{"id":98660,"date":"2023-06-01T12:00:53","date_gmt":"2023-06-01T10:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98660"},"modified":"2023-06-01T17:13:05","modified_gmt":"2023-06-01T15:13:05","slug":"krebs-krieg-und-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98660","title":{"rendered":"Krebs, Krieg und Krise"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vom Krebs, vom Krieg und vom Medienversagen: Davon handelt Arno Luiks Buch &bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo;. Es ist ein recht einzigartiges Zeitdokument.<\/strong><br>\nAm Ende des letzten Sommers erfuhr Arno Luik, dass er Darmkrebs hat. Die Diagnose kam aus dem Nichts. Luik ist ehemaliger Chefredakteur der taz, sp&auml;ter wurde er als Deutschlands h&auml;rtester Interviewer beim Stern bekannt. Mit dem Krebs begann er etwas, was er &ndash; der Schreibende &ndash; vormals noch nie getan hatte: Er machte sich daran, ein Tagebuch zu schreiben. Darin betrachtete er sich und die Welt: also, was der Krebs mit ihm macht und der Krieg mit uns allen. Dar&uuml;ber hinaus hielt er R&uuml;ckblick, schaute auf sein Journalistenleben und skizzierte Episoden medialen Versagens, das er im Laufe der Jahre beobachten konnte. Eine Rezension von <strong>Roberto De Lapuente<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7288\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-98660-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=98660-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230601-Krebs-Krieg-und-Krise-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Arno Luik blieb auch in dieser dramatischen Lebensphase ein Zoon politikon, ein politisches, ja ein politisierendes Lebewesen. Er berichtet davon, wie ihn die Krankheit weit wegr&uuml;cken l&auml;sst von Politik und Krieg, gleichzeitig kann er nicht wegschauen, als zeitgleich mit den ersten Wochen seiner Krankheit das Land in einen neuen Kriegsmodus taumelt. So entstand eine Mixtur aus (Kranken-)Tagebuch und Zeitenwende-Chronik, aus medizinischer Anamnese und gesellschaftlichem Sittenverfall &ndash; man k&ouml;nnte auch sagen, so entstand ein vielleicht einzigartiges Zeitdokument.<\/p><p><strong>W-Fragen des Haderns<\/strong><\/p><p>&bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo; hat Arno Luik seine Betrachtungen genannt. Damit sind jene N&auml;chte des Jahreswechsels gemeint, die man auch als N&auml;chte des &Uuml;bergangs anschauen k&ouml;nnte, wo das alte Jahr ausdient und das neue Jahr Erwartungen und Hoffnungen weckt. Luiks Buch dokumentiert &Uuml;berg&auml;nge auf mannigfache Art und Weise: Sie vollziehen sich von Gesundheit zu Krankheit und von politischer Ordnung zu ideologisch verblendetem Chaos. All das in einer &Ouml;ffentlichkeit, die schon l&auml;ngst den &Uuml;bergang vollzogen hat: zu einem Debattenraum, der kaum noch abweichende Meinungen vertr&auml;gt und totalit&auml;re Z&uuml;ge annimmt, als sei das eine Selbstverst&auml;ndlichkeit.<\/p><p>Hauptgegenstand der Betrachtungen des Autors ist zuallererst jener Schicksalsschlag, der sein Leben von einem Moment auf den anderen ver&auml;nderte. Der Krebs bereitet ihm schlaflose N&auml;chte, die von ruhelosen Tagen abgel&ouml;st werden. Immer ist er da, seine Psyche ist stark angeknackst: Warum er? Warum jetzt? Warum &uuml;berhaupt? W-Fragen des Haderns, die sich einstellten, nachdem er eine Darmspiegelung machen lie&szlig;. Das &bdquo;garstige Viech&ldquo; in ihm, wie Luik den Krebs nennt, besetzt fast alle seine Gedanken, alles andere: nur Nebens&auml;chlichkeit. Bitte, es soll wieder wie fr&uuml;her sein, hofft er &ndash; das ist sein treibender Gedanke.<\/p><p>Luik hat in seinem Journalistenleben h&auml;ufig mit Menschen das Gespr&auml;ch gesucht, die ans Ende ihrer Tage gelangten. Manfred Rommel etwa, ehemaliger Stuttgarter B&uuml;rgermeister, schien erstaunlich gelassen gewesen zu sein, als Luik ihn in den letzten Tagen seines Lebens besuchte. An jene Todkranken erinnert er auch in seinem Tagebuch.<\/p><p>Eines der Interviews mit schwerkranken Menschen ist jenes mit der Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Luik traf sie 2008 in Berlin. Schrobsdorff sprach &uuml;ber ihr Leben und Leiden in einer schonungslosen Offenheit und mit einer so harten Gleichg&uuml;ltigkeit, dass es selbst f&uuml;r den Fragesteller nur schwer ertr&auml;glich schien. Schrobsdorff erkl&auml;rte beispielsweise, dass sie die &bdquo;v&ouml;llige Ausl&ouml;schung&ldquo; f&uuml;r sich w&uuml;nsche, sie wolle &bdquo;spurlos verschwinden&ldquo;, nichts soll von ihr &uuml;brig bleiben, an sie erinnern. Aber Luik lie&szlig; dieses Gespr&auml;ch nicht zu einem weinerlichen Frage- und Antwortspiel werden, sondern kitzelte bewegende Szenen hervor: ber&uuml;hrend und zugleich in ihrer Brutalit&auml;t emp&ouml;rend.<\/p><p><strong>Man sollte sich Luik nicht als ungl&uuml;cklichen Menschen vorstellen<\/strong><\/p><p>An diese Gespr&auml;che denkt der Autor zur&uuml;ck, wenn er nachts keinen Schlaf findet. Die Gelassenheit vieler, die er an der Schwelle zum Lebensende befragte, besch&auml;ftigt ihn.<\/p><p>&Uuml;berhaupt berichtet er immer wieder aus seinem Berufsleben, sp&uuml;rt dem Erlebten nach und entf&uuml;hrt seine Leser in eine Zeit, da der Journalismus in einen Umbruch geriet und eigentlich handwerklich guter Journalismus durch eine redaktionell betreute Form von Macht-PR transformierte. Als Interviewer in jener Zeit legte er in langen, gut vorbereiteten Gespr&auml;chen die Menschlichkeit der Befragten blank. Dazu ben&ouml;tigte er Einf&uuml;hlungsverm&ouml;gen und Gesp&uuml;r: Der ber&uuml;chtigtste Interviewer der Republik war nicht einfach nur der unangenehme Fragensteller &ndash; er war auch auf den Punkt vorbereitet, widmete den Befragten viele Stunden akribischer Recherche. H&auml;ufig entriss er mancher Machtperson die Maske, lie&szlig; auf den Menschen dahinter blicken: immer mit einem Gewinn f&uuml;r die Leser.<\/p><p>Man sollte sich Luik in seinem Buch auf keinen Fall als ungl&uuml;cklichen Menschen vorstellen, denn seine Gier nach Leben macht sich deutlich bemerkbar. Der Krebs ist eine H&uuml;rde, die er &uuml;berspringen m&ouml;chte, ein ungl&uuml;cklicher Zwischenfall, der &uuml;berwindbar ist, &uuml;berwindbar sein muss &ndash; dass ihm das auch gelingen wird, steht eigentlich nicht zur Debatte.<\/p><p>Nachdem der Autor anf&auml;nglich zwar darlegt, dass alles, was ihm einst wichtig war, insbesondere auch die Politik, nicht mehr den fr&uuml;heren Stellenwert f&uuml;r ihn hat, weil er nat&uuml;rlich mit sich selbst besch&auml;ftigt ist, l&auml;uft er dann doch zur Form eines durch und durch kritischen Journalisten auf. Denn Luiks Krankheit f&auml;llt in eine unglaubliche Zeit. Deutschland will wieder jemand sein in der Welt, m&auml;chtig in einen Krieg einsteigen, der das Potenzial dazu hat, sich zu einem Weltkrieg zu ent&auml;u&szlig;ern. Zwischen langen N&auml;chten und Chemotherapie rechnet Luik mit diesem ganzen Wahnsinn ab.<\/p><p><strong>Ein Buch &uuml;ber das Leben<\/strong><\/p><p>Dieser Wahnsinn spielt sich zwischen einer Medienlandschaft ab, die als Hofberichterstattung wirkt, und politischen Parteien &ndash; im Speziellen den Gr&uuml;nen &ndash;, die l&auml;ngst ihre Urspr&uuml;nge hinter sich gelassen haben. Luik erinnert in seinem Buch daran, dass die Gr&uuml;nen nicht erst neulich zu einer Partei mutierten, die sich zwar pazifistisch nennt, aber stets kriegsbereit ist. Damals im Jugoslawien-Krieg manifestierte sich dieser Kurs bereits. Und die taz flankierte diesen schizophrenen Kurs: Luik packte damals seinen Koffer und lie&szlig; das &bdquo;linke&ldquo; Blatt hinter sich.<\/p><p>Es ist ein krankes Land, das der Autor in seinem Krankentagebuch pr&auml;sentiert: ein krankes Land, mit dem er abrechnet. Arno Luik ist Pazifist, seine r&auml;umliche &ndash; und zeitliche &ndash; Herkunft machten ihn dazu. Was sich jetzt ereignet, man sp&uuml;rt, wie es ihn emp&ouml;rt, besch&auml;ftigt &ndash; ja, man sp&uuml;rt, wie ihn diese Emp&ouml;rung von seiner Krankheit ablenkt.<\/p><p>Der Passage mit der oben genannten Autorin Schrobsdorff stellt Luik eine Leserreaktion nach, die da lautete: &bdquo;Ich habe in meinem Leben noch nie etwas so Menschliches gelesen.&ldquo; Dem Rezensenten geht es an dieser Stelle wie jenem unbekannten Leser: Er hat noch nie so etwas Menschliches gelesen wie jene &bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo; von Arno Luik. Letzterer buhlt in seinem Buch nicht um Mitleid, er betreibt keine billige &bdquo;Menschelei&ldquo;: Solche B&uuml;cher gibt es viele. Seines ist trotz Schicksalsschlag souver&auml;n. Der Mensch Luik schimmert dennoch durch, kommt zwischen Analyse und Abrechnung zum Vorschein.<\/p><p>Letztlich haben wir es hier nicht mit einem Buch &uuml;ber den Tod zu tun, auch wenn man das vielleicht annehmen k&ouml;nnte. Das Gegenteil stimmt. Es ist ein Buch &uuml;ber das Leben. Die Betrachtung dieses Buches l&auml;sst sich nur mit einem Satz beenden, einer pers&ouml;nlichen Schlussnote: <em>Lieber Arno Luik, von Herzen beste Genesung!<\/em><\/p><p>Titelbild: Westend Verlag<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/510419f7e0454962bcf17a573785e523\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Vom Krebs, vom Krieg und vom Medienversagen: Davon handelt Arno Luiks Buch &bdquo;Rauhn&auml;chte&ldquo;. 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