{"id":9866,"date":"2011-06-22T16:26:58","date_gmt":"2011-06-22T14:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9866"},"modified":"2014-09-01T14:43:19","modified_gmt":"2014-09-01T12:43:19","slug":"ersparnisse-auf-rekordniveau-wie-mit-irrefuhrung-meinung-gemacht-werden-soll","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9866","title":{"rendered":"Ersparnisse auf Rekordniveau \u2013 Wie mit Irref\u00fchrung Meinung gemacht werden soll"},"content":{"rendered":"<p>Die st&auml;ndige Wiederholung einer Aussage geh&ouml;rt zu den wichtigsten Methoden der Meinungsmache. So wiederholen die <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/presse\/pressenotizen\/2006\/20060619.finanz.pdf\">Bundesbank (z.B. hier [PDF &ndash; 240 KB]<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/finanzen\/maerkte\/:sparweltmeister-deutschland-privates-geldvermoegen-steigt-auf-rekordniveau\/60053599.html\">hier<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geldinfos-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2010-06-22.6439711400\">Deutsche Bankenverband<\/a> aber auch Versicherungskonzerne wie die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,738214,00.html\">Allianz<\/a> in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden Erfolgsmeldungen dar&uuml;ber, wie die Ersparnisse der Deutschen im Durchschnitt gestiegen sind. So auch jetzt wieder einmal der <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geldinfos-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2011-06-20.1321252566\">Bankenverband<\/a> mit der Schlagzeile &bdquo;Ersparnisse auf Rekordniveau: Fast 5 Billionen Euro Geldverm&ouml;gen&ldquo;. Bei wem sich die Ersparnisse allerdings angesammelt haben, das wird verschwiegen. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Noch nie zuvor h&auml;tten die Deutschen so viel auf der hohen Kante liegen gehabt. Die Medien, wie etwa die Bild-Zeitung v. 22. Juni machen dann aus solchen Meldungen Schlagzeilen wie &bdquo;Deutsche haben so viel Geld wie noch nie&ldquo;. Pro Kopf h&auml;tten sie 61.000 Euro gespart, das seien 5% mehr als noch 2009. <\/p><p>Es geht uns also bestens, wir sind reich und alles ist gut! Das sollen uns doch solche Jubelmeldungen einh&auml;mmern.<\/p><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten schon dutzende Male dargestellt, dass solche Durchschnittswerte des Geldverm&ouml;gens entweder schwachsinnig sind oder &ndash; weil es die ver&ouml;ffentlichenden Institutionen besser wissen m&uuml;ssen &ndash; eine irref&uuml;hrende Meinungsmache.<\/p><p>Weil aber diese Meinungsmacher sich immer wieder wiederholen, bleibt uns, damit die L&uuml;ge nicht durch st&auml;ndige Wiederholung zur Wahrheit wird, auch nichts anderes &uuml;brig, als eben gleichfalls immer wieder auf solche Irref&uuml;hrungen einzugehen.<\/p><p>Wie schwachsinnig die Angabe von Durchschnittswerten des Geldverm&ouml;gens ist, zeigt ein banales Rechenexempel: Wenn ich 20.000 Euro auf dem Sparkonto habe und mein Nachbar hat 10.000 Euro Schulden, dann haben wir beide im Durchschnitt 5.000 Euro. Dar&uuml;ber kann sich mein Nachbar aber richtig freuen! <\/p><p>Das zeigt, dass solche Durchschnittsrechnungen ohne jeden realen Aussagewert &uuml;ber die tats&auml;chliche Verteilung des Nettogeldverm&ouml;gens sind. &Uuml;ber diese Verteilung ist nat&uuml;rlichen in solchen Erfolgsmeldungen nie etwas zu lesen und deshalb m&uuml;ssen auch wir uns der inzwischen eigentlich schon langweiligen Aufkl&auml;rungsarbeit immer wieder stellen.<\/p><p>Machen wir es ganz kurz und knapp mit zwei Grafiken:  <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110622_polarisierung_in_deutschland.jpg\" alt=\"Polarisierung in Deutschland\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/wsimit_2009_12_schaefer.pdf\">WSI Mitteilungen [PDF &ndash; 292 KB]<\/a><\/p><p>Ich zitiere aus dieser Quelle:<\/p><blockquote><p><em>&bdquo;Vom privaten Verm&ouml;gen in Deutschland nach Abzug aller Schulden besitzt die &bdquo;untere&ldquo; H&auml;lfte der deutschen (erwachsenen) Bev&ouml;lkerung per Saldo fast nichts; 10 % aus dieser Gruppe (das unterste Dezil) haben sogar nur negatives Verm&ouml;gen bzw. Schulden. Auf der anderen Seite konzentriert die &bdquo;obere&ldquo; Bev&ouml;lkerungsh&auml;lfte fast das gesamte private Netto-Verm&ouml;gen auf sich, darunter allein die obersten 10 % fast zwei Drittel davon. Besonders bemerkenswert ist: Innerhalb der beobachteten f&uuml;nf Jahre haben nur die obersten oder reichsten 10 % ihre Verm&ouml;gensposition verbessern k&ouml;nnen, und zwar um gleich drei Prozentpunkte.&ldquo;<\/em><\/p><\/blockquote><p>Und damit man uns nicht vorhalten kann, das sei ja eine gewerkschaftsnahe Quelle f&uuml;ge ich noch eine andere Grafik, des gewiss nicht linkslastigen DIW hinzu. (Diese Grafik erfasst zwar sowohl das Netto-Geld-Verm&ouml;gen als auch das Sachverm&ouml;gen, sie nimmt aber den Einwand vorweg, dass man, wenn man &uuml;ber Verm&ouml;gen spricht, auch die Renten- und Pensionsanwartschaften einkalkulieren m&uuml;sse.)<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110622_verteilung_des_geldvermoegens.jpg\" alt=\"Verteilung des Geldverm&ouml;gens\"><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/documents\/publikationen\/73\/diw_01.c.345838.de\/10-3-1.pdf\">SOEP 2007 DIW Berlin 2010 [PDF &ndash; 349 KB]<\/a><\/p><p>Diese Grafiken sagen mehr als tausend Worte: <\/p><p>Die obersten 20% der Verm&ouml;gensverteilung besitzen rund 80% des Nettogeldverm&ouml;gens (Bruttogeldverm&ouml;gen minus Konsumentenkredite), w&auml;hrend alleine die obersten 10% nahezu zwei Drittel besitzen. Die untersten 25% besitzen &uuml;brigens nicht nur kein Nettogeldverm&ouml;gen, sondern sie verf&uuml;gen sogar &uuml;ber ein negatives Nettogeldverm&ouml;gen &ndash; sprich, sie haben mehr Schulden als Guthaben. Zwei Drittel der Deutschen verf&uuml;gen <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/wirtschaft\/immer-mehr-auf-der-hohen-kante\/-\/1472780\/5078646\/-\/index.html\">laut DIW<\/a> &uuml;ber gar kein oder nur ein sehr geringes Nettogeldverm&ouml;gen. <\/p><p>&bdquo;Je h&ouml;her die Einkommen sind, desto mehr sparen die Haushalte. So sparen ein Viertel aller Haushalte mit dem h&ouml;chsten Monatseinkommen regelm&auml;&szlig;ig mehr als zwanzig Prozent ihres Einkommens, und&nbsp; nur&nbsp; ein Siebtel dieser Haushalte legt kein Geld zur&uuml;ck. Von den Haushalten mit dem niedrigsten Einkommen sparen hingegen mehr als vier F&uuml;nftel <a href=\"http:\/\/www.diw.de\/de\/diw_01.c.368735.de\/themen_nachrichten\/einkommensumverteilung_schwaecht_seit_jahren_den_privaten_verbrauch.html\">&uuml;berhaupt nichts.&ldquo;<\/a><\/p><p>Rund zwei Drittel der Bev&ouml;lkerung ab 17 Jahren verf&uuml;gten im Jahre 2007 &uuml;ber kein oder nur ein sehr geringes Geldverm&ouml;gen. Davon hatten 27 Prozent &uuml;berhaupt keine Verm&ouml;genswerte und 3 Millionen private Haushalte waren sogar mehr oder weniger hoch verschuldet (insgesamt mit <a href=\"\/upload\/pdf\/110330%20bontrup_finanzkrise1.pdf\">110 Milliarden Euro [PDF &ndash; 348 KB]<\/a>). <\/p><p>Wenn man also wie der Bankenverband schreibt, dass die Deutschen nie zuvor so viel auf der hohen Kante liegen hatten, m&uuml;sst man, um ein realistisches Bild zu zeichnen, hinzuf&uuml;gen, dass die obersten Dezile der Verm&ouml;gensbesitzer auch im vergangenen Jahr wieder reicher geworden sind, w&auml;hrend die gro&szlig;e Mehrheit der privaten Haushalte 2010 erneut &auml;rmer wurde. <\/p><p>Das erkl&auml;rt sich, wenn man eine weitaus realistischer statistische Betrachtung w&auml;hlt, n&auml;mlich den sog. Median-Wert, wenn man also die reichere und die &auml;rmere Bev&ouml;lkerungsh&auml;lfte aufteilt.<br>\nDann kommt man auf einen Wert von rund <a href=\"\/?p=3136\">15.000 Euro<\/a> &ndash; inklusive der Anspr&uuml;che aus Lebensversicherungen und aus der privaten Altersvorsorge. Man kann also davon ausgehen, dass der Anteil der durchschnittlichen Einkommensbezieher an dem angesparten Geldverm&ouml;gen &auml;u&szlig;erst gering ist, selbst wenn man Geldanlagen bei der betrieblichen Altersversorgung mit einbezieht<\/p><p>Selbst die wirtschaftsfreundliche OECD hat in ihrem Bericht &bdquo;Growing Unequal&ldquo; aus dem Jahre 2008 f&uuml;r Deutschland festgestellt, dass bei uns die Einkommensungleichheit und die Armut st&auml;rker zugenommen haben als in jedem anderen <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/dataoecd\/45\/27\/41525386.pdf\">OECD-Land [PDF &ndash; 251 KB]<\/a>. Der Grund f&uuml;r das Auseinandergehen der Schere zwischen Arm und Reich liegt in der Stagnation bei den L&ouml;hnen und in der Ausweitung des Niedriglohnsektors bei gleichzeitigem explodieren der Spitzengeh&auml;lter und der Gewinne.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die st&auml;ndige Wiederholung einer Aussage geh&ouml;rt zu den wichtigsten Methoden der Meinungsmache. So wiederholen die <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/download\/presse\/pressenotizen\/2006\/20060619.finanz.pdf\">Bundesbank (z.B. hier [PDF &ndash; 240 KB]<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/finanzen\/maerkte\/:sparweltmeister-deutschland-privates-geldvermoegen-steigt-auf-rekordniveau\/60053599.html\">hier<\/a>, der <a href=\"http:\/\/www.bankenverband.de\/themen\/geldinfos-finanzen\/tipps-infos\/atproxiedcontent.2010-06-22.6439711400\">Deutsche Bankenverband<\/a> aber auch Versicherungskonzerne wie die <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/unternehmen\/0,1518,738214,00.html\">Allianz<\/a> in regelm&auml;&szlig;igen Abst&auml;nden Erfolgsmeldungen dar&uuml;ber, wie die Ersparnisse der Deutschen im Durchschnitt gestiegen sind. So auch jetzt wieder<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9866\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[146,11,132],"tags":[224,286,291],"class_list":["post-9866","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziale-gerechtigkeit","category-strategien-der-meinungsmache","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-allianz","tag-bundesbank","tag-verteilungsgerechtigkeit"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9866","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9866"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9866\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9868,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9866\/revisions\/9868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9866"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9866"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9866"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}