{"id":97610,"date":"2023-05-12T14:00:55","date_gmt":"2023-05-12T12:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97610"},"modified":"2023-05-12T15:56:51","modified_gmt":"2023-05-12T13:56:51","slug":"kein-anschluss-unter-dieser-nummer-der-ostdeutsche-soll-immer-aufs-neue-beitreten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97610","title":{"rendered":"Kein Anschluss unter dieser Nummer: Der Ostdeutsche soll immer aufs Neue \u201ebeitreten\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Dirk Oschmann schreibt in seinem Buch &bdquo;Der Osten: eine westdeutsche Erfindung&ldquo; &uuml;ber das anhaltende Missverh&auml;ltnis zwischen Ost und West. Eine befreiende Lekt&uuml;re, die aber auch schmerzhaft ist: Denn St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck fallen einem diverse Diskriminierungen ein, die man schweigend &uuml;ber sich ergehen lie&szlig; und verdr&auml;ngte. Dirk Oschmann verschafft Menschen im Osten Genugtuung und kann B&uuml;rgern im Westen beim Verst&auml;ndnis helfen. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1548\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97610-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97610-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230512-Ostdeutsche-immer-aufs-Neue-beitreten-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Zehn Auflagen in nur drei Monaten: Die Resonanz von Dirk Oschmanns Buch ist riesig. Im Titel steckt &ndash; absichtsvoll wohl &ndash; eine Irritation: &bdquo;Der Osten eine westdeutsche Erfindung&ldquo;. Wie k&ouml;nnte eine   Himmelsrichtung erfunden sein? In dem Sinne, dass sich mit der Bezeichnungen &bdquo;Osten&ldquo; bei vielen negative Zuschreibungen verbinden, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg ungebrochen fortgesetzt haben. Die BRD sah sich als &bdquo;Deutschland&ldquo;, die DDR war die &bdquo;Ostzone&ldquo;, r&uuml;ckst&auml;ndig und grau. &bdquo;Bl&uuml;hende Landschaften&ldquo;?  W&auml;hrend Helmut Kohl  derlei Versprechen machte, haben westdeutsche Beamte zur Entsch&auml;digung eine &bdquo;Buschzulage&ldquo; bekommen, wenn sie sich nach dem Beitritt der DDR zur BRD in die hiesige Wildnis wagten. Koloniales Gedankengut l&auml;sst gr&uuml;&szlig;en. Wiedervereinigung? Das war es eben nicht. Es ist ein Beitritt gewesen, bei dem die Ostdeutschen nie gleichberechtigt waren. Sie blieben die &bdquo;armen Verwandten&ldquo;. <\/p><p>Dass es der Bundesrepublik damals schon aus demokratietheoretischen und symbolischen Erw&auml;gungen gut angestanden h&auml;tte, &bdquo;sich eine neue gemeinsame Verfassung zu geben und eine neue gemeinsame Hymne, statt die von den ersten beiden Strophen chauvinistisch verseuchte beizubehalten&ldquo;, dazu m&ouml;chte man Dirk Oschmann Beifall spenden. &bdquo;Der Westen aber hat gedacht, er m&uuml;sse sich nicht &auml;ndern und k&ouml;nne einfach Westen bleiben, w&auml;hrend zugleich der Osten nat&uuml;rlich Westen werden sollte, obwohl im selben Moment alles daf&uuml;r getan wurde, ihn erst eigentlich zum &sbquo;Osten&lsquo; zu machen.&ldquo; Das sei &bdquo;zweifellos ein kapitaler Irrtum und ein schwerer Geburtsfehler&ldquo; gewesen. Aber eigentlich war es doch Absicht, oder? <\/p><p>Die deutsch-deutsche Grenze markierte 40 Jahre lang den Zusammenprall zweier politischer Systeme, die sich in einem Kalten Krieg befanden. Deutschland wurde in Folge des Zweiten Weltkriegs geteilt &ndash; in eine westliche und eine &ouml;stliche Einflusssph&auml;re. Die BRD hing am G&auml;ngelband der USA. Und die DDR geh&ouml;rte zum sowjetischen Imperium, bis dieses von Michail Gorbatschow aufgel&ouml;st wurde. Aus wirtschaftlicher Not, aus der er eine Tugend zu machen gedachte. Es war sein Traum, unter den Kalten Krieg einen Schlussstrich zu ziehen, die lebensgef&auml;hrliche Konfrontation durch Atomwaffen auf beiden Seiten zu beenden und ein gemeinsames europ&auml;isches Haus zu bauen, von Lissabon bis Wladiwostok. Die &bdquo;Charta von Paris&ldquo; ist am 21. November 1990 als Schlussdokument der KSZE-Sondergipfelkonferenz von 32 europ&auml;ischen L&auml;ndern sowie den USA und Kanada unterschrieben worden. Eine Sicherheitsordnung in Europa &ndash; wer darauf hoffte, wurde get&auml;uscht. <\/p><p>Der Zerfall der UdSSR wurde jenseits des Atlantiks als Sieg begriffen, als Chance, die eigene Macht auszudehnen. Eine europ&auml;ische Friedensordnung unter Einschluss Russlands war nicht im US-Interesse. Siehe Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte: &bdquo;Die amerikanische Zivilisation w&uuml;rde &hellip; zur unumstrittenen Manifestation von Moderne und Fortschritt, globale Pr&auml;senz erlangen und wie eine &sbquo;nat&uuml;rliche Ordnung&lsquo; erscheinen.&ldquo; <\/p><p><strong>Aus der Nichtanerkennung der DDR entstand eine Kluft<\/strong><\/p><p>Und auch an die Volkskammerwahl vom 18. M&auml;rz 1990 sei erinnert, bei der das gerade erst gegr&uuml;ndete B&uuml;ndnis &bdquo;Allianz f&uuml;r Deutschland&ldquo; unter Vorsitz der CDU 48 Prozent der Stimmen erhielt, womit der Weg frei war f&uuml;r einen Beitritt der DDR zum politischen System der BRD nach Artikel 23 des Grundgesetzes. Der Wortlaut ist bezeichnend: &bdquo;Dieses Grundgesetz gilt zun&auml;chst im Gebiete der L&auml;nder Baden, Bayern, Bremen, Gro&szlig;-Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, W&uuml;rttemberg-Baden und W&uuml;rttemberg-Hohenzollern. In anderen Teilen Deutschlands ist es nach deren Beitritt in Kraft zu setzen.&ldquo; In anderen Teilen Deutschlands &ndash; interessant. Obwohl die Realit&auml;t dagegen sprach, seitens der BRD ist die DDR nie als souver&auml;ner Staat anerkannt worden. Und diese Missachtung setzte sich fort.<\/p><p>&bdquo;Kein Anschluss unter dieser Nummer &ndash; PDS&ldquo; stand damals auf den Wahlplakaten mit dem Konterfei von Gregor Gysi. Aus einer Vereinigung nach Artikel 146 GG w&auml;re tats&auml;chlich ein anderes Deutschland mit einer neuen Verfassung hervorgegangen. F&uuml;r einen behutsamen Weg der Ann&auml;herung hat damals bekanntlich auch der SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine pl&auml;diert. Noch im Herbst 1989 hatte es eine Mehrheit f&uuml;r Reformen in der DDR gegeben. Selbst Helmut Kohl hat  davon gesprochen. Wie eine beispiellose Medienkampagne im Sinne der CDU f&uuml;r einen Stimmungsumschwung sorgte, haben Daniela Dahn und Rainer Mausfeld in ihrem Buch &bdquo;Tamtam und Tabu&ldquo; untersucht. Wie &uuml;berhaupt insbesondere die B&uuml;cher von Daniela Dahn, beginnend mit &bdquo;Wir bleiben hier oder Wem geh&ouml;rt der Osten&ldquo; (1994), ein Beispiel f&uuml;r ostdeutsches Selbstbewusstsein sind.<\/p><p><strong>Permanente Entwertungserfahrung<\/strong><\/p><p>Dirk Oschmann klammert politisch-&ouml;konomische Sachverhalte weitgehend aus, absichtsvoll, wie er  zugibt. Dass die heutige Situation auch in der Nichtanerkennung der DDR wurzelte, ja dass es in der BRD die Hallstein-Doktrin gab, nach der die Bundesregierung es als einen &ldquo;unfreundlichen Akt&rdquo; betrachte, wenn dritte Staaten die DDR v&ouml;lkerrechtlich anerkennen, mit ihr diplomatische Beziehungen aufnehmen oder aufrechterhalten, w&auml;re ein wichtiger Hintergrund gewesen, aber vielleicht auch ein Hindernis f&uuml;r die Rezeption des Buches im Westen. Weil es ihm um eine gesamtdeutschen Diskurs ging, hat Dirk Oschmann die vielen ideologischen Fettn&auml;pfchen nur gestreift, die in diesem Terrain aufgestellt sind. Aber er ist &uuml;ber alles im Bilde, wie man beim Lesen merkt. Er sieht sich einem vielgestaltigen Publikum gegen&uuml;ber, das er erreichen, vielleicht auch aufst&ouml;ren, auf das hinlenken will, was ihm am wichtigsten ist: dass sich die ohnehin vorhandene gesellschaftliche Spaltung noch vertieft, wenn der Westen den Osten links liegen l&auml;sst und nur mit sich im Selbstgespr&auml;ch ist. So polemisch seine Ausf&uuml;hrungen sind, k&ouml;nnen sie nicht einfach zur&uuml;ckgewiesen werden. Mit dem Hinweis eines &bdquo;undifferenzierten&ldquo; Befunds wurde das nat&uuml;rlich in Rezensionen versucht, aber so pers&ouml;nlich, wie der Text formuliert ist, so aufrichtig, wie sich der Autor zu erkennen gibt, auch und besonders in seinem Betroffensein, muss es auch vor einem anderen sozialen Hintergrund ernst genommen und verstanden werden.<\/p><p>Dirk Oschmann, 1967 in Gotha geboren, ist Professor f&uuml;r Neuere deutsche Literatur an der Universit&auml;t Leipzig, also einer der ganz wenigen Ost-Professoren, die es in Deutschland gibt. Es ist ihm klar: W&auml;re er nur zehn Jahre fr&uuml;her geboren, h&auml;tte er sein Studium in Jena nicht in den USA fortsetzen k&ouml;nnen, was ihm f&uuml;r seine Berufung zugutekam. Die Erfahrung, dennoch in der Rolle eines &bdquo;role models&ldquo; aus dem Osten zu sein, brachte ihn zu dem Artikel  &bdquo;Wie sich der Westen den Osten erfindet&ldquo;, ver&ouml;ffentlich in der FAZ am  4. Februar 2022.  Den Reaktionen darauf ist im Buch ein ganzes Kapitel gewidmet. <\/p><p>Es ist ein, wie gesagt, gro&szlig;er Vorzug des Textes, dass er aus solcher pers&ouml;nlicher Verletzung entstand und in der Person des Autors eine Unangreifbarkeit beh&auml;lt. In gewisser Weise kann er an jene identit&auml;tspolitische Debatte ankn&uuml;pfen, die in den Medien (und in vielen K&ouml;pfen) bereits verankert ist. Wenn er von einer &bdquo;andauernden, derzeit sogar noch wachsenden Stigmatisierung&ldquo; spricht, die &bdquo;sich mit einer Herkunft aus dem Osten verbindet&ldquo;, einer permanenten Entwertungserfahrung, zieht er indes keine simple Parallele. <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der bestehende Ost-West-Konflikt ist nicht einfach ein weiterer Teil der gesamtgesellschaftlich gef&uuml;hrten Ungleichheitsdebatte &uuml;ber race, class, gender and age.  Bef&ouml;rdert durch die klaren geografischen und vermeintlich ebenso klaren historischen Konturen, ist hier eine soziale, &ouml;konomische und diskursive Ungleichheit entstanden, die als Herkunft, mithin als place, zu allen anderen ohnehin bestehenden Ungleichheiten hinzukommt.  Anders gesagt: Eine Herkunft aus dem Osten versch&auml;rft die allgemeine Herkunftsbenachteiligung der sozial Schwachen und mindert die Lebenschancen erheblich.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Ein &bdquo;Geschw&uuml;r&ldquo;, das dauerhaft Schmerzen bereitet<\/strong><\/p><p>Von der geographical pay gap ist die Rede: Lohnunterschiede von 22,4 Prozent bei vergleichbarer T&auml;tigkeit. Davon, wie vielen Ostdeutschen zu Beginn der Neunzigerjahre der Boden unter den F&uuml;&szlig;en &bdquo;komplett weggezogen wurde, weil sie ihre Arbeit, ihre Grundst&uuml;cke, ihr Weltvertrauen verloren haben&ldquo;. Bezeichnend ist doch, dass der Anteil Ostdeutscher in Spitzenpositionen auch heute nur 1,7 Prozent betr&auml;gt. (Wobei ja nicht sicher ist, ob das Sich-Hocharbeiten-M&uuml;ssen nicht umso mehr Anpassung erzeugt, wie ich meine.) Dirk Oschmann: &bdquo;Der Ostdeutsche soll offenbar im Modus der Daueraffirmation existieren&ldquo;, indem er &uuml;ber den Osten sagt, was der Westen sich vom Osten denkt. Er soll immer wieder aufs Neue  &sbquo;beitreten&lsquo;&ldquo;, was hei&szlig;t, &bdquo;der geltenden Norm beizupflichten, sie vollumf&auml;nglich anzuerkennen und sich ihr letztlich unterzuordnen&ldquo;. Daf&uuml;r ist ein Exempel statuiert worden, nicht nur wenn man an das Evaluierungsprozedere an Hochschulen denkt, wo sich kaum mehr ein Ost-Professor halten konnte. &Uuml;berall wurde mit eisernem Besen ausgekehrt. Dass von der DDR &uuml;berhaupt nichts Erhaltenswertes &uuml;brigbleiben sollte, war eine Dem&uuml;tigung, die manchem erst sp&auml;ter bewusst geworden ist. In Vereinigungsillusionen befangen, verstand man das nicht. So weh es auch tut, Hermann Kant brachte es auf den Punkt: &bdquo;Wo gesiegt wird, wird zu Ende gesiegt.&ldquo;<\/p><p>Aber auch Schriftsteller und bildende K&uuml;nstler hat es getroffen, die in Zeiten der Zweistaatlichkeit als &bdquo;regimekritisch&ldquo; galten: Christa Wolf, Heiner M&uuml;ller, Stephan Hermlin, Stefan Heim, Christoph Hein. Bilder wurden abgeh&auml;ngt und ins Depot verfrachtet. Der &bdquo;Bilderstreit&ldquo; gipfelte in der Gleichsetzung von DDR-Kunst mit der aus dem Dritten Reich. Ein ganzes Kapitel widmet Dirk Oschmann dieser &bdquo;Fortf&uuml;hrung des Kalten Krieges&ldquo; mit anderen Mitteln. Da wird aus einem Artikel von Ulrich Greiner vom 2. November 1990 in der <em>ZEIT<\/em> zitiert: &bdquo;Es geht um die Deutung der literarischen Vergangenheit und um die Durchsetzung einer Lesart. Das ist keine akademische Frage. Wer bestimmt, was gewesen ist, der bestimmt auch was sein wird.&ldquo; <\/p><p>Klarer kann es nicht ausgedr&uuml;ckt werden. Wer bestimmt &ndash; das ist die Frage, auf die sich Dirk Oschmann konzentriert. Der &bdquo;&ouml;ffentliche Raum als &ouml;konomischer, medialer und diskursiver Raum ist nicht nur komplett in westdeutscher Hand, sondern normalerweise auch vollst&auml;ndig von westdeutschen Perspektiven beherrscht&ldquo;. Einwenden lie&szlig;e sich, dass &bdquo;Ost-West&ldquo; zu kurz greift, wenn es um systemkritische  Perspektiven geht. Aber was zweifellos stimmt: dass  Erfahrungen aus der BRD-Sozialisation verabsolutiert und andere &uuml;berhaupt nicht in Betracht gezogen werden, was im g&uuml;nstigsten Falle ein tumber Egozentrismus ist. Und dies passt sich in eine Ideologie ein, wie ich meine, Kritik an den herrschenden Verh&auml;ltnissen, die im Osten st&auml;rker ist, zu zerstreuen und zu diskreditieren. Dabei begreift &bdquo;sich der Westen stets als Norm und sieht den Osten nur als Abweichung, als Abnormalit&auml;t, Abnormit&auml;t. Der Osten erscheint als Geschw&uuml;r am K&ouml;rper des Westens, das ihm dauerhaft Schmerzen bereitet und das er nicht wieder los wird. Darum st&ouml;rt es den westdeutschen Wohlf&uuml;hl- und Diskurskonsens &hellip;, wenn das Geschw&uuml;r sich regt, weil jemand aus dem &sbquo;Osten&lsquo; spricht. Der Westen muss aber begreifen, dass er nicht die &sbquo;Norm&lsquo; ist und schon gar nicht normal.&ldquo; <\/p><p><strong>Wortm&auml;chtige Polemik: zornges&auml;ttigt und frei<\/strong><\/p><p>Befreiende Lekt&uuml;re, die auch schmerzhaft ist. Eine Hellsichtigkeit setzt ein, Erinnerungen kommen hoch. Denn St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck fallen einem diverse Diskriminierungen ein, die man schweigend &uuml;ber sich ergehen lie&szlig; und verdr&auml;ngte,  Anpassungsleistungen, die man f&uuml;r normal hielt. Dirk Oschmann verschafft Menschen im Osten Genugtuung und hilft denen im Westen, die sich ein demokratisches Miteinander w&uuml;nschen und nicht verstehen, warum das so schwierig ist. Verstehen: Noch immer wird der &bdquo;Osten&ldquo; als &bdquo;homogenes Gebilde ohne regionale Eigenheiten gefasst, f&ouml;rmlich als Block, den man 1990 zwar verschluckt, aber immer noch nicht verdaut hat, ja an dem man immer noch w&uuml;rgt, weil die westdeutsche Peristaltik auf so eine Mahlzeit mit Nebenwirkungen nicht vorbereitet war&ldquo;. <\/p><p>Wortm&auml;chtige Polemik: &bdquo;Denn ich sage ja nichts Neues&ldquo;, hei&szlig;t es gegen Schluss, &bdquo;aber ich sage es  hoffentlich anders: zornges&auml;ttigt und frei. Ein solches Reden halte ich in einer freien Gesellschaft f&uuml;r angemessen, vor allem in einer Gesellschaft, die immerfort das Wort &sbquo;Freiheit&lsquo; als gr&ouml;&szlig;ten Wert im Munde f&uuml;hrt.&ldquo;<\/p><p><em>Dirk Oschmann: Der Osten: eine westdeutsche Erfindung. Ullstein, 222 S., geb., 19,99 &euro;. Buchvorstellung und Gespr&auml;ch mit Dirk Oschmann am 12. Juni, 18 Uhr, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin.<\/em><\/p><p>Titelbild: CalypsoArt \/ Shutterstock<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/55738f3fae0c4481a308961c3870d6aa\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dirk Oschmann schreibt in seinem Buch &bdquo;Der Osten: eine westdeutsche Erfindung&ldquo; &uuml;ber das anhaltende Missverh&auml;ltnis zwischen Ost und West. Eine befreiende Lekt&uuml;re, die aber auch schmerzhaft ist: Denn St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck fallen einem diverse Diskriminierungen ein, die man schweigend &uuml;ber sich ergehen lie&szlig; und verdr&auml;ngte. 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