{"id":995,"date":"2005-12-18T15:49:06","date_gmt":"2005-12-18T13:49:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=995"},"modified":"2016-02-23T09:45:52","modified_gmt":"2016-02-23T08:45:52","slug":"gekaufte-republik-staatssekretar-bei-bundesprasident-kohler-arbeitet-ohne-gehalt-sein-geld-bekommt-er-von-einer-finanzgruppe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=995","title":{"rendered":"Gekaufte Republik. Staatssekret\u00e4r bei Bundespr\u00e4sident K\u00f6hler arbeitet ohne Gehalt \u2013 sein Geld bekommt er von einer Finanzgruppe"},"content":{"rendered":"<p>Der Vorstandsvorsitzende des Finanzkonzerns W&uuml;stenrot &amp; W&uuml;rttembergische (W&amp;W) Gert Haller wird ab 1. M&auml;rz 2006 Nachfolger von Michael Jansen als Chef des Bundespr&auml;sidialamtes. Im Rang eines Staatssekret&auml;rs wird er sein Amt ohne Sal&auml;r aus&uuml;ben. Er kann sich das leisten, denn f&uuml;r seinen Lebensunterhalt wird weiter sein Konzern durch eine Pension sorgen.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Solche M&auml;nner braucht das Land!&ldquo; schw&auml;rmt BILD. Nur weiter so. Bald stellen DaimlerChrysler oder E.ON die Staatssekret&auml;re im Wirtschaftsministerium, Siemens vielleicht den Chef des Kanzleramtes oder der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ordnet kostenfrei die Amtschefs f&uuml;r das Sozialministerium ab. Das spart Geld &ndash; dem Staat und nat&uuml;rlich auch den Konzernen. Letztere k&ouml;nnten sich n&auml;mlich dann die teure Lobby- und PR-Arbeit ersparen, denn ihre Leute s&auml;&szlig;en dann gleich unmittelbar an den Hebeln des Staatsapparates.<\/p><p>Es ist ja bekannt, dass Bundpr&auml;sident K&ouml;hler daf&uuml;r eintritt, dass der Sozialstaat nur noch die &bdquo;gro&szlig;en Lebensrisiken&ldquo; absichern soll und etwa eine angemessene Altersvorsorge oder die Altenpflege &bdquo;eigenverantwortlich&ldquo;, also privat versichert werden sollen. Mit dem Vertreter eines Finanzkonzerns als Chef seines Amtes hat er nun jemand aus der Versicherungswirtschaft, von der wiederum bekannt ist, dass sie an der privaten Vorsorge ein massives Gesch&auml;ftsinteresse hat. <\/p><p>Bisher mussten die Versicherer teure ganzseitige Anzeigenserien schalten und massive Lobbyarbeit betreiben, um ihre Umsatzinteressen in die Politik einzuspeisen, jetzt hat ein Versicherungskonzern einen ihrer F&uuml;rsprecher gleich zur rechten Hand des Staatsoberhauptes gemacht. F&uuml;r diesen direkten Draht k&ouml;nnen die Versicherer locker f&uuml;r dessen Gehalt gerade stehen. Das zahlt sich um ein Vielfaches aus.<\/p><p><strong>Damit keine Missverst&auml;ndnisse aufkommen:<\/strong><\/p><p>Es geht bei diesem Personalwechsel nicht um einen der heutzutage hoch gelobten Austausch zwischen Wirtschaft und Politik &ndash; was, wie wir erleben, so unproblematisch ja auch nicht ist -, sondern es geht um die Frage, ob es der demokratischen Kultur in diesem Lande gut tut, dass der &bdquo;1. Staatssekret&auml;r&ldquo; (BILD) vom Konzern einer Branche &bdquo;gesponsert&ldquo; werden soll, die schon durch ihre Werbeanzeigen &ouml;ffentlich bekundet, dass sie f&uuml;r die Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen politisches und staatliches Entgegenkommen erreichen will.<\/p><p>Nichts w&auml;re auch dagegen einzuwenden, wenn der Bundespr&auml;sident seinen ihm offenbar seit langer Zeit freundschaftlich verbundenen ehemaligen Kollegen zu einem ehrenamtlichen Beauftragten etwa f&uuml;r einen wohlt&auml;tigen Zweck gemacht h&auml;tte. Der &bdquo;B&uuml;rger&ldquo; Gert Haller h&auml;tte f&uuml;r ein derartiges Ehrenamt Respekt, Anerkennung und &ouml;ffentlichen Dank verdient. Beim Chef des Bundespr&auml;sidialamtes, handelt es sich aber nicht um ein Ehrenamt oder um einen Ehrenbeamten, sondern um einen in einem &ouml;ffentlich-rechtlichen Dienst- und Treueverh&auml;ltnis stehenden Berufsbeamten mit hoheitlichen Befugnissen, der die Beh&ouml;rde des obersten Staatsorgans zu leiten hat, der wichtigste Berater des h&ouml;chsten Repr&auml;sentanten aller Deutschen ist und deshalb einer der h&ouml;chstbesoldeten Beamten ist. Ein solcher Staatsdiener darf nicht einmal den Anschein erwecken d&uuml;rfen, Diener zweier Herrn zu sein. <\/p><p>(Ob Hallers Dienst am Staat wirklich so selbstlos ist, wie er das selbst darstellt, soll einmal dahingestellt bleiben, es w&auml;re ja nicht ungew&ouml;hnlich dass die Pension eines Vorstandsvorsitzenden erheblich &uuml;ber dem Gehalt eines Staatssekret&auml;rs liegt.)<\/p><p>&Uuml;brigens: Es gab mal eine Zeit, da durfte und konnte ein Beamter von Rechts wegen seine staatliche &bdquo;Alimentation&ldquo; gar nicht ablehnen, denn die staatliche Absicherung eines angemessenen Lebensunterhalts sollte die Unabh&auml;ngigkeit des &bdquo;Staatsdieners&ldquo; garantieren.<br>\nZugegeben: Das Alimentationsprinzip hat Abh&auml;ngigkeiten von privaten Interessen oder gar Korruption nie ganz verhindern k&ouml;nnen. Die Zahl der Aff&auml;ren, Skandale oder sogar Korruptionsvorw&uuml;rfe hat in den letzten Jahren eher zugenommen. K&ouml;nnen und d&uuml;rfen aber solche Ausw&uuml;chse ein Grund daf&uuml;r sein, auf dieses Prinzip gleich ganz zu verzichten und damit Abh&auml;ngigkeiten des Beamtenapparates T&uuml;r und Tor zu &ouml;ffnen? <\/p><p>Die Sensibilit&auml;t f&uuml;r die zur demokratischen Kultur geh&ouml;renden Unabh&auml;ngigkeit des Staates und seines Beamtenapparates von privaten gesellschaftlichen Interessen scheint leider nicht nur dem Bundespr&auml;sidenten, sondern auch dem Altkanzler, ja &ndash; wenn man das Presseecho zur Neuberufung des &bdquo;unbezahlten&ldquo; Chefs des Pr&auml;sidialamtes liest &ndash; auch in der &Ouml;ffentlichkeit abhanden gekommen zu sein. Vielleicht weil man in weiten Kreisen der Politik und bei vielen Repr&auml;sentanten unseres Staates zwischen privaten Wirtschaftsinteressen und der Rolle des Staats gar nicht mehr unterscheidet oder nicht mehr unterscheiden will oder kann.<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/politik\/509039.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/politik\/509039.html\">BerlinOnline<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Vorstandsvorsitzende des Finanzkonzerns W&uuml;stenrot &amp; W&uuml;rttembergische (W&amp;W) Gert Haller wird ab 1. M&auml;rz 2006 Nachfolger von Michael Jansen als Chef des Bundespr&auml;sidialamtes. Im Rang eines Staatssekret&auml;rs wird er sein Amt ohne Sal&auml;r aus&uuml;ben. 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