{"id":97624,"date":"2023-05-14T14:00:55","date_gmt":"2023-05-14T12:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97624"},"modified":"2023-05-14T19:13:21","modified_gmt":"2023-05-14T17:13:21","slug":"wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97624","title":{"rendered":"Wer nur noch gesund lebt, lebt ungesund"},"content":{"rendered":"<p>Achten Sie auf Ihre Gesundheit? Sehr vern&uuml;nftig! Aber man sollte dies nicht &uuml;bertreiben. Denn dann k&ouml;nnte dies zu einem Bumerang werden, der mehr schadet als n&uuml;tzt. Das meint jedenfalls unser Autor <strong>Udo Brandes<\/strong>. Er warnt vor zu viel gesundheitlicher Selbstoptimierung.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9802\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97624-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97624-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230512-Wer-nur-noch-gesund-lebt-lebt-ungesund-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wenn es einen dominanten Trend in unserer neoliberalen Wettbewerbsgesellschaft gibt, dann ist das die Selbstoptimierung. Und das betrifft schon l&auml;ngst nicht mehr nur die berufliche Leistungsf&auml;higkeit. Heutzutage werden Menschen schon schief angeguckt, wenn sie es wagen, nicht rundherum gesund zu leben. <\/p><p>Ein Bild f&uuml;r diesen gesellschaftlichen Trend sind f&uuml;r mich die &bdquo;Ern&auml;hrungsdocs&ldquo; aus der gleichnamigen NDR-Sendung im 3. Programm. Ihr Ansatz ist wirklich gut. Ich habe einiges von diesen &Auml;rzten gelernt und konnte so etwas f&uuml;r meine eigene Gesundheit tun. Aber was mich an dieser Sendung wirklich st&ouml;rt, ist die Moralisierung des Essens, die besonders eine der &Auml;rzte, Dr. Anne Fleck, geradezu auf die Spitze treibt mit einem Ritual. <\/p><p><strong>&bdquo;Das alles haben Sie diese Woche gegessen!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Auf Basis eines Ern&auml;hrungsprotokolls stellt sie alles an Lebensmitteln zusammen, die die Patienten in einer Woche gegessen haben. Und dann sagt Anne Fleck: &bdquo;Das alles haben Sie diese Woche gegessen!&ldquo; Und das mit einem vorwurfsvollen Blick, als wenn der Patient zum Fr&uuml;hst&uuml;ck regelm&auml;&szlig;ig am Span gegrillte Babys verspeisen w&uuml;rde. <\/p><p>Was ich damit sagen will: Es ist gut und ok, auf die Gesundheit zu achten. Aber das wird zu einem Bumerang, der einen selbst trifft, wenn man es &uuml;bertreibt. Denn so macht man das Leben zu einem Sparguthaben: Wenn ich immer sch&ouml;n brav auf mein Lebenskonto einzahle und nicht zu viel ausgebe, dann werde ich 95 Jahre alt &ndash; oder vielleicht sogar 100. Fragt sich nur: Wozu? Zu leben und wirklich lebendig zu sein, das hei&szlig;t auch, sich mal verschwenderisch zu verausgaben im Hier und Jetzt. Und warum dann nicht auch mal gen&uuml;sslich eine Zigarette rauchen, zu viel Alkohol trinken, oder an einem Abend eine ganze T&uuml;te Gummib&auml;ren vertilgen. <\/p><p><strong>Ein zuverl&auml;ssiges Rezept, um ungl&uuml;cklich zu werden: Die Illusion der Kontrolle<\/strong><\/p><p>Hinter dem gesellschaftlichen Selbstoptimierungstrend, oder man muss ja schon fast sagen Selbstoptimierungszwang, steht die neoliberale Ideologie und Illusion der Kontrolle, die in unserer Gesellschaft flei&szlig;ig bef&ouml;rdert wird. Wenn wir uns richtig ern&auml;hren, wenn wir uns gen&uuml;gend bewegen, wenn wir gen&uuml;gend schlafen usw., ja dann bleiben wir gesund. Kann sein. Muss aber nicht. Es gibt gen&uuml;gend Menschen, die perfekt gesund leben und trotzdem krank werden. <\/p><p>Au&szlig;erdem gibt es nicht nur individuelle Faktoren wie die Ern&auml;hrung, die einen Einfluss auf die Gesundheit haben. Auch das gesellschaftliche Klima spielt eine gro&szlig;e Rolle. In beeindruckender Weise wurde dies von den Epidemiologen Kate Picket und Richard Wilkinson in ihrem Buch &bdquo;Warum gerechte Gesellschaften f&uuml;r alle besser sind&ldquo; nachgewiesen. Sie belegten, dass in Gesellschaften mit hoher sozialer Ungleichheit Krankheiten wie Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Suchterkrankungen, Depressionen, aber auch Suizide oder Teenagerschwangerschaften wesentlich h&auml;ufiger auftreten als in sozial ausgeglicheneren Gesellschaften &ndash; und dass davon keineswegs nur Arme betroffen sind. In Gesellschaften mit hoher sozialer Ungleichheit, wie z.B. den USA, sind auch die Reichen anf&auml;lliger f&uuml;r Krankheiten, als dies in egalit&auml;ren Gesellschaften der Fall ist. <\/p><p><strong>Soziale Bedrohungen schaden der Gesundheit<\/strong><\/p><p>Dazu passt, was der irische Neurowissenschaftler Ian Robertson in seinem Buch &bdquo;Macht. Wie Erfolge uns ver&auml;ndern&ldquo; schreibt: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Bei allen Tieren, auch beim Menschen, l&ouml;st soziale Bedrohung (also zum Beispiel der Verlust des Arbeitsplatzes, Armut oder sonstige soziale Faktoren, die zu sozialem Ausschluss, Dem&uuml;tigungen und Statusentwertung f&uuml;hren; UB) starke Wirkungen auf das Immunsystem aus. Wenn dieses Gef&uuml;hl der Herabsetzung oder Zur&uuml;ckweisung l&auml;nger andauert, kann es zu Gesundheitssch&auml;den f&uuml;hren. Es ist dieses Gef&uuml;hl der sozialen Ablehnung, das Entlassungen so schmerzlich macht, auch wenn man eine gute Abfindung erh&auml;lt.&ldquo; (Robertson S. 193).\n<\/p><\/blockquote><p>Eine weitere von Robertson zitierte Studie untersuchte britische Beamte. Das Ergebnis: Die Beamten auf den h&ouml;heren Hierarchiestufen lebten l&auml;nger als die Beamten weiter unten in der Hierarchie. <\/p><p>Mit anderen Worten: Auch der soziale Status und die gesellschaftliche Anerkennung, die man genie&szlig;t, beeinflussen die Gesundheit. In unserer Gesellschaft aber ist der Glaube verbreitet, wir selbst als einzelne Menschen seien unseres Gl&uuml;ckes Schmied und h&auml;tten es in der Hand, wie lange wir leben und ob wir gesund bleiben. Das ist nicht nur die Illusion der Kontrolle. Es ist auch ein zuverl&auml;ssiges Rezept, um ungl&uuml;cklich zu werden. Denn wer dann erlebt, dass er eine schwere Krankheit bekommt, obwohl er doch immer &bdquo;richtig&ldquo;, n&auml;mlich &bdquo;gesund&ldquo; gelebt hat, der ist doppelt geschlagen: Erstens muss er die Krankheit mit all den Beeintr&auml;chtigungen f&uuml;r sein Leben ertragen, und zweitens bekommt er wom&ouml;glich noch Schuldgef&uuml;hle, weil er glaubt, er habe irgendwie etwas falsch gemacht in seinem Leben. <\/p><p>Und last but not least f&uuml;hrt der Selbstoptimierungstrend dazu, dass die Gesellschaft und dann auch irgendwann der Staat eine gesundheitliche &bdquo;Bringschuld&ldquo; erwarten. Wer raucht, m&uuml;sste dann mehr Geld in die Krankenkasse einzahlen. Wer so etwas beim Rauchen vielleicht gut findet, den m&ouml;chte ich fragen: Wo ist dann die Grenze? Darf man dann irgendwann auch kein Bier mehr trinken, ohne einen h&ouml;heren Krankenkassenbeitrag zu zahlen? <\/p><p><strong>Lust ist ein wichtiges Lebenselexier<\/strong><\/p><p>Ich h&ouml;re schon, wie Sie sagen &bdquo;Aber&hellip;&ldquo;. Richtig. Es ist durchaus vern&uuml;nftig, auf seine Gesundheit zu achten &ndash; tue ich auch. Aber wer es &uuml;bertreibt, der bringt sich selbst um viel Lebensfreude. Deshalb empfehle ich, ab und zu mal alte Serien aus den 70er-Jahren wie &bdquo;Der Kommissar&ldquo; auf YouTube oder in der <em>ZDF-Mediathek<\/em> anzuschauen. Aus heutiger Sicht kann man kaum glauben, wie dort st&auml;ndig geraucht und Alkohol getrunken wurde. Das war nat&uuml;rlich nicht gesund. Aber eines hatten sie uns Heutigen voraus: Sie lebten vielleicht nicht ges&uuml;nder, aber ihre Lebenseinstellung war lustvoller. Und das wiederum hat auch etwas mit Lebensqualit&auml;t zu tun.<\/p><p>Denn: Lust ist ein wichtiges Lebenselexier. Wer nur noch &Uuml;ber-Ich-gesteuert (wie Psychoanalytiker sagen w&uuml;rden) vollkommen diszipliniert und damit im Ergebnis lustfeindlich lebt, der beraubt sich nicht nur der Freude am Leben, sondern auch eines wichtigen Lebenselexiers. Denn lustvolle Erlebnisse sind es, die uns Energie und Lebenskraft geben. Letztendlich schadet man sich also mit einem lustfeindlichen, nur noch &bdquo;gesunden&ldquo; Lebensstil. Und au&szlig;erdem sollte man sich ein Wort des Schriftstellers G&uuml;nter Grass zu Herzen nehmen: &bdquo;Wer selbst nicht mehr genie&szlig;t, wird ungenie&szlig;bar&ldquo;. So ist es! Prost!<\/p><p>Titelbild: RossHelen\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/908a49ab629544bd8ecb95c2bdbc1d75\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achten Sie auf Ihre Gesundheit? Sehr vern&uuml;nftig! Aber man sollte dies nicht &uuml;bertreiben. 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