{"id":98586,"date":"2023-05-31T11:30:21","date_gmt":"2023-05-31T09:30:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98586"},"modified":"2023-05-31T16:52:39","modified_gmt":"2023-05-31T14:52:39","slug":"wegen-fachkraeftemangel-will-spahn-die-rente-mit-63-abschaffen-das-ist-kokolores","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98586","title":{"rendered":"Wegen Fachkr\u00e4ftemangel will Spahn die \u201eRente mit 63\u201c abschaffen \u2013 das ist Kokolores"},"content":{"rendered":"<p>Die CDU macht ihrer Rolle als Abrissbirne der gesetzlichen Rente mal wieder alle Ehre. Am Pfingstwochenende war es der Parteivize Jens Spahn, der in der <em>BILD am Sonntag<\/em> <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/spahn-rente-100.html\">forderte<\/a>, die &bdquo;Rente mit 63&ldquo; abzuschaffen. Diese koste Wohlstand und belaste kommende Generationen, da die Fachkr&auml;fte, die fr&uuml;her in Rente gegangen sind, nun &bdquo;bitterlich fehlten&ldquo;, so Spahn. Das ist gleich aus mehrfachen Gr&uuml;nden Kokolores. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_2896\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-98586-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=98586-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230531_Wegen_Fachkraeftemangel_will_Spahn_die_Rente_mit_63_abschaffen_das_ist_Kokolores_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die &bdquo;Rente mit 63&ldquo; gibt es seit 2014. Man sollte diesen Begriff jedoch nicht allzu w&ouml;rtlich nehmen, da die gesetzliche Regelung nicht etwa die M&ouml;glichkeit bietet, mit 63 Jahren eine Altersrente zu beziehen, sondern vielmehr Menschen, die 45 Jahre und mehr voll in die Rentenkasse einbezahlt haben, die M&ouml;glichkeit bietet, zwei Jahre vor dem allgemeing&uuml;ltigen Renteneintrittsalter ohne Abz&uuml;ge in Rente zu gehen. 2014 lag das Renteneintrittsalter bei 65, und wer damals auf 45 Beitragsjahre kam, konnte in der Tat mit 63 im Rente gehen. Das betraf jedoch nur die Jahrg&auml;nge bis 1953, und die sind heute mindestens 69 Jahre alt, also ohnehin bereits lange in Rente. Eine &bdquo;Rente mit 63&ldquo; gibt es also heute &uuml;berhaupt nicht mehr. Was will Spahn dann abschaffen?<\/p><p>Parallel zur Verabschiedung der &bdquo;Rente mit 63&ldquo; wurde auch das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erh&ouml;ht, und wer die M&ouml;glichkeit nutzt, zwei Jahre vorher in Rente zu gehen, ist dann nicht etwa 63, sondern 65 Jahre alt. Das gilt f&uuml;r alle Jahrg&auml;nge ab 1964. Die Jahrg&auml;nge zwischen 1953 und 1964 haben nicht nur ein gleitendes Renteneintrittsalter zwischen 65 und 67 Jahren, sondern auch ein gleitendes vorgezogenes Renteneintrittsalter bei 45 Beitragsjahren zwischen 63 und 65 Jahren. Daher ist der Begriff &bdquo;Rente mit 63&ldquo; falsch, suggeriert er der &Ouml;ffentlichkeit doch, es g&auml;be immer noch die M&ouml;glichkeit, mit 63 tats&auml;chlich in Rente zu gehen. Doch die Forderung, die &bdquo;Rente mit 65&ldquo; abzuschaffen, k&auml;me in der &Ouml;ffentlichkeit wahrscheinlich nicht so gut an, auch wenn sie inhaltlich korrekt w&auml;re.<\/p><p>Kokolores ist auch Spahns Begr&uuml;ndung, eine Abschaffung dieser Regel k&ouml;nnte irgendetwas am Fachkr&auml;ftemangel &auml;ndern. Hier muss man differenzieren. Es gibt bekanntlich zwei Arten von Fachkr&auml;ftemangel. Zum einen sind dies hoch spezialisierte Arbeitskr&auml;fte, die aufgrund ihrer Qualifikation nicht so einfach zu finden sind. Dies ist jedoch ein Problem der Unternehmen, die nicht f&uuml;r ausreichend Nachwuchs gesorgt haben, und kein gesellschaftliches Problem, bei dem die Politik aktiv werden muss. Ein gesellschaftliches Problem kann jedoch ein Fachkr&auml;ftemangel sein, bei dem fl&auml;chendeckend f&uuml;r bestimmte Jobs zu wenig Arbeitskr&auml;fte zur Verf&uuml;gung stehen. Auch hier tragen jedoch die Unternehmen einen gro&szlig;en Teil der Verantwortung, da sie in der Vergangenheit zu wenig Fachkr&auml;fte ausgebildet haben und vorhandene Fachkr&auml;fte durch zu niedrige L&ouml;hne und schlechte Arbeitsbedingungen in Teilzeit oder gar ganz aus dem Job gedr&auml;ngt haben. <\/p><p>Es ist schon erstaunlich. Auch der Arbeitsmarkt unterliegt schlie&szlig;lich den marktwirtschaftlichen Regeln von Angebot und Nachfrage. Ist die Nachfrage gr&ouml;&szlig;er als das Angebot, reagiert ein Markt in der Regel durch steigende Preise. Paradoxerweise klammern jedoch sowohl Arbeitgeberverb&auml;nde als auch Politiker der Parteien, die sich sonst immer als die Gralsh&uuml;ter der freien Marktwirtschaft verkaufen, die Option aus, den Fachkr&auml;ftemangel durch h&ouml;here L&ouml;hne und bessere Arbeitsbedingungen abzufedern. Das gilt auch f&uuml;r die &auml;lteren Arbeitnehmer, denen jetzt Krokodilstr&auml;nen nachgeweint werden.<\/p><p>Schauen wir doch mal auf die <a href=\"https:\/\/www.sozialpolitik-aktuell.de\/files\/sozialpolitik-aktuell\/_Politikfelder\/Arbeitsmarkt\/Datensammlung\/PDF-Dateien\/abbIV105.pdf\">Statistik<\/a>. Heute arbeitet gerade einmal jeder dritte 62-J&auml;hrige in Vollzeit. Bei den 64-J&auml;hrigen ist es nicht einmal jeder Siebte. Das liegt nat&uuml;rlich vor allem daran, dass viele Berufe, in denen es einen Fachkr&auml;ftemangel gibt, physisch und psychisch derart belastend sind, dass man sie ab einem bestimmten Alter schlicht nicht mehr in Vollzeit oder auch gar nicht aus&uuml;ben kann.  Und genau von diesen Berufen sprechen wir, wenn es um die &bdquo;Rente mit 63&ldquo; oder besser die &bdquo;Rente mit 65&ldquo; geht. Ein Akademiker, der seinen Schreibtischjob vielleicht ohne gr&ouml;&szlig;ere Probleme auch noch im h&ouml;heren Alter ausf&uuml;llen kann, kommt schlie&szlig;lich nur in den allerseltensten F&auml;llen auf die 45 Beitragsjahre, die n&ouml;tig sind, um sich fr&uuml;her ohne Abz&uuml;ge verrenten zu lassen. Und wer &ndash; <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/spahn-rente-100.html\">wie Arbeitgeberpr&auml;sident Rainer Dulger<\/a> &ndash; nun den &bdquo;Brain Drain&ldquo; bejammert, der durch die aus dem Berufsleben ausscheidenden Fachkr&auml;fte entsteht, sollte sich auch einmal die Frage stellen, warum so viele Menschen im Alter nur noch in Teilzeit arbeiten und bei der ersten Gelegenheit, die sich ihnen bietet, in Rente gehen. <\/p><p>Auch hier bietet die neoklassische &Ouml;konomie, die gerade bei der Arbeitgeberlobby und der CDU doch ansonsten dogmatisch verehrt wird, eine Antwort. Wer will, dass auch &auml;ltere Arbeitnehmer oder gar Rentner &ndash; die finanziell nicht darauf angewiesen sind &ndash; mehr arbeiten, der muss daf&uuml;r sorgen, dass die Arbeitszeit einen h&ouml;heren Grenznutzen hat als die Freizeit. Dies kann mit einer lohnenden Bezahlung, aber auch mit anderen nicht materiellen Verg&uuml;nstigungen geschehen. Die Rahmenbedingungen daf&uuml;r gibt es ja. Niemand verbietet es beispielsweise einem Krankenhaus, einen &auml;lteren examinierten Pfleger als Honorarkraft anzuwerben. Und selbstverst&auml;ndlich verbietet es auch niemand dem Krankenhaus, &auml;ltere regul&auml;re Arbeitskr&auml;fte durch bessere Bedingungen bei der Schichtplanung oder sonstige Verg&uuml;nstigungen bei den Arbeitsbedingungen zur&uuml;ck in die Vollzeit oder eben auf einen h&ouml;heren Teilzeitschl&uuml;ssel zu bringen. Doch halt. Das w&uuml;rde ja Geld kosten, und wenn es um h&ouml;here Arbeitskosten geht, vergessen selbst gest&auml;hlte Anh&auml;nger des Marktes ja bekanntlich gerne die Grundlagen der Marktwirtschaft.<\/p><p>Also soll es die CDU richten. Eine Abschaffung der M&ouml;glichkeit, bis zu zwei Jahre fr&uuml;her in Rente zu gehen, w&uuml;rde zahlreiche Menschen, die sich einen Renteneintritt mit Abz&uuml;gen nicht leisten k&ouml;nnen, de facto dazu zwingen, l&auml;nger zu arbeiten. Doch wenn man bedenkt, dass schon heute nur jeder siebte 64-J&auml;hrige &uuml;berhaupt noch in Vollzeit arbeitet, sollte auch klar sein, dass der Effekt auf den Arbeitsmarkt &uuml;berschaubar sein d&uuml;rfte &ndash; und gerade in den Branchen, in denen es einen Fachkr&auml;ftemangel gibt, wird dies auch keine signifikanten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben. Denn gerade in der Pflege oder im Handwerk gibt es ja sehr gute Gr&uuml;nde, warum man diesem Job nicht mehr im h&ouml;heren Alter nachgehen kann. Daran d&uuml;rfte sich auch nicht viel &auml;ndern, wenn man den faktischen Renteneintritt nach hinten verschiebt. Dann gehen die Menschen in diesen Jobs halt mit Abschl&auml;gen fr&uuml;her in Rente. <\/p><p>Letzten Endes l&auml;uft Spahns Vorschlag also auf eine Rentenk&uuml;rzung hinaus &ndash; und das ausgerechnet f&uuml;r die Menschen, die seit mehr als 45 Jahren als Beitragszahler in Jobs t&auml;tig sind, die man im h&ouml;heren Alter &ndash; wenn &uuml;berhaupt &ndash; nur mit gr&ouml;&szlig;eren Problemen wahrnehmen kann. Das ist nicht nur Kokolores, das ist im h&ouml;chsten Grad sch&auml;big.<\/p><p>Jens Spahn hatte &uuml;brigens ein Jahr nach Abi und Ausbildung das Gl&uuml;ck, mit 22 Jahren ein Bundestagsmandat zu erlangen. In die Rentenversicherung hat er damit h&ouml;chstens drei Jahre eingezahlt. F&uuml;r jedes Jahr im Bundestag erwarb er daf&uuml;r jedoch einen Altersvorsorgeanspruch in H&ouml;he von 250 Euro pro Monat. Mit seinen 43 Jahren hat er also bereits einen Anspruch auf 5.250 Euro Altersversorgung, bezahlt vom Steuerzahler. Da Spahn ja noch lange nicht am Ende seiner politischen Karriere ist, wird auch dieser Betrag noch steigen. Wenn er also nun den Krankenschwestern und Dachdeckern, die ihn mit ihren Steuergeldern &bdquo;aushalten&ldquo;, ihre ohnehin schon magere Rente k&uuml;rzen will, ist dies gleich doppelt sch&auml;big. <\/p><p>Titelbild: photocosmos1\/shutterstock.com<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/83f91c72f38642e9b4c3b88689a81006\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die CDU macht ihrer Rolle als Abrissbirne der gesetzlichen Rente mal wieder alle Ehre. Am Pfingstwochenende war es der Parteivize Jens Spahn, der in der <em>BILD am Sonntag<\/em> <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/spahn-rente-100.html\">forderte<\/a>, die &bdquo;Rente mit 63&ldquo; abzuschaffen. 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