{"id":99279,"date":"2023-06-16T08:45:25","date_gmt":"2023-06-16T06:45:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99279"},"modified":"2023-06-19T15:27:06","modified_gmt":"2023-06-19T13:27:06","slug":"weltkrieg-durch-zufall-gefahren-durch-nato-manoever-air-defender-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99279","title":{"rendered":"\u201eWeltkrieg durch Zufall\u201c? Gefahren durch NATO-Man\u00f6ver \u201eAir Defender 2023\u201c"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend meines politikwissenschaftlichen Studiums habe ich mich unter anderem mit der Thematik der Kriegsursachenforschung besch&auml;ftigt. Bei der Sichtung der Fachliteratur sprang mir eine besonders kuriose Kriegsursache ins Auge: &bdquo;Krieg durch Zufall&ldquo;. Es handelt sich um ein breites Spektrum von nicht beabsichtigten kriegsausl&ouml;senden Momenten. Das Spektrum reicht von klassischen kommunikativen Missverst&auml;ndnissen bis zu technischem Versagen wie Fehlalarm. Somit scheinen die Ursachen von Kriegen nicht immer unmittelbarer politischer Natur zu sein, jedoch mittelbar sind sie es. Sie sind es mittelbar, da die politischen Rahmenbedingungen (z.B. angespanntes Verh&auml;ltnis zwischen Staaten) den &bdquo;Zufall&ldquo; &uuml;berhaupt erst erm&ouml;glichen. Vor diesem Hintergrund ist die aktuelle doppelte Front von ukrainischer Gegenoffensive und dem NATO-Air-Defender-23-Man&ouml;ver bis an die Grenzen Russlands ein enormer Risikofaktor mit vielerlei gef&auml;hrlichen Implikationen. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_664\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-99279-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=99279-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230616-Gefahren-durch-NATO-Air-Defender-2023-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Ein typisches Bespiel f&uuml;r einen Krieg durch Zufall im Kontext angespannter sicherheitspolitischer Atmosph&auml;re stellt ein Fall aus dem Jahre 1983 dar: Der sowjetische Offizier der Luftverteidigungskr&auml;fte S. Petrov erhielt satellitengest&uuml;tzte Warnmeldungen, wonach US-amerikanische ICBMs (&bdquo;Intercontinental Ballistic Missile&ldquo; = Interkontinentalraketen mit Atomsprengk&ouml;pfen) in den USA gestartet seien und die Sowjetunion angreifen w&uuml;rden. Der Kalte Krieg befand sich zu dieser Zeit ohnehin mal wieder in einer besonders <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/geschichte-das-gefaehrlichste-jahr-im-kalten-krieg-100.html\">gef&auml;hrlichen Phase<\/a>, sodass die Gefahr eines Nuklearkrieges nicht g&auml;nzlich von der Hand zu weisen war.<\/p><p>Tats&auml;chlich handelte es sich bei dem Alarm um einen technischen Fehler und somit um einen Fehlalarm. Es war ausschlie&szlig;lich dem gesunden Menschenverstand Petrovs zu verdanken, dass er innerhalb von wenigen Minuten entschied, es m&uuml;sse sich angesichts der geringen Anzahl an gestarteten ICBMs um einen Fehlalarm handeln. Diese vernunftbasierte Entscheidung verhinderte den nuklearen Gegenschlag (vermeintlich nuklearer Zweitschlag) der Sowjetunion gegen die USA. Ein anderer Mensch h&auml;tte sich vielleicht dem Fehlalarm hingegeben. Auch hatte Petrov nur etwas mehr Zeit als 15 Minuten, um diese Entscheidung zu treffen, von der er nicht wusste, ob sie richtig sei. Dieses Beispiel verdeutlicht gleich mehrere gef&auml;hrliche Aspekte: Erstens handelte es sich um strategische Nuklearwaffen, die ausschlie&szlig;lich in den USA und in der damaligen Sowjetunion stationiert waren. Als &bdquo;strategisch&ldquo; bezeichnet man vereinfacht ausgedr&uuml;ckt im Gegensatz zu &bdquo;taktisch&ldquo; zwei technische Eigenschaften: die massive Sprengkraft eines strategischen Nuklearsprengkopfes sowie die interkontinentale Reichweite des den Sprengkopf tragenden Tr&auml;gersystems, also die Rakete.<\/p><p>Taktische Systeme im Umkehrschluss verf&uuml;gen &uuml;ber einen schw&auml;cheren nuklearen Sprengkopf und eine geringere Reichweite der Tr&auml;gersysteme. Intuitiv w&uuml;rde man die strategischen Atomwaffen als gef&auml;hrlicher betrachten, was sie angesichts ihrer Sprengkraft auch sind. Tats&auml;chlich jedoch sind die taktischen Systeme aus vielf&auml;ltigen Gr&uuml;nden gef&auml;hrlicher. Abgesehen davon, dass immer mal wieder in den USA &uuml;ber einen gewinnbaren Nuklearkrieg debattiert und somit die Option eines Atomkrieges enttabuisiert wird (&bdquo;mini-nukes&ldquo; &ndash; also Atomsprengk&ouml;pfe mit sehr begrenzter Sprengkraft, so der letzte Stand der Debatte), geht es eben um die technische Eigenschaft der geringeren Reichweite des Tr&auml;gersystems. <\/p><p>Dies war der Hintergrund f&uuml;r die Proteste Anfang der 1980er-Jahre gegen den &bdquo;NATO-Doppelbeschluss&ldquo;, der die Stationierung der Pershing II, einer nuklearen US-Mittelstreckenrakete, in Europa beinhaltete. Da Mittelstreckenraketen f&uuml;r die Distanz von 500 bis 5.500 Kilometer Reichweite kategorisiert sind, musste unter dem technischen Aspekt der Reichweite die Pershing II in Europa bzw. in der alten BRD stationiert werden. Die Flugzeit einer in Deutschland stationierten Mittelstreckenrakete von Westdeutschland in die Sowjetunion ist um ein Vielfaches k&uuml;rzer als die Flugzeit einer ICBM (strategischen Rakete), die in den USA gestartet w&uuml;rde. Mit der verk&uuml;rzten Flugzeit war auch die Vorwarnzeit verk&uuml;rzt. Das bedeutet 5 bis 15 Minuten je nach europ&auml;ischem Stationierungsort statt 30 Minuten, womit sich der Zeitdruck f&uuml;r eine Entscheidung &ndash; pro oder contra Gegenschlag &ndash; und somit der Stresslevel f&uuml;r die verantwortlichen Offiziere, die einen Angriff mittels ihrer Fr&uuml;hwarnsysteme gemeldet bekommen h&auml;tten, erh&ouml;ht. Ihnen w&auml;ren, um beim Beispiel S. Petrov zu bleiben, keine 15 bis 20 Minuten geblieben, um einzusch&auml;tzen, ob es sich um einen realen Angriff oder einen Fehlalarm handelt, sondern nur f&uuml;nf Minuten oder weniger. Unter dem Zeitdruck und dem Stress w&auml;chst die Wahrscheinlichkeit einer Fehleinsch&auml;tzung erheblich. <\/p><p>Ein weiterer Aspekt der wachsenden Gefahr ist die technische Revolution der K&uuml;nstlichen Intelligenz, die auch die milit&auml;rischen F&auml;higkeiten revolutionieren wird. Wenn k&uuml;nftig immer mehr technische Abl&auml;ufe durch K&uuml;nstliche Intelligenz gesteuert und entschieden werden, dann erh&ouml;ht das auch die Gefahr technischer Fehler sowie Fehler innerhalb der K&uuml;nstlichen Intelligenz. Kurzum: Wollen wir tats&auml;chlich, dass k&uuml;nftig die Entscheidung eines &ndash; vermeintlichen &ndash; nuklearen Zweitschlags von menschlicher Entscheidung abgekoppelt Computer entscheiden? Aber genau diese Gefahr bahnt sich an.<\/p><p><strong>Krieg durch Zufall &ndash; jenseits technischer Pannen<\/strong><\/p><p>Vom 12. Juni bis zum 23. Juni 2023 l&auml;uft das seit Jahren geplante NATO-Luftman&ouml;ver Air Defender 23 unter Teilnahme von 25 Staaten (23 NATO-Staaten plus Schweden und Japan) und unter deutscher F&uuml;hrung. Es ist nach eigenen Darstellungen mit 250 Flugzeugen und rund 10.000 Soldaten die gr&ouml;&szlig;te Luft&uuml;bung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Bestehen der NATO, mithin noch gr&ouml;&szlig;er als zu Zeiten des ersten Kalten Krieges. Es sollen die schnelle Verlegung von US-Waffensystemen nach Europa sowie das Zusammenwirken der diversen Luftstreitkr&auml;fte der Teilnehmerstaaten Richtung Osteuropa trainiert werden. Russland ist als Adressat offiziell nicht genannt, aber jeder wei&szlig;, dass es um eine Abschreckung gegen Russland geht. So <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/air-defender-2023-so-laeuft-die-nato-luftuebung-ueber-deutschland-ab-18957334.html\">zitiert die FAZ<\/a> eine entsprechende &Auml;u&szlig;erung der US-Botschafterin, A. Gutmann, in Berlin.<\/p><p>Selbstverst&auml;ndlich ist es das gute Recht eines jeden Staates und auch der NATO, seine bzw. ihre Verteidigungsf&auml;higkeiten zu &uuml;ben und zu demonstrieren. Ob es jedoch sicherheitspolitisch klug ist, dar&uuml;ber d&uuml;rften sich die Geister sicherlich streiten. Die Regierungen der meisten NATO-Staaten halten es offensichtlich f&uuml;r eine richtige sicherheitspolitische Entscheidung &ndash; die meisten Massenmedien, schaut man sich deren bisweilen euphorische &bdquo;Berichterstattung&ldquo; an, wohl auch. Aber es gibt eben auch Menschen, die die Gefahren eines solch gro&szlig;en Man&ouml;vers in einer Zeit maximaler Anspannung zwischen dem Westen und Russland als unn&ouml;tigen weiteren Eskalationsschritt betrachten, der uns unn&ouml;tigerweise gef&auml;hrdet. Genau genommen sind zwei Szenarien zu benennen, die dieses Man&ouml;ver in einen offenen Krieg zwischen der NATO und Russland umschlagen lie&szlig;en: Erstens, Krieg als Resultat eines als Man&ouml;ver getarnten milit&auml;rischen Schlages gegen Russland oder die russischen Streitkr&auml;fte in der Ukraine. Und zweitens, Krieg aus Zufall.<\/p><p>Im ersten Fall k&ouml;nnte in Russland die Wahrnehmung bestehen, die NATO wolle nur ein Man&ouml;ver vort&auml;uschen und tats&auml;chlich noch weiter in den russisch-ukrainischen Krieg eingreifen als bislang. Einen &auml;hnlichen Fall gab es bereits 1983. Seinerzeit f&uuml;hrte die NATO das Man&ouml;ver &bdquo;Able Archer&ldquo; durch, bei dem ein Atomkrieg simuliert wurde. Der Warschauer Pakt vermutete jedoch ein verkapptes Man&ouml;ver der NATO, wonach tats&auml;chlich ein nuklearer Angriff auf die Sowjetunion und ihre damaligen Verb&uuml;ndeten stattfinden sollte. Auch in der damaligen DDR wurden die Kampfflugzeuge bereits mit taktischen Atomwaffen best&uuml;ckt und startklar zum nuklearen Gegenschlag gemacht. Damals ging es noch gut aus.<\/p><p>Wie weit die NATO bzw. ihre Mitgliedsstaaten sich bereits auf dieser Rutschbahn in den Krieg mit Russland befinden, habe ich in einem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/open-source\/ukraine-krieg-rechtliche-grauzone-wird-die-nato-durch-kampfjet-lieferungen-zur-kriegspartei-li.352578\">beschrieben<\/a>. Dass Bef&uuml;rchtungen in Russland bestehen, Air Defender 2023 sei lediglich eine T&auml;uschung f&uuml;r einen realen Angriff, offenbart sich, wenn man sich diverse Telegram-Kan&auml;le anschaut, in denen heftig auch &uuml;ber den Charakter von Air Defender23 diskutiert wird. So behauptet ein angeblich russischer Milit&auml;rwissenschaftler, die USA w&uuml;rden im Kontext des Air-Defender-Man&ouml;vers bis zu 2.500 Marschflugk&ouml;rper gegen Russland einsetzen. Ich verf&uuml;ge &uuml;ber keinerlei diesbez&uuml;gliche Kenntnisse und neige auch nicht dazu, mich an solchen Spekulationen zu beteiligen, weise aber darauf hin, dass es derartige Debatten gibt.<\/p><p>Bef&ouml;rdert wird diese Debatte einerseits auch durch das Unterlassen einer jahrzehntelangen sinnvollen Praxis, n&auml;mlich die &bdquo;Gegenseite&ldquo; zur Beobachtung des Man&ouml;vers einzuladen. Genau diese Einladung wurde von den Verantwortlichen des Air Defender 23 gegen&uuml;ber der russischen Seite wohl dieses Mal nicht ausgesprochen. Sinn solcher Einladungen ist, der &bdquo;Gegenseite&ldquo; einerseits die eigenen milit&auml;rischen Muskeln zwecks Abschreckung zu demonstrieren, aber andererseits auch zu zeigen, dass es sich nicht um ein verkapptes Man&ouml;ver, sprich tats&auml;chliche Kriegsvorbereitungen handelt. Diese Einladungspraxis ohne N&ouml;te ad acta zu legen, gerade jetzt, wo sie n&ouml;tiger denn je w&auml;re, ist mir v&ouml;llig unverst&auml;ndlich &ndash; es ist mindestens fahrl&auml;ssig.<\/p><p>Andererseits wird die Debatte in Russland auch angeheizt durch den zeitlichen Zusammenfall des Air-Defender-23-Man&ouml;vers mit der ukrainischen Gegenoffensive, nachdem diese als urspr&uuml;ngliche Fr&uuml;hjahrsoffensive nun auf den Juni verschoben wurde. Tats&auml;chlich l&auml;uft die ukrainische Gegenoffensive nach jetzigem Stand nicht ganz so rund wie erhofft. Ein Entlastungsschlag der USA gegen die russischen Streitkr&auml;fte zu Gunsten der ukrainischen Kr&auml;fte w&auml;re im Szenarien-Kasten nicht auszuschlie&szlig;en, wenn auch meiner Meinung nach sehr unwahrscheinlich. Denn mit einer solchen Ma&szlig;nahme w&uuml;rde eine Eskalationsstufe beschritten, die den Krieg &uuml;ber die Ukraine hinaus auf Europa und Nordamerika erweitern w&uuml;rde &ndash; kurzum, der Beginn eines umfassenden NATO-Russland-Krieges.<\/p><p>Was aber sicherlich nicht unwahrscheinlich ist, ist, dass das Air-Defender-Man&ouml;ver eine maximale Aufmerksamkeit der russischen Aufkl&auml;rung- und Fr&uuml;hwarnkapazit&auml;ten sowie die hohe Einsatzbereitschaft der Luftverteidigung bindet. Wie sehr sich diese Situation auf die Kampfkraft der russischen Luftwaffe in der und gegen die Ukraine auswirkt, vermag ich nicht einzusch&auml;tzen.<\/p><p>Unbestritten d&uuml;rfte indessen der Umstand sein, dass die doppelte Front von ukrainischer Gegenoffensive und dem Air-Defender-23-Man&ouml;ver bis an die Grenzen Russlands einen enormen Stressfaktor mit all seinen gef&auml;hrlichen Implikationen wie m&ouml;gliche technische Fehlmeldungen, Fehlperzeptionen und &Uuml;berreaktionen f&uuml;r die politische und milit&auml;rische F&uuml;hrung Russlands darstellt &ndash; also Krieg durch Zufall.<\/p><p>Das wissen auch die Verantwortlichen in der NATO, dennoch scheinen sie das Risiko als beherrschbar einzustufen, was ich nur f&uuml;r begrenzt nachvollziehbar halte. Denn es wird auf diese Weise mit unserer Sicherheit gespielt. Um das klarzustellen, es handelt sich hierbei nicht um eine Rechtfertigung des russischen Angriffskrieges, der unbestreitbar v&ouml;lkerrechtswidrig ist, sondern um eine Warnung vor seiner Ausweitung zu einem Weltkrieg aufgrund unn&ouml;tiger Muskelspiele.<\/p><p><strong>Zwischenfall &ndash; oder Krieg durch Zufall?<\/strong><\/p><p>Seit den Ereignissen 2014 &ndash; &bdquo;Farbige Revolution&ldquo; in Kiew zu Gunsten einer prowestlichen Regierung, die verfassungswidrige Sezession der Krim sowie die v&ouml;lkerrechtswidrige Integration der Krim in die Russische F&ouml;deration &ndash; hat sich die Zahl von milit&auml;rischen Zwischenf&auml;llen massiv erh&ouml;ht. Seien es riskante Flugman&ouml;ver westlicher und russischer Flugsysteme, seien es riskante Man&ouml;ver in der Ostsee und im Schwarzen Meer. Zu erinnern ist an den vor wenigen Wochen passierten Zwischenfall, bei dem ein russisches Kampflugzeug durch Flugman&ouml;ver eine US-Drohne vom Typ MQ-9 &bdquo;Reaper&ldquo; nahe des Krim-Gew&auml;ssers zum Absturz brachte. Oder der Zwischenfall im Sommer 2021, bei dem die russische Marine Warnsch&uuml;sse gegen das britische Kriegsschiff &bdquo;HMS Defender&ldquo;, welches nach russischer Lesart durch russisches Hoheitsgew&auml;sser, nach britischer Lesart durch ukrainisches Hoheitsgew&auml;sser schipperte, abgab. Dies sind zwei besonders gef&auml;hrliche Beispiele f&uuml;r sogenannte Zwischenf&auml;lle zwischen westlichen und russischen Waffensystemen.<\/p><p>Laut NATO kam es 2022 zu 570 F&auml;llen, in denen sich russische Flugzeuge dem Luftraum der NATO angen&auml;hert h&auml;tten und abgefangen worden seien. Umgekehrt soll es auch Vorf&auml;lle geben, bei denen sich westliche Luftfahrtsysteme den russischen Grenzen gen&auml;hert h&auml;tten und abgefangen worden seien. Wie auch immer, die Menge solcher Zwischenf&auml;lle und Provokationen hat ein Ausma&szlig; angenommen, das die Wahrscheinlichkeit eines aus dem Ruder laufenden Zwischenfalls signifikant erh&ouml;ht. Ein einziger aus dem Ruder laufender Zwischenfall reicht aus f&uuml;r eine Katastrophe. Und Air Defender 23 ist geradezu pr&auml;destiniert f&uuml;r weitere Zwischenf&auml;lle, sei es durch das m&ouml;gliche Fehlverhalten der einen oder der anderen. Und gerade in solch einer angespannten Atmosph&auml;re angesichts des Krieges in der Ukraine drohen Zwischenf&auml;lle ernsthafte Eskalationsdynamiken freizusetzen. Ob man angesichts solch bewusst in Kauf genommener m&ouml;glicher &bdquo;Zwischenf&auml;lle&ldquo;, die eben eine Eskalationsdynamik bis zum offenen Krieg freisetzen k&ouml;nnen, dann tats&auml;chlich noch von &bdquo;Krieg durch Zufall&ldquo; sprechen k&ouml;nnte, m&ouml;chte ich bezweifeln, da dem &bdquo;Zufall&ldquo; doch zu sehr alle T&uuml;ren ge&ouml;ffnet werden. Eher k&ouml;nnte man es dann als &bdquo;Krieg aus Fahrl&auml;ssigkeit&ldquo; bezeichnen.<\/p><p>Sicherheitspolitisch klug w&auml;re es, zu deeskalieren und die Sprache der Diplomatie dringend wieder zu erlernen, statt Schritt f&uuml;r Schritt im Glauben der jeweils eigenen Wahrheit und Richtigkeit des Handelns dem Abgrund n&auml;herzutreten. Ein Weltkrieg hilft auch der Ukraine nicht weiter und ist auch nicht im Interesse der Menschen, weder im Westen noch im Osten.<\/p><p>Titelbild: shutterstock \/ aappp<\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97142\">&bdquo;Nationale Interessen&ldquo; und &bdquo;Staatsr&auml;son&ldquo; &ndash; Alte Begriffe mit neuem Inhalt f&uuml;llen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96345\">Eine Niederlage, die die Welt ver&auml;ndern wird<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97928\">Bundesregierung zum Einsatz von Uranmunition gegen Russland: &bdquo;Keine signifikanten Strahlenexpositionen der Bev&ouml;lkerung zu erwarten&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/d97c8c0ecc3f44bd82b81ebe9a5d8ff5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend meines politikwissenschaftlichen Studiums habe ich mich unter anderem mit der Thematik der Kriegsursachenforschung besch&auml;ftigt. Bei der Sichtung der Fachliteratur sprang mir eine besonders kuriose Kriegsursache ins Auge: &bdquo;Krieg durch Zufall&ldquo;. Es handelt sich um ein breites Spektrum von nicht beabsichtigten kriegsausl&ouml;senden Momenten. 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