{"id":9946,"date":"2011-07-01T09:12:50","date_gmt":"2011-07-01T07:12:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9946"},"modified":"2014-09-08T15:44:37","modified_gmt":"2014-09-08T13:44:37","slug":"kirchhof-wahnsinn-in-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9946","title":{"rendered":"Kirchhof \u2013 Wahnsinn in Zahlen"},"content":{"rendered":"<p>Ein Steuerkonzept ohne Schlupfl&ouml;cher, sozial ausgewogen, unkompliziert und dazu noch aufkommensneutral &ndash; so beschreiben die gro&szlig;en Tageszeitungen das Kirchhof-Modell, f&uuml;r das die Journaille in dieser Woche die ganz gro&szlig;e Werbetrommel r&uuml;hrt. Um zu belegen, wie &bdquo;einmalig sozial&ldquo; sein Modell ist, l&auml;sst man den Paul Kirchhof  &ouml;ffentlichkeitswirksam Fallbeispiele aus dem Hut zaubern, mit denen belegt werden soll, dass vor allem Geringverdiener von seiner Steuerreform profitieren w&uuml;rden. Wenn man das Kirchhof-Modell einmal mit dem spitzen Bleistift durchrechnet, kommt man jedoch zu einem ganz anderen Ergebnis. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nSteuererkl&auml;rungen sind sicherlich nicht unbedingt vergn&uuml;gungssteuerpflichtig. Sonderausgaben, Altersvorsorgeaufwendungen, au&szlig;ergew&ouml;hnliche Belastungen, Werbungskosten, und so weiter, und so fort &ndash; die meisten Steuerpflichtigen nutzen zumindest einen Teil der erlaubten M&ouml;glichkeiten, um das steuerpflichtige Einkommen ein wenig zu dr&uuml;cken und so Steuern zu sparen. Daher ist es auch nur m&auml;&szlig;ig zielf&uuml;hrend, die Steuerbelastung unseres geltenden Steuersystems mit all seinen Abschreibungsm&ouml;glichkeiten mit der in einem radikalen Steuersystem ohne Abschreibungsm&ouml;glichkeiten zu vergleichen. Nichtsdestotrotz werden diese Vergleiche immer wieder angestellt &ndash; vor allem dann, wenn die verantwortlichen Redakteure das Kirchhof-Modell oder vergleichbare Radikall&ouml;sungen propagieren.<\/p><p>Um die theoretisch zu zahlende, von der tats&auml;chlich veranschlagten, Einkommensteuer abzugrenzen, kann man sich beispielsweise bei den umfangreichen <a href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/Internet\/DE\/Content\/Publikationen\/Fachveroeffentlichungen\/FinanzenSteuern\/Steuern\/LohnEinkommensteuer\/LohnEinkommensteuer2140710049004,property=file.pdf\">Tabellen des Statistischen Bundesamtes bedienen [PDF &ndash; 260 KB]<\/a>. Diese Zahlen lassen selbstverst&auml;ndlich keine stichhaltigen Modellrechnungen zu, wohl aber eine relativ zuverl&auml;ssige Sch&auml;tzung [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>]. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110701_grafik_01.png\" alt=\"Bild 1\"><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110701_grafik_03.png\" alt=\"Bild 3\"><\/p><p><strong>Kinderlose zahlen drauf<\/strong><\/p><p>Eine Besonderheit des Kirchhof-Modells, die Sozialvertr&auml;glichkeit vorgaukeln soll, sind die relativ hohen Freibetr&auml;ge. Kirchhof beziffert sie mit 10.000 Euro pro erwachsenem Familienmitglied (bei gemeinsamer Veranlagung) und mit 8.000 Euro pro Kind. W&auml;hrend kinderreiche Familien im niedrigen und mittleren Einkommensbereich so erst relativ sp&auml;t in den zu versteuernden Einkommensbereich kommen, schl&auml;gt die relativ hohe Besteuerung in den unteren Einkommensbereichen bei kinderlosen Steuerpflichtigen voll zu. So werden Alleinstehende ohne Kind bis zu einem Jahreseinkommen von etwas mehr als 40.000 Euro durch das Kirchhof-Modell st&auml;rker belastet, als durch das aktuelle Steuersystem. Bei kinderlosen Paaren verst&auml;rkt wiederum der Wegfall des Ehegattensplittings diese Tendenz, so dass selbst kinderlose Paare mit einem Jahreseinkommen von 80.000 Euro beim Kirchhof-Modell schlechter dastehen. <\/p><p>Je mehr Kinder ein Haushalt auf seiner Steuerkarte stehen hat, desto mehr profitiert er vom Kirchhof-Modell. Nat&uuml;rlich profitiert man jedoch nur dann, wenn man ein relativ hohes Einkommen hat. Bei Geringverdienern spielen die Freibetr&auml;ge des Kirchhof-Modells kaum eine Rolle, da sie auch beim aktuellen Steuersystem von Freibetr&auml;gen profitieren und erst relativ sp&auml;t in die Progressionszonen rutschen, die h&ouml;here Grenzs&auml;tze aufweisen als das Kirchhof-Modell. Anders als stets kommuniziert, ist das Kirchhof-Modell keine familienpolitischen Wohltat &ndash; die vermeintliche Familienfreundlichkeit entpuppt sich bei n&auml;herer Betrachtung vielmehr als Nebelkerze, die von den eigentlichen Profiteuren ablenken soll.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110701_grafik_02.png\" alt=\"Bild 2\"><br>\n<img decoding=\"async\" src=\"\/upload\/bilder\/110701_grafik_04a.png\" alt=\"Bild 4\"><\/p><p><strong>Radikale Steuerentlastung f&uuml;r die Superreichen<\/strong><\/p><p>Doch all diese Unterschiede in den unteren und mittleren Einkommensbereichen sind Makulatur, wenn man die Einkommenstabelle nach oben verl&auml;ngert. Dies mag auch der Grund sein, warum die obersten Einkommensbereiche bei den Vergleichsrechnungen in den Kirchhof-freundlichen Artikeln grunds&auml;tzlich ausgelassen werden. W&auml;hrend sich die Ersparnis durch das Kirchhof-Modell f&uuml;r Normal- und Besserverdiener (unter 80.000 Euro pro Jahr) im g&uuml;nstigsten Fall auf rund 7% des Bruttoeinkommens summiert, profitieren die Spitzenverdiener in schier unglaublicher Gr&ouml;&szlig;enordnung.<\/p><p>Einkommensmillion&auml;re k&ouml;nnten beim Kirchhof-Modell mit einer Reduzierung der Steuerlast in H&ouml;he von mindestens 18% ihres Bruttoeinkommens rechnen. Spitzenverdiener in der Ackermann-Einkommensliga von 10 Mio. Euro pro Jahr w&uuml;rden durch das Kirchhof-Modell um rund 2 Mio. Euro pro Jahr entlastet. Wer anhand dieser Zahlen behauptet, vom Kirchhof-Modell w&uuml;rden vor allem einkommensschwache Familien profitieren, l&uuml;gt entweder fahrl&auml;ssig oder mit Vorsatz.<\/p><p>Wenn man sich einmal verdeutlicht, dass beim Kirchhof-Modell das Gros der einkommensstarken Steuerzahler profitiert, ist es auszuschlie&szlig;en, dass eine solche Steuerreform auch nur im Ansatz aufkommensneutral sein k&ouml;nnte. Nach <a href=\"http:\/\/www.bpb.de\/wissen\/I1WQ8G\">Angaben des Bundesministeriums f&uuml;r Arbeit und Soziales<\/a> bestreiten die obersten 10% der Einkommenspyramide mehr als die H&auml;lfte des Einkommensteueraufkommens. Wie soll eine Steuerreform aufkommensneutral sein, die genau diese Klientel stark &uuml;berproportional entlastet? <\/p><p><strong>Vor diesem Hintergrund lesen sich folgende S&auml;tze wie blanker Hohn:<\/strong><\/p><blockquote><p><em>Niedrige Steuern sind m&ouml;glich, wenn jeder entsprechend seiner individuellen Leistungsf&auml;higkeit auch tats&auml;chlich zur Kasse gebeten wird. [&hellip;] Deshalb br&auml;chte ein einfaches Steuerrecht einen Wachstumsschub, und es erg&auml;ben sich automatisch Spielr&auml;ume f&uuml;r Entlastungen, ohne daf&uuml;r neue Kredite aufnehmen zu m&uuml;ssen. Kirchhof ist kein Ritter von trauriger Gestalt &ndash; sondern nur seiner Zeit voraus.<\/em><\/p><\/blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/debatte\/kommentare\/article13458190\/Ein-einfaches-Steuersystem-bringt-Wachstum.html\">Dorothea Siems &ndash; WELT<\/a><\/p><blockquote><p><em>Paul Kirchhofs Vorschl&auml;ge erinnern an das Paradies<\/em><\/p><\/blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/kultur\/article13458144\/Paul-Kirchhofs-Vorschlaege-erinnern-an-das-Paradies.html\">Andreas Maier &ndash; WELT<\/a><\/p><blockquote><p><em>Kirchhofs Entwurf hat das Zeug zu einem Befreiungsschlag im besten Sinne: Es w&uuml;rde dieses Land zu einem anderen, moderneren, leichteren und leistungsf&auml;higeren machen.<\/em><\/p><\/blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/politik\/article13454468\/Akt-zivilen-Widerstands.html\">Ulf Poschardt &ndash; WELT<\/a><\/p><blockquote><p><em>F&uuml;r die vielen Etatisten, Zyniker oder Resignierten [&hellip;] dieser Republik mag er ein Biedermann und Brandstifter zugleich sein, f&uuml;r die Konservativen und Liberalen schwierig, da er tats&auml;chlich die Wohlhabenden und Reichen in Haftung nimmt, um wieder jene Idee vom Gemeinwesen einer lebendigen Demokratie zum Leben zu erwecken, die diesen Namen verdient.<\/em><\/p><\/blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/welt_kompakt\/print_politik\/article13454299\/Ein-neues-Denken.html\">Andrea Seibel &ndash; WELT<\/a><\/p><p>Wer sich fragt, warum Zeitungen wie die WELT zu solch abstrusen Schl&uuml;ssen kommt, findet die Antwort bei Paul Sethe: &ldquo;Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.&rdquo;<\/p><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/759aadc7551e4379817961062ba7363e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] zur Methodik: F&uuml;r das geltende Steuersystem wurden f&uuml;r jede Einkommensgruppe die jeweils korrespondierenden durchschnittlichen Sonderkosten und Belastungen vom Bruttoeinkommen abgezogen und dann die Steuerlast anhand des <a href=\"https:\/\/www.abgabenrechner.de\/bl2011\/?\">Abgabenrechners<\/a> des Bundesfinanzministeriums bestimmt. Alle Angaben beinhalten den Solidarit&auml;tszuschlag. F&uuml;r das Kirchhof-Modell wurden die Rahmendaten der Gruppe &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.bundessteuergesetzbuch.de\/index.htm\">Bundessteuergesetzbuch<\/a>&ldquo; verwendet, die die Freibetr&auml;ge mit 10.000 Euro pro Erwachsenem und 8.000 Euro pro Kind beziffern und einen Grenzsteuersatz von 25% vorsehen, der f&uuml;r die ersten 5.000 Euro Einkommen zu 60% (also insgesamt 15%) und die zweiten 5.000 Euro Einkommen zu 80% (insgesamt 20%) veranlagt wird.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Steuerkonzept ohne Schlupfl&ouml;cher, sozial ausgewogen, unkompliziert und dazu noch aufkommensneutral &ndash; so beschreiben die gro&szlig;en Tageszeitungen das Kirchhof-Modell, f&uuml;r das die Journaille in dieser Woche die ganz gro&szlig;e Werbetrommel r&uuml;hrt. Um zu belegen, wie &bdquo;einmalig sozial&ldquo; sein Modell ist, l&auml;sst man den Paul Kirchhof &ouml;ffentlichkeitswirksam Fallbeispiele aus dem Hut zaubern, mit denen belegt werden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9946\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,137,132],"tags":[427,1153,1154],"class_list":["post-9946","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-steuern-und-abgaben","category-ungleichheit-armut-reichtum","tag-einkommensteuer","tag-kirchhof-paul","tag-steuermodell"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9946","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9946"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9946\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23163,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9946\/revisions\/23163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9946"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9946"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9946"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}