{"id":99335,"date":"2023-06-17T08:45:29","date_gmt":"2023-06-17T06:45:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99335"},"modified":"2023-06-19T13:41:51","modified_gmt":"2023-06-19T11:41:51","slug":"17-juni-1953-propaganda-statt-wahrheit-auch-nach-70-jahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99335","title":{"rendered":"17. Juni 1953: Propaganda statt Wahrheit auch nach 70 Jahren"},"content":{"rendered":"<p>Fotoausstellungen, Konferenzen von Parteien, Bundestagsdebatte, Zeitzeugen- und Politikerreden und mehr &ndash; das ganze erinnerungspolitische Propagandaarsenal wird seit Tagen aufgefahren, um in diesem Jahr an den 17. Juni 1953 in der DDR zu erinnern. An dem Tag vor 70 Jahren habe es im zweiten deutschen Staat einen &bdquo;Volksaufstand f&uuml;r Freiheit und Einheit&ldquo; gegen die von der Sowjetunion gest&uuml;tzte Diktatur der SED gegeben, wird verk&uuml;ndet. Der sei von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen worden. Doch es sind auch andere Sichten m&ouml;glich. Von <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4728\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-99335-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=99335-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230617-Propaganda-statt-Wahrheit-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Die Ereignisse vor 70 Jahren werden erneut zurechtgebogen, bis sie in den vorgegebenen Rahmen passen. Es gilt auch hier das Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Und so werden in den meisten offiziellen Darstellungen Hintergr&uuml;nde, Zusammenh&auml;nge und Interessen ausgeblendet, weggelassen und verschwiegen. Denn es gilt anscheinend zu zeigen, dass den zweiten deutschen Staat, die DDR, von Beginn an niemand gewollt habe, erst recht nicht die Arbeiter und Bauern, auf die er sich berief. Dabei wird vor allem die Rolle der westorientierten Bundesrepublik und ihrer westlichen F&uuml;hrungsm&auml;chte von deren heutigen Erben gern ausgelassen. Darin gleichen sie jenen, die auch in der DDR die Ereignisse verf&auml;lschten und die Ursachen und Hintergr&uuml;nde verschwiegen.<\/p><p>&bdquo;Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR war von Anfang an auch ein Kampfplatz der Geschichtsschreibung in Ost und West. Das d&uuml;rfte zum 70. Jahrestag des Ereignisses nicht viel anders sein.&ldquo; Das vermutet zu Recht die Publizistin Daniela Dahn in einem <a href=\"https:\/\/www.ossietzky.net\/artikel\/politikum-17-juni\/\">Beitrag<\/a> in der aktuellen Ausgabe 12\/2023 der Zweiwochenschrift <em>Ossietzky<\/em>. &bdquo;Was auf beiden Seiten gern unterschlagen wurde, war der Kontext der Nachkriegsgeschichte, in der es durchaus noch offen war, zu welcher Ordnung sich ein geteiltes oder gar vereintes Deutschland entwickeln w&uuml;rde.&ldquo;<\/p><p><strong>Wiederbelebte Russophobie<\/strong><\/p><p>Dahn schreibt auch: &bdquo;Zu erwarten ist, dass gerade in der jetzigen Russophobie der Mythos vom &sbquo;durch die sowjetische Armee brutal und blutig niedergeschlagenen&lsquo; Aufstand wiederbelebt wird.&ldquo; Wie zur Best&auml;tigung wurde am Montag in Berlin Unter den Linden eine Fotoausstellung mit mehreren gro&szlig;en Tafeln er&ouml;ffnet, auf dem Mittelstreifen direkt gegen&uuml;ber der russischen Botschaft. Dabei zog laut <em>Berliner Zeitung<\/em> Anna Kaminsky &bdquo;Parallelen zwischen den sowjetischen Panzern, die den &sbquo;Aufstand f&uuml;r demokratische Werte in der DDR&lsquo; niederwalzten, und dem heutigen russischen Angriffskrieg in der&nbsp;Ukraine&ldquo;. Kaminsky ist die&nbsp;Direktorin der &bdquo;Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur&ldquo; und findet, solche Parallelen w&uuml;rden das heutige Gedenken &bdquo;umso wichtiger&ldquo; machen.<\/p><p>Aus Platzgr&uuml;nden soll hier nicht weiter auf die konkreten Ereignisse vor 70 Jahren eingegangen werden. Diese sind in zahlreichen Publikationen und auf Webseiten nachlesbar, unter anderem in dem vielbeachteten Buch &bdquo;Diesseits der Mauer &ndash; Eine neue Geschichte der DDR 1949-1990&ldquo; der Historikerin Katja Hoyer. Stefan Heym hat das Geschehen in Berlin in seinem Roman &bdquo;F&uuml;nf Tage im Juni&ldquo; beschrieben.<\/p><p>Nur so viel dazu: Das Datum 17. Juni &bdquo;ist das Kennwort f&uuml;r zehnt&auml;gige Unruhen in der DDR&ldquo;, schrieb 2003 der Historiker Jochen &#268;ern&yacute;. Die ersten Kundgebungen habe es bereits am 12. Juni in Weimar und Brandenburg an der Havel gegeben, wo es um versprochene Freilassungen von H&auml;ftlingen gegangen sein soll. Am 13. Juni sollen im th&uuml;ringischen Eckolst&auml;dt 250 Menschen den R&uuml;cktritt der Regierung und freie Wahlen gefordert haben, was anderswo erst am 17. Juni verlangt wurde.<\/p><p><strong>Protest in Ost und West<\/strong><\/p><p>Der Historiker J&ouml;rg Roesler <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/joerg-roesler\/die-drei-gesichter\">stellte 2013 fest<\/a>: &bdquo;701 St&auml;dte und Gemeinden waren seinerzeit Schauplatz der Proteste. Das klingt gut. Auch dass 1,2 Millionen Menschen auf den Stra&szlig;en demonstrierten. Allerdings waren das nur etwa sechs Prozent der damals 18,2 Millionen DDR-Bewohner. In ann&auml;hernd 1.000 Betrieben wurde am 17. und 18. Juni gestreikt! Sicher beachtlich, aber in den &uuml;brigen 19.000 Industriebetrieben ging offenbar alles seinen gewohnten Gang.&ldquo;<\/p><p>Am 17. Juni 1953 &bdquo;haben sich vor allem die Arbeiter als Hauptbetroffene gewehrt gegen das, was damals Sparpolitik genannt wurde und heute Austerit&auml;tspolitik hei&szlig;t&ldquo;, so Roesler 2019 in einem <a href=\"https:\/\/www.textstelle.news\/2019\/06\/16\/17-juni-1953-statt-volksaufstand-arbeiter-rebellion-gegen-normen-historiker\/\">Interview<\/a>. Er verwies auf einen &auml;hnlichen Vorgang im Jahr 1948 in der britisch-US-amerikanischen Bi-Zone, an den j&uuml;ngst auch die Publizistin Dahn in <em>Ossietzky<\/em> erinnerte.<\/p><p>Im Oktober 1948 kam es in Stuttgart zur Protestkundgebung der Gewerkschaften gegen die Politik des Frankfurter Wirtschaftsrates unter Ludwig Erhard, mit Zehntausenden. Sie forderten unter anderem, &sbquo;Wirtschaftsdiktator&lsquo; Erhard abzusetzen, der f&uuml;r unsoziale Bestimmungen in der W&auml;hrungsreform und Verringerung des Realeinkommens verantwortlich gemacht wurde. Die Antwort der Besatzungsmacht USA bestand aus Tr&auml;nengas, berittener Polizei und Panzern. Dahn dazu: &bdquo;Am Abend hatte das Zentrum ein &sbquo;kriegs&auml;hnliches Aussehen&lsquo;, wie die Zeitungen schrieben, R&auml;delsf&uuml;hrer wurden verhaftet und im Raum Stuttgart der Ausnahmezustand verh&auml;ngt.&ldquo;<\/p><p><strong>Erinnerungsl&uuml;cken im Westen<\/strong><\/p><p>Die Publizistin fragt zu Recht, warum sich daran in der Bundesrepublik anscheinend niemand erinnert. F&uuml;r den Historiker Siegfried Prokop ist der Vorgang gar das Vorbild f&uuml;r den Einsatz sowjetischer Panzer f&uuml;nf Jahre sp&auml;ter gegen die Arbeiterproteste in der DDR. &bdquo;Man muss dabei ber&uuml;cksichtigen, dass zu dieser Zeit der Kriegszustand noch nicht beendet war&ldquo;, erkl&auml;rte Prokop 2020 in einem <a href=\"https:\/\/www.textstelle.news\/2020\/06\/17\/17-juni-1953-panzer-gegen-rebellierende-arbeiter-nach-us-vorbild\/\">Interview<\/a>. &bdquo;Der Kriegszustand wurde in der DDR erst 1954 f&uuml;r beendet erkl&auml;rt.&ldquo;<\/p><p>Er machte auf den von Dahn erw&auml;hnten Kontext der Ereignisse aufmerksam: &bdquo;In der Regel wird vernachl&auml;ssigt, dass der 17. Juni ein Kulminationspunkt zweier Konfliktstr&auml;nge war:<\/p><ol>\n<li>einer ver&auml;nderten Deutschlandpolitik der UdSSR von Ende Mai bis Ende Juni 1953, die auf einen Kompromiss mit dem Westen aus war; die Churchill-Rede vom 11. Mai 1953 bildete dazu den Ausgangspunkt!<\/li>\n<li>der Systemkrise des Ostblocks am Ende der Stalin-&Auml;ra, die vor allem f&uuml;r die DDR mit einer &Uuml;berforderung der Kr&auml;fte verbunden war: Reparationszahlung, Kasernierte Volkspolizei KVP (nach Stalin eine Armee in gleicher St&auml;rke wie die deutsche Armee im Westen), Bezirksbildung, LPG-Bildung und &sbquo;Versch&auml;rfung des Klassenkampfes&lsquo;.&ldquo;<\/li>\n<\/ol><p>Prokop wie auch Roesler, beide aus der DDR, widersprachen nicht nur der in dem untergegangenen Land &uuml;blichen Bezeichnung der Ereignisse als &bdquo;faschistischem&ldquo; bzw. &bdquo;konterrevolution&auml;rem Putsch&ldquo;. Sie wandten sich ebenso gegen das Etikett &bdquo;Volksaufstand&ldquo; wie auch gegen die Vorstellung einer &bdquo;verdr&auml;ngten Revolution&ldquo;, wie sie unter anderem der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk vertritt. Roesler stimmte der Einsch&auml;tzung des Historikers Dietrich Staritz zu, der fr&uuml;hzeitig von einer &bdquo;Arbeiterrebellion&ldquo; gesprochen hatte.<\/p><p>Dahn erinnert auch an einen anderen vergessenen Fakt: Damals streikten von April bis Juni 1953 auch die Westberliner Bauarbeiter immer wieder f&uuml;r h&ouml;here L&ouml;hne. Und sie fragt in <em>Ossietzky<\/em>: &bdquo;Haben die wiederholten Berichte der <em>Berliner Zeitung<\/em> dar&uuml;ber wom&ouml;glich die Kollegen in Ostberlin ermutigt?&ldquo;<\/p><p><strong>Keine prokapitalistischen Forderungen<\/strong><\/p><p>Die Arbeiter h&auml;tten gegen die Verschlechterung ihrer Lage gek&auml;mpft, begr&uuml;ndete Roesler das. &bdquo;Die war eingetreten durch die Verringerung des Lohnes in Folge von Normerh&ouml;hungen. Die Normen waren nicht so hart wie im Kapitalismus, sondern ein bisschen weicher. Die SED-F&uuml;hrung entschloss sich dazu in einer schwierigen Situation in Folge der Aufr&uuml;stung, zu der die DDR verdammt wurde, nachdem Stalin den Plan aufgegeben hatte, ein gesamtes, neutrales Deutschland zu erreichen, siehe die sogenannte Stalin-Note von 1952. Das war also der Ausgangspunkt: Mit einem Mal sollten die Arbeiter f&uuml;r dasselbe Geld mehr arbeiten. Doch die Arbeiter haben gesagt: &bdquo;Wir denken nicht daran!&ldquo; Sie waren gegen die Normen, weil sie direkt in ihren Lebensstandard eingriffen. Daraufhin wurde verordnet, die Normen sind um so und so viel Prozent zu erh&ouml;hen. Dann kriegen sie weniger Geld.&ldquo;<\/p><p>Das habe die Lebenslage der Arbeiter und ihrer Angeh&ouml;rigen verschlechtert. Hinzu kam eine Kampagne gegen kleine und mittelst&auml;ndische Unternehmen. Und als die Regierung nicht auf die ersten Proteste reagiert habe, &bdquo;ohne Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Lage der Arbeiter&ldquo;, sei es umgesprungen. &bdquo;Da wurde dann gesagt: Wenn diese Leute sowas machen, dann m&uuml;ssen sie weg!&ldquo; Eine der Losungen sei gewesen, &bdquo;Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille&ldquo;. Gemeint waren die SED-Politiker Ulbricht, Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl. &bdquo;Das hie&szlig;: Wir brauchen eine neue, eine andere Regierung. Die Wiederherstellung des Privateigentums und des Kapitalismus ist nicht gefordert worden.&ldquo;<\/p><p>Roesler erkl&auml;rte im Interview: &bdquo;Welche politischen Meinungen die Arbeiter gehabt haben, das wissen wir nat&uuml;rlich nicht. Die hat ja keiner befragen k&ouml;nnen.&ldquo; Es sei nicht anzunehmen, &bdquo;dass die alle den Sozialismus abschaffen wollten, im Gegenteil&ldquo;. Er verwies auf Willy Brandt, der 1955 in seiner Schrift &bdquo;Arbeiter und Nation&ldquo; geschrieben habe, dass von den Streikenden nirgends eine &bdquo;restaurative Tendenz&ldquo; ausgegangen sei. Sie h&auml;tten dagegen &bdquo;unzweideutige Vorbehalte&ldquo; gegen&uuml;ber der Politik der Bundesregierung ge&auml;u&szlig;ert. &bdquo;Das stammt immerhin von einem westdeutschen Politiker, der dicht dran war. Deshalb komme ich zu dem Schluss: Es war eine Arbeiter-Rebellion, aber keine Revolution oder &sbquo;Aufstand gegen das Regime&lsquo;.&ldquo;<\/p><p><strong>Sowjetisches Eingreifen als Schlusspunkt<\/strong><\/p><p>Der Historiker Prokop bezeichnete die Ereignisse vor 70 Jahren als eine &bdquo;offene, gerechte Rebellion entt&auml;uschter und verbitterter Arbeiter, Angestellter, vor allem in Gro&szlig;betrieben und Gro&szlig;st&auml;dten&ldquo;. Der Anteil die Intelligenz sei gr&ouml;&szlig;er gewesen als lange angenommen, betonte er. Und verwies wie andere auf Aussagen des Historikers Arnulf Baring, der bereits 1965 <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/die-russen-schossen-in-die-luft-a-dd153eb5-0002-0001-0000-000046273058\">geschrieben<\/a> hatte: &bdquo;Die Beteiligung an den Gro&szlig;kundgebungen in einigen St&auml;dten kann leicht dar&uuml;ber hinwegt&auml;uschen, dass der 17. Juni kein Aufstand des gesamten Volkes war. Das zeigen die Augenzeugenberichte ganz deutlich.&ldquo;<\/p><p>Baring schrieb laut seinen Fachkollegen in seinem damaligen Buch &uuml;ber die Ereignisse von 1953: &bdquo;Aber man t&auml;usche sich nicht: der Aufstand ist nicht durch die sowjetischen Truppen niedergeschlagen worden. Aufs Ganze gesehen war die revolution&auml;re Welle schon gebrochen, bevor die Russen aufmarschierten. Ihr Eingreifen war kein Wendepunkt, sondern hat nur einen Schlusspunkt gesetzt: die Streik- und Demonstrationsbewegung hatte sich im Laufe des Tages ersch&ouml;pft, der Elan war versickert, der Aufstand in seinen Anf&auml;ngen steckengeblieben.&ldquo;<\/p><p>Doch solche Details st&ouml;ren anscheinend, wenn heute Propaganda gemacht wird, dass die sowjetischen Panzer einen &bdquo;Volksaufstand&ldquo; niederwalzten. Das sowjetische Milit&auml;r hatte am 17. Juni 1953 ab 13 Uhr den Ausnahmezustand in 167 der 217 Kreise der DDR verh&auml;ngt, nachdem es zu zum Teil schweren gewaltt&auml;tigen Auseinandersetzungen gekommen war. Das war laut dem Historiker &#268;ern&yacute; nicht nur in Berlin, sondern in den mitteldeutschen Industriegebieten und besonders in ehemaligen Arbeiterhochburgen wie Magdeburg, Leipzig, und Halle\/Saale der Fall. Nicht nur in der Hauptstadt rollten sowjetische Panzer in die St&auml;dte, die laut Wladimir Semjonow, damals sowjetischer Hoher Kommissar in der DDR, schon am Vorabend dorthin beordert worden waren.<\/p><p><strong>Sch&uuml;sse in die Luft<\/strong><\/p><p>Der ehemalige sowjetische Diplomat berichtete in seinen 1995 erschienenen Erinnerungen: &bdquo;Die Leidenschaften kochten &uuml;ber. Um 11.00 Uhr erhielten wir die Weisung aus Moskau, das Feuer auf die Aufr&uuml;hrer zu er&ouml;ffnen, milit&auml;rische Standgerichte einzurichten und zw&ouml;lf R&auml;delsf&uuml;hrer zu erschie&szlig;en. Die Mitteilung &uuml;ber die Exekutionen sollten &uuml;berall in der Stadt ausgeh&auml;ngt werden. Da Sokolowski [sowjetischer Generalstabschef &ndash; Anm. TG] und ich aber &uuml;ber au&szlig;erordentliche Vollmachten verf&uuml;gten, handelten wir nicht nach dieser Weisung Moskaus und gaben lediglich den Befehl, &uuml;ber die K&ouml;pfe der Demonstranten hinwegzuschie&szlig;en.&ldquo;<\/p><p>Die Historikerin Hoyer schreibt in ihrem aktuellen Buch, dass die sowjetischen Panzer und Truppen auf die Demonstranten &bdquo;losgelassen wurden&ldquo;. Damit folgt sie dem vorherrschenden Narrativ. Der Historiker Baring schrieb 1965: &bdquo;&Uuml;berall in der DDR fuhren die sowjetischen Panzer &ndash; soweit sie gegen Demonstranten eingesetzt wurden &ndash; nur langsam in die Menge hinein, so dass sich die Menschen in Sicherheit bringen konnten; die Panzer sollten (wie der stellvertretende Ministerpr&auml;sident Otto Nuschke in seinem <em>Rias<\/em>-Interview sagte) nur &sbquo;gleichfalls demonstrieren&lsquo;. Wo geschossen wurde, zielten die Soldaten in fast allen mir bekannten F&auml;llen in die Luft.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Sicher, allein die Pr&auml;senz der Panzer war ein einsch&uuml;chterndes Symbol von Gewalt&ldquo;, so die Publizistin Dahn dazu. &bdquo;Stark genug, um den Aufstand zu unterdr&uuml;cken.&ldquo; Das suggerierte Bild sei aber falsch, wonach die friedlichen Demonstranten nach &bdquo;chinesischer L&ouml;sung&ldquo; zusammengeschossen worden seien. &bdquo;Fakt ist: Die sowjetischen Panzer hatten strengen Befehl, nicht zu schie&szlig;en. Daran haben sie sich auch gehalten.&ldquo; Das sei selbst den Demonstranten schnell aufgefallen.<\/p><p><strong>Keine Toten durch Panzer<\/strong><\/p><p>&bdquo;Eher sind die in den Luken stehenden jungen Panzerfahrer mit Steinen und Latten angegriffen worden, als dass diese Gewalt angewendet h&auml;tten. Ihre einsch&uuml;chternde Wirkung hatte Grenzen.&ldquo; W&auml;hrend des gesamten Aufstandes sei kein einziger Mensch durch die Gewalt eines Panzers ums Leben gekommen, betont Dahn. &bdquo;Es soll einen Unfall gegeben haben, bei dem ein Panzer in eine Baugrube gerutscht ist und dabei jemanden erdr&uuml;ckt hat.&ldquo; Sie habe die Angaben bei einem Faktencheck in der &bdquo;Stasi-Unterlagenbeh&ouml;rde&ldquo; gefunden.<\/p><p>Dennoch gab es den Berichten zufolge Gewalt und neben zahlreichen Verhaftungen auch Todesopfer einschlie&szlig;lich einiger standrechtlich Verurteilter und Erschossener. Historiker Prokop zitierte im Interview aus dem einst streng geheimen sowjetischen Bericht &uuml;ber die Zeit vom 17. bis 20. Juni 1953, wo die Rede von 430.513 Streikteilnehmern und von 336.376 Demonstranten in der DDR gewesen sei. &bdquo;Diesem Bericht zufolge waren 29 Tote plus elf ermordete Parteifunktion&auml;re sowie sechs zum Tode durch Erschie&szlig;en Verurteilte, wovon vier Urteile vollstreckt worden seien, als Opfer zu beklagen. Verwundet wurden danach 350 Demonstranten und 83 Parteifunktion&auml;re und Polizisten. 6.521 Personen wurden den Angaben zufolge festgenommen und inhaftiert.&ldquo; Heute gilt die Zahl von 55 Todesopfern als belegt.<\/p><p>&bdquo;&Uuml;ber die genauen Umst&auml;nde der 55 Todesopfer des Aufstandes ist erstaunlich wenig bekannt&ldquo;, schreibt die Publizistin Dahn. &bdquo;Immerhin sind &uuml;ber 250 &ouml;ffentliche Geb&auml;ude erst&uuml;rmt worden, darunter Dienststellen der Polizei, der Staatssicherheit und der&nbsp;SED. Aus 12 Gef&auml;ngnissen wurden 1400 H&auml;ftlinge befreit. Diese Aktionen waren oft von Dem&uuml;tigungen und gewaltsamen, bewaffneten Pr&uuml;geleien von beiden Seiten begleitet.&ldquo;<\/p><p><strong>Moskauer Verantwortung<\/strong><\/p><p>Die hausgemachte und tiefgehende Gesellschaftskrise der DDR (Prokop), die in die Juni-Ereignisse 1953 f&uuml;hrte, war zu gro&szlig;en Teilen verursacht worden durch die Forderungen der sowjetischen Besatzungsmacht. Ohne die lief im Guten wie im Schlechten in der DDR fast nichts. Der Handlungsspielraum der DDR-Verantwortlichen blieb in den fr&uuml;hen 1950er Jahren &bdquo;sehr begrenzt&ldquo;, so der fr&uuml;here Mitarbeiter von SED-Chef Ulbricht, Herbert Graf, 2008 in seinen Erinnerungen. Der sowjetische Diplomat Julij Kwizinskij, seit 1959 in der DDR t&auml;tig, sprach in seinen Erinnerungen von dem &bdquo;Siegersyndrom&ldquo; auf sowjetischer Seite. Es habe die Vorstellung gegeben, &bdquo;dass man sich in der DDR vieles erlauben konnte, was in anderen L&auml;ndern Osteuropas niemals geduldet worden w&auml;re&ldquo;.<\/p><p>Die DDR hatte keine Alternative, so der Historiker Roesler. &bdquo;Die einzige Alternative w&auml;re gewesen, man h&auml;tte versucht, Bestandteil Westdeutschlands schnell zu werden. Aber hier waren die sowjetischen Truppen. Also ich sehe keine Alternative dazu. Es war auch ein bisschen ungl&uuml;cklich f&uuml;r die DDR, dass Nikita Chruschtschow erst gewisserma&szlig;en in diesem Moment, nach Stalins Tod Anfang M&auml;rz 1953, in Moskau an die Macht kam, und noch keineswegs als der Herrscher, der er sp&auml;ter war. Chruschtschow hatte ein anderes Konzept f&uuml;r die DDR. Das hat sich dann auch im &sbquo;Neuen Kurs&lsquo; ausgezahlt.&ldquo;<\/p><p>Dieser &bdquo;Neue Kurs&ldquo; war, auch in Folge des Moskauer Kurswechsels, schon vor dem 17. Juni beschlossen worden. Weil aber die Normenerh&ouml;hungen nicht gleichzeitig zur&uuml;ckgenommen wurden, konnten damit die Streiks und Demonstrationen nicht mehr verhindert werden. Auf die reagierte die SED laut Roesler mit dem Ende der Sparpolitik und der Normenpolitik. &bdquo;Sie kann sich das leisten, weil die Sowjetunion das jetzt mitfinanziert. Dazu geh&ouml;rt, dass die Einnahmen der ab 1954 aufgel&ouml;sten SAG-Betriebe, in sowjetischem Besitz, voll an die DDR gehen. Es sind auch die Besatzungskosten verringert worden.&ldquo;<\/p><p>Der Historiker stellte klar: &bdquo;Aber sie konnte es sich dann auch leisten, einsichtig zu sein dank der Hilfe der Sowjetunion, die sie aber erst in diese Situation 1952 gebracht hat.&ldquo; Nat&uuml;rlich geh&ouml;rt zu den Folgen auch das massive Vorgehen der in ihrer Macht gesicherten SED-F&uuml;hrung nicht nur gegen Streikende, oftmals Gewerkschafter, sondern auch gegen interne Kritiker.<\/p><p><strong>Westlicher Teilungskurs<\/strong><\/p><p>Angesichts der Tatsache, dass der 17. Juni in der Bundesrepublik ab 1954 als &bdquo;Tag der deutschen Einheit&ldquo; bis 1990&nbsp;als gesetzlicher Feiertag galt, noch ein kurzer Blick auf die Reaktionen im Westen:<\/p><p>Nat&uuml;rlich kann bei der Frage nach den Ursachen nicht weggelassen werden, dass l&auml;ngst der Kalte Krieg als Systemauseinandersetzung zwischen Ost und West tobte. Die westliche Politik gegen das sozialistische Lager, samt &bdquo;Roll back&ldquo;, &bdquo;Containment&ldquo; und Sanktionen, hatte Folgen auch f&uuml;r die Menschen in der DDR. In der Bundesrepublik bereitete ein staatlich finanzierter &bdquo;Forschungsbeirat&ldquo; den &bdquo;Tag X&ldquo; zur &Uuml;bernahme der DDR vor.<\/p><p>Der reichweitenstarke US-Sender <em>Rias<\/em> wurde offen und indirekt benutzt, um die Stimmung in der DDR zu beeinflussen. &bdquo;Durchg&auml;ngig waren alle privaten, parteigebundenen und amtlichen antikommunistischen Organisationen in irgendeiner Weise am Aufstand beteiligt&ldquo;, schrieb der Historiker Bernd St&ouml;ver 2002 nach Studien in US-Archiven. Das alles aber w&auml;re wirkungslos gewesen, wenn es nicht die ausl&ouml;senden hausgemachten Probleme gegeben h&auml;tte, so der Historiker Roesler.<\/p><p>Am 17. Juni trafen die drei westlichen Besatzungsm&auml;chte in ihren Berliner Sektoren Ma&szlig;nahmen, die eine Eskalation vermeiden und eine Ausbreitung der Demonstrationen nach West-Berlin bzw. die Beteiligung von West-Berlinern an den Ereignissen in Ost-Berlin verhindern sollten. &bdquo;In diesem Sinne vermieden die Westm&auml;chte in einem Protestschreiben an den sowjetischen Kommandanten am 18. Juni den Eindruck, dass sie die Aufst&auml;ndischen unterst&uuml;tzten&ldquo;, <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/27601\/der-juni-aufstand-und-die-deutschlandpolitik-der-westalliierten\/\">schrieb<\/a> die Historikerin Marianne Howarth 2003.<\/p><p>Die Westm&auml;chte h&auml;tten sich durch die Juni-Ereignisse 1953 in ihrem Kurs best&auml;tigt gesehen, die Bundesrepublik weiter in den Westen zu integrieren. &bdquo;Damit war sowohl f&uuml;r den Westen als auch f&uuml;r den Osten der Kurs und die Geschichte der deutschen Teilung bis zum Herbst 1989 bestimmt&ldquo;, so Howarth.&nbsp;Die auch in der DDR-Bev&ouml;lkerung vorhandenen W&uuml;nsche nach der Einheit des Landes seien &bdquo;st&auml;ndige Mahnung&ldquo; gewesen, &bdquo;am bisherigen Kurs festzuhalten, der auf eine Wiedervereinigung Deutschlands nach westlichen Vorstellungen im Interesse aller Deutschen zielte&ldquo;. Ans&auml;tze im Westen f&uuml;r einen Ausgleich mit der Sowjetunion und auch einer m&ouml;glichen deutschen Einheit nach Stalins Tod im M&auml;rz 1953 waren lange vor dem 17. Juni gescheitert.<\/p><p>Eine der bis heute m&ouml;glicherweise g&uuml;ltigen Lehren aus den Ereignissen vor 70 Jahren beschrieb Egon Bahr, der das Geschehen in Berlin als <em>Rias<\/em>-Journalist miterlebte, in dem Buch &bdquo;Ostw&auml;rts und nichts vergessen&ldquo;: &bdquo;Mit einer Bewegung von unten kann man nichts machen, alle Versuche, der Sowjetunion ihren Einflussbereich zu entrei&szlig;en oder zu destabilisieren, waren sinnlos.&ldquo; Das habe sich auch sp&auml;ter in Ungarn und der &#268;SSR gezeigt. Das habe ihn &uuml;berzeugt: &bdquo;Wir k&ouml;nnen &uuml;berhaupt nur etwas &auml;ndern, wenn es von oben geschieht, im Einvernehmen mit Moskau. Die waren die einzigen, die die Macht hatten, etwas zu ver&auml;ndern.&ldquo; Er sei mit dieser Erkenntnis damals &bdquo;relativ allein&ldquo; gewesen, so der 2015 verstorbene Bahr. Er st&uuml;nde damit heute wieder ziemlich allein.<\/p><p>Titelbild: &copy; Tilo Gr&auml;ser<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fotoausstellungen, Konferenzen von Parteien, Bundestagsdebatte, Zeitzeugen- und Politikerreden und mehr &ndash; das ganze erinnerungspolitische Propagandaarsenal wird seit Tagen aufgefahren, um in diesem Jahr an den 17. Juni 1953 in der DDR zu erinnern. An dem Tag vor 70 Jahren habe es im zweiten deutschen Staat einen &bdquo;Volksaufstand f&uuml;r Freiheit und Einheit&ldquo; gegen die von der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99335\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":99336,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,212,165,123],"tags":[1740,839,282,1585,277,2564,2147,1176],"class_list":["post-99335","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-gedenktagejahrestage","category-innen-und-gesellschaftspolitik","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-arbeitsbedingungen","tag-baring-arnulf","tag-buergerproteste","tag-dahn-daniela","tag-ddr","tag-gewalt","tag-sowjetunion","tag-streik"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/230612Aufstand_06.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99335","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99335"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99335\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99413,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99335\/revisions\/99413"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99336"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99335"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99335"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99335"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}