{"id":98210,"date":"2023-05-22T08:43:58","date_gmt":"2023-05-22T06:43:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98210"},"modified":"2023-05-22T10:22:18","modified_gmt":"2023-05-22T08:22:18","slug":"der-fall-adler-group-ein-wirecard-skandal-auf-raten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98210","title":{"rendered":"Der Fall Adler Group \u2013 ein Wirecard-Skandal auf Raten?"},"content":{"rendered":"<p>Milliardenverlust, Eigenkapital fast weg, die Schulden steigen, Insolvenz in letzter Minute abgewendet, und der Verwaltungsratschef spricht von &bdquo;kommerziellen Nahtoderfahrungen&ldquo;. Das ist kurz gefasst der aktuelle Zustand der Adler Group, einem Immobilienkonzern mit Sitz in Luxemburg und Wohnungsbest&auml;nden in Deutschland. Das Pikante dabei: Der Fall erinnert in Teilen an den Wirecard-Skandal, der vor drei Jahren die deutsche Finanzwelt ersch&uuml;tterte. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz ist wieder mit von der Partie. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nWie die Adler Group auf ihrer Bilanzpressekonferenz Ende April <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/unternehmen-branchen\/abwertungen-druecken-adler-tief-in-rote-zahlen\">bekannt gab<\/a>, hat sich der Verlust des Unternehmens 2022 auf 1,67 Milliarden Euro ausgeweitet, nach einem Minus von 1,17 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Als Grund daf&uuml;r wurden Wertminderungen des Immobilienverm&ouml;gens sowie Abschreibungen auf Forderungen und den Gesch&auml;fts- und Firmenwert genannt. In der Folge schrumpfte das Eigenkapital im Konzern um fast die H&auml;lfte auf 1,91 Milliarden Euro. Zugleich nahm die Verschuldung auf 74,5 Prozent des Immobilienverm&ouml;gens zu, nach 62,7 Prozent Ende 2021. Dass die Adler Group &uuml;berhaupt noch existiert, ist einem Restrukturierungsplan zu verdanken, den das Unternehmen im April mit einem Teil der Anleihe-Gl&auml;ubiger vereinbart hat. Laut Verwaltungsratschef Stefan Kirsten hat das Unternehmen damit zum dritten Mal eine Insolvenz abgewendet.<\/p><p><strong>Sechstgr&ouml;&szlig;ter Immobilienkonzern<\/strong><\/p><p>Bei der Adler Group handelt es sich um einen Wohnungskonzern, der 2020 aus der Fusion der Immobilienunternehmen Ado Properties, Consus Real Estate und Adler Real Estate entstanden ist. Mit fast 70.000 Wohneinheiten vor allem in Gro&szlig;st&auml;dten z&auml;hlte Adler Ende 2020 zu den sechs gr&ouml;&szlig;ten Immobilienkonzernen Deutschlands. Das Besondere an Adler ist, dass der Konzern quer durch die Republik Gro&szlig;baustellen und Prestigeobjekte entwickelt und es fast &uuml;berall zu Verz&ouml;gerungen, mutma&szlig;lichen Falschbewertungen und anderen Ungereimtheiten gekommen ist. Beispiele <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/immobilien\/immobilien-wenig-fortschritt-viel-aerger-so-sieht-es-auf-den-baustellen-der-adler-gruppe-aus\/28480430.html\">hierf&uuml;r<\/a> sind der &bdquo;Schwabenlandtower&ldquo; in Fellbach, das &bdquo;Holsten-Areal&ldquo; in Hamburg, der &bdquo;Steglitzer Kreisel&ldquo; in Berlin, die &bdquo;New Frankfurt Towers&ldquo; in Offenbach am Main und das Projekt &bdquo;Glasmacherviertel&ldquo; in D&uuml;sseldorf-Gerresheim. <\/p><p>Das Bemerkenswerte an dem Fall Adler ist aber, dass er einige Parallelen zu dem Wirecard-Skandal von vor drei Jahren aufweist. So war es erneut der britische Finanzinvestor Fraser Perring, der als Erstes auf Missst&auml;nde aufmerksam machte, und nicht etwa die Wirtschaftspr&uuml;fer oder die Finanzaufsicht Bafin. In einem Papier von Perrings Analysehaus Viceroy vom Oktober 2021 <a href=\"https:\/\/viceroyresearch.org\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Viceroy-Research-Adler-Group.pdf\">hei&szlig;t es etwa<\/a>, dass der Zusammenschluss mit der ADO Properties und der Consus Real Estate zum Zweck der Verschleierung des hohen Verschuldungsgrades der Adler Real Estate entstand. Ferner warf Perring dem Adler-Management undurchsichtige Transaktionen zu Gunsten nahestehender Personen und Manipulation bei der Bewertung von Immobilienprojekten vor.<\/p><p><strong>Vorw&uuml;rfe nicht entkr&auml;ftet<\/strong><\/p><p>Wie schon im Fall Wirecard beauftragte auch hier das beschuldigte Unternehmen, also die Adler Group, einen Wirtschaftspr&uuml;fer, um die Vorw&uuml;rfe zu entkr&auml;ften. Doch das Vorhaben misslang. Die mit der Sonderpr&uuml;fung betraute Gesellschaft KPMG konnte einen bedeutenden Teil der Vorw&uuml;rfe nicht widerlegen. Ein Grund daf&uuml;r war die mangelnde Kooperationsbereitschaft des Adler-Managements, das sich lange Zeit weigerte, den Pr&uuml;fern Einblick in rund 800.000 E-Mails zu gew&auml;hren. Dies hatte sogar zur Folge, dass KPMG das Mandat niederlegte und das Testat f&uuml;r 2021 verweigerte. Weil auch andere Gesellschaften ein Mandat ablehnten, vermutlich um sich nicht die Finger an dem Skandal-Unternehmen zu verbrennen, stand Adler bis zuletzt ohne Pr&uuml;fer da. Entsprechend ist die Bilanz f&uuml;r 2022, die Adler nun vorlegte, nicht testiert. Mit R&ouml;dl &amp; Partner hat sich inzwischen zwar ein Pr&uuml;fer gefunden, doch das ist nur ein halber Erfolg. Denn die Kanzlei &uuml;bernimmt nur die deutsche Kerngesellschaft und nicht den in Luxemburg eingetragenen Gesamtkonzern.<\/p><p>Eine weitere Parallele zum Fall Wirecard ist, dass auch Bundeskanzler Olaf Scholz wieder <a href=\"https:\/\/www.abendblatt.de\/meinung\/article235226299\/Der-Fall-Adler-koennte-der-Anfang-eines-Immobilienbebens-sein.html\">mit von der Partie ist<\/a>. Dieses Mal jedoch nicht als Bundesfinanzminister, sondern noch in seiner Funktion als Erster B&uuml;rgermeister Hamburgs. Konkret geht es um eine Entscheidung aus dem Jahr 2016. Damals war geplant, auf dem ehemaligen Gel&auml;nde der Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona knapp 1.300 Wohnungen zu errichten, um den Wohnungsmangel in der Stadt zu lindern. Zudem wollte Scholz den Brauereistandort Hamburg erhalten. Deswegen entschied er, dass die Stadt auf ihr Vorkaufsrecht f&uuml;r das Grundst&uuml;ck verzichten sollte &ndash; zu Gunsten des Holsten-Eigent&uuml;mers, dem Brauereikonzern Carlsberg. Das Gel&auml;nde gelangte somit auf den freien Markt und landete 2020 schlie&szlig;lich bei der Adler Group. Dort stand es dann 2022 mit 328 Millionen Euro in den B&uuml;chern. Damit hatte sich der Wert seit 2016 verf&uuml;nffacht. Eine Wohnung jedoch ist bislang nicht entstanden, das Gel&auml;nde immer noch eine Brache. Kritiker halten dies f&uuml;r einen klaren Fall von Bodenspekulation und machen Scholz f&uuml;r das Desaster mitverantwortlich.<\/p><p><strong>Adler noch nicht pleite<\/strong><\/p><p>Der gro&szlig;e Unterschied zum Fall Wirecard ist jedoch, dass Adler auch gut anderthalb Jahre nach Bekanntwerden der Vorw&uuml;rfe nicht pleite gegangen ist. Damit konnte man allerdings auch rechnen. Denn der Analyst Fraser Perring machte im Rahmen seiner Enth&uuml;llungen auch darauf aufmerksam, dass Adler &ndash; anders als bei Wirecard &ndash; nicht so schnell das Geld ausgehen wird, der Zusammenbruch sich langsamer vollzieht. Und danach sieht es derzeit auch aus. Im April hat sich Adler mit dem Restrukturierungsplan, den das Unternehmen mit einer Gruppe von Anleihe-Gl&auml;ubigern vereinbart hat, noch einmal Zeit verschafft. F&auml;lligkeiten und Zinszahlungen wurden bis Mitte 2025 <a href=\"https:\/\/www.boersen-zeitung.de\/unternehmen-branchen\/hek-120z-adler-2?issue=fbd27150-5b7f-4a6a-9eaa-d473269308f6t\">verl&auml;ngert<\/a>. <\/p><p>Bis dahin muss Adler weiter kr&auml;ftig Wohnungen verkaufen. In den vergangenen beiden Jahren hat sich das Unternehmen so &uuml;berhaupt erst die n&ouml;tige Liquidit&auml;t f&uuml;r den Schuldendienst besorgt. Doch dies d&uuml;rfte nun immer schwieriger werden. Zum einen ist der Wohnungsbestand inzwischen von urspr&uuml;nglich rund 70.000 auf nur noch 26.000 Einheiten geschrumpft. Zum anderen ist Adler, um einigerma&szlig;en gute Preise erzielen zu k&ouml;nnen, auf einen weiter florierenden Immobilienmarkt angewiesen. Danach sieht es nun aber angesichts gestiegener Zinsen nicht mehr aus.<\/p><p><strong>Fazit:<\/strong><\/p><p>Unter dem Strich l&auml;sst sich sagen, dass die Entwicklungen bei der Adler Group erneut kein gutes Licht auf den Finanzplatz Deutschland werfen. Der sp&ouml;ttische Kommentar der britischen Finanzzeitung &bdquo;Financial Times&ldquo;, die die deutsche Finanzaufsicht im Wirecard-Skandal wegen ihres mangelnden Bisses mit einem &bdquo;gealterten Zwergspitz&ldquo; <a href=\"https:\/\/www.ft.com\/content\/2e55fa5b-fb6a-4a3c-b1a8-4371d60f1f0b\">verglich<\/a>, l&auml;sst sich auch auf den Fall Adler &uuml;bertragen. Und auch die Zunft der Wirtschaftspr&uuml;fer hat sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Dass ein Konzern in der Gr&ouml;&szlig;enordnung von Adler gut ein Jahr lang ohne Pr&uuml;fer unterwegs ist, ist ein bislang einmaliger Vorgang in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Geht man davon aus, dass die Wirtschaftspr&uuml;fer f&uuml;r den Gesch&auml;ftsverkehr so etwas sind wie der T&Uuml;V f&uuml;r den Stra&szlig;enverkehr, dann ist das etwa so, als w&uuml;rde ein riesiger Gefahrguttransporter ein Jahr lang ohne T&Uuml;V-Plakette &uuml;ber Deutschlands Stra&szlig;en rollen. Und f&uuml;r Bundeskanzler Olaf Scholz ist Adler zwar kein neuer Cum-Ex-Fall, aber doch ein weiterer und vor allem auch ein bislang wenig beachteter Fleck auf seiner nicht mehr ganz so bl&uuml;tenwei&szlig;en Weste.<\/p><p>Titelbild: studiostoks\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/7b3f95a1d1724c16a1bb5f91399c2249\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milliardenverlust, Eigenkapital fast weg, die Schulden steigen, Insolvenz in letzter Minute abgewendet, und der Verwaltungsratschef spricht von &bdquo;kommerziellen Nahtoderfahrungen&ldquo;. 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