{"id":97808,"date":"2023-05-15T08:36:59","date_gmt":"2023-05-15T06:36:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97808"},"modified":"2023-05-19T18:20:20","modified_gmt":"2023-05-19T16:20:20","slug":"kommunismus-daran-sind-nur-die-russen-schuld-die-posthume-renationalisierung-der-sowjetgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97808","title":{"rendered":"Kommunismus? Daran sind nur die Russen schuld! \u2013 Die posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Sp&auml;testens seit dem Ende der Sowjetunion hat in allen Nachfolgestaaten eine rege Neubewertung der &uuml;ber siebzigj&auml;hrigen kommunistischen Herrschaft eingesetzt, die selten frei von nationalen Egoismen ist. Dabei gehen alle Seiten nicht gerade zimperlich mit der eigenen Verstrickung in die staatlichen Verbrechen der Sowjetepoche um: Sie wird in der Regel bagatellisiert oder schlicht geleugnet! Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn Kiew und anderen ukrainischen St&auml;dten toben die <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/ukraine-krieg-russland-strassenumbenennungen-1.5608598\">Stra&szlig;enk&auml;mpfe<\/a>. Nein, diesmal sind nicht die Abwehr- oder R&uuml;ckeroberungsk&auml;mpfe gegen die russischen Invasoren gemeint. Es geht um die &bdquo;Derussifizierung&ldquo;, die &bdquo;Dekommunisierung&ldquo;, sprich: die &bdquo;Dekolonialisierung&ldquo; der Ukraine. (&Uuml;berfl&uuml;ssig zu betonen, dass diese Begriffe &ndash; zumindest aus ukrainischer Sicht &ndash; synonym sind!) Allein in Kiew sollen 296 Stra&szlig;en umbenannt werden.<\/p><p>Die Lenin-Denkm&auml;ler sind l&auml;ngst gefallen, die Stra&szlig;ennamen siegreicher Gener&auml;le der Roten Armee wurden bereits vor Jahren zugunsten ukrainischer Nationalisten aus der Zwischenkriegszeit umbenannt &ndash; dass da &ouml;fters auch Nazikollaborateure und Judenkiller aus dem Bandera-Lager dabei waren: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JVEGR7apzoI\">Schwamm dr&uuml;ber<\/a>! &ndash;, und der Tag des Sieges &uuml;ber Hitler-Deutschland ist nun schon mal EU- und NATO-kompatibel vom 9. auf den 8. Mai vorverlegt. Dagegen steht vor dem Kiewer Michaeliskloster das Denkmal f&uuml;r die Opfer des &bdquo;Holodomor&ldquo; (ist es ein Zufall, dass dieses Wort an ein anderes anklingt?), der Hungerkatastrophe von 1932\/33, schon seit Anfang der Neunzigerjahre.<\/p><p>&Auml;hnliches l&auml;sst sich in einem anderen postsowjetischen Land mit NATO-Ambitionen beobachten. Eine &bdquo;<a href=\"https:\/\/taz.de\/Stalinismus-in-Georgien\/!5135288\/\">Topographie des Terrors<\/a>&ldquo; findet man n&auml;mlich seit einigen Jahren nicht nur rund um das ehemalige Reichssicherheitshauptamt in Berlin, sondern auch in der georgischen Hauptstadt Tbilissi &ndash; errichtet mit freundlicher Unterst&uuml;tzung der Heinrich-B&ouml;ll-Stiftung. Gemeint ist hier der rote, insbesondere der stalinistische Terror. Anhand einer Reihe von Geb&auml;uden und Pl&auml;tzen wird hier akribisch demonstriert, wie die georgische Bev&ouml;lkerung unter der kommunistischen Terrorherrschaft zu leiden hatte.<\/p><p>In den Nachfolgestaaten der UdSSR, die auf EU- und NATO-Mitgliedschaft spekulieren, ist die Dekommunisierung in vollem Gange. Parallel dazu werden neue nationale Geschichtsnarrative gebastelt, und die laufen in der Regel auf einen unausgesprochenen simplen Satz hinaus: <em>Schuld am Kommunismus waren immer nur die Russen<\/em>!<\/p><p>Nicht Vertreter einer bestimmten <em>Ideologie<\/em> waren also die T&auml;ter, sondern Vertreter einer bestimmten <em>Nation<\/em>. Dasselbe gilt f&uuml;r die Opfer: Opfer waren nicht Kulaken, Kleinbauern, Adlige, Priester, Dissidenten, unliebsame Wissenschaftler und K&uuml;nstler, sondern schlicht alle V&ouml;lker der ehemaligen Sowjetunion &ndash; au&szlig;er den Russen! (Eine Perspektive, die im Westen gerne aufgegriffen wird.) Mit einem Wort: Wir sind gerade Zeugen eines bemerkenswerten geschichtsrevisionistischen Prozesses, den man etwas akademisch-sperrig als &sbquo;posthume Renationalisierung der Sowjetgeschichte&lsquo; bezeichnen k&ouml;nnte.<\/p><p><strong>Nur die Russen?<\/strong><\/p><p>Nat&uuml;rlich stimmen diese voluntaristisch konstruierten schr&auml;gen Narrative hinten und vorne nicht: Stalin und sein ber&uuml;chtigter Geheimdienstchef Lawrentij Berija zum Beispiel waren Georgier. Auch Vertreter anderer Nationalit&auml;ten wie der Schl&auml;chter der Kronst&auml;dter Matrosen Leo Trotzki, der Gr&uuml;nder der ber&uuml;chtigten Tscheka Felix Dserschinski, die Regisseure der stalinistischen Schauprozesse Wyschinski und Jagoda sowie der Killer von Katyn und V&ouml;lkerverschieber Anastas Mikoyan waren Verbrecher des Sowjetregimes.<\/p><p>In der rund 60 Kilometer westlich von Tiflis gelegenen georgischen Geburtsstadt Stalins, Gori, befindet sich noch heute ein &sbquo;dem gro&szlig;en Sohne Georgiens&lsquo; exklusiv gewidmetes <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/reise\/staedte\/georgien-stalin-museum-in-gori-verherrlicht-den-diktator-a-1277027.html\">Stalin-Museum<\/a>, dessen origin&auml;rer Sowjetmief, inclusive &sbquo;Stalin-Wein&lsquo; als Merchandising-Produkt, vermutlich alles &uuml;bertrifft, was an analogen Bauwerken und Gedenkst&auml;tten in Russland noch existiert &ndash; in der georgischen &bdquo;Topographie des Terrors&ldquo; allerdings nirgends auftaucht! Und gehungert wurde zu Beginn der Drei&szlig;igerjahre auch au&szlig;erhalb der Ukraine: Nicht zuletzt in den fruchtbaren Kuban- und Schwarzerdegebieten, im Nordkaukasus und in Kasachstan. Auch Russen sind dieser staatlich induzierten Hungerkatastrophe zu Hunderttausenden zum Opfer gefallen.<\/p><p>Aber die neuen Narrative dienen nicht nur der Reinwaschung der eigenen Geschichte. Sie lassen sich zugleich auch f&uuml;r die ideologische Auseinandersetzung im neuen West-Ost-Konflikt im Allgemeinen und besonders nat&uuml;rlich bezogen auf Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine trefflich instrumentalisieren. So hie&szlig; es in den Medien, als Anfang M&auml;rz letzten Jahres eine russische Granate den Kiewer Rundfunksender an der Melnikowa-Stra&szlig;e, einige Hundert Meter von Babij Jar entfernt, traf, wo Ende September 1941 Einsatztruppen der SS mit logistischer Unterst&uuml;tzung durch Wehrmacht und ukrainische Hilfspolizisten innerhalb von zwei Tagen 33.771 Juden erschossen hatten, die Russen h&auml;tten Babij Jar beschossen. Andriy Yermak vom ukrainischen Pr&auml;sidialamt t&ouml;nte vollmundig auf Twitter: &bdquo;Diese Verbrecher t&ouml;ten zum zweiten Mal die Opfer des Holocaust.&ldquo; Sp&auml;ter legte man noch einen drauf. Nun hie&szlig; es: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.karenina.de\/wissen\/geschichte\/die-ganze-ukraine-ist-zu-babi-jar-geworden\/\">Die ganze Ukraine ist jetzt zu Babij Jar geworden!<\/a>&ldquo; Die eigene Mitt&auml;terschaft an diesem Ort und die blutigen antij&uuml;dischen Pogrome durch die ukrainische Bev&ouml;lkerung beim Einmarsch der Wehrmacht in Ostgalizien (der heutigen Westukraine), denen allein in Lemberg (Lviv) um die <a href=\"https:\/\/babynyar.org\/storage\/library\/digital-books\/0a\/bb\/314B0005_file.pdf\">4.000 Juden zum Opfer fielen<\/a>, wurden wohlweislich verschwiegen.<\/p><p>Der f&uuml;rsorglichen Bemutterung durch den Westen tat das keinen Abbruch. Bereits im Zuge der Krim-Krise und des kriegerischen Konfliktes in der Ostukraine im Fr&uuml;hjahr 2014 hatten die GR&Uuml;NEN &ndash; vergeblich &ndash; versucht, im Bundestag eine Resolution &uuml;ber die &bdquo;Historische Verantwortung Deutschlands f&uuml;r die Ukraine&ldquo; durchzusetzen. (Heute w&auml;ren sie da sicher erfolgreicher.) Demnach wurde am 22. Juni 1941 nicht die Sowjetunion, sondern die Ukraine von der Wehrmacht &uuml;berfallen. Unwillk&uuml;rlich fragte man sich damals: &sbquo;Wo bleibt da Belarus, das im II. Weltkrieg bekanntlich ein Viertel seiner Bev&ouml;lkerung verlor?&lsquo; Aber zu diesem Zeitpunkt waren noch nicht gen&uuml;gend Wei&szlig;russen gegen Pr&auml;sident Alexandr Lukaschenko auf die Stra&szlig;e gegangen, sodass Belarus noch bis zum Sommer 2020 warten musste, um gleichfalls in den Genuss gr&uuml;ner Sonderf&uuml;rsorge zu kommen.<\/p><p><strong>Die Wortwahl entscheidet<\/strong><\/p><p>Wie die postsowjetischen Staaten die Epoche der Sowjetunion verarbeiten, ist deren Angelegenheit. F&uuml;r die Auseinandersetzung in Deutschland schlage ich folgenden Sprachgebrauch vor: Nicht die Ukraine (wahlweise Belarus, Russland) wurde im II. Weltkrieg Opfer schwerster deutscher Verbrechen, sondern <em>auf dem Gebiet der heutigen Ukraine (wahlweise Belarus, Russland)<\/em> wurden im II. Weltkrieg schwerste Verbrechen von Deutschen begangen! Diese Wortwahl ist etwas umst&auml;ndlicher, daf&uuml;r allerdings resistent gegen posthume nationalistische Vereinnahmungen.<\/p><p>Die Konstruktion differenzierter Geschichtserz&auml;hlungen, die im Diskurs mit anderen betroffenen Nationen eindimensionale T&auml;ter-Opfer-Polarisierungen &uuml;berwinden und die eigene Mitt&auml;terschaft Schritt f&uuml;r Schritt integrieren, ist ein &auml;u&szlig;erst m&uuml;hsamer, schmerzhafter Prozess. Er wird vermutlich, wie nicht zuletzt das Ringen um die Vergangenheitsbew&auml;ltigung in Deutschland gezeigt hat, Jahrzehnte dauern.<\/p><p>Einstweilen sollten alle Seiten &ndash; namentlich zu Kriegszeiten &ndash; zumindest auf allzu simple Schuldzuweisungen verzichten.<\/p><p>Titelbild: vaalaa\/shutterstock.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sp&auml;testens seit dem Ende der Sowjetunion hat in allen Nachfolgestaaten eine rege Neubewertung der &uuml;ber siebzigj&auml;hrigen kommunistischen Herrschaft eingesetzt, die selten frei von nationalen Egoismen ist. Dabei gehen alle Seiten nicht gerade zimperlich mit der eigenen Verstrickung in die staatlichen Verbrechen der Sowjetepoche um: Sie wird in der Regel bagatellisiert oder schlicht geleugnet! 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