{"id":9922,"date":"2011-06-29T11:57:33","date_gmt":"2011-06-29T09:57:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9922"},"modified":"2014-11-25T11:30:33","modified_gmt":"2014-11-25T10:30:33","slug":"herrschaft-und-okonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9922","title":{"rendered":"Herrschaft und \u00d6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Einige erg&auml;nzende Hinweise zu dem Beitrag von Albrecht M&uuml;ller &bdquo;<a href=\"\/?p=9287\">Die gewollte Reservearmee an Arbeitslosen &ndash; Oder: Wie einige Linke das Gesch&auml;ft der Monetaristen und Rechten betreiben, indem sie die Verantwortung der Krise dem Kapitalismus zuschieben<\/a>&ldquo;. Von  Christian Girschner<br>\n<!--more--><\/p><p>K&uuml;rzlich hatte Albrecht M&uuml;ller einen interessanten Hinweis &uuml;ber den herrschaftsabsichernden Hintergrund der neoliberalen Wirtschaftspolitik gegeben: &bdquo;Der ehemalige Notenbanker Sir Alan Budd (&hellip;) beschrieb die Geldpolitik der Bank of England unter Margret Thatcher so: &bdquo;Viele haben nie (&hellip;) geglaubt, dass man mit Monetarismus die Inflation bek&auml;mpfen kann. Allerdings erkannten sie, dass [der Monetarismus] sehr hilfreich dabei sein kann, die Arbeitslosigkeit zu erh&ouml;hen. Und die Erh&ouml;hung der Arbeitslosigkeit war mehr als w&uuml;nschenswert, um die Arbeiterklasse insgesamt zu schw&auml;chen. [&hellip;] Hier wurde &ndash; in marxistischer Terminologie ausgedr&uuml;ckt &ndash; eine Krise des Kapitalismus herbeigef&uuml;hrt, die die industrielle Reservearmee wiederherstellte, und die es den Kapitalisten fortan erlaubte, hohe Profite zu realisieren.&ldquo; (The New Statesman, 13. Januar 2003, S. 21)&ldquo; (<a href=\"\/?p=9287\">M&uuml;ller 2011<\/a>)<\/p><p>Das Zitat von A. Budd &uuml;ber die politisch bewusst herbeigef&uuml;hrte Schw&auml;chung der Arbeiterklasse durch eine neoliberale Geldpolitik best&auml;tigt eine fr&uuml;here Feststellung des polnischen &Ouml;konomen und Wegbereiter des Keynesianismus Michal Kalecki &uuml;ber den &bdquo;Klasseninstinkt&ldquo; der Kapitalisten. Kalecki wies darauf hin, dass die Kapitalisten grunds&auml;tzlich aus einem herrschaftsabsichernden Interesse gegen eine staatliche Politik der Vollbesch&auml;ftigung eingestellt seien, auch wenn sich dadurch ihre Rendite verschlechtern sollte. Denn Vollbesch&auml;ftigung untergr&auml;bt in den Augen der Kapitaleigent&uuml;mer die Disziplin und Unterw&uuml;rfigkeit der arbeitenden Klasse, verursacht &bdquo;unn&ouml;tige&ldquo; gesellschaftspolitische Konflikte: Die &bdquo;permanente Aufrechterhaltung der Vollbesch&auml;ftigung&ldquo; w&uuml;rde n&auml;mlich &bdquo;soziale und politische Ver&auml;nderungen ausl&ouml;sen, die den Widerstand der wirtschaftlich M&auml;chtigen erneut anstacheln w&uuml;rden. In einem Zustand permanenter Vollbesch&auml;ftigung n&auml;mlich w&uuml;rde die K&uuml;ndigung aufh&ouml;ren, als Disziplinierungsma&szlig;nahme eine Rolle zu spielen. Die soziale Position des Chefs w&uuml;rde unterminiert, und gleichzeitig w&uuml;rden in der Arbeiterklasse Selbstsicherheit und Klassenbewusstsein wachsen. Streiks zur Erreichung h&ouml;herer L&ouml;hne und verbesserter Arbeitsbedingungen w&uuml;rden politische Spannungen schaffen.&ldquo; <\/p><p>Obwohl unter diesen Bedingungen auch die &bdquo;Profite h&ouml;her sein&ldquo; w&uuml;rden, &bdquo;als sie es im &bdquo;Laisser-faire&ldquo; durchschnittlich sind&ldquo;, bewerten die &bdquo;M&auml;chtigen der Wirtschaft &bdquo;Arbeitsdisziplin&ldquo; und &bdquo;politische Stabilit&auml;t&ldquo; h&ouml;her als die Profite. Der Klasseninstinkt sagt ihnen, dass permanente Vollbesch&auml;ftigung von ihrem Standpunkt aus &bdquo;ungesund&ldquo; ist und dass Arbeitslosigkeit einen integralen Bestandteil der normalen kapitalistischen Wirtschaft darstellt.&ldquo; (Kalecki 1943\/1971: Politische Aspekte der Vollbesch&auml;ftigung, in: M. Kalecki 1987: Krise und Prosperit&auml;t im Kapitalismus. Ausgew&auml;hlte Essays 1933-1971, Marburg, S. 237f.)<\/p><p>Allerdings schlie&szlig;t dies nach Ansicht von Kalecki nicht aus, dass in einer schweren Wirtschaftskrise die Machtelite aus gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Stabilit&auml;ts&uuml;berlegungen vor&uuml;bergehend auf kreditfinanzierte Staatsprogramme zur&uuml;ckgreift. Damit nahm Kalecki vorweg, was wir auch in der Weltwirtschaftskrise 2008\/9 wirtschaftspolitisch erlebten: Auf dem H&ouml;hepunkt der Wirtschaftskrise wurden entgegen der bis dahin verfochtenen neoliberalen Doktrin der freien M&auml;rkte rasch kreditfinanzierte Konjunktur- und Bankenrettungsprogramme aufgelegt, anschlie&szlig;end folgte die R&uuml;ckkehr zur neoliberalen Wirtschafts- bzw. Autorit&auml;tspolitik. &bdquo;Es sieht zur Zeit aus, als w&uuml;rden die M&auml;chtigen der Wirtschaft und ihre Experten &ndash; oder zumindest ein Teil von ihnen &ndash; wohl oder &uuml;bel bereit sein, kreditfinanzierte Staatsausgaben als ein Instrument zur Linderung von Depressionen zu akzeptieren. Die Schaffung von Besch&auml;ftigung durch die Subventionierung des privaten Konsums und die permanente Aufrechterhaltung der Vollbesch&auml;ftigung scheinen sie jedoch einhellig abzulehnen. (&hellip;) In der Depression werden &ndash; entweder aufgrund des Drucks der Massen oder auch ohne ihn &ndash; kreditfinanzierte staatliche Investitionen get&auml;tigt, um einer Arbeitslosigkeit gro&szlig;en Ausma&szlig;es vorzubeugen. Heftigen Widerstand der wirtschaftlich M&auml;chtigen wird es jedoch wahrscheinlich dann geben, wenn es zu Versuchen kommt, diese Methode auch zur Aufrechterhaltung des hohen Besch&auml;ftigungsniveaus einzusetzen, das w&auml;hrend des (der Depression folgenden) Booms erreicht worden ist. Es wurde bereits dargelegt, dass permanente Vollbesch&auml;ftigung &uuml;berhaupt nicht nach ihrem Geschmack ist. Die Arbeiter w&uuml;rden &bdquo;au&szlig;er Kontrolle geraten&ldquo; und die Industriekapit&auml;ne w&uuml;rden darauf brennen, ihnen &bdquo;eine Lektion zu erteilen&ldquo;.&ldquo; (ebd., S. 241) <\/p><p>Sowohl die oben zitierte Aussage von Sir Alan Budd &uuml;ber den verheimlichten politischen Zweck der neoliberalen Geldpolitik als auch die Ausf&uuml;hrungen von Kalecki offenbaren, dass es die herrschaftssichernde Strategie der &bdquo;M&auml;chtigen der Wirtschaft&ldquo; ist, die Arbeitslosigkeit als ein soziales und politisches Disziplinierungsinstrument gegen&uuml;ber den Lohnabh&auml;ngigen einzusetzen. Aber gerade diese Erkenntnis, so bem&auml;ngelte M&uuml;ller, wird derweil von linker Seite h&auml;ufig ignoriert, weil diese nicht in das verbreitete &bdquo;Schema linker Theorien von der Krise des Kapitalismus passt&ldquo;:<br>\n&bdquo;Nat&uuml;rlich geben die Monetaristen und neoliberalen Erzeuger einer Reservearmee von Arbeitslosen nicht zu, dass sie mit Absicht darauf hingearbeitet haben. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass sie auch von linker Seite von der Verantwortung f&uuml;r die Schw&auml;chung der Arbeitnehmerschaft, f&uuml;r die hohe Arbeitslosigkeit und einen gro&szlig;en Niedriglohnsektor freigesprochen werden. Erstaunlich ist das nur dann nicht, wenn man bedenkt, dass die in den siebziger Jahren beginnende hohe Arbeitslosigkeit und gleichzeitig wachsende Verschuldung des Staates in das Schema linker Theorien von der Krise des Kapitalismus passt. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Die von den Monetaristen\/Neoliberalen willentlich herbeigef&uuml;hrte hohe Arbeitslosigkeit, die auf Schw&auml;chung der Arbeiterklasse bewusst angelegt war und ist, wird von den politischen Gegnern der Monetaristen und neoliberalen Kr&auml;fte als Zeichen des Scheiterns des Systems des Kapitalismus betrachtet und deshalb als solches trotz des damit geschaffenen Elends hingenommen. Der gegebene Freiheitsgrad zum politischen und wirtschaftspolitischen Gegensteuern wird und muss auch von linker Seite geleugnet werden. Deshalb muss man leider feststellen, dass diese Linke objektiv betrachtet den neoliberalen Kr&auml;ften in die H&auml;nde spielt.&ldquo; (M&uuml;ller, ebd.; Herv. im Original) <\/p><p>Die von A. M&uuml;ller gemachte Feststellung, dass von linker Seite die gezielt eingesetzte F&ouml;rderung oder Beibehaltung einer hohen Arbeitslosigkeit als Disziplinierungsmittel der Lohnabh&auml;ngigen durch die Machtelite gar nicht zur Kenntnis genommen wird, kann beispielhaft anhand von zwei relativ bekannten linken Autoren belegt werden: <\/p><p>&bdquo;Aufgrund der weitreichenden Umw&auml;lzungen,&ldquo; so erl&auml;uterte der franz&ouml;sische Sozialphilosoph Andr&eacute; Gorz Anfang der 80er Jahre seine &ouml;konomische Krisenauffassung, &bdquo;die sie mit sich bringt, l&auml;sst sich die gegenw&auml;rtige Krise mit der ersten industriellen Revolution vergleichen: unsere Gesellschaften zerfallen, unsere Grundordnung stirbt und droht, uns unter ihren leblosen Apparaten zu begraben, um den eigenen Tod zu &uuml;berleben. Die Schwerkraft des Realen zieht uns zu einem halb toten Kapitalismus, in dem Produktion und soziale Kontrolle, Produktionsapparat und Herrschaftsapparat verschmelzen und in dem eine normalisierende Technokratie fortf&auml;hrt, ein bereits erloschenes System im Namen von Werten zu verherrlichen, die schon seit langem keine Geltung mehr haben. (&hellip;) Die mikroelektronische Revolution dr&auml;ngt uns zu alledem; aber die Tr&auml;gheit unserer geistigen Kategorien verschleiern uns: wir warten immer noch kl&auml;glich darauf, dass die Zukunft uns die Vergangenheit wiederbringt, dass die &bdquo;Wende&ldquo; oder der wirtschaftliche &bdquo;Aufschwung&ldquo; f&uuml;r Vollbesch&auml;ftigung sorgen; dass der Kapitalismus sich von seinem Totenbett erhebt und die Automatisierung mehr Arbeit schafft, als sie beseitigt. (&hellip;) Kurz, die Linke blieb auf keynesianische Schemata fixiert, w&auml;hrend der Kapitalismus bereits in eine neue lange Krise eintrat: alle Triebfedern des Wachstums waren abgenutzt.&ldquo; (A. Gorz 1983: Wege ins Paradies; Berlin, S.8 u. 25) <\/p><p>Zwei Jahrzehnte sp&auml;ter wiederholen sich die eben zitierten Ansichten &uuml;ber den langsamen Niedergang des Kapitalismus bei Robert Kurz, wenn er erg&auml;nzt: Seit den 80er Jahren schlug die Vollbesch&auml;ftigung in &bdquo;eine strukturelle Massenarbeitslosigkeit um. Durch die neuen Potenziale der Rationalisierung erh&ouml;hte sich der Sockel dieser Arbeitslosigkeit von Zyklus zu Zyklus. Rapider Abbau der Arbeitspl&auml;tze und wachsende Unterbesch&auml;ftigung bilden aber nur die Kehrseite einer mangelnden Akkumulation des Kapitals, von der letztlich auch der Welfare-State abh&auml;ngt. (&hellip;) Die rot-gr&uuml;ne Regierung entpuppte sich angesichts immer neuer Rekorde bei den Arbeitslosenzahlen und unter dem Druck der Globalisierung geradezu als Avantgarde versch&auml;rfter und tiefer Einschnitte in das System sozialer Sicherung.&ldquo; (Kurz 2005: Das Weltkapital; Berlin, S. 305 u. 308) Angesichts der Ausf&uuml;hrungen sowohl &uuml;ber den bevorstehenden Niedergang der kapitalistischen &Ouml;konomie als auch &uuml;ber den &bdquo;Druck der Globalisierung&ldquo;, weshalb der Staat nur noch als &bdquo;Getriebener statt Treiber&ldquo; gegen&uuml;ber dem Kapital agiert (ebd., 135), darf es einen dann nicht mehr verwundern, wenn R. Kurz Albrecht M&uuml;ller als &bdquo;linkskeynesianische(n) Sozialdemokrat(en) (&hellip;), ein Fossil der Willy-Brandt-&Auml;ra&ldquo;, bezeichnet (ebd., 369). Mit seinem &bdquo;Schwarzbuch des Kapitalismus&ldquo; kam R. Kurz 1999 sogar in der &bdquo;b&uuml;rgerlichen&ldquo; Wochenzeitung &bdquo;Die Zeit&ldquo; gro&szlig; heraus. Auf Grund der ansonsten festzustellenden publizistischen Marginalisierung des gesellschaftskritischen bzw. marxistischen Denkens ist dies ein recht ungew&ouml;hnlicher Vorgang. Ein positiv eingenommener Rezensent des &bdquo;Schwarzbuches&ldquo; konnte dann in der &bdquo;Zeit&ldquo; &uuml;ber den schon eingetretenen wie unaufhaltsamen Verfall der kapitalistischen &Ouml;konomie schreiben: &bdquo;Seitdem der fordistische Boom (&hellip;) seinen letzten Seufzer getan hat, also seit Mitte der siebziger Jahre, ist deutlich geworden, dass das alte Erhardsche Versprechen &bdquo;Wohlstand f&uuml;r alle&ldquo; peu &aacute; peu kassiert wird. Von &bdquo;Vollbesch&auml;ftigung&ldquo; kann schon lange keine Rede mehr sein; vielmehr sind Unter- und Nichtbesch&auml;ftigung f&uuml;r immer gr&ouml;&szlig;ere Bev&ouml;lkerungsteile an der Tagesordnung und werden es im 21. Jahrhundert noch mehr sein. (&hellip;) Mit der dritten industriellen, der mikroelektronischen Revolution, die gem&auml;&szlig; betriebswirtschaftlichen Rentabilit&auml;tsprinzipien ganze Arbeitspopulationen &bdquo;freisetzt&ldquo; und zu &bdquo;unn&uuml;tzen Essern&ldquo; degradiert, gelangt der Kapitalismus zusehends an eine historische Schranke &ndash; (&hellip;)&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1999\/51\/199951.p-kurz_.xml\/komplettansicht\">Schwarzbuch Kapitalismus. Robert Kurz versenkt unser Wirtschaftssystem. Hat er Recht? Eine Kontroverse<\/a>.) <\/p><p>R&uuml;ckblickend erscheinen diese S&auml;tze als vorweggenommene linke Legitimation f&uuml;r die bald darauf einsetzende neoliberale Politik unter Kanzler Schr&ouml;der, also Steuersenkungen f&uuml;r Konzerne und Reiche, Agenda 2010, Hartz-IV. Schlie&szlig;lich k&ouml;nne man, so hie&szlig; es bald in allen Medien unisono, keine &bdquo;Politik gegen die Wirtschaft&ldquo;, also gegen die Finanzm&auml;rkte und Konzerne machen. F&uuml;r den franz&ouml;sischen Soziologen Pierre Bourdieu war es &bdquo;kein Zufall, dass viele Leute gerade aus meiner Generation ohne gro&szlig;e M&uuml;he von einem marxistischen zu einem neoliberalen Fatalismus hin&uuml;bergewechselt sind. In beiden F&auml;llen hat der &Ouml;konomismus dadurch, dass er der Politik die Bedeutung abspricht, ein Schwinden des Verantwortungsgef&uuml;hls und eine Demobilisierung zur Folge, denn eine ganze Reihe von Zielen &ndash; wie maximales Wachstum, Wettbewerbsf&auml;higkeit und Produktivit&auml;t &ndash; werden einfach vorgegeben und stehen nicht mehr zur Diskussion.&ldquo; (Bourdieu 2004: Gegenfeuer; Konstanz, S.69) <\/p><p>Soweit leistete eine in den 80er Jahren entwickelte marxistische Krisentheorie ihren Beitrag zur schicksalsergebenden Aufgabe einer linken bzw. keynesianisch ausgerichteten Wirtschafts-, Besch&auml;ftigungs- und Sozialpolitik, die deshalb auch schon mal in einem &bdquo;bildungsb&uuml;rgerlichen&ldquo; Blatt zustimmend aufgegriffen und popularisiert werden durfte.<\/p><p>Die in dieser popularisierten marxistischen Krisentheorie vorgenommene Ausblendung der disziplinierenden Wirkung der Arbeitslosigkeit belegt, dass man den herrschaftlichen &bdquo;Klasseninstinkt&ldquo; der Kapitalisten gegen&uuml;ber der Arbeiterklasse bzw. das politische Kr&auml;fteverh&auml;ltnis v&ouml;llig ignoriert und als unerheblich f&uuml;r die &ouml;konomische Entwicklung betrachtet, denn die kapitalistische &Ouml;konomie folgt in dieser Weltdeutung allein ihren eigenen unerbittlichen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten. Entsprechend f&auml;llt es diesen linken und herrschaftsvergessenen Krisentheoretikern auch nicht auf, dass eine hohe Arbeitslosigkeit nicht immer bzw. notwendigerweise mit einer mangelnden Profitabilit&auml;t des Kapitals gleichgesetzt werden darf. <\/p><p>Wie deutlich wurde, nimmt die Marxsche Kritik der politischen &Ouml;konomie f&uuml;r das hiesige linke Denken immer noch eine bedeutende Stellung ein. Damit ist zugleich die entscheidende Quelle f&uuml;r die von vielen linken Theorien geteilte Auffassung benannt, wonach das politische oder gesellschaftliche Kr&auml;fteverh&auml;ltnis der kapitalistischen &Ouml;konomie stets &bdquo;&auml;u&szlig;erlich&ldquo; bleibt. <\/p><p>Diese Auffassung ist vor allem ein Erbe des &ouml;konomisch-quantitativen Modelldenkens ausgehend von David Ricardo, welches auch in der heutigen Wirtschaftswissenschaft weiterlebt. Demzufolge ist die kapitalistische &Ouml;konomie ein in sich abgeschlossenes Universum des Arbeitens, weshalb das &bdquo;&ouml;konomische System&ldquo; nur seinen eigenen unerbittlichen &ouml;konomischen Marktgesetzm&auml;&szlig;igkeiten folgt. W&auml;hrend diese Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten bis heute in der Wirtschaftswissenschaft aus einem &uuml;berhistorisch geltenden Marktmodell des Wirtschaftens abgeleitet werden, verwarf Marx dieses Denken als unhistorisch. Denn die kapitalistische &Ouml;konomie ist f&uuml;r ihn vielmehr eine historisch und spezifisch soziale Form des Arbeitens, die jedoch gesellschaftlich objektive, quasi naturw&uuml;chsige und damit unerbittliche Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten hervorbringt, die die Menschen unbewusst exekutieren m&uuml;ssen. Damit &uuml;bernahm Marx jedoch das von Ricardo aus politischen Gr&uuml;nden entwickelte &Ouml;konomiemodell, welches von allen gesellschaftlichen oder sozialen, kulturellen und politischen Beziehungen separiert ist. Diese quasi f&uuml;r sich seiende &Ouml;konomie konstituiert daher eigene objektive Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten, die die &ouml;konomische Entwicklung allein bestimmen. <\/p><p>Entsprechend f&uuml;hrt beispielsweise der marxistische Theoretiker Paul Mattick aus, dass das &bdquo;Marxsche Modell der Kapitalproduktion (&hellip;) weder die nationale noch die Weltwirtschaft&ldquo; repr&auml;sentiert, sondern es stellt &bdquo;ein imagin&auml;res System des Verh&auml;ltnisses zwischen Kapital und Arbeit dar.&ldquo; (Mattick 1974: Marx und Keynes; Frankfurt\/M., S. 288) Deshalb sei die Marxsche &bdquo;Werttheorie weitgehend axiomatisch und (&hellip;) basiert (&hellip;) auf hypothetischen Annahmen&ldquo; (Mattick 1984: Wert und Kapital; in: Prokla Nr. 57, S. 19). In seinen Beitr&auml;gen zur &ouml;konomischen Entwicklung h&auml;lt Mattick trotzdem an diesem Marxschen Modell des Kapitalismus fest. Entsprechend geht er davon aus, dass alle kulturellen, sozialen und politischen Beziehungen die Entwicklung der kapitalistischen &Ouml;konomie nur vor&uuml;bergehend hemmen, hinausz&ouml;gern oder beschleunigen, nicht aber die von Marx aufgedeckten kapitalistischen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten au&szlig;er Kraft setzen bzw. ver&auml;ndern k&ouml;nnen. <\/p><p>Dieses &ouml;konomisch-quantitative Modelldenken f&uuml;hrt bei Analysen der wirtschaftlichen Entwicklung dann dazu, dass der historische Verlauf der &Ouml;konomie stets unter dieses &Ouml;konomiemodell subsumiert werden muss. Empirische Besonderheiten und Ereignisse, die dem hypothetischen Modell widersprechen, werden deshalb in der Regel zu unbedeutende Oberfl&auml;chenph&auml;nomene erkl&auml;rt. Mit diesem Kniff wird immer wieder versucht, die Plausibilit&auml;t des Marxschen &Ouml;konomiemodells vor der komplexen und widerspr&uuml;chlichen Realit&auml;t zu retten. Zwar ist es richtig, so versucht Mattick dieses Problem des Verh&auml;ltnisses zwischen Theoriemodell und Empirie zu umschiffen, dass der &bdquo;Weltkapitalismus (&hellip;) nicht das geschlossene System der Marx`schen Theorie&ldquo; ist, jedoch k&ouml;nnen die daraus &bdquo;entwickelten Schlussfolgerungen (&hellip;) wie ein &bdquo;roter Faden&ldquo; als Orientierungshilfe in der ansonsten fast undurchschaubaren und widerspr&uuml;chlichen Entwicklung dienen, in deren Verlauf dieselben &ouml;konomischen Gesetze sowohl einen Aufstieg als auch einen Verfall des Systems implizieren k&ouml;nnen. Marx abstraktes Akkumulationsmodell basiert jedoch auf der Annahme, dass die gesellschaftlichen Produktionsverh&auml;ltnisse des Kapitalismus so bleiben, wie sie von Anbeginn waren, und zwar trotz aller m&ouml;glicher Modifikationen der Marktstruktur.&ldquo; Dar&uuml;ber hinaus erkl&auml;rt das Marxsche Kapitalismusmodell f&uuml;r Mattick nicht nur den historischen Verlauf der Kapitals, sondern auch sein historisches Ende durch die unausweichlich kommende sozialistische Revolution: &bdquo;Marx erwartete und prophezeite das Ende des Kapitalismus nicht wegen einer sinkenden Akkumulationsrate und wegen der fallenden Profitrate, sondern weil diese der Kapitalreproduktion immanenten Tendenzen notwendig soziale Bedingungen hervorbringen mussten, die zunehmend unertr&auml;glicher f&uuml;r immer gr&ouml;&szlig;ere Schichten der arbeitenden Bev&ouml;lkerung werden w&uuml;rden und so die objektiven Bedingungen schaffen, aus denen die subjektive Bereitschaft f&uuml;r einen sozialen Wandel entstehen k&ouml;nnte.&ldquo; (ebd., 21)<\/p><p>Gerade diese Marxsche &bdquo;Lehre&ldquo; hatte in der Geschichte des Marxismus zahlreiche Re-Interpretationen und Kontroversen hervorgerufen, um die marxistische (Krisen-)Theorie angesichts der ausbleibenden Revolution wieder mit der &bdquo;anhaltenden Lebensf&auml;higkeit der bestehenden Gesellschaft in Einklang zu bringen&ldquo; (Marcuse). Denn entgegen der von Marx prognostizierten Entwicklung erholte sich die kapitalistische &Ouml;konomie immer wieder von ihren Krisen, ja sie expandierte anschlie&szlig;end stetig weiter und wurde immer m&auml;chtiger. Zudem erh&ouml;hte sich der Lebensstandard der Arbeiterklasse in den Industriestaaten, w&auml;hrend sich das vorausgesagte revolution&auml;re Arbeiterbewusstsein nicht mehr so recht einstellen wollte (H. Marcuse 1964: Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus; Neuwied u. Berlin, S. 45f.).<\/p><p>Auf der Basis dieses in linken Theorien vorzufindenden &ouml;konomischen Modelldenkens von Marx, welches mit einem &bdquo;&Uuml;berlegenheitsfimmel&ldquo; und &bdquo;Wirtschaftsfatalismus&ldquo; (Rudolf Rocker) einhergeht, da man ja nach eigenem Anspruch nicht einigen oberfl&auml;chlichen empirischen Ereignissen aufsitzt, sondern die &ouml;konomische Entwicklung durch die objektive Gesetzlichkeit des Kapitals begr&uuml;ndet, erkl&auml;rt sich, dass von linker Seite die neoliberale Politik von der Verantwortung f&uuml;r eine hohe Arbeitslosigkeit und einen wachsenden Niedriglohnsektor weitgehend frei gesprochen wird, weil es so gut in &bdquo;das Schema linker Theorien von der Krise des Kapitalismus passt&ldquo; (M&uuml;ller).<\/p><p>Jedoch bricht das in linken Theorien &uuml;bernommene Marxsche Modell der kapitalistischen &Ouml;konomie in sich zusammen, wenn man sich eingestehen w&uuml;rde, dass die kapitalistische &Ouml;konomie nicht als ein &bdquo;autonomes System konstruierbar&ldquo; ist, &bdquo;dessen Funktionieren eigenen Gesetzen gehorchte, die von den &uuml;brigen gesellschaftlichen Beziehungen unabh&auml;ngig w&auml;ren.&ldquo; (C. Castoriadis 1990: Gesellschaft als imagin&auml;re Institution; Frankfurt\/M., S. 32) Aber die linke Theoriegemeinde stemmt sich gegen diese Einsicht und h&auml;lt an dem alten Marxschen &Ouml;konomiemodell fest. Soweit ignoriert man in der marxistischen Theorie als &bdquo;solche das Handeln der gesellschaftlichen Klassen. Sie &bdquo;ignoriert&ldquo; die Wirkung der Klassenk&auml;mpfe auf die Verteilung des Sozialprodukts &ndash; und damit zwangsl&auml;ufig auch auf alle anderen Aspekte des Funktionierens der &Ouml;konomie&ldquo; (ebd., 30) Folglich wird damit &bdquo;ignoriert&ldquo;, dass der &bdquo;innere Motor&ldquo; der kapitalistischen &Ouml;konomie durch die politischen K&auml;mpfe um die L&auml;nge des Arbeitstages, Lohnh&ouml;he, Arbeitsintensit&auml;t, Arbeitsbedingungen, Sozialleistungen und damit von den politischen, sozialen, kulturellen K&auml;mpfen (und Fesseln) in der Gesellschaft determiniert wird. Die von Marx einst postulierten &ouml;konomisch-quantitativen Gesetzm&auml;&szlig;igkeiten des Kapitals erweisen sich in dieser Hinsicht vielmehr als vom Klassenkampf bzw. vom politischen Kr&auml;fteverh&auml;ltnis abh&auml;ngige &ouml;konomische Zw&auml;nge und Tendenzen der kapitalistischen &Ouml;konomie. <\/p><p>Mit dieser Einsicht wird man nicht nur der komplexen Wirklichkeit und Widerspr&uuml;chlichkeit der kapitalistischen &Ouml;konomie besser gerecht, sondern man &uuml;berwindet zugleich das an der Wirklichkeit immer &auml;u&szlig;erlich herangetragene &ouml;konomische Modelldenken von Marx. Aber leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht &uuml;berall herumgesprochen. Dies liegt vermutlich daran &ndash; wie Noam Chomsky einmal ausf&uuml;hrte -, dass der &bdquo;Marxismus in die Geschichte der organisierten Religionen (geh&ouml;rt). Man k&ouml;nnte &uuml;berhaupt die Faustregel aufstellen: Ist ein Begriffssystem nach einem Menschen benannt, dann unterliegt es keinem rationalen Diskurs, sondern ist eben Religion. Kein Physiker bezeichnet sich als Einsteinianer. (&hellip;) In Wirklichkeit gibt es eben Individuen, die zur rechten Zeit am rechten Ort waren oder vielleicht zuf&auml;llig die richtigen Gehirnwellen hatten, und die dann etwas Interessantes unternommen haben. Aber ich kenne keinen, dem nicht auch irgendwelche Fehler unterlaufen w&auml;ren und dessen Resultate nicht umgehend von anderen verbessert worden w&auml;ren. Wer sich also als Marxist oder Freudianer oder so etwas sieht, der betet nur vor irgendeinem Altar.&ldquo; (N. Chomsky 1994: Noam Chomsky &ndash; Wege zur intellektuellen Selbstverteidigung; Grafenau , S. 219, herausgegeben von M. Achbar)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einige erg&auml;nzende Hinweise zu dem Beitrag von Albrecht M&uuml;ller &bdquo;<a href=\"\/?p=9287\">Die gewollte Reservearmee an Arbeitslosen &ndash; Oder: Wie einige Linke das Gesch&auml;ft der Monetaristen und Rechten betreiben, indem sie die Verantwortung der Krise dem Kapitalismus zuschieben<\/a>&ldquo;. 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