{"id":98390,"date":"2023-05-27T11:45:21","date_gmt":"2023-05-27T09:45:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98390"},"modified":"2023-05-27T06:16:29","modified_gmt":"2023-05-27T04:16:29","slug":"beamtenland-ist-abgebrannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98390","title":{"rendered":"Beamtenland ist abgebrannt"},"content":{"rendered":"<p>Unsere Beamten: Mal werden sie beneidet, mal verspottet. Fest steht: Ohne staatliche Beamtenschaft geht es nicht. Aber brauchen wir so viele? Gerade hat die Ampelregierung &uuml;ber 1700 neue Beamtenstellen geschaffen. Von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nSchon Carl Ludwig B&ouml;rne (1786 &ndash; 1837) wusste, dass man &bdquo;ohne Witz nicht auf die Menschen wirken kann&ldquo;. Also, kennen Sie den? Woran merkt man, wenn Beamte streiken? Daran, dass alles viel schneller und besser funktioniert! &ndash; Daraus wird vorerst nichts. Beamte d&uuml;rfen auch zuk&uuml;nftig nicht streiken, das entschied schon vor Jahren das Bundesverfassungsgericht. Die Richter wiesen damit die Klage von vier beamteten Lehrern zur&uuml;ck. Diese hatten argumentiert, das Streikrecht sei ein Menschenrecht. Um einen handlungsf&auml;higen Staat zu gew&auml;hrleisten, k&ouml;nne man deshalb nicht allen Beamten den Streik verbieten, sondern allenfalls den &bdquo;hoheitlich T&auml;tigen&ldquo;, also etwa Polizisten, Richtern und Soldaten. Dem erteilten die Karlsruher Richter eine Absage: Lehrer d&uuml;rften schon allein deshalb nicht streiken, weil das Bildungssystem einen hohen Stellenwert habe. Schlie&szlig;lich w&uuml;rden auch nicht alle Gewerkschaftst&auml;tigkeiten verboten, sondern nur das Streiken.<\/p><p>Warum aber sollen Abteilungsleiter in der st&auml;dtischen Personalabteilung oder Sachbearbeiter am kommunalen Bauhof eigentlich nicht streiken d&uuml;rfen? Auch nicht &uuml;berlastete Lehrer und gestresste Gerichtsvollzieher? G&ouml;nnen wir nicht allen bessere Arbeitspl&auml;tze und bessere Bezahlung? Sicher, die Frage ist nur, ob Lehrer, Sachbearbeiter und Gerichtsvollzieher Beamte sein m&uuml;ssen. Und da ist die Antwort eindeutig: Nein, m&uuml;ssen sie nicht &ndash; im Gegenteil.<\/p><p>Unsere Beamten: Mal werden sie beneidet, mal verspottet. Fest steht: Ihr Job ist sicher. Egal, ob sie ein Sabbatical einlegen, Eltern- und sp&auml;ter Teilzeit beanspruchen oder sich gleich f&uuml;r ein paar Jahre beurlauben lassen: Ihr Arbeitsplatz steht unter so etwas wie Denkmalschutz. Etwa 1,8 Millionen Beamte in Deutschland profitieren von solcherlei Privilegien. Laut Jobbeschreibung sollen sie &bdquo;hoheitliche Staatsaufgaben&ldquo; wahrnehmen. Hohle Phrasen, monieren Kritiker, denn was &bdquo;hoheitliche Aufgaben&ldquo; sind, werde zunehmend mit Blick auf den klammen Haushalt definiert.<\/p><p><strong>Vasallentreue gegen Sicherheit<\/strong><\/p><p>Der Staat mag durchaus etwas von dieser Form des stabilen Arbeitsverh&auml;ltnisses mit loyalen Arbeitnehmern haben. Wer Beamter sein m&ouml;chte, muss schlie&szlig;lich bereit sein, Einschr&auml;nkungen seiner Grundrechte zu akzeptieren. Zu Beginn der Laufbahn legt er oder sie einen Diensteid ab und schw&ouml;rt, stets die Weisungen Vorgesetzter zu befolgen &ndash; das nennt sich n&uuml;chtern Gehorsamspflicht. Das Recht auf freie Meinungs&auml;u&szlig;erung gibt es, bezogen auf den eigenen Job, nur auf dem Dienstweg. Wer sich ungefragt und &ouml;ffentlich zu brisanten Beh&ouml;rdenthemen &auml;u&szlig;ert, dem droht Ungemach. Auch nach Feierabend und abseits des Arbeitsplatzes besteht f&uuml;r Beamte die Pflicht zum Wohlverhalten. Ein vorbildlicher B&uuml;rger soll er oder sie sein, also unauff&auml;llig und gesetzestreu. Verst&ouml;&szlig;e werden je nach Verfehlung im au&szlig;ergerichtlichen Disziplinarverfahren oder auch mal in gerichtlichen Disziplinarverfahren vor den Verwaltungsgerichten geahndet. Im Extremfall kann das zur Entfernung aus dem Dienst f&uuml;hren. Polemiker sagen, Beamte tauschen diese Vasallentreue gegen Sicherheit ein.<\/p><p>Dass sich die Rechnung auch f&uuml;r den Staat als Arbeitgeber wirklich lohnt, ist inzwischen mehr als zweifelhaft. Beamte sind teuer, und zwar insbesondere dann, wenn die Staatsdiener (klar&hellip; auch Staatdienerinnen&hellip;) schon gar nicht mehr arbeiten, sondern ihren Ruhestand genie&szlig;en. Denn f&uuml;r ihre Pensionen steht der Staat gerade. Weil in einer ohnehin stark alternden Gesellschaft nun ein geburtenstarker Pensionisten-Jahrgang bereitsteht, werden in der Folge die Pensionslasten durch Beamte von Bund und L&auml;ndern rasant steigen.<\/p><p><strong>Was sind hoheitliche Aufgaben?<\/strong><\/p><p>Beamte sollen &bdquo;hoheitliche Staatsaufgaben&ldquo; wahrnehmen. Doch was &bdquo;hoheitliche Aufgaben&ldquo; sind, ob wirklich so viele Aufgaben des Staates mit einem hoheitlichen Beamtenstatus einhergehen m&uuml;ssen &ndash; mit den entsprechenden Folgerisiken f&uuml;r die Staatsfinanzen &ndash; dar&uuml;ber darf gestritten werden. Braucht es das f&uuml;r den Lehrerberuf, f&uuml;r eine Hochschulprofessur oder eine Karriere beim Zoll?<\/p><p>Beispiel Lehrer: Dort, wo die Kassenlage angespannt ist &ndash; also in allen Bundesl&auml;ndern &ndash;, war in der Vergangenheit auf die Verbeamtung von Lehrkr&auml;ften gro&szlig;z&uuml;gig verzichtet worden. Stattdessen vergab der Staat Angestelltenvertr&auml;ge, h&auml;ufig in Form kurzfristiger Anstellungen, oft nur von Schuljahr zu Schuljahr. Das sparte Geld. Nicht selten entstand daraus eine Zweiklassenzunft mit ungleicher Bezahlung f&uuml;r gleiche Arbeit und einseitigen Privilegien &ndash; Gift f&uuml;r das Betriebsklima im Lehrerzimmer. Mittlerweile &uuml;berbieten sich die Bundesl&auml;nder im harten Wettbewerb um Lehrkr&auml;fte mit der Aussicht auf zeitnahe &Uuml;bernahme in den Beamtenstatus &ndash; samt vieler Privilegien.<\/p><p>Dass Lehrkr&auml;fte in unserem Land dringend ben&ouml;tigt werden, daran erinnern uns regelm&auml;&szlig;ig alarmierende Meldungen aus den Niederungen deutscher Schul- und Bildungswirklichkeit, wie etwa die aktuellen Ergebnisse der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU). Jedes vierte Kind, hei&szlig;t es dort, kann nach vier Grundschuljahren nicht richtig lesen und erreicht nicht das Mindestniveau beim internationalen Standard &ndash; ein besorgniserregender Befund.<\/p><p>Wir sind uns einig: Es braucht aller Orten mehr Lehrerinnen und Lehrer, kleinere Klassen, bessere Ausstattung. Es braucht gute Bezahlung, gute Arbeitspl&auml;tze und Wertsch&auml;tzung &ndash; aber das geht auch ohne Beamtenstatus. Schlie&szlig;lich sind 60 Prozent der im &ouml;ffentlichen Dienst Besch&auml;ftigten keine Beamten &ndash; und trotzdem bekommt man zuverl&auml;ssig Steuerbescheide und Strafzettel, Schulzeugnisse und Sozialhilfe.<\/p><p><strong>Wo Regeln sind, ist B&uuml;rokratie<\/strong><\/p><p>Klar ist: Wo Regeln sind, braucht es B&uuml;rokratie. Ohne Gesetze geht es nicht, auch nicht ohne eine Verwaltung, die die Gesetze anwendet, managt und kontrolliert. In Deutschland gelten mehr als 2000 Bundesgesetze und mehr als 3000 Bundesrechtsverordnungen. St&auml;ndig kommen &Auml;nderungen, Erweiterungen und neue Gesetze hinzu. Alles will staatlich geregelt werden in diesen fragilen Zeiten. Aber braucht es dazu ein Heer von Beamten? Von den 4,9 Millionen Besch&auml;ftigten im &ouml;ffentlichen Dienst im Jahr 2020 waren 61,6 Prozent Arbeitnehmer, 34,9 Prozent Beamte und Richter sowie 3,5 Prozent Berufs- und Zeitsoldaten.<\/p><p>Zum Vergleich: In Frankreich ist der Anteil der Staatsbediensteten 24,3 Prozent, in Finnland 22,9 Prozent, in den Niederlanden 21,4 Prozent, in Spanien bei 12,0 Prozent. Die Japaner zeigen, wie ein schlanker Staat aussieht: gerade mal 7,9 Prozent Beamtentum. Und man kann nicht behaupten, dass das Land dadurch zum Stillstand kommt.<\/p><p><strong>Kein Politiker legt sich mit den Lobbyisten an<\/strong><\/p><p>Dass die Quote an Beamten stabil bleibt, daf&uuml;r sorgt hierzulande der m&auml;chtige Deutsche Beamtenbund. Kein Politiker legt sich freiwillig mit ihm an. Staat und Beamtenschaft &ndash; das ist eine Allianz mit Tradition. Als Vater des deutschen Berufsbeamtentums gilt Friedrich Wilhelm I. von Preu&szlig;en, der &bdquo;Soldatenk&ouml;nig&ldquo; (1713 &ndash; 1740). Er berief ausgediente Soldaten zu Beamten und schuf die Treuepflicht als Pendant zum Gehorsam beim Milit&auml;r. Die Beamten sollten ihrem K&ouml;nig mit voller Hingabe dienen. Er war es, der Rangordnungen einf&uuml;hrte, aber auch Pflichtbewusstsein, Loyalit&auml;t und Unbestechlichkeit verlangte.<\/p><p>Damals hatte der Monarch sicher nicht vorhergesehen, wie sich das System in den folgenden drei Jahrhunderten entwickeln w&uuml;rde und dass es wegen der Pensionslasten f&uuml;r die Staatsfinanzen richtig teuer werden k&ouml;nnte. Beamte erhalten als Pension maximal ca. 72 Prozent ihres Bruttogehalts, das sie w&auml;hrend der zwei Jahre vor dem Ruhestand bezogen haben. Der genaue Satz ist abh&auml;ngig von der geleisteten Dienstzeit &ndash; pro Jahr erh&ouml;ht er sich um rund 1,79 Prozent. Um den maximalen Satz zu bekommen, m&uuml;ssen sie eine Dienstzeit von 40 Jahren erreichen. Da viele wegen Beurlaubung oder Teilzeit mit weniger Dienstjahren in den Ruhestand gehen, liegt laut Versorgungsbericht der Bundesregierung der durchschnittliche Ruhegehaltssatz zum Stichtag 1. Januar 2022 bei 68 Prozent.<\/p><p>In absoluten Zahlen bedeutet das: Beamte erhielten im Schnitt eine Pension von ca. 3100 Euro, wobei M&auml;nner durchschnittlich 3.300 Euro bekamen, Frauen 2.770 Euro. Spitzenbeamte des Bundes (auch der L&auml;nder) kamen auf durchschnittlich 4840 Euro. Von solchen Summen k&ouml;nnen normale Rentner nur tr&auml;umen. Ihr Versorgungsniveau liegt im Vergleich dazu, gemessen am Einkommen, um mehr als 20 Prozentpunkte niedriger. Ein eklatantes Missverh&auml;ltnis.<\/p><p>Doch so gut wie die r&uuml;stigen Pension&auml;re der Jetztzeit werden es k&uuml;nftige nicht mehr haben. Auch wenn Lobby-Funktion&auml;re gerne den Untergang des Beh&ouml;rden-Abendlandes an die Wand malen, wird es dem fl&auml;chendeckenden Beamtenstaat und den anachronistischen Privilegien an den Kragen gehen. Das Beamtentum ist aus der Zeit gefallen und geh&ouml;rt abgeschafft.<\/p><p>Beamte sollten allein hoheitliche Aufgaben &uuml;bernehmen, etwa in der Justiz, als Polizisten oder beim Zoll. Alle anderen sind Angestellte des &ouml;ffentlichen Dienstes. Das spart viel Geld, hilft den Rentenkassen, befriedet Konflikte &uuml;ber Privilegien &ndash; und erm&ouml;glicht das Streikrecht.<\/p><p>Ach, ein kleiner Nachsatz. Aus einer Antwort des Finanzministeriums auf eine Anfrage des CSU-Bundesabgeordneten Wolfgang Stefinger geht hervor: Das Kanzleramt und die 15 Bundesministerium haben seit Regierungsbeginn 2021 insgesamt 1710 zus&auml;tzliche Beamtenstellen geschaffen. Das ist ein Plus von 82 Prozent, hat der <em>Bund der Steuerzahler<\/em> ausgerechnet. Begr&uuml;ndet wird der Zuwachs von der Regierung mit dem Hinweis, dass immer mehr Aufgaben zu bew&auml;ltigen seien. Nach dem Motto: Viel braucht viel. Der Fraktionsvorsitzende der Linken, Dietmar Bartsch, l&auml;stert, bei der Bundesregierung werde quasi &bdquo;im Minutentakt verbeamtet&rdquo;. Die Ampelregierung, das d&uuml;rfen wir festhalten, setzt wie angek&uuml;ndigt auf den &bdquo;vollschlanken Staat&rdquo;.<\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Chokniti-Studio<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Beamten: Mal werden sie beneidet, mal verspottet. Fest steht: Ohne staatliche Beamtenschaft geht es nicht. 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