{"id":98557,"date":"2023-05-30T15:17:22","date_gmt":"2023-05-30T13:17:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98557"},"modified":"2023-05-31T07:30:19","modified_gmt":"2023-05-31T05:30:19","slug":"reparatur-am-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98557","title":{"rendered":"Reparatur am Zug"},"content":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her nahm man die Bahn, wenn man p&uuml;nktlich zu einem Termin erscheinen wollte. Heute sollte man eher zum Auto greifen oder sich verdammt viel Zeit nehmen. Das ist zumindest mein gnadenlos subjektiver Eindruck, nachdem ich nach zwei Jahren Abstinenz mal wieder eine gr&ouml;&szlig;ere Reise mit der Bahn gemacht habe. Ein Kommentar von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_728\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-98557-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=98557-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230530_Reparatur_am_Zug_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mich nerven ehrlich gesagt die regelm&auml;&szlig;igen &bdquo;Statusberichte&ldquo; bahnreisender Nutzer von Facebook und Twitter, die uns mit gro&szlig;er Wichtigkeit im globalen Kontext eher unwichtige Details &uuml;ber die Versp&auml;tungen ihrer Z&uuml;ge berichten. Aber ich habe auch gut reden &ndash; ich lebe in der Provinz, wo sich nicht nur Hase und Igel, sondern auch Bus und Bahn Gute Nacht sagen und als einer dieser Home-Office-Schreibtischt&auml;ter genie&szlig;e ich zudem den Luxus, mir keine Gedanken &uuml;ber so profane Dinge wie den Weg zur Arbeit machen zu m&uuml;ssen. Und wenn es mit der Familie samt Hund und Katz&rsquo; mal in den Urlaub geht, scheidet die Bahn mangels Hund-und-Katz-Freundlichkeit ohnehin als Reisemittel aus &ndash; die Letzte Generation m&ouml;ge mir vergeben, aber immerhin fliege ich auch nicht, da dieses Verkehrsmittel bekanntlich auch nicht gerade haustierfreundlich ist.<\/p><p>Wenn ich die Bahn dann doch mal nutze, so geschieht dies meist beruflich. Dieser Punkt ist nicht ganz unwichtig, da ich privat schon mittlere Bauchschmerzen bekomme, wenn ich mir das Preistableau der Bahn anschaue. Und ja, Bahnfahren hat ja gerade f&uuml;r berufliche Reisen auch Vorteile. Man kommt entspannt an und kann w&auml;hrend der Fahrt sogar arbeiten. Und vor allem: Man ist p&uuml;nktlich! Staus und Baustellen spielen bei der Bahn ja keine Rolle &ndash; doch all dies ist graue Theorie.<\/p><p>Als ich am letzten Freitag zum ersten Mal seit Einf&uuml;hrung der Maskenpflicht mal wieder in einen Zug gestiegen bin, war ich durchaus zweckoptimistisch. Zwar hatte ich die Schilderungen von Freunden, Kollegen und meinem Sohn im Ohr, die sich fortw&auml;hrend &uuml;ber den katastrophalen Zustand der Bahn mokieren. Aber das sind sicher alles &Uuml;bertreibungen &ndash; so dachte ich. Das wird schon alles klappen. Doch damit lag ich anscheinend auf ganzer Linie falsch.<\/p><p>Kurz nachdem ich meine lange Reise nach Augsburg in einem Nahverkehrszug, der mich zu &bdquo;meinem&ldquo; ICE-Bahnhof in G&ouml;ttingen bringen sollte, am Freitagvormittag startete, meldete sich zum ersten Mal meine DB-App, um mir mitzuteilen, dass ich mir ruhig in G&ouml;ttingen noch ein Fr&uuml;hst&uuml;ck g&ouml;nnen kann, da mein ICE Versp&auml;tung hat. &bdquo;Reparatur am Zug&ldquo;, so die kryptische Begr&uuml;ndung. Nun gut, so was kann ja mal passieren und bei der Buchung war ich ja &ndash; die Stimmen der Bahnprofis aus meinem Umfeld im Hinterkopf &ndash; so vorsichtig, dass ich gro&szlig;z&uuml;gig zwei Stunden Puffer in meine Planung einbezogen habe. Die netten Leute in Augsburg, die <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98539\">zu meinem Vortrag<\/a> kommen wollen, werden schon nicht warten m&uuml;ssen. Und siehe da &ndash; selbst die massive Versp&auml;tung, mit der mein ICE dann trotz oder besser wegen der Reparatur am Zug eintrudelte, lie&szlig;e sich ja theoretisch ganz dynamisch mit anderen Anschlussz&uuml;gen abfedern. Da hatte ich ja noch mal Gl&uuml;ck gehabt. Dachte ich zumindest. <\/p><p>Anstatt zu arbeiten war ich die halbe Fahrt &uuml;ber voll und ganz mit der Studie der Fahrpl&auml;ne und der stetig dynamischen Meldungen von neuen Versp&auml;tungen bei Anschlussz&uuml;gen besch&auml;ftigt. Mein Auto-Navi macht das ganz automatisch und zuverl&auml;ssig im Hintergrund. Die DB-App bringt hingegen selbst technikaffine Nerds zur Wei&szlig;glut. <\/p><p>Das lag auch daran, dass kein einziger ICE gen S&uuml;den keine Versp&auml;tung hatte &ndash; mindestens die H&auml;lfte davon mit dem Vermerk &bdquo;Reparatur am Zug&ldquo;. Nach langer Recherche kam ich dann zu dem &uuml;berraschenden Ergebnis, dass ich mein Ziel Augsburg auch &ndash; und wahrscheinlich am schnellsten &ndash; erreiche, wenn ich gar nicht umsteige, sondern einfach in meinem ICE bleibe, der ja auch irgendwie nach Augsburg f&auml;hrt &ndash; nur halt mit dem kleinen Umweg &uuml;ber Stuttgart. Das macht zwar f&uuml;r mich keinen wirklichen Sinn, aber die Profis der Bahn werden sich dabei schon was gedacht haben. <\/p><p>Mit dem Arbeiten war es das dann aber endg&uuml;ltig. Da meine Sitzplatzreservierung ja nur bis Fulda g&uuml;ltig war, durfte ich den Rest den Fahrt an einem Stehtisch im Bistro &ndash; immerhin! &ndash; verbringen. Dort piepte dann pausenlos meine DB-App, die mich &uuml;ber Versp&auml;tungen und Reparaturen von Z&uuml;gen informierte, in denen ich ja dank deren teils stundenlanger Versp&auml;tung und meiner eigenen dynamischen Planung gar nicht sa&szlig;. Nur so viel: W&auml;re ich den Empfehlungen der App gefolgt, w&auml;re ich irgendwann nach zehn Uhr abends in Augsburg angekommen und der Vortrag h&auml;tte ohne den Vortragenden stattfinden m&uuml;ssen.<\/p><p>So schien es zumindest, dass ich es mit anderthalb Stunden Versp&auml;tung doch noch &bdquo;p&uuml;nktlich&ldquo; schaffe. Doch das war abermals zu optimistisch gedacht. Aus Gr&uuml;nden, die sich mir nicht erschlie&szlig;en, fuhr mein ICE ab Stuttgart nur noch im Bummeltempo &uuml;ber die sch&ouml;ne Schw&auml;bische Alb und meine DB-App meldete min&uuml;tlich neue Versp&auml;tungen. Nun ja, immerhin bin ich dann mit zweieinhalb Stunden Versp&auml;tung doch noch in Augsburg angekommen und dank meines Zwei-Stunden-Puffers mussten die Besucher meines Vortrags nur eine halbe Stunde warten. Das ist &auml;rgerlich, aber es gibt Schlimmeres.<\/p><p>Mein einziges Problem: Ich musste ja am n&auml;chsten Morgen noch irgendwie zur&uuml;ckkommen. &Uuml;berfl&uuml;ssig zu erw&auml;hnen, dass bereits der erste ICE, der mich von Augsburg nach Fulda bringen sollte, massive Versp&auml;tung hatte &ndash; und ja, wieder einmal lag es an einer Reparatur am Zug. &Uuml;berfl&uuml;ssig auch zu erw&auml;hnen, dass s&auml;mtliche(!) Anschlussz&uuml;ge inkl. ihrer Alternativen auch massive Versp&auml;tungen hatten, sodass auch die R&uuml;ckreise zu einem v&ouml;llig unkalkulierbaren Gl&uuml;cksspiel wurde. Und dieses Gl&uuml;cksspiel habe ich verloren. Immerhin gab es gar nicht mal so schlechten Kaffee im Bistro, man muss ja auch mal dankbar sein. <\/p><p>Jedoch w&auml;re ich beinahe an Koffeinvergiftung gestorben, da mein allerletzter Anschlusszug in G&ouml;ttingen wegen einer &ndash; Sie ahnen es &ndash; Reparatur am Zug erst gar nicht losgefahren ist, was mir die zweifelhafte Freude eingebracht hat, auf dem G&ouml;ttinger Bahnhofsvorplatz &ndash;  immerhin bei bestem Wetter &ndash; mir zwei Stunden meiner Lebenszeit mit dem Genuss von weiteren Kaffeeprodukten in verschiedener Form zu vertreiben. Die zwei Stunden Versp&auml;tung der Hinreise konnte die R&uuml;ckfahrt m&uuml;helos toppen. Als ich am Abend &ndash; immerhin ausgeruht, wenn auch dank des Kaffee-Overkills mit einem Blutdruck kurz vor dem Schlaganfall &ndash; endlich in meinem Heimatdorf ankam, summierte sich die Versp&auml;tung auf stolze f&uuml;nf Stunden. Das ist in etwa so viel, wie ich f&uuml;r die gesamte Strecke mit meinem Auto gebraucht h&auml;tte. Auch bemerkenswert: Ohne BahnCard h&auml;tte mich die Reise mit siebeneinhalb Stunden Versp&auml;tung &uuml;ber 300 Euro gekostet &ndash; wohlgemerkt Zweiter Klasse. Mein sparsamer Diesel w&auml;re mit ungef&auml;hr 100 Euro Spritkosten ausgekommen.<\/p><p>Werde ich wieder Bahn fahren? Ich denke schon. Ich bin ein gro&szlig;er Fan des &ouml;ffentlichen Fernverkehrs und allein schon aus &ouml;kologischen Gr&uuml;nden kann ich es nur schlecht mit meinem Gewissen vereinbaren, 1,5 Tonnen Blech zu bewegen, wenn ich doch alternativ auch mit dem Zug fahren kann. Ich gebe jedoch auch zu, dass ich dies k&uuml;nftig leider von meinem Terminplan abh&auml;ngig machen muss. Es ist schon paradox. Fr&uuml;her verzichtete man auf das Auto und fuhr mit der Bahn, wenn man eng getaktete Termine hatte. Heute w&uuml;rde ich es im Zweifel genau andersherum machen. Wenn mein Terminplan es mir erlaubt, Puffer im Bereich von mehreren Stunden einzubauen, werde ich gerne wieder mit der Bahn fahren. Sollten berufliche oder private Gr&uuml;nde einen derart gro&szlig;en zeitlichen Puffer nicht erlauben, muss ich halt zum Auto greifen. Bahnfahren ist heute Luxus &ndash; nicht nur finanziell, sondern auch zeitlich.<\/p><p>Zynisch k&ouml;nnte man sagen, dass das Missmanagement der Bahn und die falschen politischen Vorgaben es geschafft haben, die Bahn so unattraktiv zu machen, dass das Auto wieder eine Alternative f&uuml;r Langstrecken geworden ist. So eine &bdquo;Reparatur am Zug&ldquo; kommt ja nicht aus dem heiteren Himmel heraus. Die Bahn wurde kaputtgespart und wir m&uuml;ssen mit den Konsequenzen leben. Vielleicht sollte man dieses Problem erstmal in den Griff bekommen, bevor man das n&auml;chste Mal den Begriff &bdquo;Verkehrswende&ldquo; &uuml;berhaupt in den Mund nimmt. Das w&auml;re doch mal eine angewandte und sinnvolle Klimapolitik. <\/p><p>Titelbild: Hadrian\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/465f5a41ea4c46a1b93e54cb11959c9d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fr&uuml;her nahm man die Bahn, wenn man p&uuml;nktlich zu einem Termin erscheinen wollte. Heute sollte man eher zum Auto greifen oder sich verdammt viel Zeit nehmen. Das ist zumindest mein gnadenlos subjektiver Eindruck, nachdem ich nach zwei Jahren Abstinenz mal wieder eine gr&ouml;&szlig;ere Reise mit der Bahn gemacht habe. 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