{"id":98547,"date":"2023-05-30T11:06:28","date_gmt":"2023-05-30T09:06:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98547"},"modified":"2023-06-03T10:22:14","modified_gmt":"2023-06-03T08:22:14","slug":"wahlerfolg-von-erdogan-deutschtuerken-und-tuerkdeutsche","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98547","title":{"rendered":"Wahlerfolg von Erdogan: Deutscht\u00fcrken und T\u00fcrkdeutsche"},"content":{"rendered":"<p>In der Stichwahl haben jetzt wieder die in der Bundesrepublik lebenden Immigranten mit t&uuml;rkischem Pass mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit f&uuml;r Erdogan gestimmt. Diesmal waren es im Bundesdurchschnitt 67,4 Prozent. Im ersten Wahlgang hatten in einigen St&auml;dten, zum Beispiel in Essen, 77 Prozent Erdogan gew&auml;hlt. Dieser Wahlerfolg l&auml;sst sich nicht allein durch das Wirken der Moscheeverb&auml;nde (Ditib und IGMG) und den Wahlkampf des AKP-Lobbyvereins UID (Union Internationaler Demokraten) erkl&auml;ren, so sehr das alles zusammen mit der Monopolisierung der t&uuml;rkischen Medien sicher dazu beigetragen hat. In der folgenden Analyse wird die politische Einstellung der (Im)migranten aus der T&uuml;rkei auf ihre Migrationsgeschichte zur&uuml;ckgef&uuml;hrt. Von <strong>Georg Auernheimer<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4458\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-98547-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=98547-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230530_Wahlerfolg_von_Erdogan_Deutschtuerken_und_Tuerkdeutsche_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Eine Klarstellung<\/strong><\/p><p>Zuerst einmal gilt es zu beachten, dass von den aus der T&uuml;rkei Zugewanderten nur etwa die H&auml;lfte (1,5 Mio.) bei dieser Wahl wahlberechtigt war. So viele besitzen den t&uuml;rkischen Pass, teilweise auch aufgrund doppelter Staatsb&uuml;rgerschaft. Von diesen Wahlberechtigten hat also die Mehrheit Erdogan gew&auml;hlt. Mit welcher Partei die anderen knapp 50 Prozent sympathisieren, wissen wir nicht. Vieles spricht aber daf&uuml;r, dass diejenigen, die sich irgendwann um die deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeit bem&uuml;ht haben, tendenziell ein eher distanziertes Verh&auml;ltnis zu der seit 2002* regierenden AKP und ihrem Pr&auml;sidenten haben. Im Folgenden wird deshalb weniger von denen die Rede sein als vielmehr von denen, die zu Recht &bdquo;Deutscht&uuml;rken&ldquo; genannt werden. F&uuml;r die anderen w&uuml;rde die un&uuml;bliche Benennung T&uuml;rkdeutsche besser passen, so wie man von Deutschamerikanern spricht.<\/p><p><strong>Ein Blick auf die Migrationsgeschichte<\/strong><\/p><p>Bis 2000 bestimmte das Abstammungsprinzip das deutsche Staatsangeh&ouml;rigkeitsrecht, aber damit auch die soziale &bdquo;Zugeh&ouml;rigkeitsordnung&ldquo; (Paul Mecheril). Das brachte es mit sich, dass die ins Land geholten &bdquo;Gastarbeiter&ldquo;, besonders die aus der T&uuml;rkei, immer in einem Provisorium lebten. Auch nach &Auml;nderung der Rechtslage sahen sie sich Ausgrenzungen ausgesetzt. Als B&uuml;rger verschm&auml;ht, verstehen sich viele eben nach wie vor prim&auml;r als B&uuml;rger der T&uuml;rkei. Nicht wenige sympathisieren mit dem t&uuml;rkischen Nationalismus.<\/p><p>Ein Vertrag von 1961 zwischen der Bundesrepublik und der T&uuml;rkei regelte die Anwerbung von Arbeitskr&auml;ften. Diese sollten f&uuml;r eine begrenzte Zeit, zun&auml;chst nur f&uuml;r jeweils zwei Jahre, zu Arbeiten in der Produktion herangezogen werden und dann zur&uuml;ckkehren (sog. Rotationsprinzip). F&uuml;r das westdeutsche Kapital hatten die Anwerbeabkommen &ndash; vorher waren bereits solche Abkommen mit Italien (1955), Franco-Spanien und Griechenland (1960) abgeschlossen worden &ndash; den Vorteil, dass der Arbeitsmarkt sich wieder entspannte und der Lohndruck von den Unternehmen genommen wurde. Die Einf&uuml;hrung der Wehrpflicht hatte ihm n&auml;mlich Arbeitskr&auml;fte entzogen, und die Abriegelung der Grenze zur DDR stoppte den Zufluss von dort. <\/p><p>Vorteilhaft erschien au&szlig;erdem die h&ouml;here Flexibilit&auml;t des Arbeitsmarktes durch das Rotationsprinzip. Der Vorteil f&uuml;r die T&uuml;rkei bestand in der Absorption der &Uuml;berschussbev&ouml;lkerung vor allem aus den l&auml;ndlichen Gebieten Anatoliens.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] Die jungen M&auml;nner aus den D&ouml;rfern, die vorher von ihrer Familie zum Geldverdienen nach Istanbul oder Izmir geschickt worden waren, bewarben sich jetzt bei der Verbindungsstelle der Bundesanstalt f&uuml;r Arbeit in Istanbul. Viele hatten auch schon st&auml;dtische Zwischenstationen hinter sich. Die l&auml;ndliche Herkunft eines gro&szlig;en Teils der Gastarbeiter aus der T&uuml;rkei ist nicht unwichtig f&uuml;r das Verst&auml;ndnis ihrer damaligen Kultur und Mentalit&auml;t. Die meisten von ihnen hatten wenig nationales Bewusstsein und waren unpolitisch. F&uuml;r den anatolischen Bauern war der Staat weit weg und eher mit Misstrauen bedacht gewesen.[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] Der Kemalismus, der die st&auml;dtische Mittel- und Oberschicht begeisterte, war der Landbev&ouml;lkerung v&ouml;llig fremd. Nur manche &bdquo;modern&ldquo; eingestellte Zuwanderer waren Mitglied der kemalistischen CHP, einige wenige, h&auml;ufig Lehrer, auch Mitglied einer linken, marxistischen Partei oder aber der rechtsradikalen MHP.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>] <\/p><p>Ebenso war der Islam in der Anfangsphase f&uuml;r die Mehrheit nur selbstverst&auml;ndlicher Bestandteil des Herkommens, mehr Routine als gelebter Glaube, wobei anzumerken ist, dass nicht wenige Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aus alevitischen Gemeinden kamen. Die Differenz zwischen Aleviten und Sunniten spielte anfangs &uuml;brigens kaum eine Rolle. Erst durch das Pogrom von Marash, bei dem 1978 in der S&uuml;dostt&uuml;rkei alevitische Wohnviertel verw&uuml;stet und &uuml;ber einhundert Menschen ermordet worden waren, wurde diese Differenz vermutlich zum ersten Mal politisch aufgeladen. <\/p><p>Um diese Zeit hatten die Arbeitsmigranten in der Regel schon ihre Familien nachgeholt, nachdem 1973 ein Anwerbestopp verh&auml;ngt worden war. Das Single-Dasein in d&uuml;rftigen Unterk&uuml;nften war vorbei, aber das Leben in der Bundesrepublik nach wie vor Provisorium. Ungeachtet der unsicheren Aufenthaltstitel verfestigte sich jedoch der Aufenthalt. Allm&auml;hlich entstanden &bdquo;t&uuml;rkisch&ldquo; dominierte st&auml;dtische Quartiere, meist Altstadtviertel mit &bdquo;besonderem Erneuerungsbedarf&ldquo;. Aber auch einige kleine Industriest&auml;dte mit einem hohen Anteil t&uuml;rkischsprachiger Arbeiterfamilien wurden zu einer Art Klein-Istanbul. Da hatte die wirtschaftliche Marginalisierung der Arbeitsmigranten bereits begonnen. Schuld war Automatisierung vieler Produktionsprozesse, mit der die f&uuml;r sie typischen, n&auml;mlich schmutzigen, l&auml;rmbelasteten Arbeitspl&auml;tze wegrationalisiert wurden. F&uuml;r die neuen Arbeitspl&auml;tze waren auch Deutsche zu gewinnen. Die &bdquo;T&uuml;rken&ldquo; &ndash; gemeint waren alle T&uuml;rkischsprachigen &ndash; wurden zunehmend zum Objekt von Rassismus.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] <\/p><p>Infolge des Modernisierungsprozesses, in dem auch die Religion reflexiv wird, wandelte sich der Islam bei vielen vom Gewohnheitsritual zum bewusst gelebten Glauben. Mit dem d&ouml;rflichen Islam wollte man nichts mehr gemein haben.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Einige sympathisierten mit dem politischen Islam. Die Identifikation mit dem Islam war auch eine Reaktion auf das feindliche Umfeld. Moscheevereine verschiedener Richtung konstituierten sich. Prediger mit gro&szlig;er Anh&auml;ngerschaft f&uuml;llten bald ganze Stadien. Daneben hatten sich Folklore-Gruppen gebildet, die unter anderem am &bdquo;Tag des ausl&auml;ndischen Mitb&uuml;rgers&ldquo; oder am 1. Mai ihre T&auml;nze vorf&uuml;hrten. Jugendkulturelle Szenen faszinierten viele Jugendliche, Hip-Hop wurde zu einer wichtigen Ausdrucksform. Linke und linksliberale Intellektuelle, die nach dem Milit&auml;rputsch von 1980 ins Exil gegangen waren, f&ouml;rderten zeitweise eine gewisse Politisierung innerhalb der Community. Zeitweilig gab es viele linke t&uuml;rkische Arbeitervereine. Die Exilanten wurden aber nie zu &bdquo;organischen Intellektuellen&ldquo; im Sinn von Gramsci. Dazu waren sie zu wenig eingebunden in die b&auml;uerlich-proletarischen Gemeinden.<\/p><p>Als nach dem Untergang der DDR zahllose Menschen auf den westdeutschen Arbeitsmarkt str&ouml;mten, verst&auml;rkte sich der Prekarisierungsprozess der t&uuml;rkischsprachigen Bev&ouml;lkerung. Zugleich normalisierte sich aber deren Sozialstruktur, weil langsam eine Mittelschicht entstand, wenn diese auch vielfach nur auf kleinen Betrieben basiert. Ansonsten aber ist die Lage der dritten Einwanderergeneration weithin durch wirtschaftliche Unsicherheit und Perspektivlosigkeit gekennzeichnet. Viele waren von Sozialtransfers abh&auml;ngig geworden. Das unterschied sie von den Gastarbeitern der ersten Zeit. <\/p><p>Die teilweise prek&auml;re Lebenslage best&auml;rkte wiederum defizit&auml;re Zuschreibungen, wie sie von Anfang an unter Deutschen &uuml;blich waren. Die Anschl&auml;ge von M&ouml;lln im November 1992 und in Solingen im Mai des folgenden Jahres vermittelten ein Gef&uuml;hl gemeinsamer Bedrohung, weil sie beide Male gegen Wohnh&auml;user mit t&uuml;rkischen Familien gerichtet waren. Und dann ab 2000 die Mordserie des NSU, bei der die deutschen Sicherheitsorgane Misstrauen in den eigenen Reihen der Migranten s&auml;ten, was eine vereinte Gegenwehr der Community verunm&ouml;glichte. Denkbar w&auml;re die Bildung einer B&uuml;rgerrechtsbewegung im B&uuml;ndnis mit allen demokratischen Kr&auml;ften in Deutschland gewesen oder aber eine identit&auml;tspolitische Formierung wie die Bewegung der Schwarzen im Gro&szlig;britannien der 1970er Jahre. Stattdessen fand t&uuml;rkischer Nationalismus, bis dahin eher eine Minderheitenposition, eine breitere Zustimmung. <\/p><p>Hier r&auml;chte sich der Schwebezustand, in dem man die Migrantenfamilien aus der T&uuml;rkei gelassen hatte. Allerdings hatten sich viele von ihnen, davon unabh&auml;ngig, an das Leben im &bdquo;transnationalen Raum&ldquo; (Ludger Pries) gew&ouml;hnt und eine Verbindung mit dem heimatlichen Dorf oder mit einem wirtschaftlichen Projekt in der T&uuml;rkei gepflegt. T&uuml;rkische Printmedien und TV-Sendungen hielten sie im Bannkreis der dortigen Geschehnisse. Dortige Skandale und politische Entwicklungen waren die Gespr&auml;chsthemen der M&auml;nner im Teehaus.<\/p><p>Mit zunehmendem Nationalismus derer, die sich als T&uuml;rken definierten, schlossen sich die Reihen der Kurden enger, die sich ihrerseits an den Konflikten im Herkunftsland orientierten. Die Differenzierung zwischen national gesinnten T&uuml;rken, Kurden, Aleviten und den mehr oder weniger Assimilierten verst&auml;rkte sich. Dazu kommt die nicht unbetr&auml;chtliche Zahl von Immigranten, die mehr oder weniger stark assimiliert sind, wenngleich sie dabei oft auf ihre bikulturelle Identit&auml;t pochen.<\/p><p><strong>Bestenfalls geteilte Loyalit&auml;ten<\/strong><\/p><p>Im Jahr 2000 schuf die versp&auml;tete Reform des Staatsangeh&ouml;rigkeitsrechts mit dem Abschied vom Abstammungsprinzip das Recht auf Einb&uuml;rgerung, wenn auch mit einigen H&uuml;rden. Hier geborene Kinder k&ouml;nnen seitdem die deutsche Staatsb&uuml;rgerschaft erhalten. Aber lediglich rechtlich war damit das ethnische Nationverst&auml;ndnis &uuml;berwunden. Die &bdquo;Zugeh&ouml;rigkeitsdiskurse&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>] blieben hartn&auml;ckig die gleichen. Ein Interviewpartner t&uuml;rkischer Herkunft: &bdquo;&hellip; wenn du die Staatsb&uuml;rgerschaft kriegst, dann wirst du weiter als Ausl&auml;nder angesehen&ldquo;.[<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] Die Tendenz zur Kulturalisierung der Minderheit hielt an, wobei nicht nur alle aus der T&uuml;rkei Zugewanderten als T&uuml;rken betrachtet, sondern alle T&uuml;rken als Muslime gesehen werden. &bdquo;Also, &auml;h sie haben uns mit Zwang daran erinnert, dass wir T&uuml;rken sind&ldquo;.[<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>] Solche Zuschreibungen erschweren das &bdquo;Zugeh&ouml;rigkeitsmanagement&ldquo;, wie der Erziehungswissenschaftler Paul Mecheril das nennt.[<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Nicht nur die fr&uuml;here Migrationspolitik r&auml;cht sich, sondern auch die deutsche Bildungspolitik. Die Trennung nach Schulzweigen bedingt ein &auml;u&szlig;erst selektives Schulsystem, und die schulische Segregation ist f&uuml;r viele Immigranten eine fr&uuml;he Lebenserfahrung. Ein t&uuml;rkischer Interviewpartner erkl&auml;rt: &bdquo;In der f&uuml;nften Klasse (nach der Zuteilung zur Hauptschule, G.A.) das war dann &hellip; wirklich so, dass wir erst mal unter T&uuml;rken gewesen sind&ldquo;.[<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] &Auml;hnliche Erfahrungen haben Interviewpartner bei Bozay (2009) gemacht.<\/p><p>F&uuml;r nicht wenige versprach der Islam eine klare Identit&auml;tsfindung. Daneben oder zus&auml;tzlich wurde die Identifikation mit dem t&uuml;rkischen Staat zu einem attraktiven Identit&auml;tsangebot, nachdem die T&uuml;rkei sichtbar eine wirtschaftliche Modernisierung mit einem wachsenden Industrie- und Dienstleistungssektor vollzogen hatte. Vor allem der Ausbau der Infrastruktur mag viele fasziniert haben. Die heutige Wirtschaftskrise verblasst vor dieser Erfolgsgeschichte. Das erkl&auml;rt die f&uuml;r die deutsche &Ouml;ffentlichkeit irritierend hohe Zustimmung zu Erdogan und seiner autorit&auml;ren Herrschaft, die sich jetzt bei den Wahlen wieder best&auml;tigt hat. Viele Immigranten aus der T&uuml;rkei, keineswegs alle, identifizieren sich in hohem Ma&szlig; mit dem t&uuml;rkischen Staat und haben heute zumindest eine geteilte staatsb&uuml;rgerliche Loyalit&auml;t. Einige, vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, schlie&szlig;en sich auch nationalistischen Organisationen wie den &bdquo;Grauen W&ouml;lfen&ldquo; an oder sympathisieren mit ihnen. <\/p><p>Besonders attraktiv scheint f&uuml;r manche die Ideologie, die &bdquo;T&uuml;rkisch-Islamische Synthese&ldquo; genannt wird.[<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>] Das l&auml;sst sich als ein trotziger, ideologisch vereinnahmter Protest interpretieren. Man wirbt nicht um Anerkennung innerhalb der bundesrepublikanischen Gesellschaft und sucht nicht hier die &ouml;ffentliche Auseinandersetzung. Am rechten Rand ist nach Kemal Bozay &bdquo;ein Mobilisierungspotenzial entstanden, das die soziale und politische Situation in der T&uuml;rkei widerspiegelt&ldquo;. Auf der Gegenseite bem&uuml;hen sich die Kurden darum, in Westeuropa eine Gegen&ouml;ffentlichkeit zu bilden. Sie stellen zwar auch eine heterogene, aber stark politisierte Gruppe dar. So suchen viele Immigranten aus der T&uuml;rkei eine kollektive Identit&auml;t im nationalen Herkunftskontext zu finden, und zwar entlang ethnischer Differenzlinien. Zum Teil ist das von der deutschen Migrationspolitik verschuldet, zum Teil von der nationalistischen Politik der t&uuml;rkischen Regierungen.<\/p><p>Die Deutscht&uuml;rken haben aufgrund ihrer &uuml;ber Generationen gemachten sozialen Erfahrungen und teilweise gemeinsamer kultureller Praktiken eine verbindende Erz&auml;hlung. Man kann von einer &bdquo;ethnischen Verortung&ldquo; im Sinn des britischen Sozialwissenschaftlers Stuart Hall sprechen.[<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] Das unterscheidet sie ebenso von den anderen deutschen B&uuml;rgern wie von den T&uuml;rken in der T&uuml;rkei. Dort wurden sie fr&uuml;her die Almancilar genannt, was sich ungef&auml;hr als die Deutschartigen &uuml;bersetzen lie&szlig;e. Es ist etwas entstanden, was in der sozialwissenschaftlichen Diskussion als &bdquo;new ethnicity&ldquo; bezeichnet wird. <\/p><p>Aber die Immigranten aus der T&uuml;rkei haben sich bisher nie als Interessengruppe, unabh&auml;ngig vom t&uuml;rkischen Staat, artikuliert. Wenn, dann hat sich DITIB, der Ableger des Amts f&uuml;r religi&ouml;se Angelegenheiten in der T&uuml;rkei, zu ihrem Wortf&uuml;hrer gemacht. Das lag nicht nur daran, dass sie bis 2000 in der Regel keinen staatsb&uuml;rgerlichen Status hatten[<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>], sondern auch daran, dass die &bdquo;t&uuml;rkische&ldquo; Diaspora sehr differenziert, wenn nicht gespalten ist, und das nicht nur aufgrund der repressiven Ma&szlig;nahmen gegen die kurdische Bev&ouml;lkerung in der T&uuml;rkei. Das Pr&auml;dikat &bdquo;t&uuml;rkisch&ldquo; ist insofern irref&uuml;hrend, als viele Immigranten aus der T&uuml;rkei sich nicht als T&uuml;rken definieren. Neben den Kurden gibt es kleine, weniger bekannte ethnische Minderheiten wie die Armenier. Auch viele Aleviten unter den T&uuml;rkischst&auml;mmigen identifizieren sich nicht mit der Community.<\/p><p>Die an sich h&ouml;chst begr&uuml;&szlig;enswerte, Jahrzehnte lang verweigerte &Ouml;ffnung f&uuml;r die doppelte Staatsb&uuml;rgerschaft, die jetzt mit der Reform des Staatsb&uuml;rgerschaftsgesetzes vorgesehen ist, k&ouml;nnte bei den Immigranten aus der T&uuml;rkei die doppelte Loyalit&auml;t unterst&uuml;tzen. Solange das t&uuml;rkische Wahlrecht Menschen, die l&auml;ngst ihren Lebensmittelpunkt im Ausland haben, diese Form der politischen Partizipation erm&ouml;glicht, ist die rechtliche Neuerung nicht unproblematisch, so gewiss sie f&uuml;r Migranten generell hilfreich ist, weil sie viele ihrer Konflikte mildert.<\/p><p>* 3. Juni 2023, 10 Uhr: An dieser Stelle wurde in einer fr&uuml;heren Version f&auml;lschlicherweise das Jahr 2014 angegeben.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ Anastasia Petrova<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=45919\">Alte Freunde, neue Feinde &ndash; Die T&uuml;rkei am geopolitischen Scheideweg<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=84108\">Der kranke Mann am Bosporus: T&uuml;rkei als Ausl&ouml;ser der n&auml;chsten Finanz- und Wirtschaftskrise?<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=44635\">Erdogans Wiederwahl &ndash; kein Grund f&uuml;r deutsche Selbstgerechtigkeit<\/a>\n<\/p><\/div><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Von 1950 bis 1970 stieg die Zahl der landlosen Bauernfamilien von 137.000 auf 1.200.000.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] vgl. Werner Schiffauer (1987): Die Bauern von Subay. Das Leben in einem t&uuml;rkischen Dorf. Stuttgart.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] CHP = Cumhuriyet Halk Partisi, zu Deutsch &bdquo;Republikanische Volkspartei&ldquo;, MHP = Milliyetci Hareket Partisi, zu Deutsch &bdquo;Partei der nationalistischen Bewegung&ldquo;<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] 1979 erkl&auml;rte Heinz K&uuml;hn, Verfasser des verdienstvollen, wenn auch folgenlosen Memorandums zur Integration der ausl&auml;ndischen Arbeitnehmer und ihrer Familien auf einer Pressekonferenz: &bdquo;Die Ausl&auml;nder sind nicht unser Problem, aber die T&uuml;rken&ldquo; (Bericht Herbert Leuninger, <a href=\"http:\/\/www.leuninger-herbert.de\/herbert\/archiv\/migration\/15_Volkshaus.pdf\">leuninger-herbert.de\/herbert\/archiv\/migration\/15_Volkshaus.pdf<\/a> ).<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] Eindrucksvoll belegen das die Portr&auml;ts eines Migranten und einer Migrantin in Werner Schiffauer (1991): Die Migranten aus Subay. T&uuml;rken in Deutschland. Stuttgart.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Paul Mecheril (2004): Einf&uuml;hrung in die Migrationsp&auml;dagogik. Weinheim u. Bassel, S.46<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] Kemal Bozay (2009): &bdquo;&hellip;ich bin stolz, T&uuml;rke zu sein.&ldquo; Ethnisierung gesellschaftlicher Konflikte im Zeichen der Globalisierung. 2. Aufl. Schwalbach\/Ts., S.334<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Interviewpartner bei Bozay 2009, S.275<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Mecheril 2004<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] Lisa Rosen (2011): &bdquo;In der f&uuml;nften Klasse&hellip; Eine biographieanalytische Studie zu Identit&auml;tskonstruktionen bildungsbenachteiligter Migrant(inn)en. Berlin, S.72<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Bozay 2009, S.155f.<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] Stuart Hall (1994): Rassismus und kulturelle Identit&auml;t. Ausgew&auml;hlte Schriften 2. Hamburg. S.23 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] Dem entsprach, dass in der P&auml;dagogik, Sozialarbeit und Sozialwissenschaft &uuml;ber sie und f&uuml;r sie gesprochen wurde. Die Sozialarbeit und &bdquo;Initiativen f&uuml;r ausl&auml;ndische Mitb&uuml;rger&ldquo; &uuml;bernahmen lange Zeit eine Anwaltsfunktion f&uuml;r die Zugewanderten.<\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/afdbc4a74f794cc8993ada061a4b9641\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Stichwahl haben jetzt wieder die in der Bundesrepublik lebenden Immigranten mit t&uuml;rkischem Pass mit &uuml;berw&auml;ltigender Mehrheit f&uuml;r Erdogan gestimmt. Diesmal waren es im Bundesdurchschnitt 67,4 Prozent. Im ersten Wahlgang hatten in einigen St&auml;dten, zum Beispiel in Essen, 77 Prozent Erdogan gew&auml;hlt. 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