{"id":98814,"date":"2023-06-05T13:30:10","date_gmt":"2023-06-05T11:30:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98814"},"modified":"2023-06-06T13:34:56","modified_gmt":"2023-06-06T11:34:56","slug":"baufoerderung-aus-absurdistan-nur-wer-arm-und-reich-zugleich-ist-kommt-zum-zug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98814","title":{"rendered":"Bauf\u00f6rderung aus Absurdistan \u2013 nur wer arm und reich zugleich ist, kommt zum Zug"},"content":{"rendered":"<p>Die gestiegenen Zinsen haben den Erwerb einer eigenen Immobilie vor allem f&uuml;r Familien mit geringerem oder mittlerem Einkommen zu einer Mission Impossible gemacht. Um gezielt diesen Familien unter die Arme zu greifen, hat die Bundesregierung nun zum 1. Juni ein <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/suche\/wohneigentum-fuer-familien-2193708#:~:text=Am%201.,f%C3%BCr%20die%20Altersvorsorge%20zu%20machen\">neues F&ouml;rderprogramm<\/a> aufgelegt. Die Bedingungen f&uuml;r die neue Bauf&ouml;rderung sind jedoch vor allem aufgrund der klimapolitischen Nebenbedingungen derart absurd, dass wohl nur sehr wenige Familien diese F&ouml;rderung in Anspruch nehmen k&ouml;nnen. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft auf dem Immobilienmarkt wird dadurch zementiert. Am Ende ist die Bauf&ouml;rderung f&uuml;r Familien mit geringerem oder mittlerem Einkommen kaum mehr als Feigenblatt, um der Ampel ein soziales Image zu verschaffen, das mit der Realit&auml;t nichts zu tun hat. Von <strong>Jens Berger<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5737\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-98814-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=98814-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230605_Baufoerderung_aus_Absurdistan_nur_wer_arm_und_reich_zugleich_ist_kommt_zum_Zug_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die eigene Immobilie geh&ouml;rte schon immer zu den gro&szlig;en Tr&auml;umen vieler Menschen. Auch &ouml;konomisch stellt die selbst bewohnte Wohnung oder das selbst bewohnte Haus den wohl wichtigsten Punkt des Verm&ouml;gensaufbaus dar &ndash; anstatt monatlich eine Miete an einen Dritten abzuf&uuml;hren, zahlt man monatlich seinen Immobilienkredit ab, und am Ende der Laufzeit geh&ouml;rt einem das Objekt. Gerade in Zeiten steigender Mieten ist das attraktiv. Doch mit der Zinswende und steigenden Baukosten ist dieser Traum f&uuml;r breite Bev&ouml;lkerungsschichten im Grunde ausgetr&auml;umt. Daran etwas zu &auml;ndern, w&auml;re eigentlich eine der wichtigsten F&ouml;rderungsma&szlig;nahmen der Politik, und es g&auml;be durchaus sinnvolle Arten, dies auch in die Tat umzusetzen.<\/p><p>Bei den meisten Gering- und Normalverdienern scheitert der Traum von den eigenen vier W&auml;nden an drei Punkten:<\/p><ul>\n<li>den hohen Baukosten<\/li>\n<li>den hohen Kosten f&uuml;r Bauland<\/li>\n<li>dem fehlenden Eigenkapital.<\/li>\n<\/ul><p>Die ersten beiden Punkte treiben den Finanzierungsbedarf in die H&ouml;he, der letzte Punkt sorgt daf&uuml;r, dass die Banken sich weigern, die Finanzierung &uuml;berhaupt erst vorzunehmen. Eine sinnvolle Bauf&ouml;rderung m&uuml;sste also sowohl die M&ouml;glichkeit bieten, die Kosten niedrig zu halten, als auch den Eigenkapitalanteil wenn m&ouml;glich zu mindern oder gar zu ersetzen. Genau das leistet die seit Juni aufgelegte F&ouml;rderung jedoch nicht. <\/p><p>Die F&ouml;rderung besteht in einem zinsverbilligten Darlehen, das &uuml;ber die KfW finanziert, aber von der kreditgebenden Bank bewilligt werden muss. Die erste Schwachstelle ist dabei die maximale Kredith&ouml;he, die sich nach der Zahl der Kinder richtet. Wer ein oder zwei Kinder hat, kann in der Baustufe &bdquo;klimafreundliches Wohngeb&auml;ude&ldquo; maximal 140.000 Euro abrufen. Erst ab f&uuml;nf Kindern erh&ouml;ht sich der abrufbare Kreditbetrag auf die Maximalsumme von 190.000 Euro. Diese Summen reichen zwar aus, um sich ein &auml;lteres Haus auf dem Land zu kaufen. Aber leider f&ouml;rdert der Bund den Erwerb von Bestandsimmobilien nicht, sondern nur den Neubau. Zudem koppelt man die F&ouml;rderung noch an die klimapolitische Vorgabe Effizienzstandard EH40 &ndash; das hei&szlig;t, das Haus darf weder mit &Ouml;l, Gas oder Biomasse beheizt werden, muss &uuml;ber eine Photovoltaik-Anlage mit Batterien verf&uuml;gen und dabei auch noch strengere Anforderungen an die D&auml;mmung und L&uuml;ftung erf&uuml;llen. Das kostet nat&uuml;rlich. Solche H&auml;user z&auml;hlen eigentlich nicht zu den Objekten, die sich Familien mit geringerem oder mittlerem Einkommen bauen. Und das hat seinen Grund.<\/p><p>Ein Neubau der Effizienzklasse kostet im Schnitt rund 1.800 Euro pro Quadratmeter Wohnfl&auml;che. F&uuml;r ein 150 Quadratmeter gro&szlig;es Haus sind dies 270.000 Euro. Hinzu kommen die Kosten f&uuml;r das Bauland. In mittlerer Lage kann man hier bei einem Preis von 120 Euro pro Quadratmeter noch einmal 72.000 Euro hinzuz&auml;hlen. Wenn man nun die &uuml;blichen 15 Prozent Baunebenkosten (Steuern, Planung, Erschlie&szlig;ung usw.) hinzurechnet, kommt man auf glatte 400.000 Euro, und dieser Wert ist noch niedrig bemessen &ndash; in Ballungsr&auml;umen und attraktiven Lagen reicht dies hinten und vorne nicht. <\/p><p>Wer als Geringverdiener ohne nennenswertes Eigenkapital 400.000 Euro fremdfinanzieren will, schaut in der Regel in die R&ouml;hre &ndash; und das aus gutem Grund. Bei den derzeitigen Zinsen von 4,0 Prozent w&auml;re der normale Abtrag bei einer Laufzeit von 30 Jahren mit 1.893 Euro so hoch, dass er kaum finanziell zu stemmen ist. Hier soll die Bauf&ouml;rderung f&uuml;r Familien mit geringem oder mittlerem Einkommen ansetzen. Doch genau das tut sie nicht.<\/p><p>Denn selbst bei maximaler F&ouml;rderung w&uuml;rden bei einer Familie mit einem Kind lediglich 140.000 Euro aus der Finanzierung herausfallen. Neben dem gef&ouml;rderten KfW-Kredit zum verg&uuml;nstigten Zinssatz muss der Rest der Kreditsumme zum normalen Zins von der kreditgebenden Bank finanziert werden. Statt 400.000 m&uuml;ssen nun dank des F&ouml;rderprogramms also &bdquo;nur noch&ldquo; 260.000 Euro &uuml;ber einen Bankkredit finanzieren werden. &Uuml;bertr&auml;gt man das Rechenbeispiel von oben (30 Jahre Laufzeit, 4,0 Prozent Zinsen) auf dieses Finanzierungsmodell, kommt man auf 1.231 Euro f&uuml;r den Bankkredit plus 463 Euro f&uuml;r den KfW-F&ouml;rderkredit &ndash; macht zusammen 1.694 Euro pro Monat. F&uuml;r einen Haushalt mit gutem Einkommen ist dies freilich machbar &ndash; aber um diese Haushalte geht es beim F&ouml;rderungsprogramm ja nicht.<\/p><p>Um gem&auml;&szlig; der Gesetzeslage die Baufinanzierung f&uuml;r Familien mit geringerem oder mittlerem Einkommen in Anspruch zu nehmen, darf eine Familie mit einem Kind nicht mehr als 60.000 Euro zu versteuerndes Jahreseinkommen haben. Das entspricht rund 40.000 Euro nach Steuern, also rund 3.333 Euro netto pro Monat. Mehr als die H&auml;lfte des Netto-Haushaltseinkommens w&uuml;rde bei diesem Finanzierungsmodell also f&uuml;r den Abtrag der beiden Immobilienkredite draufgehen. Z&auml;hlt man 500 Euro Hausnebenkosten (Energie, Steuern, Abgaben, Versicherung) pro Monat hinzu, sinkt das verf&uuml;gbare Einkommen der Familie bereits auf 1.139 Euro. Und dies ist eine Sch&ouml;nwetterrechnung. Die Kredite haben n&auml;mlich nur eine Zinsbindung von zehn Jahren, und danach kann der Abtrag bei einem h&ouml;heren Zinsumfeld auch steigen. Vor allem: Bei dieser Rechnung fehlen R&uuml;cklagen f&uuml;r Reparaturen und Instandsetzung, und gerade bei energieeffizienten H&auml;usern mit W&auml;rmepumpen und Photovoltaik sollte man bei einer Finanzierungsdauer von 30 Jahren schon mindestens 250 Euro pro Monat f&uuml;r derartige R&uuml;cklagen einkalkulieren. <\/p><p>Das Rechenbeispiel zeigt: Selbst wenn die Musterfamilie von der Bank die Finanzierung bekommen w&uuml;rde, die f&uuml;r die Inanspruchnahme der F&ouml;rderung ja n&ouml;tig ist, werden die direkten und indirekten Kosten f&uuml;r das Projekt &bdquo;eigene vier W&auml;nde&ldquo; so hoch sein, dass sie realistisch nicht zu stemmen sind. Dieses F&ouml;rderungsprogramm mag f&uuml;r Haushalte mit einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro aufw&auml;rts durchaus attraktiv sein &ndash; aber f&uuml;r Haushalte mit einem Einkommen, das den F&ouml;rderbedingungen entspricht, ist es nicht geeignet.<\/p><p>Warum stellt die Ampel derart realit&auml;tsferne F&ouml;rderbedingungen? Warum f&ouml;rdert man z.B. Familien mit niedrigerem Einkommen nicht bei dem Erwerb einer Bestandsimmobilie? Abseits der Ballungsr&auml;ume gibt es durchaus passende Objekte im Preisrahmen von 150.000 bis 200.000 Euro, die mit einem staatlich garantierten Vorzugszins auch ohne hohe Eigenbeteiligung von diesen Familien finanziert werden k&ouml;nnten. Ein Rechenbeispiel dazu: Der Abtrag f&uuml;r einen 200.000-Euro-Kredit w&uuml;rde bei 1,25 Prozent Zinsen und 30 Jahren Laufzeit gerade einmal 670 Euro kosten und w&auml;re damit f&uuml;r Gering- und Normalverdiener durchaus finanzierbar. Selbst eine Zweckbindung an eine energetische Sanierung w&auml;re im Rahmen einer solchen F&ouml;rderung ja denkbar. Dann h&auml;tte man sogar was f&uuml;r die Klimabilanz getan &ndash; mehr als mit einem Neubau.<\/p><p>Realistisch betrachtet kommen f&uuml;r die neue F&ouml;rderung eigentlich nur Familien in Frage, die zugleich arm und reich sind &ndash; die also ein vergleichsweise niedriges Einkommen haben, aber &uuml;ber ein hohes Eigenkapital verf&uuml;gen; also z.B. ein Erbe oder ein Geschenk von den Eltern oder Gro&szlig;eltern. Warum man ein F&ouml;rderprogramm auf eine derart spezielle und &uuml;berschaubare Gruppe ma&szlig;schneidern sollte, bleibt jedoch ein R&auml;tsel.<\/p><p>Wahrscheinlich dient das F&ouml;rderprogramm lediglich PR-Zwecken. Man will zeigen, dass man die Gering- und Normalverdiener bei seiner eigenwilligen Mischung aus Klima- und Baupolitik nicht vergessen hat&hellip; und vergisst sie dabei. Der Traum von den eigenen vier W&auml;nden wird k&uuml;nftig mehr denn je vom Geldbeutel und von der Herkunft abh&auml;ngen. <\/p><p>Titelbild: Halfpoint\/shutterstock.com<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/07b9558205124073819431f2f37dcb24\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die gestiegenen Zinsen haben den Erwerb einer eigenen Immobilie vor allem f&uuml;r Familien mit geringerem oder mittlerem Einkommen zu einer Mission Impossible gemacht. Um gezielt diesen Familien unter die Arme zu greifen, hat die Bundesregierung nun zum 1. Juni ein <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/suche\/wohneigentum-fuer-familien-2193708#:~:text=Am%201.,f%C3%BCr%20die%20Altersvorsorge%20zu%20machen\">neues F&ouml;rderprogramm<\/a> aufgelegt. 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