiter beim R&auml;tselraten, wer da wof&uuml;r eine Eins verdient &ndash; der Sch&uuml;ler oder der Chatbot &hellip; <\/strong><\/p><p>Geschummelt und betrogen wurde in Schulen und Hochschulen schon immer. Hausarbeiten und Dissertationen kann man sich gegen entsprechendes Geld schreiben lassen oder aus dem Internet kopieren. Software zur Plagiatsfindung findet nur die faulen Kopisten. Es gibt Software zum Umformulieren, von allgemeinverst&auml;ndlich bis streng wissenschaftlich. Klar, wir k&ouml;nnen technisch aufr&uuml;sten. Aber das ist ein Hase-und-Igel-Spiel. Wer sich das <a href=\"https:\/\/youtu.be\/8ORlfeCjnWI\">Video von J&ouml;rn Loviscach<\/a> anschaut, erkennt, dass sowohl die Software wie die Dienstleister immer einen Schritt voraus sind.<\/p><p>Sinnvoller ist es zu vermitteln, dass es eine eigene Qualit&auml;t und ein freudiges Erlebnis ist, etwas gelernt oder selbst gemacht zu haben, ein Bild zu malen, einen Text zu schreiben, eine Matheaufgabe zu l&ouml;sen, ein Instrument zu spielen. Und auch zu vermitteln, dass Lernen anstrengend sein kann, aber Anstrengung Freude macht. Zum Erfolg geh&ouml;ren &Uuml;bung, Ausdauer und Disziplin notwendig dazu. Ziel muss daher sein, f&uuml;r Inhalte, Themen, F&auml;cher zu begeistern und zu eigener Leistung zu motivieren und zu inspirieren.<\/p><p><strong>Das mutet einigerma&szlig;en naiv an bei den gesellschaftlichen Kr&auml;fteverh&auml;ltnissen. Die Technik l&auml;dt ja dazu ein oder fordert geradezu dazu auf, das Lernen zu unterlassen. Und wenn dann auch noch Zehntausende P&auml;dagogen im Land fehlen, bleibt das ausgelaugte Restpersonal ja noch hilfloser zur&uuml;ck. Sagen Sie denen mal, sie sollen gef&auml;lligst f&uuml;rs Lernen begeistern &hellip; <\/strong><\/p><p>Solche Kr&auml;fteverh&auml;ltnisse sind Alltag seit den 1970er-Jahren, die Besch&auml;digung des Ansehens und Leugnung der Aufgaben von Erzieherinnen und Erziehern beziehungsweise Lehrkr&auml;ften geh&ouml;rt zum neoliberalen System. Menschen werden zu Humankapital deklariert, die ins System eingepasst werden m&uuml;ssen. Dessen Scheitern wird mit jeder neuen Studie best&auml;tigt, zuletzt durch den <a href=\"https:\/\/deutsches-schulportal.de\/bildungswesen\/iqb-bildungstrend-die-wichtigsten-ergebnisse\/\">IQB-Bildungstrend<\/a>, eine Langzeitanalyse im Auftrag der Kultusministerkonferenz. Immer mehr Kinder erreichen nach vier Jahren Schule nicht einmal die Mindeststandards in Lesen, Schreiben, Rechnen und Zuh&ouml;ren.<\/p><p><strong>Woraus folgt? <\/strong><\/p><p>Hier hilft nur gemeinsamer Widerstand von Schultr&auml;gern und -leitungen mit den Kollegien und den Eltern gegen die &Ouml;konomisierung der Bildungseinrichtungen und Funktionalisierung der Menschen. Au&szlig;erdem muss man die Ursachen der Lerndefizite benennen, unter anderem dysfunktionale Mediennutzung und gestiegene Bildschirmnutzungszeiten, wie es die Schulleiterin Silke M&uuml;ller mit ihrem Buch <a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2023\/05\/schulleiterin-ueber-soziale-medien-wir-verlieren-unsere-kinder-eltern-und-lehrer-sind-ahnungslos\/\">&bdquo;Wir verlieren unsere Kinder&ldquo;<\/a> macht. Das ist der wei&szlig;e Elefant im Raum. T&auml;glich mehrere Stunden am Display und TikTok oder Games macht etwas mit den Kids. Und f&uuml;r die eigene Schule oder die eigene Klasse gilt: Stellen Sie Regeln zum Schutz der Kinder und Jugendlichen auf und setzen Sie diese konsequent um. Wir m&uuml;ssen Schule und Unterricht wieder vom Menschen her denken und entsprechend umbauen. Dazu geh&ouml;rt auch der Schutz vor krank und s&uuml;chtig machender Mediennutzung.<\/p><p>Man kann nat&uuml;rlich mit IT in Schulen arbeiten, falls das p&auml;dagogisch sinnvoll ist. Man kappt daf&uuml;r den R&uuml;ckkanal f&uuml;r Daten. Denn nicht die Technik ist das Hauptproblem, sondern die damit verbundenen Gesch&auml;ftsmodelle der Daten&ouml;konomie, f&uuml;r die User nur Datenspender sind, denen man Werbung zeigt.<\/p><p><strong>Worin sehen Sie die gr&ouml;&szlig;ten Gefahren von IT und KI f&uuml;r die Entwicklung von Heranwachsenden?<\/strong><\/p><p>Das gr&ouml;&szlig;te Problem ist die Vertiefung der sozialen Spaltung, die wir jetzt schon erleben und die sich in der Corona-Krise verst&auml;rkt und verstetigt hat. Kinder und Jugendliche aus bildungsaffinen Elternh&auml;usern, die daheim vielleicht noch Unterst&uuml;tzung bekommen haben, sind recht gut durch die Pandemie gekommen. Wem diese Unterst&uuml;tzung gefehlt hat und wer nicht zu den sehr wenigen &bdquo;Selbstlernern&ldquo; geh&ouml;rt, hat verloren und Lernr&uuml;ckst&auml;nde aufgebaut.<\/p><p>Das versch&auml;rft sich mit der Nutzung von Tools wie ChatGPT. &bdquo;Selbstlerner&ldquo; begreifen das als Spiel, die anderen wollen nur schnell ein Ergebnis. W&auml;hrend man bei Google Suchbegriffe eingegeben hat und aus einer Ergebnisliste ausw&auml;hlen und bewerten musste, liefern Chatbots fertige Antworten. Aber wie soll man pr&uuml;fen, ob das stimmt, was da steht? Das kann nur, wer &uuml;ber das n&ouml;tige Wissen verf&uuml;gt, die Antwort zu beurteilen und bei Bedarf zu &uuml;berpr&uuml;fen. Wenn ich keine Ahnung habe, muss ich glauben, was da steht. Das ist das Matth&auml;us-Prinzip: Wer Vorwissen hat, dem wird ein Werkzeug und Arbeitserleichterung gegeben. Alle anderen verlieren.<\/p><p><strong>Und dann? <\/strong><\/p><p>Mittelfristig passiert noch mehr: Man verlernt, was man konnte. Sp&auml;ter ver&ouml;det auch die Sprache, weil sie sich per Bot selbst aus dem Datenbestand reproduziert. Wer es dystopisch mag: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese ganzen Bild- und Textgeneratoren sich nur selbst reproduzieren. Ich habe mit einem IT-Kollegen geflachst, dass das gut ist, weil sich dann die Bots miteinander unterhalten wie die Betriebssysteme untereinander im Science-Fiction-Film &bdquo;Her&ldquo; von Spike Jonze. Vielleicht reden wir Menschen dann wieder miteinander.<\/p><p><strong>Oder auch nicht. Es ist nicht eher so, dass Schulbildung oder Bildung im Allgemeinen, so wie wir sie kennen, mit dem Einzug der KI eigentlich ausgedient hat? <\/strong><\/p><p>Im Gegenteil. Bildung und Allgemeinbildung werden immer wichtiger ebenso wie Fachwissen und das Verstehen von Zusammenh&auml;ngen. Eine KI ist ja weder gebildet noch versteht sie irgendetwas von dem, was sie da nach statistischen Parametern berechnet. Da gibt es keinen Willen, etwas zu tun, kein Bewusstsein &uuml;ber das Tun. Deswegen sind auch die Dystopien Quatsch, die fabulieren, die Maschinen &uuml;bernehmen die Macht und l&ouml;schen uns aus. Das ist Science-Fiction wie bei &bdquo;Odyssee im Weltraum&ldquo; von Stanley Kubrick, wo &bdquo;HAL&ldquo; nach und nach die Astronauten ermordet, bevor der letzte Astronaut ihm die Speicherkarten zieht und der Supercomputer zum stammelnden S&auml;ugling regrediert. Damit aus Daten und Dateien wieder Wissen und Verst&auml;ndnis oder ein Willen werden, braucht es den oder die Menschen, die sehen, lesen und verstehen.<strong> <\/strong>Auch die beste Bibliothek nutzt mir nichts, wenn ich nicht lesen kann.<\/p><p><strong>Aber wer kann morgen noch lesen? Beziehungsweise ist es eine sch&ouml;ne Aussicht, wenn bald nur noch eine kleine Elite lesen kann? <\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich nicht und deshalb braucht es ein Umdenken. Diese Bots produzieren rasend schnell Unmengen von Zeugs, das niemand mehr auf Sachlichkeit und Korrektheit pr&uuml;fen kann. Wir werden geflutet mit Fake News und Propaganda, wogegen nur ein ge&auml;ndertes Mediennutzungsverhalten hilft. Wir m&uuml;ssen lernen, nur mit gepr&uuml;ften Quellen zu arbeiten und das Netz und den Output von KIs als Misthaufen zu begreifen. So hat dies der Computerpionier Joseph Weizenbaum schon im Jahr 2000 beschrieben, als die meisten Menschen noch gar nicht wussten, was das Internet ist. Es gebe zwar ein paar Perlen zu finden, das gel&auml;nge jedoch nur &bdquo;mit der F&auml;higkeit, gute Fragen zu stellen&ldquo;, schrieb er. Daf&uuml;r m&uuml;sse jedoch das kritische Denken in den Schulen und Universit&auml;ten gef&ouml;rdert werden.<\/p><p><strong>Was gerade nicht passiert &ndash; eher im Gegenteil. <\/strong><\/p><p>Das stimmt leider. Kritisch denken und reflektieren kann nur, wer etwas gelernt und verstanden hat. Verstehen lehren ist Aufgabe der Lehrkr&auml;fte, das kann kein stochastischer Papagei, auch wenn Bill Gates behauptet, KI w&uuml;rde in Zukunft den Kindern das Lesen und Schreiben beibringen. Microsoft hat bereits mehr als 13 Milliarden US-Dollar in OpenAI investiert und f&uuml;r die n&auml;chsten Jahre jeweils zweistellige Milliardeninvestitionen zugesagt.<strong> <\/strong>Es sollte uns zu denken geben, wenn ein vollst&auml;ndig intransparentes und rein kommerzielles IT-System Kinder unterrichten soll.<\/p><p><strong>Von wem erwarten Sie ein Umdenken? Von der Politik, den Schulen? <\/strong><\/p><p>Da ein Umdenken von Seiten der Kultusministerien nicht zu erwarten ist, weil dort Lobbyisten ihre Interessen durchsetzen, bleibt nur eine (R)Evolution von unten, von den Schulen und dem einzelnen Klassenzimmer aus. Hier m&uuml;ssen sich Kollegien und Eltern darauf einigen, dass ihre Kinder keine &bdquo;Werkst&uuml;cke&ldquo; sind, die f&uuml;r einen Markt zugerichtet werden, sondern Menschen, die man auf ihr selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben vorbereiten will.<\/p><p>Dazu geh&ouml;rt Mu&szlig;e f&uuml;r die eigene Entwicklung, die Integration von Musik, Kunst und Theater in den F&auml;cherkanon, die musisch-&auml;sthetische Erziehung. Dazu geh&ouml;rt ein Verst&auml;ndnis von Allgemeinbildung, die das Ausprobieren und Entwickeln eigener Interessen f&ouml;rdert, statt junge Menschen m&ouml;glichst fr&uuml;h in Richtung der MINT-Technikf&auml;cher zu manipulieren, weil dort Arbeitskr&auml;fte fehlen. Dazu geh&ouml;rt eine Neuorganisation der Lehramtsstudieng&auml;nge mit Hospitationen vom ersten Semester an und dem klaren Auftrag, dass nur diejenigen Lehrerin oder Lehrer werden d&uuml;rfen, die unterrichten wollen und unterrichten k&ouml;nnen. Wir m&uuml;ssen uns auf allen Ebenen darauf besinnen, was Erziehen und Unterrichten bedeutet: Verantwortung f&uuml;r die n&auml;chste Generation zu &uuml;bernehmen und sie in die Lage zu versetzen, dass sie ihr Leben eigenverantwortlich gestalten kann.<\/p><p><strong>Man h&ouml;rt ja immer wieder den Ausspruch, dass sich der technische Fortschritt nicht aufhalten lasse, schon gar nicht mit Verboten. W&auml;ren Verbote nicht eigentlich das Gebot der Stunde?<\/strong><\/p><p>Technischer Fortschritt ohne Technikfolgeabsch&auml;tzung f&uuml;hrt ins Desaster. Daher gab und gibt es Konferenzen und Moratorien zu Atomwaffen, Gentechnik oder heute KI. Anfang April haben prominente KI-Forscher vom Future of Life Institute ein <a href=\"https:\/\/futureoflife.org\/open-letter\/pause-giant-ai-experiments\/\">sechsmonatiges Moratorium<\/a> f&uuml;r KI-Systeme gefordert, das mittlerweile mehr als 27.000 Wissenschaftler und Akteure aus der IT-Szene unterzeichnet haben. Dabei geht es nicht um Verbote. Die M&ouml;glichkeiten, Folgen und potenziellen Gefahren technischer Systeme m&uuml;ssen diskutiert, Regeln formuliert werden: Was darf KI, was nicht. Dadurch l&auml;sst sich zwar Missbrauch nicht verhindern, aber wie in jedem Rechtssystem setzt man den Rahmen und sanktioniert bei Verst&ouml;&szlig;en. Dabei darf nicht das technisch Machbare der Ma&szlig;stab sein, sondern das ethisch zu Verantwortende.<\/p><p>Dazu hat zum Beispiel der deutsche Ethikrat ein <a href=\"https:\/\/www.ethikrat.org\/pressekonferenzen\/veroeffentlichung-der-stellungnahme-mensch-und-maschine\/\">wichtiges Papier<\/a> publiziert. Europa ist mit der EU-DSGVO und anderen Gesetzen zum Schutz der Pers&ouml;nlichkeitsrechte und Privatsph&auml;re sogar weiter als die USA. Denn es geht dabei nicht um technische Details, sondern um grunds&auml;tzliche Fragen des Miteinanders und eine gemeinsame, demokratische Zukunft.<\/p><p><strong>Sind Sie wirklich so optimistisch oder schummeln Sie nur? <\/strong><\/p><p>Ich bin P&auml;dagoge und unterrichte seit fast 40 Jahren. Die Arbeit mit jungen Menschen macht mich nach wie vor optimistisch, ja, weil man sieht, wie sich Menschen entwickeln. Das gibt Hoffnung, auch wenn es aktuell angesichts des Zustands der Bildungseinrichtungen, der Akteure und Bedingungen jeden Tag etwas vom Luther&rsquo;schen Apfelb&auml;umchen Pflanzen hat.<\/p><p>Titelbild: Mizkit\/shutterstock.com<\/p><p><em><strong>Zur Person:<\/strong> Ralf Lankau, Jahrgang 1961, ist Professor f&uuml;r Digitaldesign, Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Er leitet dort die grafik.werkstatt an der Fakult&auml;t Medien, forscht zu Experimenteller Medienproduktion in Kunst, Lehre und Wissenschaft und publiziert zu Design, Kommunikationswissenschaft und (Medien-)P&auml;dagogik. Lankau betreibt das Projekt &bdquo;futur iii &ndash; Digitaltechnik zwischen Freiheitsversprechen und Total&uuml;berwachung&ldquo; (<a href=\"https:\/\/futur-iii.de\/\">futur-iii.de<\/a>), ist Mitinitiator des &bdquo;B&uuml;ndnisses f&uuml;r humane Bildung&ldquo; und arbeitet aktuell am Projekt der <a href=\"https:\/\/die-p%C3%A4dagogische-wende.de\/\">&bdquo;p&auml;dagogischen Wende, der notwendigen Besinnung auf das Erziehen und Unterrichten&ldquo;<\/a>. Von Lankau erschien im Januar 2023 im Beltz-Verlag &bdquo;Unterricht in Pr&auml;senz und Distanz: Lehren aus der Pandemie&ldquo;.<\/em><\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/190dc094f7f84dd9a7f4198dfd6a76f5\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ChatGPT und vergleichbare Tools K&uuml;nstlicher Intelligenz dringen in alle Bereiche der Gesellschaft vor &ndash; nicht zuletzt in die Schulen. Sie liefern Texte, Referate und Pr&auml;sentationen, die der Mensch nicht besser h&auml;tte machen k&ouml;nnen. Und die Lehrkr&auml;fte r&auml;tseln, wen oder was sie wof&uuml;r noch benoten sollen. 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