{"id":99074,"date":"2023-06-09T13:00:49","date_gmt":"2023-06-09T11:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99074"},"modified":"2023-06-09T15:36:05","modified_gmt":"2023-06-09T13:36:05","slug":"kirchentag-die-politik-und-der-garten-eden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99074","title":{"rendered":"Kirchentag: Die Politik und der Garten Eden"},"content":{"rendered":"<p>Die Trennung von Staat und Kirche steht in unserer Verfassung. Doch es gibt zahlreiche Sonderrechte und Subventionen, die unser Staat den Kirchen gew&auml;hrt. Beispielsweise die massive staatliche F&ouml;rderung religi&ouml;ser Gro&szlig;-Events wie dem derzeit stattfindenden Evangelischen Kirchentag in N&uuml;rnberg. H&ouml;chste Zeit, staatlichen Gottes-Lobbyismus und fragw&uuml;rdige klerikale Polit-Allianzen zu beenden. Ein Kommentar von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nLassen wir gleich zu Beginn mal unseren Bundespr&auml;sidenten zu Wort kommen. Bei seiner Er&ouml;ffnungsrede zur Bundesgartenschau im April 2023 in Mannheim hat er die Zuh&ouml;rerschaft daran erinnert, dass einst im Garten Eden alles seinen Anfang nahm. Denn: &bdquo;Wenn wir der Bibel folgen, dann wurde der Mensch geschaffen, dann wurden die Menschen in die sch&ouml;nen G&auml;rten gesetzt, die Gott pers&ouml;nlich, wie es hei&szlig;t, im Garten Eden angelegt hatte&laquo;, Festrede in sch&ouml;nster Sch&ouml;pfungs-Prosa. &bdquo;Der Mensch sollte den Garten bearbeiten und h&uuml;ten&rdquo;, denn &ndash; und hier wagte der weise Pr&auml;sident mit schneewei&szlig;em Haupt-Haar eine originelle ethnologische Pointe &ndash; &bdquo;Wenn Sie so wollen, wurde der Mensch vor aller Zeiten Anfang eigentlich als G&auml;rtner geschaffen.&rdquo;&nbsp;<\/p><p>Nicht ganz gender-gerecht &uuml;bersah er hier die solide Rolle der G&auml;rtnerin. Egal. Jedenfalls beschwor der gottesf&uuml;rchtige Pr&auml;sident das Blumen-Bio-Event als &bdquo;ein Fest der Farben, eine Feier der Buntheit und der Verschiedenheit, eine Darstellung der Sch&ouml;nheit &hellip; Es ist sch&ouml;n und es ist eine Freude, sich inmitten der Farben der Sch&ouml;pfung zu bewegen&rdquo;. Spricht hier ein bibelfester Kreationist oder ein sozialdemokratischer Bundespr&auml;sident, der eigentlich &ndash; gewisserma&szlig;en als lebendes Verfassungsorgan &ndash; doch zur religi&ouml;sen Neutralit&auml;t verpflichtet ist?<\/p><p>Der sch&ouml;pferische Christenmensch Steinmeier kennt sich aus. 2019 sollte er auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund als Kirchentagspr&auml;sident gar dem klerikalen Event vorstehen. Nur die Wahl zum Bundespr&auml;sidenten verhinderte die Pr&auml;sens-Rolle. Als Mitglied der Kirchentagsleitung hatte er sich schon zuvor f&uuml;r die finanzielle Grundausstattung des Glaubens-Events eingesetzt. Zwar &uuml;bte er diese T&auml;tigkeit ehrenamtlich aus, allerdings wurde dadurch ein Signal an die &ouml;ffentlichen Finanzierungsstellen (Bund, Land und Kommune) gesendet, die mit sch&ouml;ner Regelm&auml;&szlig;igkeit die Bezuschussung der Kirchentage beschlie&szlig;en. Das ist Lobbyismus in reiner Form, finanziert mit &ouml;ffentlichen Steuergeldern.<\/p><p>Man stelle sich mal vor, der Wirtschaftsminister w&auml;re gleichzeitig der Vorsitzende des Bundesverbands der Deutschen Industrie und die BDI-Veranstaltungen w&auml;ren zur H&auml;lfte mit Steuergeldern finanziert &ndash; eine undenkbare Konstellation. Wenn es aber um Kirchen-Lobbyismus geht, erleben wir eine breite und offene Verflechtung mit dem Staat &ndash; finanziell und personell.<\/p><p>Alle Jahre wieder findet hierzulande ein Kirchentag statt, immer im Wechsel, mal ein katholischer, mal ein evangelischer &ndash; und immer in einer anderen Stadt. Das Ganze hat Event-Charakter, es gibt Musik, Tanz, gemeinsames Gebet und jede Menge Vortr&auml;ge &uuml;ber Gott und die Welt. Ein straff organisiertes Himmels-Festival mit Zeltlager-Flair. In diesen Tagen, vom 7. Juni bis 11. Juni, der 38. Evangelische Kirchentag in N&uuml;rnberg. Motto: &raquo;Die Zeit ist jetzt&laquo;. Sogar einen offiziellen Kirchentag-Song gibt es, &raquo;performed&laquo; vom Gute-Laune-Trio Judy, Ronja und Sam: &bdquo;Ein kleiner Moment kann riesig sein&ldquo;, beschw&ouml;ren sie ausgelassen g&ouml;ttliche Gl&uuml;ckseligkeit. Ein echter Knaller.<\/p><p>Der Freistaat Bayern unterst&uuml;tzt mit 5,5 Millionen Euro die Kirchen-Sause gro&szlig;z&uuml;gig. Bei der symbolischen Scheck&uuml;bergabe im Heimatministerium in N&uuml;rnberg sagte Ministerpr&auml;sident S&ouml;der, es sei eine Freude, dass der Kirchentag zum zweiten Mal nach 1979 in N&uuml;rnberg stattfinde. &bdquo;Evangelisch is coming home, sozusagen &hellip;&rdquo;, so der CSU-Mann im Marketing-Jargon. Weitere drei Millionen Euro gibt es aus dem st&auml;dtischen Haushalt der Franken-Metropole, die dar&uuml;ber hinaus den Kirchentag auch mit Sachleistungen wie dem Bereitstellen von Veranstaltungsorten in H&ouml;he von etwa einer Million Euro unterst&uuml;tzt. Dass die Stadt N&uuml;rnberg mit einem Schuldenstand von 1,9 Milliarden Euro aktuelle Schuldenk&ouml;nigin in Bayern ist, darf hier kurz angemerkt werden. Die Veranstalter, an der Spitze Ex-CDU-Innenminister Thomas de Maizi&egrave;re, der diesmal als Pr&auml;sident des Kirchentags fungiert, sind hoch erfreut. Der Mann, einst zust&auml;ndig f&uuml;r Sicherheit und Ordnung, jetzt f&uuml;r Glaube und Hoffnung, bedankte sich f&uuml;r den staatlichen und st&auml;dtischen Geldsegen &ndash; denn dies, so de Maizi&egrave;re, sei nicht selbstverst&auml;ndlich in Zeiten, in denen die Bedeutung der Kirche abnehme.<\/p><p>In der Tat: Seit dem Fr&uuml;hjahr 2022 sind erstmals <a href=\"https:\/\/www.giordano-bruno-stiftung.de\/meldung\/das-saekulare-jahrzehnt\">weniger als die H&auml;lfte der Menschen in Deutschland<\/a> Mitglied in der katholischen oder evangelischen Kirche. In der Kirchentags-Stadt N&uuml;rnberg haben beide Kirchen zusammen nur noch einen Anteil von rund 42 Prozent an der Bev&ouml;lkerung. &bdquo;Die Konfessionsfreien stellen erstmals in der Geschichte der Stadt die Mehrheit&laquo;, stellt David Farago, Aktionsk&uuml;nstler und im Zivilberuf Schreinermeister, n&uuml;chtern fest. Und weil es ihm als Verfassungs-Patriot ungemein &auml;rgert, dass es um die Trennung von Kirche und Staat hierzulande nicht gut bestellt ist, ist er auch gegen jede staatliche Subvention von Kirchentagen. Bei der Stadt N&uuml;rnberg hat er eine Ausstellungsfl&auml;che beantragt, um seine kirchenkritische &ndash; aufkl&auml;rend l&auml;sterlichen &ndash; Plastiken und Installationen samt einer &raquo;Kirchenaustritts-Beratungsstelle&laquo; zu pr&auml;sentieren. Er und seine Aktions-Gruppe &raquo;11. Gebot: Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen&laquo; wollen damit zur Debatte, zum produktiven Streit animieren und ermuntern. Denn: &bdquo;Streit ist der Sauerstoff f&uuml;r die Demokratie&laquo;.<\/p><p>Dem Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm hat Farago einen Offenen Brief geschrieben und ihn um Unterst&uuml;tzung gebeten. Ist die Kirchentags-Dramaturgie nicht auch eine Einladung f&uuml;r Andersgl&auml;ubige und Ungl&auml;ubige? Nicht auch eine gro&szlig;e gesellschaftliche Dialog-B&uuml;hne? Der Herr Landesbischof lie&szlig; den Aktivisten kurz und schn&ouml;de abblitzen. O-Ton: &bdquo;Leider kann ich Ihr Anliegen und die Umsetzbarkeit f&uuml;r Stadt und Kirchentag im Detail nicht nachvollziehen. Der Kirchentag ist eine von unserer Landeskirche unabh&auml;ngige Veranstaltung und ich selber bin an keiner Stelle als Entscheidungstr&auml;ger eingebunden.&ldquo; Das grenzt an dreiste Selbstverleugnung. Der Trick: Die Kirche tritt nicht als Veranstalter auf. Die Organisation wird vom &bdquo;Verein F&ouml;rderung des Deutschen Evangelischen Kirchentags&ldquo; &uuml;bernommen. F&uuml;r jeden Kirchentag wird jeweils ein weiterer eigener Verein gegr&uuml;ndet, der die &ouml;ffentlichen Gelder erh&auml;lt und verwaltet &ndash; und sp&auml;ter wieder aufgel&ouml;st wird. Das hat viele Vorteile. Ein Vorteil: Kirchentage brauchen keine Abrechnung vorzulegen. Religionsgemeinschaften sind in Deutschland nicht rechenschaftspflichtig. Landesrechnungsh&ouml;fe d&uuml;rfen sie nicht &uuml;berpr&uuml;fen. So bleibt intransparent, wof&uuml;r das staatliche Geld eigentlich eingesetzt wird. Transparenz sieht anders aus.&nbsp;<\/p><p>Das Ordnungsamt der Stadt N&uuml;rnberg hat f&uuml;r den widerborstigen Aktionsk&uuml;nstler Farago dann doch noch ein paar Quadratmeter auf der Kirchentags-Meile gefunden. Immerhin. Und Landesbischof Bedford-Strohm wird als Prediger und klerikaler Hans Dampf in allen Gassen als Gottesdienst-Gestalter und Forum-Teilnehmer beim Kirchentag omnipr&auml;sent sein. Fans bewundern seine Ausdauer, Kritiker monieren seine Eitelkeit.<\/p><p>Und klar: Auch Bundespr&auml;sident Frank-Walter Steinmeier ist beim Er&ouml;ffnungsgottesdienst auf dem Hauptmarkt in N&uuml;rnberg dabei. Polit-Prominenz l&auml;sst sich partei&uuml;bergreifend wie gewohnt gerne auch diesmal sehen. Kaum ein Podium oder ein Diskussions-Forum findet ohne &raquo;die Politik&laquo; statt. Ministerpr&auml;sident S&ouml;der wird die Kirchentagshauptb&uuml;hne f&uuml;r seinen Wahlkampf nutzen. Sein Thema: &raquo;Bibelarbeit &ndash; Was jetzt am Tage ist \/ Mose 50,15-21&laquo;. Gleich nach der Fr&uuml;hmesse am Freitag morgens um 9:30 Uhr im Messezentrum, Halle 4A. CSU und Kreuz &ndash; in N&uuml;rnberg kommt zusammen, was zusammengeh&ouml;rt.&nbsp;<\/p><p>Doch es geht um mehr als um die staatliche Alimentierung von Kirchentagen. Die allgegenw&auml;rtige Allianz &ndash; oder soll man von Komplizenschaft sprechen? &ndash; von Staat und Kirche in unserem Land muss ein Ende haben. Konkret und exemplarisch: Es geht um die skandal&ouml;se Nicht-Verfolgung klerikaler Missbrauchs-T&auml;ter, um fragw&uuml;rdige Sonderechte und Subventionen, um den zweifelhaften Einfluss der Gottes-Lobbyisten in Politik und Medien, um die arrogante Selbstgef&auml;lligkeit der klerikalen Oligarchie. In einer s&auml;kularen Demokratie darf sich der Staat nicht mit einer Religion identifizieren, keine Kirche und keine Glaubensgemeinschaft bevorzugen. Das ist geradezu die Garantie f&uuml;r Religionsfreiheit. Es gilt die strikte Trennung von Staat und Kirche. Erst der B&uuml;rger, dann der Gl&auml;ubige.<\/p><p>Titelbild: Shutterstock \/ Maik Meid \/Das Foto zeigt Robert Habeck auf einer B&uuml;hne des Kirchentags 2019 in Dortmund<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Trennung von Staat und Kirche steht in unserer Verfassung. Doch es gibt zahlreiche Sonderrechte und Subventionen, die unser Staat den Kirchen gew&auml;hrt. Beispielsweise die massive staatliche F&ouml;rderung religi&ouml;ser Gro&szlig;-Events wie dem derzeit stattfindenden Evangelischen Kirchentag in N&uuml;rnberg. H&ouml;chste Zeit, staatlichen Gottes-Lobbyismus und fragw&uuml;rdige klerikale Polit-Allianzen zu beenden. Ein Kommentar von <strong>Helmut Ortner<\/strong>.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":99075,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[199,127],"tags":[3067,2812,252,394],"class_list":["post-99074","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kirchen-religionen","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-kirchentag","tag-saekularisation","tag-steinmeier-frank-walter","tag-subventionen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/shutterstock_1434617654.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99074"}],"version-history":[{"count":13,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99074\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99099,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99074\/revisions\/99099"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99075"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}