{"id":99214,"date":"2023-06-14T10:00:47","date_gmt":"2023-06-14T08:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99214"},"modified":"2024-06-20T11:32:26","modified_gmt":"2024-06-20T09:32:26","slug":"wir-muessen-wieder-lernen-wie-man-frieden-schliesst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99214","title":{"rendered":"\u201eWir m\u00fcssen wieder lernen, wie man Frieden schlie\u00dft\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Tino Eisbrenner<\/strong> ist Lyriker, Songpoet und Autor. Der heute 60-J&auml;hrige wurde zuerst in der DDR bekannt, als er mit der Popband &bdquo;Jessica&ldquo; f&uuml;r Aufsehen und Hits sorgte. Sein Repertoire umfasst seit Langem Rock, Pop und Chansons. Als Brecht-\/Weill-\/Eisler-Interpret machte sich Eisbrenner &uuml;ber die Landesgrenzen hinaus einen Namen. Mit seinen Liedern bezieht er immer wieder Position zu allgemeinen und konkreten politischen Themen. Als Br&uuml;ckenbauer setzt sich <a href=\"https:\/\/eisbrenner.de\/\">Eisbrenner<\/a> seit Jahren f&uuml;r Frieden und unter anderem f&uuml;r ein besseres Verh&auml;ltnis zu Russland ein. &Uuml;ber die Gr&uuml;nde daf&uuml;r und dar&uuml;ber, warum er das gerade in der aktuellen Lage tut, sprach <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong> mit dem Songpoeten.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3893\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-99214-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=99214-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230614_Wir_muessen_wieder_lernen_wie_man_Frieden_schliesst_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Eisbrenner, Sie engagieren sich f&uuml;r Frieden, singen &uuml;ber die Indianer und deren Lage, treten f&uuml;r Julian Assange auf und fordern Frieden mit Russland. Warum geh&ouml;ren Kunst und Politik f&uuml;r Sie zusammen?<\/strong><\/p><p>Ich bin so aufgewachsen, habe dazugelernt, und meine Helden haben mir das auch vorgemacht. Meine gro&szlig;en Helden sind auch alle K&uuml;nstler aus den verschiedenen Jahrhunderten, die sich immer in die Politik eingemischt haben. Da k&ouml;nnen wir bei Schiller anfangen, und dann landen wir schnell bei Pablo Neruda, Bertolt Brecht, Mercedes Sosa, Neil Young, Sting oder Wladimir Wyssotzki wie auch deutschen Liedermachern, von Barbara Thalheim und Gerhard Gundermann bis Franz Josef Degenhardt, von Hans-Eckhardt Wenzel bis Konstantin Wecker. Ich glaube, dass Kunst und Kultur diese Aufgabe haben, immer auch den gesellschaftlichen Diskurs anzuregen. Ich leide immer ein bisschen darunter, wenn sie auf Unterhaltung reduziert werden und m&ouml;glichst kein Inhalt vorkommen darf. Leider sind wir in unserer Medienlandschaft heutzutage da angekommen, dass nur noch Formate f&uuml;r die da sind, die m&ouml;glichst nichts sagen. Und die anderen Formate m&uuml;ssen sich ihre Nische suchen.<\/p><p><strong>Nach meinem Eindruck sind Kunst und Kultur im Vergleich zu vorherigen Jahrzehnten unpolitisch geworden. Wenn sie sich heute engagieren, ist es eher moralisch. Wie sehen Sie das? Was hat das f&uuml;r Ursachen?<\/strong><\/p><p>Sagen wir mal so: Kunst und Kultur sind heute mehr an die Kandare genommen als noch vor 30 Jahren. Das hat damit zu tun, dass heutzutage alle Dinge &uuml;ber das Geld geregelt werden. Nehmen wir zum Beispiel die Friedensbewegung: Wenn die kein Geld hat, wen soll sie dann engagieren an Kunst und Kultur? Und wie kann ein K&uuml;nstler andauernd unentgeltlich auf allen Demos stehen, wenn er auch von etwas leben muss? &Uuml;ber das Geld werden Leute und Ideen oft wegger&auml;umt. Bestimmte Projekte werden einfach nicht gef&ouml;rdert. Und m&ouml;glicherweise setzt bei K&uuml;nstlern dann die Selbstzensur ein: Wenn ich jetzt hier irgendwas symbolisch f&uuml;r den Frieden mache, kann ich mich davon ern&auml;hren? Wer stellt mich daf&uuml;r in welche Ecke &ndash; vielleicht sogar, ohne dass ich es wei&szlig;? <\/p><p>Es gab mal ein deutsches Land, in dem Friedensprojekte staatlich gef&ouml;rdert wurden und die Kinder ihren Schultag mit dem Pioniergru&szlig; &bdquo;F&uuml;r Frieden und Sozialismus seid bereit &ndash; immer bereit!&ldquo; starteten; und zwar aus gutem Grund, wie wir heute wissen. Heutzutage ist genau das Gegenteil der Fall. Eine Schlacht mit Etiketten: Das sind ja Querdenker oder Linke, Pazifisten oder Lumpenpazifisten oder Schwurbler oder Russlandversteher oder gleich Nazis. Man hat daf&uuml;r gesorgt, dass sich die Menschen f&uuml;rchten, in solch einen Verdacht zu geraten. Trotzdem gibt es eine gro&szlig;e Szene von Leuten, die sich engagieren &ndash; auch K&uuml;nstler. Die sind blo&szlig; eben ohne jede mediale Lobby.<\/p><p>Wenn man sich positioniert, dann polarisiert man. Ich habe es selbst gemerkt mit meiner Positionierung zu einem kl&uuml;geren Umgang mit Russland, schon seit 2014. Man erreicht Leute, aber man muss erst mal aushalten, dass man auch welche verliert &ndash; n&auml;mlich genau die, die eigentlich mit Politik in Ruhe gelassen werden wollen; die es doof finden, dass der K&uuml;nstler sich &uuml;berhaupt &auml;u&szlig;ert und dann auch noch, wie er sich &auml;u&szlig;ert. Ich verliere Veranstalter, mit denen ich Jahrzehnte gearbeitet habe und die sich pl&ouml;tzlich nicht mehr zur&uuml;ckmelden oder nicht mehr trauen, mit mir &uuml;berhaupt in Verbindung gebracht zu werden. Zum Gl&uuml;ck gibt es aber noch die mit R&uuml;ckgrat, die gerade jetzt auf mich zukommen, wo ich mit kultureller Friedensarbeit identifiziert werde.<\/p><p><strong>Als Songpoet sind Sie vielf&auml;ltig unterwegs, haben in verschiedenen L&auml;ndern gelebt. Warum interessiert Sie Russland? Warum singen Sie Lieder russischer und sowjetischer S&auml;nger wie Bulat Okudschawa und Wladimir Wyssotzki auf Deutsch?<\/strong><\/p><p>Das hat etwas mit meiner Suche der inneren Heimat zu tun. Die ist stark ramponiert seit 30 Jahren. Ich bin nun mal in der DDR gro&szlig; geworden und dort sozialisiert. Damals lernte ich unter anderem, darauf zu setzen und zu vertrauen, dass ich mich wehren und als K&uuml;nstler etwas ver&auml;ndern k&ouml;nne.<\/p><p>Ich bin mit der russischen Sprache und sowjetischen Kultur aufgewachsen. Ich habe Scholochow, Aitmatow, Tolstoi, Puschkin, Tschechow, Gorki, Ostrowski in der Schule kennengelernt, habe die Musik geh&ouml;rt, von Schostakowitsch bis Wyssotzki. Meine Suche nach der inneren Heimat hat mich zuerst zu den Indianern gef&uuml;hrt, weil ich als Kind in B&uuml;chern und Filmen &bdquo;mit Gojko Mitic geritten&ldquo; war. Aber im Weitergehen hat sie mich auch nach Russland gef&uuml;hrt. Nur wenn man etwas kennt, dann kann man es auch lieben. Und wenn man etwas liebt, dann wird man es besch&uuml;tzen, wenn es in eine Gefahr ger&auml;t. Das tue ich im Grunde seit drei&szlig;ig Jahren.<\/p><p><strong>Warum ist das mit Blick auf Russland so wichtig?<\/strong><\/p><p>Weil man versucht, dieses Russland zu vernichten und sogar seine Kultur aus unserem Wissensschatz zu streichen. Und ich wei&szlig;, was f&uuml;r ein enormes Manko dies f&uuml;r unsere geistige und humanistische Entwicklung erg&auml;be. Dass man Dostojewski und Puschkin aus den Lehrpl&auml;nen nimmt, Stra&szlig;en und Schulen umbenennt und sogar Eissorten, ist alles ein Prozess, der eigentlich schon mit den B&uuml;cherverbrennungen im Dritten Reich deutlich sichtbar wurde.<\/p><p>Nun haben wir wieder eine politische Elite, die es f&uuml;r eine gute Idee h&auml;lt, alles im Zusammenhang mit Russland, auch die Kultur, vernichten zu wollen. Man k&ouml;nnte glauben, diese Entwicklung sei eine Reaktion auf die russische Intervention in der Ukraine. Aber wenn man nicht vollkommen geschichtsvergessen und blind ist, dann dr&auml;ngt sich einem die Frage auf, ob es sich nicht eigentlich umgekehrt verh&auml;lt. Denn mit der schleichenden Verdr&auml;ngung russischer Kultur gingen ja auch wirtschaftliche, milit&auml;rische und politische Entscheidungen einher. Automatisch kam ich da also in eine Verteidigungsposition. Sofort habe ich mich gefragt, welchen Beitrag ich leisten k&ouml;nne, den Irrsinn zu stoppen. Ich kann als K&uuml;nstler ja in erster Linie daf&uuml;r sorgen, dass das Herz spricht. Also wie kann das Herz sprechen? Indem Menschen etwas kennen- und lieben lernen. Also habe ich angefangen, russische Lieder in unsere Sprache zu holen und zu zeigen, da stecken humanistische Werte drin, da stecken Alltag und Tr&auml;ume drin, wie wir sie auch haben. So ist die Idee vom Br&uuml;ckenbauen bei mir entstanden.<\/p><p><strong>Jetzt werden alle Br&uuml;cken nach Russland abgerissen. Welche Chancen sehen Sie als K&uuml;nstler, mindestens eine Br&uuml;cke erhalten zu k&ouml;nnen? <\/strong><\/p><p>Dass es m&ouml;glich ist, habe ich gerade bewiesen, indem ich mich f&uuml;r das Festival in Moskau &bdquo;Der Weg nach Jalta&ldquo; Anfang Mai beworben habe. Bei diesem Festival ging es darum, Lieder des &bdquo;Gro&szlig;en Vaterl&auml;ndischen Krieges&ldquo;, wie Russen und Bewohner der ehemaligen Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg ab 1941 nennen, in anderen Sprachen singen zu lassen. Im Finale singen die Teilnehmer dann zweisprachig mit einem russischen Star, so das Konzept dieses Festivals. Da habe ich gedacht, wenn ich als Deutscher daran teiln&auml;hme, das w&auml;re doch eigentlich ein unglaublich wertvoller Beitrag. Es ging ja um den Krieg, den die Sowjets gegen Hitlerdeutschland f&uuml;hren mussten. Ausgerechnet die Deutschen sollen das jetzt alles ignorieren, sowohl das Datum selbst als auch so ein internationales Festival, an dem 15 L&auml;nder teilnehmen? Ausgerechnet da sollte Deutschland nicht dabei sein?<\/p><p>Also habe ich mich dort beworben, und die fanden das ganz toll. Und nat&uuml;rlich war ich wirklich jemand Besonderes dort: Ich sang schlie&szlig;lich in der Sprache des damaligen Feindes eines ihrer wichtigsten Lieder zu diesem Thema. Da hat sich etwas gezeigt, was eine Frau Baerbock oder ein Herr Scholz nicht mal im Ansatz zu begreifen scheinen: Die Russen haben ihren Frieden mit uns gemacht. Das zeigte sich bei mir im Finale, in dem mit 6.000 Menschen gef&uuml;llten Saal. Zara, die russische S&auml;ngerin, sang die erste Strophe auf Russisch und ich die zweite Strophe auf Deutsch &ndash; und der gesamte Saal erhob sich, als ich begann. Ein deutlicheres Zeichen, um zu sagen, &bdquo;Unsere Arme sind offen!&ldquo;, konnte man ja nicht geben. Das war ja das russische Volk, und es hatte keinen Befehl bekommen, sich zu erheben. Es war eine Form von Dank mit dem Signal: Wir haben nichts gegen Deutschland, wir wollen eure guten Nachbarn sein. Und nat&uuml;rlich war es auch eine Respektbekundung f&uuml;r mich, der gegen den Strom zu schwimmen bereit gewesen war, um im Namen vieler Deutscher eine Friedensbotschaft nach Moskau zu bringen.<\/p><p><strong>Welche Reaktionen gab es in Russland?<\/strong><\/p><p>Wenn da pl&ouml;tzlich ein Deutscher auf eine B&uuml;hne geht in so einem Zusammenhang, dann wird wochenlang im Fernsehen ein Deutscher gezeigt, der ihre Lieder singt. Dann sagen sie: Aha, es sind eben doch nicht alle Deutschen wie Baerbock und Scholz, deren Spr&uuml;che sie in den Nachrichten serviert bekommen. Das hei&szlig;t, so ein Auftritt wird zum diplomatischen Akt und verhindert, dass sie wieder ein deutsches Feindbild aufbauen. Unsere Politik sorgt im Moment genau daf&uuml;r &ndash; darum muss unsere Kultur dagegenhalten. Wenn einer zeigt, es gibt auch uns andere Deutsche und wir wollen Br&uuml;cken bauen, dann entsteht Hoffnung. Und Hoffnung ist eine nahe Verwandte von Sanftmut. Russland will auch, dass all das aufh&ouml;rt. Und Deutschland k&ouml;nnte da helfen, wenn es wollte und d&uuml;rfte.<\/p><p><strong>Sie &auml;u&szlig;ern sich als K&uuml;nstler politisch. Wie erleben Sie die aktuelle deutsche Politik gegen&uuml;ber Russland und beim Krieg in und um die Ukraine?<\/strong><\/p><p>Wenn es uns tats&auml;chlich um Frieden in der Ukraine ginge, h&auml;tten wir l&auml;ngst unz&auml;hlige M&ouml;glichkeiten, Moskau und Kiew an den Verhandlungstisch zu bringen &ndash; M&ouml;glichkeiten, bei denen keine Seite das Gesicht verl&ouml;re. Wir k&ouml;nnten mit Sanktionslockerung winken, wir k&ouml;nnten Waffenlieferungen oder Truppenbewegungen stoppen, wir k&ouml;nnten gemeinsam gebildete Gremien wieder aktivieren, aus denen wir Russland lange vor Beginn dieses unseres weltweit liebsten Krieges rausgekickt haben &hellip; Schlie&szlig;lich sind wir noch immer die B&uuml;rgen f&uuml;r die Einhaltung des Minsker Abkommens! Wir k&ouml;nnten sogar ausgewogener berichten und also mehr Wahrheit &uuml;ber die Vorg&auml;nge anbieten. Oder wir k&ouml;nnten endlich die Untersuchungen &uuml;ber die Sprengung der Nordstream-Pipelines starten &hellip; Stattdessen 26 Sanktionspakete gegen Russland, immer gef&auml;hrlichere Waffenlieferungen, Entsendung von Fremdenlegionen, NATO-Man&ouml;ver, deutscher Kriegstanz in jeder nur m&ouml;glichen Weise &ndash; sogar gegen die russische Kultur?!<\/p><p>Aber h&auml;tten wir nicht die Pflicht, uns mindestens zur&uuml;ckhaltend bis neutral zu verhalten, statt uns als &bdquo;Speerspitze der NATO&ldquo; aufzuspielen? Eine Zur&uuml;ckhaltung, wie sie uns aus denselben Gr&uuml;nden zum Beispiel gegen&uuml;ber Israel gelingt. Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, darauf hat der Kanzler seinen Eid geschworen. Aber unsere deutsche Politik hat wohl daran keinerlei Interesse.<\/p><p><strong>Sie waren schon mehrmals mit Musik in Russland, bei Festivals, auch auf der Krim. War da irgendwas anders im Vergleich zu jetzt? Gab es jetzt irgendwie eine Ver&auml;nderung?<\/strong><\/p><p>Aus dem Unverst&auml;ndnis gegen&uuml;ber der deutschen Politik, das ich vor 2020 oft erlebt habe, ist jetzt eine Art gro&szlig;e Traurigkeit geworden, denn nat&uuml;rlich ist Russland selbst traurig dar&uuml;ber, dass es in diesen Krieg getrieben wurde. Das ignorieren wir ja auch immer: Russen und Ukrainer sind nicht nur einfach mal so gute Nachbarl&auml;nder gewesen, sondern die sind alle miteinander verwandt. Wenn man auf ukrainische Soldaten schie&szlig;t, erwischt man immer welche, die Verwandte in Russland haben und umgekehrt. Sie sind alle miteinander verbunden. Dort den Keil reinzutreiben, war schon irgendwie ein Supergau. Das erinnert mich an die amerikanische Geschichte, wo man gegen&uuml;ber den Indianern genau das auch schon gemacht hat, bis die sich gegenseitig an die Gurgel sprangen. Und wessen Macht st&auml;rkte das?<\/p><p>Es gibt heute in Russland einerseits diese gro&szlig;e Traurigkeit, die man auch &uuml;berall sp&uuml;rt. Auf der anderen Seite ist nat&uuml;rlich auch ein Patriotismus geboren worden. Sie sind bereit! Und auch das sollte uns mal anfangen zu interessieren, wenn wir leben wollen.<\/p><p><strong>Es scheint mit Blick auf Russland und den Umgang mit diesem Land eine Spaltung in Deutschland zwischen Ost und West zu geben. Wo kommt das aus Ihrer Sicht her? Gibt es das auch in der Musik und Kulturszene?<\/strong><\/p><p>Ich m&ouml;chte vorsichtig damit sein, heutzutage die Dinge nur in Ost und West einzuteilen. Wir stellen ja fest, dass sehr viele westsozialisierte Menschen auch &uuml;berhaupt nicht einverstanden sind mit der deutschen Politik in Sachen Russland. Und es gibt andererseits auch viele Ostdeutsche, die Kriegshetzer sind. Man kann es nicht mehr so einteilen in Ost und West. Da gibt es nat&uuml;rlich im Osten prozentual gesehen und generationsm&auml;&szlig;ig betrachtet mehr Menschen, die eine Anbindung an russische Lebensart haben als im Westen. Viele DDR-B&uuml;rger meiner Generation zum Beispiel, und noch zehn Jahre j&uuml;nger und nat&uuml;rlich auch &auml;lter, haben in Russland gearbeitet, haben in Russland studiert, haben in Russland geheiratet. Meine Frau zum Beispiel ist eine halbe Russin, weil der deutsch-sorbische Vater nach Moskau studieren ging und da die Liebe seines Lebens kennenlernte, die eine Russin ist. Wir haben durch die Schule und durch die Theater und Konzerte, auch bunte Veranstaltungen, aber auch durch das Fernsehen immer irgendwas aus Russland erlebt, gesehen und geh&ouml;rt. Es gab auch genug Begegnungen zwischen DDR-Deutschen und Russen. Wir haben diese Kultur kennengelernt und das f&uuml;hrt heutzutage dazu, dass viele Ostler eher sagen: Nee, das kann nicht stimmen, so sind die Russen nicht.<\/p><p><strong>Was raten Sie jenen, die derzeit immer noch nach Russland wollen, in dieses weite gro&szlig;e Land?<\/strong><\/p><p>Die Russen selbst sagen dazu: Sag Deinen Leuten, sie sind hier herzlich willkommen. Sie sollen herkommen und uns kennenlernen, dann werden wir uns auch verstehen. Ich sage es jetzt an dieser Stelle eben weiter. Im Moment geht es nicht so einfach. Es gibt keinen direkten Flieger nach Moskau. Man muss &uuml;ber Umwege fliegen. Man braucht eine Einladung oder touristische Buchung.<\/p><p>Ich finde, das Sich-gegenseitig-Kennenlernen ist eigentlich das Wichtigste. Unsere Politik sorgt derzeit daf&uuml;r, dass die Russen nicht mehr hierherkommen k&ouml;nnen. Kein Russe kann jetzt einfach so in Urlaub nach Deutschland fahren. Es braucht lange Begr&uuml;ndungen, warum er kommen will. Das hei&szlig;t, wir sperren sie aus, aber sie sperren uns nicht aus. Deutsch-russische Begegnungsst&auml;tten wie das Russische Haus in Berlin werden in ihrer Arbeit extrem behindert und eingeschr&auml;nkt, und viele Deutsche wagen sich nicht mehr hin, weil sie Angst haben, dort gesehen und in Konflikte gest&uuml;rzt zu werden. Und ich betone nochmals: Nichts dergleichen ist jemals im Zusammenhang mit den kriegf&uuml;hrenden USA vorgekommen. Freundschaft zu schlie&szlig;en ist das Wichtigste, was man machen kann. Es w&auml;re auch sehr wichtig, mit Ukrainern genauso Freundschaft zu schlie&szlig;en und auch dort zu gucken, wo die Br&uuml;cken sind. Auch das ukrainische Volk w&uuml;rde sich dar&uuml;ber freuen. Das Problem ist nur, dass die ukrainische Politik sagt: entweder oder. Kein Russe sagt: Du warst schon mal in der Ukraine, dann kommst du hier nicht rein. Aber umgekehrt ist es leider so. Deshalb ist es zum Beispiel Leuten wie mir nicht m&ouml;glich, in die Ukraine zu fahren und gucken zu helfen, wo da die M&ouml;glichkeiten w&auml;ren, in den Frieden zur&uuml;ckzufinden.<\/p><p>Ich sage es auch immer auf der B&uuml;hne, bei jedem Konzert: Unsere Hauptaufgabe in den n&auml;chsten Jahren wird darin bestehen, neu zu lernen, wie man Frieden schlie&szlig;t. Seit Corona haben wir dieses Problem, dass wir nicht mehr wissen, wie das geht. Wir stigmatisieren, wir grenzen aus, wir verabscheuen und beschimpfen. Wir m&uuml;ssen wieder lernen, Frieden zu schlie&szlig;en &ndash; im Kleinen hierzulande, sogar in den Familien, wie im Gro&szlig;en &uuml;ber die L&auml;ndergrenzen hinweg. Kulturvolles Miteinander und Diplomatie m&uuml;ssen und d&uuml;rfen auch in Deutschland keine Fremdw&ouml;rter bleiben.<\/p><p>Titelbild: &copy; privat<\/p><p><em>Tilo Gr&auml;ser sprach mit Tino Eisbrenner am 2. Juni in Berlin.<\/em><br>\n<em>Der Songpoet tritt auch bei der <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=16310\">zentralen Protestkundgebung<\/a> gegen das Nato-Man&ouml;ver &bdquo;Air Defender 2023&ldquo; am 17. Juni 2023 in Brandenburg an der Havel auf.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Tino Eisbrenner<\/strong> ist Lyriker, Songpoet und Autor. Der heute 60-J&auml;hrige wurde zuerst in der DDR bekannt, als er mit der Popband &bdquo;Jessica&ldquo; f&uuml;r Aufsehen und Hits sorgte. Sein Repertoire umfasst seit Langem Rock, Pop und Chansons. Als Brecht-\/Weill-\/Eisler-Interpret machte sich Eisbrenner &uuml;ber die Landesgrenzen hinaus einen Namen. Mit seinen Liedern bezieht er immer wieder Position<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99214\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":99215,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,170,209,917],"tags":[3041,3058,3475,2013,3254,259,260],"class_list":["post-99214","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-friedenspolitik","category-interviews","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-eisbrenner-tino","tag-entspannungspolitik","tag-kunstfreiheit","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/photo_2023-06-11_18-34-31-3.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99214","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99214"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99214\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99243,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99214\/revisions\/99243"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99214"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99214"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99214"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}