{"id":986,"date":"2005-12-12T10:39:31","date_gmt":"2005-12-12T08:39:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=986"},"modified":"2016-02-23T10:08:41","modified_gmt":"2016-02-23T09:08:41","slug":"die-spd-begreift-immer-noch-nicht-dass-sie-gelinkt-worden-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=986","title":{"rendered":"Die SPD begreift immer noch nicht, dass sie gelinkt worden ist."},"content":{"rendered":"<p>Heute wird gemeldet, SPD-Chef Platzeck halte Unterstellungen, es gebe einen Zusammenhang zwischen Schr&ouml;ders Neuwahlbegehren und seinem Abgang einerseits und seinem neuen Engagement bei Gasprom andererseits, f&uuml;r &bdquo;schlicht und ergreifend nicht f&uuml;r hinnehmbar&ldquo;. Als Begr&uuml;ndung f&uuml;hrt Platzeck an, erstens sei das Pipeline-Projekt lange vor dem 22. Mai, dem Tag der Ank&uuml;ndigung von Neuwahlen, in Gang gesetzt worden, und zweitens habe Schr&ouml;der wie ein L&ouml;we f&uuml;r seinen Verbleib im Amt gek&auml;mpft, auch &uuml;ber den Wahltag hinaus. &ndash; Die Logik dieser Argumente erschlie&szlig;t sich wohl einzig und allein Matthias Platzeck.<br>\n<!--more--><br>\nIch versetze mich einmal in meine fr&uuml;here Funktion als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt. Was h&auml;tte ich dem Bundeskanzler am Vorabend der nordrhein-westf&auml;lischen Landtagswahlen vom 22. Mai aufgeschrieben, wenn er mich aufgefordert h&auml;tte, offen und ehrlich seine pers&ouml;nliche Situation als Kanzler und seine Chancen f&uuml;r die Wahlen im Jahr 2006 zu beschreiben:<\/p><ol>\n<li>Die nordrhein-westf&auml;lische Landtagswahl wird f&uuml;r SPD und Gr&uuml;ne mit hoher Wahrscheinlichkeit mit dramatischen Verlusten verloren gehen. Die SPD wird auch den dortigen Ministerpr&auml;sidenten an die CDU verlieren, den sechsten nacheinander seit Beginn der Regierung Schr&ouml;der. Die letzten Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen (29.4.) zeigen &ndash; &auml;hnlich wie die anderer Institute &ndash; folgende Ergebnisse f&uuml;r den Bund insgesamt: die SPD liegt bei 30%, die CDU\/CSU bei 44%. Rot-Gr&uuml;n kommt zusammen gerade mal auf 39%.<\/li>\n<li>Die Chance, die Wahlen im Jahr 2006 zu gewinnen und Bundeskanzler zu bleiben, ist ausgesprochen gering. Dies aus mehreren Gr&uuml;nden:\n<ul>\n<li>Dass die Reformpolitik gescheitert ist, jedenfalls den erwarteten wirtschaftlichen Erfolg nicht gebracht hat und bis zur Wahl nicht bringen wird, wird immer offenbarer und inzwischen auch von solchen Medien bilanziert und dokumentiert, die bisher die &bdquo;Reformen&ldquo; forderten. Herausragendes Beispiel ist der Spiegel, der am kommenden Montag (23.5.) mit dem Titel &bdquo;Die total verr&uuml;ckte Reform Hartz IV&ldquo; erscheinen wird.<\/li>\n<li>Die vom Finanzminister Eichel letzthin im kleinen Kreis genannten Ziffern zur wahrscheinlichen Nettoneuverschuldung im Bundeshaushalt f&uuml;r das Jahr 2006 zeigen, dass auch die Sparpolitik gescheitert ist. Einen verfassungskonformen Haushalt werden wir nur vorlegen k&ouml;nnen, wenn die St&ouml;rung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts festgestellt wird.<\/li>\n<li>Bisher hat die SPD Wahlen immer nur dann gewonnen, wenn sie Multiplikatoren bewegen konnte, vor allem solche, die die gro&szlig;e Zahl der Arbeitnehmer erreichen. Dies wird anders als 1998 und 2002 bei den kommenden Wahlen nicht mehr m&ouml;glich sein. Zumindest die Gewerkschaften werden sich einer entsprechenden R&uuml;ckendeckung verweigern.<\/li>\n<li>Dass &auml;hnlich wie mit dem Irak Krieg noch einmal mit einem friedenspolitischen Thema gepunktet werden kann, ist nicht auszuschlie&szlig;en, aber eher unwahrscheinlich.<\/li>\n<li>Nat&uuml;rlich ist das Risiko bei einer Neuwahl sehr gro&szlig;, dass die SPD auch im Bund verliert und der Kanzler sein Amt aufgeben muss. Das h&auml;tte aber wenigstens den Vorteil, dass der vom Kanzler eingeschlagene &bdquo;Reformkurs&ldquo; stabilisiert w&uuml;rde und ihm wenigstens der &bdquo;Ruhm&ldquo; bliebe, dass er diesen Kurs eingeschlagen hat.<\/li>\n<li>Die SPD k&ouml;nnte ihn nachtr&auml;glich nicht kritisieren, weil sie seine Neuwahlentscheidung nach aller Voraussicht mittragen d&uuml;rfte und wenn der Kanzler es schafft, dass er sich als Spitzenkandidat f&uuml;r die SPD noch einmal engagiert, dann w&auml;re ihm auch der Dank der Partei gewiss.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Nach der vermuteten epochalen Niederlage in Nordrhein-Westfalen nach 39-j&auml;hriger SPD-Regierung und nach 17 von 26 verlorenen Wahlen der SPD seit 1998 wird die Partei nicht mehr still halten, sie wird eine Abkehr vom Agendakurs oder zumindest deutliche Kurskorrekturen fordern. Das d&uuml;rfte Schr&ouml;ders Ruf als &bdquo;Reformkanzler&ldquo; erheblichen Abbruch tun, wenn nicht sogar die Gefahr besteht, dass sie ihn ganz fallen l&auml;sst. Beides w&auml;re nicht hilfreich f&uuml;r das Bild, das der Kanzler gerne in den Geschichtsb&uuml;chern sehen w&uuml;rde. Au&szlig;erdem w&uuml;rde es eine grunds&auml;tzliche Debatte &uuml;ber den neoliberalen Reformkurs geben, an deren Ende dieser Kurs in Frage gestellt sein k&ouml;nnte. Es muss jedenfalls dringend eine Aktion her, um die SPD auf neue Disziplin einzuschw&ouml;ren.<\/li>\n<\/ol><p>Dies alles wusste ein Stratege wie Gerhard Schr&ouml;der auch. Deshalb lag es f&uuml;r ihn nahe, den Absprung zu suchen. Die Forderung nach Neuwahlen war das probate Mittel. Es ist ihm damit ausgezeichnet gelungen, das wachsende Bewusstwerden des Scheiterns seiner Reform- und Sparpolitik weg zu wischen. Die Neuwahlentscheidung wirkte wie ein Befreiungsschlag f&uuml;r die gescheiterte neoliberale Reformpolitik und f&uuml;r Schr&ouml;der pers&ouml;nlich.<\/p><p>Dass er sich dann im Wahlkampf besonders engagierte, liegt in der Logik seines Kalk&uuml;ls. Er brauchte einen guten Abgang in seiner Partei und er musste die Weichen f&uuml;r die Zeit danach noch im seinen Sinne stellen. Sachlich und personell. Beides ist ihm hervorragend gelungen, weil seine Partei sein Spiel nicht durchschaute und bis heute nicht durchschaut oder nicht durchschauen will..<\/p><p>Dass Matthias Platzeck darauf verweist, Schr&ouml;der habe wie ein L&ouml;we gek&auml;mpft, belegt seinen mangelnden Durchblick. Auch sein Hinweis darauf, das Pipelinegesch&auml;ft sei schon vorher eingef&auml;delt worden, ist unerheblich. Das kann ja auch f&uuml;r 2006 geplant gewesen sein. Erheblich ist vielmehr, dass es noch schnell vor den Wahlen vom 18.9. unter Dach und Fach gebracht wurde.<\/p><p>Es ist verst&auml;ndlich, dass der SPD-Vorsitzende sich gegen die Vermutung, die Neuwahlen h&auml;tten einem pers&ouml;nlichen Zweck gedient, &ouml;ffentlich wehren muss. Es ist ja schlie&szlig;lich auch ein ungeheuerlicher Vorgang, dass gew&auml;hlten Abgeordneten ihre Legislaturperiode aus diesem Grund um ein Jahr abgek&uuml;rzt wird, dass der Bundespr&auml;sident und sogar das Bundesverfassungsgericht eingespannt werden und sich einspannen lassen. Diese Instanzen m&uuml;ssen allerdings gegen sich gelten lassen, dass man die Motive dieses Neuwahl-Begehrens auch schon am 22. Mai durchschauen konnte. Der Bundespr&auml;sident und der Berichterstatter des Bundesverfassungsgerichtes di Fabio wollten es offensichtlich nicht durchschauen, weil sie in der Neuwahlentscheidung vermutlich auch die M&ouml;glichkeit erkannten, ihre von ihnen unterst&uuml;tzte neoliberale Reformpolitik f&uuml;r weitere vier Jahre zu retten. <\/p><p>Davon unabh&auml;ngig ist der Vorgang staatspolitisch, wenn man diesen hochtrabenden Begriff einmal bem&uuml;hen darf, &auml;u&szlig;erst problematisch: ein ganzes Parlament neu w&auml;hlen zu lassen, um am selben Tag, an dem die neue Regierung gew&auml;hlt wurde, sein Mandat zur&uuml;ck zu geben, um privaten gesch&auml;ftlichen Interessen nachzugehen und wenige Tage danach einen Posten in einem Milliardendeal zu &uuml;bernehmen, den man selbst eingef&auml;delt hat, das hat es bisher nur in Staaten gegeben, deren demokratische Kultur und deren Unbestechlichkeit ihrer Politiker nicht sehr ausgepr&auml;gt waren.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute wird gemeldet, SPD-Chef Platzeck halte Unterstellungen, es gebe einen Zusammenhang zwischen Schr&ouml;ders Neuwahlbegehren und seinem Abgang einerseits und seinem neuen Engagement bei Gasprom andererseits, f&uuml;r &bdquo;schlicht und ergreifend nicht f&uuml;r hinnehmbar&ldquo;. 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