{"id":9804,"date":"2011-06-16T15:48:15","date_gmt":"2011-06-16T13:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9804"},"modified":"2014-09-01T12:04:24","modified_gmt":"2014-09-01T10:04:24","slug":"hartz-iv-fur-selbstandige-arm-gerechnet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9804","title":{"rendered":"Hartz IV f\u00fcr Selbst\u00e4ndige \u2013 \u201earm gerechnet\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Selbst&auml;ndige sind oft Abzocker&ldquo; meldet der <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1307782590309.shtml\">K&ouml;lner Stadtanzeiger<\/a> und die Frankfurter Rundschau springt dem Schwesterblatt bei: &bdquo;Solche F&auml;lle lassen auf ein verbesserungsf&auml;higes Gesch&auml;ftsmodell schlie&szlig;en &ndash; oder auf gezielten Leistungsmissbrauch.&ldquo; (Printausgabe vom 15. Juni) Neue S&uuml;ndenb&ouml;cke braucht das Land. Nun sind es die Selbstst&auml;ndigen, die auf der gehartzten H&auml;ngematte liegen und an den Pranger gestellt werden.<br>\nVon G&uuml;nter Frech<br>\n<!--more--><\/p><p>Die S&uuml;ddeutsche Zeitung brachte die Geschichte am Dienstag nach Pfingsten auf Seite eins. (<a href=\"\/?p=9779#h01\">Siehe Hinweise des Tages vom 15. Juni<\/a>.) Weitere Medien legten nach. Die Google-Suche ergab 321 Treffer. In der Regel wurde der Artikel aus der SZ wiedergek&auml;ut. Oder eine entsprechende Agenturmeldung &uuml;bernommen. <\/p><p>Es gab einige Ausnahmen: Die <a href=\"http:\/\/www.maerkischeallgemeine.de\/cms\/beitrag\/12106536\/485072\/Immer-mehr-Selbststaendige-beziehen-aufstockend-Sozialleistungen-Existenzgruendung-aus.html\">M&auml;rkische Allgemeine<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/karriere\/2011-06\/hartziv-selbstaendige\">ZEIT-Online<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13427859\/Immer-mehr-Selbststaendige-bekommen-Hartz-IV.html\">Welt-Online<\/a> und die <a href=\"http:\/\/www.saarbruecker-zeitung.de\/aufmacher\/Hartz-IV-Selbstzstaendig-Arbeitsamt-Leistung;art27856,3805256\">Saarbr&uuml;cker Zeitung<\/a>) erw&auml;hnten in ihren Artikeln die <a href=\"http:\/\/doku.iab.de\/kurzber\/2011\/kb1411.pdf\">aktuelle IAB-Studie [PDF &ndash; 496 KB]<\/a>, der zufolge 45 Prozent der Hartz IV-Bezieher, die in einen Job vermittelt werden, nach sechs Monaten wieder auf der Strasse stehen und  stellten so den Zusammenhang zu sozialversicherungspflichtigen Besch&auml;ftigten her, die wegen ihres Hungerlohns mit Hartz IV aufstocken m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Welche &bdquo;Sau wird da nur wieder durchs Dorf&ldquo; getrieben?<\/strong><\/p><p>Es gibt in diesem Land etwa 4,4 Millionen Selbstst&auml;ndige. Wenn nun davon 125.000 &bdquo;erg&auml;nzende Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes&ldquo; &ndash; also aufstockendes ALG II \/ Hartz IV &ndash; beziehen, so sind das knapp &uuml;ber f&uuml;nf Prozent der Selbstst&auml;ndigen, die von ihre Selbstst&auml;ndigkeit nicht leben k&ouml;nnen. Schlimm genug f&uuml;r die Betroffenen! Mag sein, dass sich unter diesen f&uuml;nf Prozent einig wenige &bdquo;arm rechnen&ldquo;, wie der Artikel suggeriert. Aber wo gibt es keine &bdquo;schwarzen Schafe&ldquo;?<\/p><p>Bleiben immer noch 4.275 Millionen Selbst&auml;ndige, die von ihrer Selbstst&auml;ndigkeit leben k&ouml;nnen und ihren Umsatz versteuern m&uuml;ssen. Tun diese das alle redlich? Gibt es Statistiken dar&uuml;ber, wie viele dieser umsatzsteuerpflichtigen Selbstst&auml;ndigen sich &bdquo;arm rechnen&ldquo;, um Steuern zu sparen? Wo bleibt hier der Aufschrei der Emp&ouml;rung?<\/p><p>Eine andere Rechnung: Laut Bundesagentur f&uuml;r Arbeit gibt es hierzulande 27,4 Millionen sozialversicherungspflichtige Besch&auml;ftigte in Voll- und Teilzeit. Davon gelten 1,4 Millionen als &bdquo;Aufstocker&ldquo;. Das sind knapp unter f&uuml;nf Prozent. Und wo bleibt hier der Aufschrei der Emp&ouml;rung?<\/p><p>Die &bdquo;Aufstocker&ldquo; bei Selbstst&auml;ndigen und sozialversicherungspflichtgen Besch&auml;ftigten bewegen sich in einem etwa gleichen statistischen Niveau. Ich sehe aber einen signifikanten sachlichen Unterschied: W&auml;hrend den Selbstst&auml;ndigen durch die ALG II \/ Hartz IV-Aufstockung eine minimale Subvention ihres Kleinstbetriebes zugute kommt (die ich jedenfalls f&uuml;r eine geraume Zeit f&uuml;r gerechtfertigt halte), ist bei den sozialversicherungspflichtigen besch&auml;ftigten &bdquo;Aufstockern&ldquo; von einer gigantischen staatlichen Lohnsubvention zu Gunsten der Unternehmer auszugehen. (2009 betrugen diese Subventionen f&uuml;r &bdquo;Aufstocker&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/deutschland\/hartz-iv-aufstocker-kosten-50-milliarden-euro_aid_540455.html\">11 Milliarden Euro<\/a>.) Bei &bdquo;Aufstockern&ldquo; wird mit unternehmerischen Gesch&auml;ftsmodellen hantiert, die sich darauf gr&uuml;nden, den Besch&auml;ftigten einen Hungerlohn zu zahlen. Und weil der Hungerlohn zum Leben nicht reicht, sind die eh schon gedem&uuml;tigten auch noch zus&auml;tzlich dazu verdammt, aufs Amt zu gehen, sich dort abermals dem&uuml;tigen zu lassen, um erg&auml;nzend Hilfe zu beantragen. <\/p><p>Und w&auml;hrend den auf staatliche Unterst&uuml;tzung angewiesenen Selbstst&auml;ndigen dazu geraten wird, ihr angeblich nicht funktionierendes Gesch&auml;ftsmodell zu &uuml;berdenken, herrscht gegen&uuml;ber den Hungerlohnzahlern Schweigen im Walde und auf fast allen politischen B&uuml;hnen. Lediglich Gewerkschaften, Linkspartei und Wohlfahrtsverb&auml;nde prangern solche Hungerl&ouml;hne an.<\/p><p>Nun schreibe ich diese Zeilen nicht einfach aus einer abstrakten Emp&ouml;rung heraus. Als freiberuflich t&auml;tiger Journalist bin ich selbst Betroffener. Ich beziehe inzwischen Hartz IV und ich f&uuml;hle mich durch solche Schlagzeilen wie &bdquo;arm gerechnet&ldquo;  gedem&uuml;tigt!<\/p><p>Ich habe mich nicht selber in diese Lage gebracht. Mein &bdquo;Gesch&auml;ftsmodell&ldquo; hat beinahe 30 Jahre &ndash; trotz zum Teil mickriger Zeilenhonorare &ndash; relativ gut funktioniert. <\/p><p>Dann sind die deutschen Zeitungsverleger auf die Idee gekommen, mit immer weniger Journalisten und mit immer schlechter werdendem Journalismus die Seiten zwischen den Anzeigen zu f&uuml;llen. Hintergr&uuml;ndiger, aufkl&auml;rerischer und reflektierender Journalismus ist ein seltenes Gut geworden. Das zeigen mir gerade auch die vorgenannten Artikel, die einseitig auf Betroffene eindreschen und keine Zusammenh&auml;nge herstellen. Hier ging z.B. der Journalist der S&uuml;ddeutschen Zeitung entweder einem Einfl&uuml;sterer auf den Leim oder er hat die Geschichte einfach nicht zu Ende gedacht. <\/p><p>Zur&uuml;ck zum Thema: Es ist keineswegs so, das die Jobcenter bei den Betriebsabrechnungen der Selbstst&auml;ndigen &uuml;berfordert w&auml;ren. Belege werden da durchaus mehrmals umgedreht. Doch die Mitarbeiter der Jobcenter gehen von einer normierten Arbeitswelt aus und haben M&uuml;he, die Arbeitswirklichkeit von Selbstst&auml;ndigen zu begreifen. Ich musste z.B. jedes Zeitungsabonnement, jede Quittung, jedes gekaufte Buch, Telefonrechnungen und vieles mehr rechtfertigen und begr&uuml;nden. Und dass man von 4,28 Euro Lebensmittelanteil pro Tag kein anst&auml;ndiges Essen zu sich nehmen kann, muss hier wohl nicht n&auml;her erl&auml;utert werden. F&uuml;r die halbj&auml;hrliche Betriebsabrechnung gibt es einen umfangreichen, vierseitigen Berechnungsbogen und einzelne Posten m&uuml;ssen auf Extrabl&auml;ttern aufgef&uuml;hrt und erl&auml;utert werden. Dieses halbj&auml;hrliche B&uuml;rokmonster nahm viel Zeit in Anspruch, dar&uuml;ber hinaus musste ich gegen die Aufrechnungsbescheide des Jobcenters regelm&auml;&szlig;ig Widerspruch einlegen.<\/p><p>Im Laufe der Zeit ist mein kleiner &bdquo;Laden&ldquo; so zusammengekracht, dass ich seit dreieinhalb Monaten komplett auf Hartz IV angewiesen bin. Als 59-j&auml;hriger habe ich nun das zweifelhafte Vergn&uuml;gen, an einer &bdquo;Ma&szlig;nahme&ldquo; im Rahmen der Initiative &bdquo;Persektive50plus&ldquo; des Bundesarbeitsministeriums teil zu nehmen. An zwei Tagen zu je 7,5 Stunden soll ich nun &bdquo;durch Feststellung und Verringerung von Vermittlungshemmnissen&ldquo; in meiner &bdquo;beruflichen Integration unterst&uuml;tzt werden&ldquo;, wie es in der mit dem Jobcenter abgeschlossenen &bdquo;Eingliederungsvereinbarung&ldquo; hei&szlig;t.<\/p><p>Mit 15 weiteren zwischen 51- und 59-j&auml;hrigen Frauen und M&auml;nner sitze ich nun da, recherchiere im Internet oder in den Stellenanzeigen der Berliner Zeitungen nach nicht vorhanden Jobs. (Wir legten auch schon zwei Wandertage zum Schlachtensee und in den Botanischen Garten ein.) Wenn ich gerade nicht nach Stellen fahnde, lese ich ausf&uuml;hrlich die Internet-Angebote der Printmedien und die Nachdenkseiten oder recherchiere, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich wei&szlig;  inzwischen ziemlich viel &uuml;ber ein Foto aus dem Jahre 1840, auf dem Constanze Mozart zu sehen sein soll. Oder, weil ich gerade einen Krimi gelesen habe, der in der Edelgastronomie und im Bereich des Fooddesign spielt, machte ich mich &uuml;ber alle Facetten von Zusatzstoffen in unseren Lebensmitteln schlau. Irgendwie muss die Zeit ja mit Besch&auml;ftigung ausgef&uuml;llt werden, um nicht tr&uuml;bsinnig zu werden.  <\/p><p>Keiner der drei &bdquo;Betreuer&ldquo; des Ma&szlig;nahmetr&auml;gers und der sporadisch anwesenden zwei Damen vom Jobcenter haben sich je daf&uuml;r interessiert, was ich alles in meinem bescheidenen journalistischen Leben zu Papier gebracht habe. Zwei Jobangebote habe ich auch schon bekommen: als Anzeigenvertreter f&uuml;r den Berliner Verlag (ist ja &bdquo;irgend etwas mit Medien&ldquo;!) sollte ich anheuern oder f&uuml;r eine Autovermietung f&uuml;r 5,50 Euro Stundenlohn twittern.<br>\nEs gibt auch &bdquo;Erfolge&ldquo; zu vermelden: Gerade wurden drei Teilnehmer der Ma&szlig;nahme zu einer Wachschutzfirma vermittelt und die bewachen k&uuml;nftig f&uuml;r einen Stundenlohn von 6,54 Euro die Neue Nationalgalerie. Das sind &bdquo;deutsche Karieren&ldquo; im Jahre 2011: vom Hartz IV-Empf&auml;nger zum Hungerl&ouml;hner, der dann wiederum zum Hartz IV-Aufstocker wird.<\/p><p>&bdquo;Nur Lebensk&uuml;nstler k&ouml;nnen auf Dauer von 364 Euro im Monat leben&ldquo; sagte BA-Vizepr&auml;sident Heinrich Alt am 29. April des Jahres dem Tagesspiegel. Wo Perspektiven zu einer Arbeit mit einem Lohn zum &Uuml;berleben erkennbar w&auml;ren, dazu hat er leider nichts gesagt. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Selbst&auml;ndige sind oft Abzocker&ldquo; meldet der <a href=\"http:\/\/www.ksta.de\/html\/artikel\/1307782590309.shtml\">K&ouml;lner Stadtanzeiger<\/a> und die Frankfurter Rundschau springt dem Schwesterblatt bei: &bdquo;Solche F&auml;lle lassen auf ein verbesserungsf&auml;higes Gesch&auml;ftsmodell schlie&szlig;en &ndash; oder auf gezielten Leistungsmissbrauch.&ldquo; (Printausgabe vom 15. Juni) Neue S&uuml;ndenb&ouml;cke braucht das Land. Nun sind es die Selbstst&auml;ndigen, die auf der gehartzten H&auml;ngematte liegen und an den Pranger gestellt<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9804\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[142,140,123],"tags":[1138,248,375,460],"class_list":["post-9804","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesagentur-fuer-arbeit","category-hartz-gesetze-buergergeld-grundsicherung","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-aufstocker","tag-frankfurter-rundschau","tag-ksta","tag-sz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9804","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9804"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9804\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9806,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9804\/revisions\/9806"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9804"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9804"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9804"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}