{"id":99064,"date":"2023-06-10T14:00:15","date_gmt":"2023-06-10T12:00:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99064"},"modified":"2023-06-10T15:09:43","modified_gmt":"2023-06-10T13:09:43","slug":"missbrauchsskandal-der-katholischen-kirche-in-bolivien-welche-hoelle-ist-fuer-kinderschaender-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99064","title":{"rendered":"Missbrauchsskandal der katholischen Kirche in Bolivien: \u201eWelche H\u00f6lle ist f\u00fcr Kindersch\u00e4nder da?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In gleich den drei gr&ouml;&szlig;ten St&auml;dten haben lokale B&uuml;ndnisse unter dem Slogan &bdquo;Iglesia &amp; Estado &ndash; Asunto separado&ldquo; (Kirche &amp; Staat &ndash; getrennte Angelegenheiten) zu Protesten gegen die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche aufgerufen: im Regierungssitz La Paz, das mit dem angrenzenden El Alto die gr&ouml;&szlig;te urbanisierte Zone des Landes auf 4.000 Meter &uuml;ber dem Meeresspiegel bildet, in der formell gr&ouml;&szlig;ten Stadt Santa Cruz im tropischen Teil des Landes und im dazwischen liegenden Cochabamba, dem Epizentrum des j&uuml;ngsten Skandals. Von <strong>Pablo Flock<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 30. April ver&ouml;ffentlichte die bolivianische Zeitung El Pa&iacute;s eine &uuml;ber 30 Seiten umfassende Reportage &uuml;ber den vielfachen sexuellen Missbrauch des 2009 verstorbenen Jesuiten Alfonso Pedrajas, die auf dessen eigenem Tagebuch basiert, das der Zeitung von dessen Neffen zugespielt wurde. Rund 85 Minderj&auml;hrige gibt der spanische Priester darin an, sexuell gen&ouml;tigt zu haben, die meisten davon als Direktor eines Internats der Jesuiten in Cochabamba.<\/p><p>Die Angst vieler Kinder aus &auml;rmeren Familien, das Internat mit seinen Speises&auml;len und Zukunftschancen wieder in Richtung Armut und Perspektivlosigkeit zur&uuml;cklassen zu m&uuml;ssen, lie&szlig; viele der Opfer den Missbrauch ohne Klagen durchstehen. Pedrajas nutzte dies auch bewusst und drohte Sch&uuml;lern, die sich wagten laut auszusprechen, was alle wussten, sie von der Schule zu werfen.<\/p><p>Noch schockierender als die Erz&auml;hlungen einiger der Opfer, die El Pa&iacute;s f&uuml;r die Reportage interviewte, sind vielleicht Pedrajas eigene Angaben &uuml;ber die Konfessionen seiner Untaten, die er gegen&uuml;ber anderen Ordensmitgliedern und Kirchenautorit&auml;ten machte. Diese f&uuml;hrten Zeit seines Lebens nie zu Konsequenzen f&uuml;r den Pater und nicht einmal zu Schutzma&szlig;nahmen f&uuml;r die Opfer, obwohl Mitwisser wie der zeitweise Regionalleiter der Jesuiten in S&uuml;damerika, Bruder Marcos Recolons, durchaus die Macht und Verantwortung daf&uuml;r gehabt h&auml;tten.<\/p><p>Einer der ersten, der von den &Uuml;bergriffigkeiten des Paters wusste, war dessen mittlerweile ebenfalls verstorbener Ordensvater Jos&eacute; Arroyo, der Pedrajas im letzten Teil seiner Jesuitenausbildung beaufsichtigte und diese Aufgabe &uuml;brigens auch f&uuml;r den Jesuiten Jorge Bergoglio aus Buenos Aires &uuml;bernahm, der heute als Papst Franziskus bekannt ist. Wie Pedrajas schreibt, wies ihn Arroyo wohl an, in den Beichten nicht von seinen Missbr&auml;uchen zu erz&auml;hlen und sich nicht als S&uuml;nder zu f&uuml;hlen. Laut ihm h&auml;tte er nicht einmal in Erw&auml;gung ziehen sollen, seine Lehrt&auml;tigkeit deswegen aufzugeben. Nichts w&uuml;rde passieren. Von einer Aufforderung seitens dieses Ausbilders, die sexuelle Gewalt zu unterlassen, ist nichts zu lesen.<\/p><p>In Cochabamba kam es schon im Laufe des Monats zu verschiedenen Protesten. So wurde die lokale Kirche der Jesuiten in der Nacht vor der Sonntagsmesse am 7. Mai mit gro&szlig;en und kleinen Flammen beklebt, ebenso mit Nachrichten wie &ldquo;85 Opfer&rdquo; und &ldquo;Welche H&ouml;lle ist f&uuml;r Kindersch&auml;nder da?&rdquo;, letzteres offensichtlich in Anspielung auf ein ber&uuml;hmtes bolivianisches Kirchenbild, das den missionierten Indigenen die individuellen Strafen der H&ouml;lle f&uuml;r verschiedene S&uuml;nden aufzeigt.<\/p><p>Zwei Tage sp&auml;ter bewegte sich am Nachmittag eine &uuml;berwiegend aus Frauen bestehende Gruppe Parolen rufend auf die Kirche zu. Eine Frau war verkleidet als Priester mit einem umgeh&auml;ngten Schild, worauf sie sich als Priester &ldquo;Alfonso Pederasta&rdquo; ausgab. Die Gruppe beklebte die Kirche mit verschiedenen Schildern &ndash; Opferzitaten aus dem Tagebuch des P&auml;derasten oder Nachrichten wie &ldquo;Es war nicht die Liebe Gottes, sondern der Priester&rdquo;.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/230609-Bild1_cochabamba__alfonso_pederasta.jpeg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p>Quelle: Pablo Flock<\/p><p>Die Aktivist:innen forderten besonders die Aufarbeitung und Bestrafung der noch lebenden Mitwisser und weisen auf die koloniale Komponente, die der Skandal in sich tr&auml;gt. &ldquo;Da kommen Leute in Verantwortungspositionen, die in Europa schon wegen Sexualstraftaten verurteilt wurden. Und die Kirche schickt diese M&auml;nner dann einfach zu uns in die Peripherie, wo sie weiter ihr Unwesen treiben k&ouml;nnen&rdquo;, beklagt eine Teilnehmerin an einer der beiden Aktionen in Cochabamba, womit sie sich offenbar auf den 2019 ebenfalls von El Pa&iacute;s aufgedeckten Fall des Jesuiten Luis T&oacute; bezieht.<\/p><p>Ihren Namen nennen will sie nicht. &ldquo;Die christliche Lobby ist stark in Bolivien. Als [Jeanine] &Aacute;&ntilde;ez [2019 gegen Evo Morales] putschte, trug sie diese pinke Bibel auf die B&uuml;hne, in offenbar kolonialer Manier deutete sie an, uns Indios zu zivilisieren&rdquo;, erkl&auml;rt sie sarkastisch. Die gewaltt&auml;tigen Milizen aus den privilegierteren Stadtvierteln, die die Putschregierung damals gegen die unwilligen Teile der Gesellschaft verteidigten, organisierten sich teils r&auml;umlich um Kirchen.<\/p><p>Doch nun kann auch der Staat die Augen nicht mehr vor den strukturellen Problemen verschlie&szlig;en. Am 30. Mai wandte sich der bolivianische Pr&auml;sident in einem offenen Brief an die katholische Kirche und den Papst, in dem er Vertuschung der Verbrechen durch kirchliche Instanzen anprangert, volle Kooperation mit den Ermittlungsbeh&ouml;rden und Dokumente kircheninterner Ermittlungen fordert und die &Uuml;berarbeitung von Abkommen und Konventionen zur Einreise katholischer Priester ank&uuml;ndigt. &ldquo;Der bolivianische Staat beh&auml;lt sich das Recht vor, die Einreise neuer ausl&auml;ndischer Priester und Ordensleute, die eine Vorgeschichte von sexuellem Missbrauch an Minderj&auml;hrigen haben, zu kontrollieren&rdquo;, hei&szlig;t es darin.<\/p><p>Der Jesuitenorden hatte schon am 3. Mai in einem offenen Brief zugesagt, bei den Ermittlungen zu kooperieren, sich entschuldigt, aber auch gebeten, die Vorf&auml;lle nicht zu politisieren.<\/p><p>Die Demonstranten in La Paz, Cochabamba und Santa Cruz halten das f&uuml;r wenig glaubw&uuml;rdig.<\/p><p>So erz&auml;hlt zum Beispiel der Bruder der von sexueller Gewalt durch Priester betroffenen Missionarin Alicia von seinen Erfahrungen mit der Kirche und ihren vorgeschobenen Konsequenzen. Wo die Kirche nun nach den erneuten Skandalen jemand schicke, um den Fall seiner Schwester und anderer zu ermitteln, fragt er sich, warum das nicht vor drei Jahren geschehen sei, als seine Familie sich an die Kirche wandte. Obwohl es damals eine Audioaufnahme von der Erpressung seiner Schwester durch den Pater gab, wurde der Fall eingestellt und der T&auml;ter ist mittlerweile wieder aus dem Land.<\/p><p>Ein anderer Priester aus derselben Di&ouml;zese wurde bei der Vergewaltigung eines zehnj&auml;hrigen M&auml;dchens erwischt, danach jedoch nur wegen sexuellem Missbrauch verurteilt und kam schon nach drei Jahren frei. Mittlerweile halte er wieder Gottesdienste in Bolivien, so der Bruder Alicias.<\/p><p>Laut Generalstaatsanwalt Wilfredo Ch&aacute;vez sind den bolivianischen Beh&ouml;rden derzeit 23 Priester namentlich bekannt, denen sexuelle &Uuml;bergriffe vorgeworfen werden.<\/p><p><em>Dieser Artikel erschien <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/blog\/2023\/06\/264341\/missbrauch-kirche-aufklaerung-bolivien\">zuerst auf Amerika21<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Daniel Jedzura<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96073\">Das Imperium schl&auml;gt zur&uuml;ck: Bolivien destabilisieren und die Kontrolle &uuml;bernehmen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=63484\">&ldquo;Wir putschen gegen jeden, wann immer wir wollen &hellip;&rdquo; &ndash; Elon Musk, Bolivien und das Lithium-Puzzle in der Atacama-W&uuml;ste<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96176\">11. Gebot: &raquo;Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!&laquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/0d26675e5e6b455f99905fa120fdd374\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In gleich den drei gr&ouml;&szlig;ten St&auml;dten haben lokale B&uuml;ndnisse unter dem Slogan &bdquo;Iglesia &amp; Estado &ndash; Asunto separado&ldquo; (Kirche &amp; Staat &ndash; getrennte Angelegenheiten) zu Protesten gegen die Missbrauchsskandale der katholischen Kirche aufgerufen: im Regierungssitz La Paz, das mit dem angrenzenden El Alto die gr&ouml;&szlig;te urbanisierte Zone des Landes auf 4.000 Meter &uuml;ber dem Meeresspiegel<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99064\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":99067,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[199,20],"tags":[282,2186,545],"class_list":["post-99064","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirchen-religionen","category-landerberichte","tag-buergerproteste","tag-bolivien","tag-sexueller-missbrauch"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/shutterstock_1213050577.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99064"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99064\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99114,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99064\/revisions\/99114"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}