{"id":97631,"date":"2023-05-14T15:00:11","date_gmt":"2023-05-14T13:00:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97631"},"modified":"2023-05-16T15:24:32","modified_gmt":"2023-05-16T13:24:32","slug":"friedensbewegung-1-2-3-der-muehsame-weg-in-richtung-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97631","title":{"rendered":"Friedensbewegung #1, #2 &#038; #3: Der m\u00fchsame Weg in Richtung Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Es ist kompliziert, sich f&uuml;r den Frieden zu engagieren. Heute gibt es nicht mehr <em>eine <\/em>Friedensbewegung, es sind inzwischen drei verschiedene: die Alte, die Neue und die ganz Neue. Und leider gibt es zwischen den Gruppen wenig Eintracht, sodass die Kriegsbewegung &ndash; bestehend aus Politik, R&uuml;stungsindustrie und tiefem Staat &ndash; leichtes Spiel hat, mehr und mehr Menschen auf Kriegskurs zu treiben bzw. zu halten. Von <strong>Andrea Drescher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9079\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-97631-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=97631-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230515-Friedensbewegung-muehsamer-Weg-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>#1<\/strong><\/p><p>Die alte Friedensbewegung aufgrund des Vietnamkriegs wurde mitgetragen von den Protesten der 68er-Bewegung und ging Hand in Hand mit der &Ouml;kologie- und Anti-AKW-Bewegung der 70er- und 80er-Jahre auf die Stra&szlig;e. Die damaligen Aktivisten kamen zum gro&szlig;en Teil aus dem politisch linken Spektrum und waren mehrheitlich antifaschistisch, antiimperialistisch bzw. anti-amerikanisch. Ausnahmen wie Herbert Guhl best&auml;tigen diese Regel. Man traf sich im Bonner Hofgarten, bei der Startbahn West oder in Wackersdorf, um nur einige Schaupl&auml;tze der damaligen Zeit zu nennen. Die Gr&uuml;ndung der Gr&uuml;nen war eine Folge dieser Bewegungen, wobei ich mir sicher bin, dass sich die damaligen Urgesteine Petra Kelly und Gert Bastian von dem, was aus dieser Partei heute geworden ist, genauso scharf distanzieren w&uuml;rden, wie ich das tue.<\/p><p>Reste dieser alten Friedensbewegung sind noch in verschiedenen B&uuml;ndnissen aktiv &ndash; die Anti-Siko in M&uuml;nchen ist ein Beispiel daf&uuml;r. Auch eine &bdquo;Antifa&ldquo; gibt es noch. Erschreckend ist aber, wie sehr von vielen dieser Organisationen inzwischen das transatlantische Narrativ geteilt wird. Von grunds&auml;tzlicher Systemkritik, wie ich sie aus meiner Jugend kannte, ist kaum mehr etwas zu sp&uuml;ren.<\/p><p><strong>#2<\/strong><\/p><p>2014 entstand die neue Friedensbewegung, initiiert von Lars M&auml;hrholz in Berlin als Mahnwachen f&uuml;r den Frieden, die regelm&auml;&szlig;ig jeden Montag auf der Stra&szlig;e zu finden war. Ausl&ouml;ser war der sich abzeichnende Krieg in der Ukraine &ndash; der dann nach acht Jahren Dauerbeschuss des Donbass 2022 pl&ouml;tzlich und unerwartet ausgebrochen ist. Aber auch andere Themen kamen aufs Tapet bzw. ans offene Mikron. Ob die Kriege in Syrien, Jemen und Israel, Umweltzerst&ouml;rung durch Glyphosat und Regenwaldzerst&ouml;rung, Freundschaft mit Russland oder das Finanz- und Wirtschaftssystem: Diese Friedensbewegung, die in ihrer besten Zeit in &uuml;ber 230 St&auml;dten im deutschsprachigen Raum stattfand, griff viele systemkritische Themen auf.<\/p><p>Insbesondere die Kritik am Geldsystem f&uuml;hrte dazu, dass man sie als antisemitisch erkl&auml;rte, denn wer das Geldsystem kritisiert, war laut der &bdquo;linken&ldquo; Ikone Jutta Ditfurth bereits ein struktureller Antisemit. Diese Tatsache und das &ndash; seltsamerweise medial forcierte &ndash; Aufkommen der PEGIDA-Bewegung, die mit den Mahnwachen in einen Topf geworfen wurde, f&uuml;hrten sehr schnell dazu, dass alte und neue Friedensbewegung nicht zusammenkamen und die Mahnwachenbewegung an Schwung verlor. Der &bdquo;Zusammenhang&ldquo; zwischen Friedensbewegung und &bdquo;Rechten&ldquo; &ndash; in sp&auml;terer Folge dann Antisemitismus und Nationalsozialismus &ndash; war geschaffen. Systemkritiker standen im &bdquo;rechten Eck&ldquo;, was f&uuml;r viele, darunter auch mich, sehr &uuml;berraschend kam.<\/p><p><strong>#3<\/strong><\/p><p>2020 entstand aufgrund der Grundrechtseinschr&auml;nkungen durch die vermeintlichen Gefahren von Corona eine Freiheitsbewegung, die nach und nach unter einer Friedens- und Freiheitsbewegung firmierte bzw. zu dieser mutierte. Ein f&uuml;r mich erschreckend gro&szlig;er Anteil der Demonstranten hatte deutlich mehr als 50 Jahre auf dem Buckel, es gab Veranstaltungen, bei denen ich das Durchschnittsalter auf 60 gesch&auml;tzt habe. Auf allen gro&szlig;en Demos habe ich Menschen mit Rollator oder Rollstuhl mitlaufen bzw. -rollen sehen. Es waren sehr &bdquo;b&uuml;rgerliche&ldquo; Demos, es war ein sehr buntes Publikum, und bei vielen, die ich traf, stellte ich fest: &bdquo;Wir h&auml;tten uns auch in Bonn, Wackersdorf oder auf der Startbahn West treffen k&ouml;nnen.&ldquo;<\/p><p>Auch zahlreiche Aktive der Mahnwachenbewegung von 2014 waren dort zu finden, zumindest jene, die sich nicht vor der <!-- Viral oder virtuell &ndash; obwohl ich vermute, Du willst mit dem Wort &bdquo; Virus&ldquo; spielen, sind das doch zwei verschiedene  -->vir-tuellen &ndash; korrekt viralen &ndash; Gefahr f&uuml;rchteten. Als der Impfdruck zunahm, nahm auch der Anteil junger Menschen und Familien mit Kindern zu. Es waren &ndash; nach meiner Wahrnehmung &ndash; alle politischen Str&ouml;mungen von &bdquo;rechtsau&szlig;en&ldquo; bis &bdquo;linksau&szlig;en&ldquo; vertreten. Die &uuml;berwiegende Mehrheit bildete aber die b&uuml;rgerliche Mitte &ndash; viele bis dato meist v&ouml;llig unpolitische Menschen, die ihrem Recht auf k&ouml;rperliche Selbstbestimmung Ausdruck verleihen wollten. Das mediale Framing der zun&auml;chst nur ma&szlig;nahmenkritischen Bewegung mit Begriffen wie &bdquo;Corona-Leugner&ldquo;, &bdquo;Impfgegner&ldquo; und nat&uuml;rlich &bdquo;Antisemiten&ldquo; und &bdquo;Nazi&ldquo;, wurde dann fast eins zu eins auch auf die Menschen &uuml;bertragen, die &ndash; als der Ma&szlig;nahmendruck zur&uuml;ckging, die Kriegsgefahr aber zunahm &ndash; weiter auf die Stra&szlig;e gingen.<\/p><p><strong>Die perfekte Spaltung<\/strong><\/p><p>Die &bdquo;alte&ldquo; Friedensbewegung wollte bzw. will mit &bdquo;den rechtsoffenen Demonstranten&ldquo; dieser Friedensbewegung #3 nichts zu tun haben. Am 18. Februar gab es daher anl&auml;sslich der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz gleich zwei Friedenskundgebungen und Demonstrationsz&uuml;ge. Am Marienplatz traf sich die Anti-Siko der alten Friedensbewegung, zeitgleich mobilisierte &bdquo;Macht Frieden&ldquo;, ein B&uuml;ndnis von Graswurzelbewegungen, dem auch &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; angeh&ouml;rt &ndash; also Vertreter der Friedensbewegung #3 &ndash; f&uuml;r eine Veranstaltung am K&ouml;nigsplatz.<\/p><p>&Auml;hnliches wiederholte sich in M&uuml;nchen anl&auml;sslich des Ostermarsches. Das Orga-Team von &bdquo;Macht Frieden&ldquo; respektierte den Zeitplan des traditionellen Ostermarsches und legte die eigene Veranstaltung auf den Nachmittag, sodass Teilnehmer der alten Friedensbewegung vom Marienplatz im Anschluss noch zur Kundgebung am Odeonsplatz kommen konnten. Eine vers&ouml;hnliche Geste, um Alt und Neu zusammenzubringen. Tats&auml;chlich mischten sich dann einige der &bdquo;Alten&ldquo; unter die &bdquo;Neuen&ldquo;, man kam in Kontakt, sprach miteinander und konnte vielleicht einige Vorurteile abbauen.<\/p><p>Ein weiterer Versuch, die Spaltung zu &uuml;berwinden, war die Rede einer Friedensaktivistin aus dem traditionellen Lager auf der Kundgebung von &bdquo;Macht Frieden&ldquo;. Ich lernte sie auf dem Ostermarsch der neuen Friedensbewegung (&bdquo;FB&ldquo;) kennen. Dr. Ingrid Pfanzelt war und ist in der alten M&uuml;nchner Friedensbewegung #1 gut vernetzt. Jetzt engagiert sie sich zunehmend f&uuml;r die Friedensbewegung #3. Nur #2 hat sie ausgelassen, da sie 2014 und 2015 zu viel Zeit in der Fl&uuml;chtlingshilfe verbracht hat. Ihr Anliegen ist es, mit dazu beizutragen, die Spaltung in der Friedensbewegung zu &uuml;berwinden, wie sie mir im Interview erz&auml;hlte.<\/p><p><strong>Kannst Du Dich kurz pers&ouml;nlich vorstellen?<\/strong><\/p><p>Gerne. Ich hei&szlig;e Ingrid Pfanzelt, bin 1956 in der N&auml;he von M&uuml;nchen zur Welt gekommen, habe mein Medizinstudium in Italien begonnen und in M&uuml;nchen beendet. Nach meiner Facharztausbildung in Psychosomatischer Medizin habe ich mich 1993 in einer Kassenpraxis als psychoanalytische Psychotherapeutin und Hom&ouml;opathin niedergelassen, in der ich immer noch arbeite. Ich habe zwei erwachsene S&ouml;hne und lebe in M&uuml;nchen.<\/p><p>Friedenspolitisch ging es bei mir in den 80ern los. Es war damals im alternativen Milieu &uuml;blich, sich f&uuml;r den Frieden zu engagieren. Ich habe in einer Land-WG auf einem Bauernhof gelebt und war am Anfang bei den Gr&uuml;nen mit dabei. Die Friedensbewegung war ein Teil der Gr&uuml;nen, Gerd Bastian und Petra Kelly waren unsere Vorbilder. Das hat damals gro&szlig;e Kraft entwickelt. Diese politische Sozialisation war gepaart mit der Anti-AKW-Bewegung. Es war Teil unseres WG-Lebens, mit unserem klapprigen VW-Bus nach Wackersdorf zu fahren und uns mit Wasserwerfern von der Polizei von der Stra&szlig;e fegen zu lassen.<\/p><p>Diese fr&uuml;he &ouml;kologische Bewegung, die auch Themen wie Naturheilkunde und Spiritualit&auml;t einschloss, war gepr&auml;gt durch einen sehr regierungskritischen Kurs, der aus der 68er-Bewegung entstanden war. Unsere Generation war noch gepr&auml;gt von der Auseinandersetzung mit den V&auml;tern, die sich im Nationalsozialismus schuldig gemacht hatten und nun wieder in hohen &Auml;mtern waren. Deshalb geh&ouml;rte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Staat und den staatlichen Entscheidungen gegen den Willen der B&uuml;rger &ndash; Wiederaufarbeitungsanlage oder NATO-Doppelbeschluss &ndash; zu unserem aufkl&auml;rerischen Selbstverst&auml;ndnis. Mehrere Hunderttausend Demonstranten im Bonner Hofgarten waren ein starkes Zeichen dieser kritischen Generation an die Politik. Diese gro&szlig;en Demonstrationen waren ein Event, das viel Energie gab. Wir waren beseelt von dem gemeinsamen Friedenswillen und der Hoffnung, die Politik durch unseren m&auml;chtigen Stra&szlig;enprotest beeinflussen zu k&ouml;nnen. F&uuml;r den Frieden zu demonstrieren, geh&ouml;rt also seit gut 40 Jahren zu meinem Leben.<\/p><p><strong>Du engagierst Dich aber jetzt nicht nur auf Demonstrationen, sondern auch f&uuml;r die IPPNW. Wof&uuml;r steht diese Organisation? <\/strong><\/p><p>Die IPPNW, die &bdquo;International Physicians for the Prevention of Nuclear War&ldquo;, ist eine &auml;rztliche Friedensorganisation. Sie wurde 1980 als gemeinsame Friedensarbeit von einem US-amerikanischen und einem russischen Arzt gegr&uuml;ndet und bekam 1986 den Friedensnobelpreis. Ihr wichtigstes Ziel war und ist es, die Menschen weltweit &uuml;ber die Risiken eines Atomkrieges und die medizinischen Folgen atomarer Katastrophen aufzukl&auml;ren und sich f&uuml;r ein generelles Verbot von Atomwaffen einzusetzen. Aus der IPPNW entstand die ICAN-Kampagne &ndash; International Campaign to abolish Nuclear Weapons &ndash; die 2021 eine Ratifizierung des Atomwaffenverbotsvertrags in der UN erreichte und die daf&uuml;r ebenfalls 2017 den Friedensnobelpreis bekam. Jetzt w&auml;re ein weltweites Verbot von Atomwaffen jederzeit m&ouml;glich, wenn die Staaten, die diese Waffen besitzen, auch Deutschland, diesen Vertrag ebenfalls unterzeichnen w&uuml;rden.<\/p><p>Seit einigen Jahren leite ich zusammen mit einem Kollegen die Regionalgruppe Oberbayern der IPPNW. Wir sind Partner des FRIB&Uuml; M&uuml;nchen. Im Namen der IPPNW halte ich regelm&auml;&szlig;ig Reden zu den Hiroshima-Tagen in M&uuml;nchen, die vom FRIB&Uuml; organisiert werden.<\/p><p><strong>Was ist das Friedensb&uuml;ndnis M&uuml;nchen?<\/strong><\/p><p>Das ist ein Zusammenschluss von verschiedenen Friedensinitiativen in M&uuml;nchen, die u.a. seit vielen Jahren die Anti-Siko-Proteste veranstalten. Das Anti-Siko-B&uuml;ndnis ist ja nur ein tempor&auml;res B&uuml;ndnis, das sich im Herbst zusammenfindet, um die Proteste zur Sicherheitskonferenz im Februar zu organisieren, und sich anschlie&szlig;end wieder aufl&ouml;st. Die IPPNW war immer dabei &ndash; dieses Jahr gab es das erste Mal eine Schwierigkeit.<\/p><p><strong>Von was f&uuml;r Schwierigkeiten sprichst Du?<\/strong><\/p><p>Es gab einen Eklat mit den Leuten aus der Antifa, da bei Anti-Siko auch Vertreter der freien Linken mitmachen wollten. Da diese sich auch bei &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; engagieren, kam der Vorwurf der Querfront hoch. Die Antifa bezeichnet n&auml;mlich alle, die gegen die Corona-Ma&szlig;nahmen auf die Stra&szlig;e gehen, als rechtsoffen und AfD-nah. Es begann eine massive Diffamierungskampagne gegen die freie Linke durch die Antifa.<\/p><p>In unserer IPPNW-Regionalgruppe gab es dann die Diskussion, ob wir das Anti-Siko-B&uuml;ndnis verlassen sollen, nachdem die Antifa so aggressiv auftrat. Als Friedensorganisation k&ouml;nnen wir nicht in einem B&uuml;ndnis mitwirken, das Diffamierung und Gewalt toleriert. Als sich das B&uuml;ndnis dann aber auch deutlich gegen Extremismus von Links positionierte, sind wir als IPPNW dabeigeblieben. Ob wir zuk&uuml;nftig weiter mitmachen, steht, ebenso wie unsere Rolle bei der zeitgleich zur Siko stattfindenden Friedenskonferenz in M&uuml;nchen, in den Sternen.<\/p><p><strong>Wieso?<\/strong><\/p><p>Die Spaltung betrifft jetzt auch die IPPNW-Regionalgruppe. Ich war als Regionalsprecherin daf&uuml;r, mit der &ndash; wie Du sagst &ndash; ganz neuen Friedensbewegung zu kooperieren. Andere waren das nicht.<\/p><p><strong>Wie stehst Du zu &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; (MsA)?<\/strong><\/p><p>Ich war anf&auml;nglich in der ma&szlig;nahmenkritischen Bewegung nicht aktiv, wurde aber im Laufe der Zeit zunehmend kritischer gegen&uuml;ber der Impfung und den Ma&szlig;nahmen. Ich f&uuml;hlte mich eigentlich immer der linksgr&uuml;nen Szene zugeh&ouml;rig und war fr&uuml;her bei den Gr&uuml;nen, bis sie begannen, gegen die Menschen zu hetzen, die sich nicht impfen lassen wollten. Das betraf mich auch. Als Katarina Schultze von den Gr&uuml;nen dann im Landtag forderte, dass Ungeimpfte nicht mehr in Superm&auml;rkte zum Einkaufen gehen d&uuml;rften, bin ich endg&uuml;ltig ausgetreten. <\/p><p>Ich war einfach nur noch entsetzt und wollte etwas gegen diese uns&auml;gliche Politik tun. Darum bin ich dann auch mal mittwochs zu den Demos von MsA gegangen. Ich vermisste in dem offiziellen Corona-Diskurs die kritischen Stimmen, die ich dort fand. Und diese Szene ist jung und dynamisch: Die Organisatoren von MsA kommen aus der Generation meiner S&ouml;hne. Ich war irritiert, wie wenig regierungskritisch sich gerade die linke Szene beim Corona-Thema verhielt. Das offizielle Narrativ wurde von ihr ebenso unreflektiert &uuml;bernommen wie sp&auml;ter das Ukraine-Kriegs-Narrativ. Eine regierungskritische Haltung nahmen nur die Corona-Proteste ein, sie ging nach Beginn des Ukraine-Krieges in eine Anti-Kriegs-Haltung &uuml;ber. Das prim&auml;re Thema war dann die Forderung nach Frieden. Ich war sehr ber&uuml;hrt, als nach dem Kriegsbeginn jeden Mittwoch bei den Umz&uuml;gen von MsA der Ruf &bdquo;Frieden schaffen ohne Waffen&ldquo; durch M&uuml;nchens Stra&szlig;en schallte. Das erinnerte mich an die Anf&auml;nge der FB. <\/p><p>Weil die Grundrechte-Bewegung schon seit drei Jahren den Stra&szlig;enprotest organisiert, war es auch sie, die dann schnell einen Friedensprotest auf die Stra&szlig;e brachte &ndash; viel schneller als die Initiativen der alten Friedensbewegung. Deshalb habe ich versucht, Kooperationsm&ouml;glichkeiten zwischen alter und &bdquo;neuer-neuer&ldquo; Friedensbewegung zu finden. Es gab einige VertreterInnen des FRIB&Uuml;, die kooperationsbereit waren. Mit ihnen veranstaltete die IPPNW-Regionalgruppe zusammen mit MsA und der &bdquo;freien Linken&ldquo; eine Demo am 1. Oktober 2022, dem bundesweiten Aktionstag gegen den Ukraine-Krieg, auf der ich eine Rede hielt. Dabei kam es zu einem Eklat auf der B&uuml;hne. Ein Redner der Antifa beschimpfte die MsA-Teilnehmer der Demo als Nazis, mit denen man nicht auf einer Demo sein d&uuml;rfe. Er &uuml;bersah dabei, dass mindestens drei Viertel der Demonstranten Leute aus der Grundrechte-Bewegung waren. Das zeigt recht gut die Realit&auml;tsverleugnung der Antifa. <\/p><p>Ich rief nach dieser Demo zu einer Dialoggruppe auf, die sich dann in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden traf. Zwischen einzelnen Akteuren der alten und neuen FB entwickelte sich ein respektvoller und spannender Dialog, der allerdings nicht zu einer prinzipiellen &Auml;nderung der Haltung des FRIB&Uuml; f&uuml;hrte. Die Vorurteile sind leider nicht aufzubrechen. Es gibt zu gro&szlig;e Widerst&auml;nde vonseiten des FRIB&Uuml;. MsA als Vertreter der neuen FB ist kooperationsbereit, aber die Spaltung wurde von der Antifa forciert, und das M&uuml;nchner Friedensb&uuml;ndnis konnte sich zu keiner eigenen friedensf&auml;higen Position durchringen. Es wurde klar, dass sich in M&uuml;nchen zwei unterschiedliche Friedensbewegungen entwickelten.<\/p><p><strong>Wie hast Du Deine Rolle als Br&uuml;ckenbauerin erlebt?<\/strong><\/p><p>Einerseits als recht einsam, anstrengend und emotional verletzend, weil ich von meinen alten Weggef&auml;hrten angegriffen und entt&auml;uscht wurde. Andererseits habe ich in der neuen Bewegung viele tolle j&uuml;ngere Menschen kennengelernt, die einen offenen Geist und viel Mut haben, sich gegen den Strom zu stellen. Sie haben mich bei meinen Auftritten bei der neuen FB sehr unterst&uuml;tzt, denn mittlerweile werde auch ich von der <em>SZ<\/em> in die rechte Querdenker-Ecke gestellt. Das tut weh. <\/p><p>Mein sozialer Bezugsrahmen hat sich von Grund auf ver&auml;ndert. Fr&uuml;here Freunde sind weggebrochen. Mit meinem Kollegen aus der IPPNW-Regionalgruppe hatte ich beispielsweise letzten Sommer vereinbart, dass wir beide versuchen m&ouml;chten, Br&uuml;cken zu bauen. Er ist auch Psychotherapeut, deshalb wollten wir den Dialog ansto&szlig;en. Die erste Bew&auml;hrungsprobe war dann die Vorbereitungsgruppe f&uuml;r die Friedenskonferenz, eine friedenspolitische Parallelveranstaltung zur M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz. <\/p><p>Die IPPNW ist seit einigen Jahren Mitveranstalter der FRIKO. Es kam die Idee auf, mit der Zivilgesellschaft mehr in Kontakt kommen, vielleicht eine Podiumsdiskussion mit Menschen zu f&uuml;hren, die sich noch nicht so lange f&uuml;r den Frieden engagieren. Mein Vorschlag, die Protagonisten von &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; einzuladen, rief gro&szlig;en Widerstand und Ablehnung hervor. Es wurde unterstellt, dass das alles Rechte seien, obwohl niemand vom FRIKO-Team jemals mit den Leuten von MsA gesprochen hatte oder bei einer Demo gewesen war. Man folgte also nur den eigenen Vorurteilen. Mein Kollege unterst&uuml;tzte mich leider nicht, sondern schloss sich den anderen an. <\/p><p>Ich habe mit vielen von &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; gesprochen und kenne auch viele aus der Szene. Ich habe daher entsprechend dagegengehalten, da ich auf den Demos von MsA keine Rechten getroffen hatte, sondern nur Menschen begegnet war, die sich f&uuml;r Freiheit und Frieden engagieren. Aber meine ehemaligen politischen Weggef&auml;hrten glaubten mir nicht, und mein Vorschlag wurde vom FRIKO-Team vehement zur&uuml;ckgewiesen. Als es dann noch um die Beurteilung einer Demonstration am 9. November ging, glaubte die FRIKO-Gruppe lieber der <em>S&uuml;ddeutschen Zeitung<\/em>, die wieder einmal nur Nazis dort gesehen haben wollte, als mir, einer Augenzeugin, die vor Ort war.<\/p><p>Ich habe mich dann aus der Gruppe zur&uuml;ckgezogen, weil ich nicht mit Menschen zusammenarbeiten wollte, die selbst so wenig friedensf&auml;hig sind. Friedensf&auml;higkeit bedeutet Gespr&auml;chsbereitschaft. Eine Friedenskonferenz, auf der gefordert wird, dass Russland und die Ukraine sich zu Verhandlungen an einen Tisch setzen sollen, die aber selbst nicht zum Dialog bereit ist, verdient den Namen nicht. Diese Doppelmoral erleben wir zurzeit st&auml;ndig in der Politik, da wollte ich nicht mitmachen. Es hat mich aber pers&ouml;nlich sehr getroffen, dass ich keine Unterst&uuml;tzung f&uuml;r meine Position von meinem Kollegen bekam. Unser gemeinsam abgesprochenes Br&uuml;ckenbau-Projekt war gescheitert. Nun musste ich allein weitermachen. Ich empfand das so, als ob man mir in den R&uuml;cken f&auml;llt. Das hat sich dann sp&auml;ter wiederholt.<\/p><p><strong>Was ist denn passiert?<\/strong><\/p><p>Einige Wochen sp&auml;ter wurde ich von den Organisatoren der Anti-Siko-Demo des &bdquo;Macht Frieden&ldquo;-B&uuml;ndnisses gefragt, ob ich auf ihrer Veranstaltung sprechen m&ouml;chte. Der Vorstand von IPPNW verbot mir, dort in ihrem Namen zu sprechen, so wie ich das sonst immer tue. Die Begr&uuml;ndung war: IPPNW d&uuml;rfe nicht mit wissenschaftsfeindlichen, rechtsoffenen Corona-Leugnern in Verbindung gebracht werden. So trat ich als Privatperson und nicht als Vertreterin der IPPNW auf. In einem Interview mit der <em>SZ<\/em> distanzierte sich dann der IPPNW-Vorsitzende von mir und behauptete, mein Auftritt sei nicht mit ihm abgesprochen gewesen, obwohl es nat&uuml;rlich abgesprochen war und das alles per Mail-Verkehr belegt ist. Ich empfand das als sehr illoyal und pers&ouml;nlich verletzend. Es zeigt die tiefe Zerrissenheit in den herk&ouml;mmlichen Friedensorganisationen. Wenn wir aber so miteinander umgehen, schw&auml;chen wir uns weiter systematisch selbst.<\/p><p><strong>Wo siehst Du die gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse einer Zusammenarbeit?<\/strong><\/p><p>Die neue FB zeigte sich bisher sehr offen und kooperationsbereit. Vielleicht hat sie durch den medial angeheizten, scharfen Corona-Diskurs eine gr&ouml;&szlig;ere Dialogf&auml;higkeit entwickelt als die traditionelle FB, die sich in den letzten Jahren des Friedens nicht mehr gro&szlig; gesellschaftlich auseinandersetzen musste. Man hatte sich bequem in der Friedensnische eingerichtet. Also liegen die gr&ouml;&szlig;ten Hindernisse meiner Erfahrung nach auf Seiten der alten FB. Das sind die unverr&uuml;ckbaren Bilder im Kopf, die Einordnung in ein politisches Raster mit links und rechts. <\/p><p>Die alten Aktivisten kommen aus der linken Szene und haben &uuml;ber die Jahre eine rigide linke Identit&auml;t entwickelt, die nicht reflektiert werden kann. Dann l&auml;sst man sich lieber von einer gewaltbereiten Antifa ein schlechtes Gewissen einreden, dass man nicht links genug sei und sich deshalb offensiv von allem distanzieren m&uuml;sse, was die Antifa als Rechts definiert, statt sich eine neue, zeitgem&auml;&szlig;e Position zu erarbeiten. Sie m&uuml;sste sich allerdings fragen, was die haupts&auml;chliche Aufgabe einer Friedensbewegung ist: Will sie einer radikalen linken Ideologie hundertprozentige Gefolgschaft leisten oder einen lager&uuml;bergreifenden Protest organisieren, um jetzt einen Krieg zu beenden?<\/p><p>Ein anderes Hindernis f&uuml;r eine Zusammenarbeit ist aber auch, dass sich die neue FB zu einem gro&szlig;en Teil aus der Grundrechtebewegung entwickelt, die w&auml;hrend der Pandemie so diffamiert wurde. Viele aus der alten FB waren mit den Corona-Ma&szlig;nahmen konform und schlossen sich dem Vorurteil an, dass die Ma&szlig;nahmenkritiker alle Corona leugnen und aus der rechten Ecke kommen w&uuml;rden. Das zeigt ja auch die Reaktion des IPPNW-Vorstandes. Und pl&ouml;tzlich sollen diese &bdquo;Aluhuttr&auml;ger&ldquo; ernst zu nehmende Friedensaktivisten sein? Das &uuml;bersteigt die intellektuelle Flexibilit&auml;t von altgedienten Friedensbewegten. Da macht man es sich dann lieber einfach und stellt alle &bdquo;Neuen&ldquo; unter den Verdacht, rechtsoffen zu sein. In der Psychotherapie arbeite ich mit meinen Patienten immer daran, zu differenzieren. Wenn man in einem Gut-B&ouml;se-Schema stecken bleibt, gibt es keine psychische Entwicklung. Diese Entwicklungsaufgabe m&uuml;sste jetzt die alte FB leisten. Das Links-rechts-Schema taugt nichts mehr, wir m&uuml;ssen alle neu denken lernen.<\/p><p>Dazu geh&ouml;rt auch, einmal aus dem Kreislauf von Aktion und Reaktion herauszutreten und das gesellschaftspolitische Geschehen zu reflektieren. Als Psychoanalytikerin ist es mein t&auml;gliches Gesch&auml;ft, die unbewusste Dynamik eines Verhaltens zu verstehen. Warum tut sich also die alte FB so schwer, &uuml;berhaupt einmal ins Gespr&auml;ch zu kommen mit den Jungen? Ich glaube, da argumentiert die Antifa geschickt mit dem Vorwurf der Kontaktschuld. Das hei&szlig;t, man macht sich schuldig, wenn man Kontakt mit einem &bdquo;Rechten&ldquo; hat. Sich schuldig zu machen, weil man die politische Gefahr von rechts nicht sehen k&ouml;nnte, die schon einmal Deutschland und die ganze Welt in den Abgrund gest&uuml;rzt hat, davor f&uuml;rchtet sich meine Generation, also die alte FB. Ein Teil unserer politischen Identit&auml;t wuchs aus der offensiven Abgrenzung gegen jegliche rechtsnationale Tendenz. Deshalb verf&auml;ngt dieses Argument so gut. Dann wird kontraphobisch alles vermieden, was nur irgendwie in diese Richtung interpretiert werden k&ouml;nnte. <\/p><p>Schuldgef&uuml;hle oder Angst zu erzeugen ist &uuml;brigens eine massenpsychologische Taktik. Mithilfe des sogenannten &bdquo;Nudgings&ldquo; werden Affekte bewusst gesch&uuml;rt, um dann ein konformes Verhalten zu erzeugen, das den Akteuren im Hintergrund f&uuml;r ihre Zwecke dient. In der Corona-Zeit war es die Angst vor Krankheit und Tod, jetzt ist es das Schuldgef&uuml;hl, das die Agenda der Regierung st&uuml;tzt. In beiden F&auml;llen wird mit der Metapher von Ansteckung gearbeitet. Fr&uuml;her konnten wir uns mit einer Mikrobe anstecken, jetzt ist es das &bdquo;Virus von rechts&ldquo;. Und der Schutz vor Ansteckung ist in beiden F&auml;llen die Vermeidung von menschlichem Kontakt. Deshalb k&ouml;nnen rechtes und linkes Lager nicht zusammenkommen, solange diese irrationale Angst vor politischer Ansteckung herrscht. Divide et impera &ndash; die Spaltung der Gesellschaft dient den M&auml;chtigen, um zu herrschen. Wir brauchen wieder ein Zutrauen zu unserer gesunden Immunit&auml;t &ndash; im physiologischen wie politischen Sinn. Dann k&ouml;nnen wir auch nicht von &bdquo;rechts&ldquo; infiziert werden, selbst wenn wir mit Menschen in Kontakt kommen, deren politische Meinung in diese Richtung geht.<\/p><p><strong>Was ist in deren Sinne denn &bdquo;rechts&ldquo;?<\/strong><\/p><p>Das frage ich mich auch. Die alten politischen Koordinaten haben ja ausgedient, wenn die ehemals pazifistische Partei der Gr&uuml;nen f&uuml;r den Krieg wirbt und die AfD f&uuml;r Friedensverhandlungen. F&uuml;r eine friedensf&auml;hige Position ist es meiner Meinung nach auch nicht mehr so wichtig, aus welchem traditionellen politischen Lager man kommt. Wenn man sich auf grundlegende Forderungen einigen kann, wie keine Waffen mehr zu liefern und Friedensverhandlungen aufzunehmen, ist das der kleinste gemeinsame Nenner, unter dem sich Menschen zusammentun k&ouml;nnen, die in anderen Punkten unterschiedlicher Meinung sein d&uuml;rfen. <\/p><p>In der ganzen aufgeheizten Abgrenzungsdiskussion haben wir anscheinend vergessen, dass in einer parlamentarischen Demokratie die unterschiedlichen Parteien themenbezogen zusammenarbeiten. Wenn ich auf einer Demo neben einem Mann gehe, der AfD w&auml;hlt, aber jetzt f&uuml;r den Frieden demonstriert, ist er bei diesem Thema mein Mitstreiter. Deshalb muss ich nicht derselben Meinung wie er beim Thema Migration sein. Und nur weil ich neben ihm gehe, bin ich nicht &bdquo;rechts&ldquo;. Dazu ist mein politisches Immunsystem zu stabil. Meine politischen Werte k&ouml;nnten sich aktuell eher an einer tiefen humanistischen und pazifistischen Haltung orientieren als an einem vereinfachten Links-rechts-Schema. Das w&auml;re jetzt wichtig. Wenn wir uns weiter in &bdquo;links&ldquo; und &bdquo;rechts&ldquo; spalten lassen, verrichten wir das Gesch&auml;ft der M&auml;chtigen selbst. Dann wird sich keine wirklich gro&szlig;e neue FB entwickeln und die Kriegstreiber haben gewonnen.<\/p><p>Das mediale Framing funktioniert leider erstaunlich gut. Jeder Ma&szlig;nahmenkritiker, jeder Impfskeptiker ist verd&auml;chtig, und dementsprechend werden &bdquo;M&uuml;nchen steht auf&ldquo; und die Grundrechtebewegung als rechts wahrgenommen. Das gilt jetzt auch f&uuml;r alle, die f&uuml;r den Frieden auf die Stra&szlig;e gehen. Fr&uuml;her wurde man als &bdquo;Corona-Leugner&ldquo;, heute wird man als &bdquo;Putinversteher&ldquo; beschimpft, wenn man nicht mit der Regierungspolitik einverstanden ist. Dabei muss Friedenspolitik doch immer Kritik an der Regierung sein, wenn diese einen Krieg unterst&uuml;tzt!<\/p><p><strong>Wie meinst Du das?<\/strong><\/p><p>Meine Entwicklung hin zu einer friedenspolitischen Position war, sich immer mit dem Regierungshandeln kritisch auseinanderzusetzen. Es ist logisch, dass die Ma&szlig;nahmenkritiker auch kritisch beim Krieg sind, denn sie sind es, die der Regierung seit drei Jahren auf die Finger schauen. Aber ein kollektiver kritischer Geist, der in den 80er-Jahren etwas sehr Positives war, wird heute &ndash; insbesondere seit drei Jahren &ndash; negativ konnotiert. Dabei ist eine regierungskritische Haltung Grundvoraussetzung f&uuml;r die Friedensbewegung. Ich frage mich, warum nimmt die alte Friedensbewegung die regierungskritische Haltung der Grundrechtebewegung nicht als frischen Impuls f&uuml;r die eigene Mobilisierung auf?<\/p><p><strong>Siehst Du eine Chance, die Gruppen zusammenzuf&uuml;hren?<\/strong><\/p><p>Ich wei&szlig; es im Moment wirklich nicht. Die neue FB hat oft die Hand ausgesteckt, die von der alten nicht angenommen wurde, zumindest hier in M&uuml;nchen. Ich habe geh&ouml;rt, dass es in anderen St&auml;dten schon Ann&auml;herung gibt. Es w&auml;re jetzt an den Alten, das Gespr&auml;ch mit den Jungen zu suchen. Es ist ja tats&auml;chlich so, dass die Akteure der traditionellen FB alt sind. Wir sind nicht mehr viele und haben nicht mehr viel Kraft. Die Jungen k&ouml;nnen jetzt den Widerstand organisieren, sie haben Vitalit&auml;t und Engagement und beherrschen die Klaviatur der sozialen Medien, um viele Menschen zu mobilisieren. Das w&auml;re ein Booster f&uuml;r uns Alte! <\/p><p>Ich habe den Eindruck, die Widerst&auml;nde gegen die Neuen werden gerade etwas geringer, weil man sieht, wie sich die Zahlen entwickeln. Am K&ouml;nigsplatz waren im Februar 20.000 Menschen, am Marienplatz nur 2.700. Bei der Osterkundgebung waren f&uuml;nfmal so viel Leute bei &bdquo;Macht Frieden&ldquo; wie beim traditionellen Ostermarsch. Das Traurige ist aber, dass es insgesamt bei allen Kundgebungen viel zu wenige waren, wenn man sich die aktuelle Bedrohungslage ansieht. Vielleicht ist es gar nicht mehr so wichtig, dass die alte sich mit der neuen FB verbindet, denn die alte FB hat nicht mehr viel Gewicht. Die Neue muss &auml;hnlich breit in der Gesellschaft aufgestellt werden wie damals in den 80ern. <\/p><p>Wo sind aber jetzt die Kirchen, die Gewerkschaften und die Klimabewegung? Die christliche N&auml;chstenliebe ist doch eigentlich per se eine pazifistische Haltung, und gute Arbeitsbedingungen gibt es nur im Frieden. Wer sich f&uuml;r das Klima einsetzt, m&uuml;sste sich auch f&uuml;r den Frieden engagieren, denn 5 Prozent der globalen CO2-Emissionen werden durch milit&auml;rische Aktivit&auml;ten verursacht. Durch den Ukraine-Krieg sind bisher 100 Mio. Tonnen CO2 zus&auml;tzlich in die Atmosph&auml;re geschleudert worden. Die gigantische Zerst&ouml;rung der Umwelt durch Krieg m&uuml;sste doch alle Natursch&uuml;tzer zu Pazifisten machen. Der Krieg in der Ukraine ist nicht das notwendige &Uuml;bel, um die Energiewende zu schaffen, wie uns einige erz&auml;hlen wollen. Der Krieg ist ein Teil der Klimakatastrophe. Deshalb m&uuml;ssten FFF und Letzte Generation sich der Friedensbewegung anschlie&szlig;en. IPPNW versucht schon seit L&auml;ngerem, diese Gruppen f&uuml;r die Friedensarbeit zu gewinnen.<\/p><p>Wir d&uuml;rfen nicht vergessen: Die Gefahr der nuklearen Eskalation wird immer gr&ouml;&szlig;er. Wir waren noch nie so nahe an einem Atomkrieg wie aktuell. Deshalb w&auml;re gerade jetzt die Stunde einer Friedensorganisation wie IPPNW, die seit 40 Jahren vor dem Atomkrieg warnt. Sie m&uuml;sste sich mehr mit der neuen FB verbinden. Ein erster Schritt dazu wurde schon gemacht, als die IPPNW-Vorsitzende den Appell von Schwarzer \/ Wagenknecht unterzeichnete und deren Demo unterst&uuml;tzte. Die Berliner Demo war genauso lager&uuml;bergreifend wie die M&uuml;nchner Anti-Siko-Demo am K&ouml;nigsplatz, deshalb ist es schwer verst&auml;ndlich, warum man sich von der K&ouml;nigsplatz-Demo eine Woche vorher noch so distanzierte. Aber vielleicht &auml;nderte sich in der Woche dazwischen etwas. Jeder, der reinen Herzens f&uuml;r den Frieden ist, sollte in einer Friedensbewegung willkommen sein. Wir brauchen wieder eine starke Friedensbewegung wie in den 80ern, um diesen Krieg zu beenden, in dem jeden Tag tausend Menschen sterben, ein ganzes Land zerst&ouml;rt wird und die nukleare Katastrophe droht! Ich hoffe, dass wir das schaffen, bevor es zu sp&auml;t ist.<\/p><p><strong>Das hoffe ich auch. Einen 3. Weltkrieg braucht niemand. Danke f&uuml;r Dein Engagement! Wir sehen uns auf der Stra&szlig;e!<\/strong><\/p><p>Titelbild: Radu Bercan\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist kompliziert, sich f&uuml;r den Frieden zu engagieren. Heute gibt es nicht mehr <em>eine <\/em>Friedensbewegung, es sind inzwischen drei verschiedene: die Alte, die Neue und die ganz Neue. 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