{"id":99578,"date":"2023-06-22T13:00:07","date_gmt":"2023-06-22T11:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99578"},"modified":"2023-06-22T18:58:25","modified_gmt":"2023-06-22T16:58:25","slug":"22-juni-1941-ein-datum-das-heute-in-deutschland-in-vergessenheit-geraten-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99578","title":{"rendered":"22. Juni 1941 \u2013 ein Datum, das heute in Deutschland in Vergessenheit geraten ist"},"content":{"rendered":"<p>Vor 82 Jahren begann das &bdquo;Unternehmen Barbarossa&ldquo;: Am 22. Juni 1941 hat das faschistische &bdquo;Gro&szlig;deutsche Reich&ldquo; die Sowjetunion &uuml;berfallen, vertragsbr&uuml;chig, aber dennoch angek&uuml;ndigt. Aber der &Uuml;berfall hat selbst die Deutschen &uuml;berrascht, wie Historiker zeigen. Es folgte ein Raub- und Vernichtungskrieg gegen ein Land, den es vorher so nicht gab. Dahinter standen aber auch westliche Interessen, &uuml;ber die heute kaum geredet wird. Von <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6570\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-99578-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=99578-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230622-Unternehmen-Barbarossa-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Mit insgesamt 3,6 Millionen Soldaten, 3.500 Panzern und 2.700 Flugzeugen &uuml;berfiel die faschistische deutsche Wehrmacht gemeinsam mit verb&uuml;ndeten Truppen aus Rum&auml;nien, Finnland, Ungarn und der Slowakei am 22. Juni 1941 die Sowjetunion. Der vor 82 Jahren als &bdquo;Unternehmen Barbarossa&ldquo; begonnene deutsche Raub- und Vernichtungskrieg sollte nach Vorstellungen der Wehrmachtsgener&auml;le nur wenige Wochen dauern. Er forderte bis zu seinem offiziellen Ende am 8. Mai 1945 allein auf sowjetischer Seite etwa 27 Millionen Tote.<\/p><p>&bdquo;Der deutsche Angriff erfolgt, ohne dass zuvor politische und\/oder &ouml;konomische Forderungen an die Sowjetunion gestellt worden w&auml;ren&ldquo;, schrieb der Historiker Erich Sp&auml;ter 2015 in seinem Buch &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.conte-verlag.de\/index.php\/de\/buecher\/sachbuch\/429-erich-spaeter-der-dritte-weltkrieg\">Der dritte Weltkrieg &ndash; Die Ostfront 1941 &ndash; 1945<\/a>&ldquo;. &bdquo;Es gab weder ein Ultimatum noch eine Kriegserkl&auml;rung&ldquo;, erinnerte er. &bdquo;Der &Uuml;berfall wird von der deutschen Propaganda als europ&auml;ischer Kreuzzug zur Verteidigung der Kultur gegen den j&uuml;dischen Bolschewismus gefeiert.&ldquo;<\/p><p><strong>Breiter Konsens der Eliten<\/strong><\/p><p>Sp&auml;ter wies darauf hin, dass die faschistischen Pl&auml;ne, die Sowjetunion zu unterwerfen und zu zerschlagen, &bdquo;auf einem breiten Konsens innerhalb der herrschenden deutschen Eliten&ldquo; beruhten. Die deutschen Machteliten in Wirtschaft, Verwaltung und Milit&auml;r h&auml;tten nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik nicht aufgeh&ouml;rt, &bdquo;&uuml;ber eine erneute Offensive nachzudenken&ldquo;. Vor allem &ouml;konomische und geostrategische Interessen h&auml;tten dahinter gestanden, so Sp&auml;ter in seinem hochinteressanten Buch.<\/p><p>Das Gebiet der Sowjetunion sei wegen seiner Rohstoffe und Absatzm&auml;rkte sowie billigen Arbeitskr&auml;fte zum Ziel der deutschen Expansion geworden, bei der es um eine &bdquo;autarke Gro&szlig;raumwirtschaft&ldquo; statt einer st&auml;rkeren internationalen Verflechtung gegangen sei. &bdquo;Mit dem Vormarsch der Deutschen Wehrmacht und SS in der Sowjetunion realisiert sich im gesamten deutschen Machtbereich das radikalste Programm zur vollst&auml;ndigen Vernichtung eines Teils der Menschheit, das jemals erdacht und geplant wurde&ldquo;, betonte Sp&auml;ter.<\/p><p><strong>Hitlers Kriegsank&uuml;ndigung<\/strong><\/p><p>Einige Historiker erinnern daran, dass der 2. Weltkrieg bereits am 1. September 1939 begann, als das Gro&szlig;deutsche Reich und die Sowjetunion Polen aufteilten. Oft wird dabei die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Nichtangriffs-Vertrages weggelassen. Zuvor hatte Moskau lange Zeit versucht, gemeinsam mit den westlichen Staaten eine kollektive Sicherheitspolitik gegen&uuml;ber dem faschistischen Deutschland zu gestalten. Das sei sp&auml;testens mit dem M&uuml;nchner Abkommen vom 29. September 1938 gescheitert, wie unter anderem Historikerin Bianka Pietrow-Ennker in dem 2000 ver&ouml;ffentlichten Sammelband &bdquo;Pr&auml;ventivkrieg? Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion&ldquo; feststellte.<\/p><p>Dass der Eroberungs- und Vernichtungskrieg gegen das Land im Osten von Beginn an zu den Pl&auml;nen der deutschen Faschisten geh&ouml;rte, war lange vorher bekannt. &bdquo;In seinem Buch &sbquo;Mein Kampf&lsquo; (1. Band 1924) hatte Hitler, f&uuml;r jedermann zu lesen, die programmatische Erkl&auml;rung abgegeben: &sbquo;Der Kampf gegen die j&uuml;dische Weltbolschewisierung erfordert eine klare Einstellung zur Sowjetunion (&hellip;) Wir weisen den Blick nach dem Land im Osten (&hellip;) Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, k&ouml;nnen wir in erster Linie nur an Russland denken&lsquo;.&ldquo; Das schrieb der Historiker Fritz Fischer 1992 in seinem Buch &bdquo;Hitler war kein Betriebsunfall&ldquo;.<\/p><p>Fischer erinnerte auch daran, dass der von Hitler benutzte Begriff vom &bdquo;Lebensraum&ldquo; im Osten erstmals 1916 in einer Erkl&auml;rung der Universit&auml;t M&uuml;nchen auftauchte. Er wies ebenso darauf hin, dass Hitler lange Zeit, wenn auch erfolglos, versuchte, Polen als B&uuml;ndnispartner gegen die Sowjetunion zu gewinnen.<\/p><p><strong>&Uuml;berraschte Deutsche<\/strong><\/p><p>Dennoch hat die Morgenmeldung des &bdquo;Gro&szlig;deutschen Rundfunks&ldquo; am 22. Juni vor 82 Jahren &uuml;ber den Krieg im Osten auch die Masse der Deutschen unvorbereitet getroffen. Das stellte der <a href=\"http:\/\/www.ossietzky.net\/17-2016&amp;textfile=3635\">2016 verstorbene<\/a> Historiker Kurt P&auml;tzold in seinem <a href=\"https:\/\/www.eulenspiegel.com\/verlage\/edition-ost\/titel\/der-ueberfall.html\">Buch &bdquo;Der &Uuml;berfall&ldquo;<\/a> fest. Die Deutschen h&auml;tten damals eher mit einem Krieg gegen Gro&szlig;britannien gerechnet, nicht mit einer neuen Ostfront nach dem &Uuml;berfall auf Polen.<\/p><p>&bdquo;Was ihnen nun f&uuml;r ein Krieg bevorstand, ahnten die &sbquo;Volksgenossen&lsquo; am wenigsten, die seit Jahren die faschistischen Propagandabilder vom &sbquo;Bolschewismus&lsquo; und &sbquo;bolschewistischem Judentum&lsquo; eingesogen hatten, die, im September 1939 verschwunden, nun aus den Archiven wieder hervorgeholt wurden. Sie gerieten in einen Krieg ohne geschichtliches Beispiel.&ldquo;<\/p><p>P&auml;tzold zeigte in seinem letzten Buch, kurz vor seinem Tod erschienen, wie sich die Deutschen kurz vor und nach dem faschistischen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion verhielten, was sie dachten und wie sie reagierten. Sie h&auml;tten sich mehrheitlich in einen Krieg f&uuml;hren lassen, in dem sie nur verlieren konnten: &bdquo;Das eigene Leben, Verwandte und Freunde, Hab und Gut und gemeinsam das Ansehen, das seine Vorfahren als Nation sich einst erwarb.&ldquo; Der Historiker verstand das als Warnung vor der &bdquo;missbr&auml;uchlichen Mobilisierung von V&ouml;lkern gegen ihre eigenen Interessen&ldquo;. Das geh&ouml;re nicht der Vergangenheit an, nur die Instrumente daf&uuml;r seien ver&auml;ndert und vermehrt worden.<\/p><p><strong>Bet&auml;ubender Pakt<\/strong><\/p><p>Der &Uuml;berfall traf die Sowjetunion &bdquo;umso h&auml;rter, als die Moskauer F&uuml;hrung trotz zuverl&auml;ssiger Warnungen von innen und au&szlig;en bis zum letzten Tag auf dem fatalen Fehler beharrte, ihre Truppen im Westen davon abzuhalten, eine wirksame Verteidigung aufzubauen&ldquo;, stellte der Historiker Dietrich Eichholtz 2011 fest.<\/p><p>&bdquo;Dass es zwischen uns und dem faschistischen Deutschland zum Krieg kommen w&uuml;rde, unterlag f&uuml;r mich nicht dem geringsten Zweifel&ldquo;, erinnerte sich der sowjetische Schriftsteller und Kriegsberichterstatter Konstantin Simonow. &bdquo;Seit dem Jahr 33, seit Reichstagsbrand und Dimitroff-Prozess schien meiner Generation die Auseinandersetzung mit dem Faschismus unvermeidlich&ldquo;, schrieb der 1915 Geborene in seinem letzten, 1979 verfassten Buch &bdquo;Aus der Sicht meiner Generation &ndash; Gedanken &uuml;ber Stalin&ldquo;, das 1988 erstmals erscheinen konnte und 1990 auf Deutsch erschien.<\/p><p>Auch der deutsch-sowjetische Nichtangriffsvertrag habe diese Gewissheit nicht beseitigen k&ouml;nnen, wenn er auch beruhigte: &bdquo;Allerdings bestand die Meinung, bis dahin w&auml;r&rsquo;s noch ziemlich weit, der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich und England w&uuml;rde lange dauern, erst danach, irgendwann, w&uuml;rden wir mit dem Faschismus zusammenprallen.&ldquo;<\/p><p><strong>Folgenschwerer Terror<\/strong><\/p><p>Das Buch enth&auml;lt auch einen Text Simonows aus dem Jahr 1965 &uuml;ber die Rolle Stalins im Krieg. Darin widerspricht er der Vorstellung, wenn Stalin auf die fr&uuml;hen Warnungen vor einem deutschen Angriff, unter anderem von Richard Sorge, geh&ouml;rt h&auml;tte, h&auml;tte der &Uuml;berfall die Sowjetunion nicht so schwer getroffen und zu den gro&szlig;en Anfangsverlusten gef&uuml;hrt. Simonow erinnerte an den Terror, der 1937\/38 auch die Rote Armee erfasste und dem zahlreiche erfahrene Kommandeure zum Opfer fielen.<\/p><p>&bdquo;Ohne das Jahr 37 w&auml;ren wir im Sommer 41 unstrittig in jeder Hinsicht st&auml;rker gewesen&ldquo;, so der Schriftsteller. Selbst 1940 und 1941 habe der &bdquo;Wahn der Verd&auml;chtigungen und Anschuldigungen&ldquo; angehalten und dazu gef&uuml;hrt, dass hochrangige Milit&auml;rs verhaftet und ermordet wurden. Der offizielle Grund: Sie h&auml;tten den Ger&uuml;chten von angeblichen feindseligen Absichten Deutschlands Glauben geschenkt. Selbst der vorherige Generalstabschef und der Volkskommissar f&uuml;r R&uuml;stung waren zu Kriegsbeginn in Haft, beschrieb Simonow das Klima in der Sowjetunion kurz vor dem faschistischen &Uuml;berfall.<\/p><p>Der wurde in Moskau in den ersten Stunden als Provokation und nicht als Beginn des Krieges gesehen. Das schrieb Alexander Nekritsch in dem Buch &bdquo;Genickschuss &ndash; Die Rote Armee am 22. Juni 1941&ldquo;. In dem setzte er sich 1965 mit den Gr&uuml;nden f&uuml;r die milit&auml;rischen Misserfolge der sowjetischen Armee in der Anfangsphase des Krieges auseinander. Erst am Abend des Tages seien den eigenen Truppen Gegenschl&auml;ge gegen die einfallende faschistische Wehrmacht befohlen worden.<\/p><p>&bdquo;Innerhalb von wenigen Stunden hatte das gesamte Leben der UdSSR abrupt eine neue Richtung erhalten&ldquo;, schrieb Nekritsch &uuml;ber die Folgen des Kriegsbeginns. &bdquo;Der Krieg war da, ein grausamer und schonungsloser Krieg.&ldquo; Viele h&auml;tten sich freiwillig zur Roten Armee gemeldet: &bdquo;Der Wunsch aller fand in der lakonischen Schlagzeile der &sbquo;Prawda&lsquo; vom 23. Juni 1941 seinen Ausdruck: &sbquo;Der Faschismus wird vernichtet werden.&lsquo;&ldquo;<\/p><p><strong>Westliche Interessen<\/strong><\/p><p>Die massiven, selbstverursachten Fehler der sowjetischen F&uuml;hrung unter Stalin geh&ouml;ren ebenso zur Wahrheit des 22. Juni 1941 wie das Interesse der f&uuml;hrenden Kr&auml;fte im Westen an dem deutschen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion. Bevor sie sp&auml;ter mit dem &uuml;berfallenen Land die Anti-Hitler-Koalition bildeten, hofften sie, dass das auch mit ihrer Hilfe wieder aufger&uuml;stete Deutschland seiner zugedachten Rolle als &bdquo;Bollwerk gegen den Bolschewismus&ldquo; gerecht wird. Auf diese Rolle hatte bereits 1920 der US-amerikanische &Ouml;konom und Soziologe Thorstein Veblen hingewiesen.<\/p><p>Allgemein gilt der Versailler Vertrag von 1919 aufgrund seiner Bestimmungen unter anderem gegen&uuml;ber Deutschland als eine der Ursache f&uuml;r das Aufkommen des Faschismus und des Zweiten Weltkrieges. In seiner 1920 ver&ouml;ffentlichten Rezension des Buches von John Maynard Keynes &bdquo;Die &ouml;konomischen Folgen des Friedens&ldquo; &uuml;ber den Versailler Vertrag beschrieb Veblen klar, worum es bei dem Vertrag eigentlich ging: N&auml;mlich &bdquo;das reaktion&auml;re Regime in Deutschland wiederherzustellen und es zu einem Bollwerk gegen den Bolschewismus zu machen&ldquo;. Dazu seien alle Deutschland betreffenden Bestimmungen so gehalten gewesen, dass sie &bdquo;den Charakter einer Verhandlungsgrundlage&ldquo; gehabt h&auml;tten und &bdquo;je nach Zweckm&auml;&szlig;igkeit auf unbestimmte Zeit weiter angepasst werden&ldquo; konnten.<\/p><p>Die &bdquo;zentrale und verbindlichste Bestimmung&ldquo; des Vertrages und des V&ouml;lkerbundes sei &bdquo;eine uneingestandene Klausel&ldquo; gewesen, &bdquo;durch welche sich die Regierungen der Gro&szlig;m&auml;chte zur Unterdr&uuml;ckung Sowjetrusslands zusammentun&ldquo;. Veblen schrieb, dass diese geheime Klausel &bdquo;das Pergament war, auf dem der Text geschrieben wurde&ldquo;. Die Siegerm&auml;chte des Ersten Weltkrieges h&auml;tten das seit 1917 kommunistische Russland als Bedrohung ihres eigenen grundlegenden Systems gesehen. Dieses funktionierte l&auml;ngst auf Grundlage der &bdquo;Eigent&uuml;merschaft in Abwesenheit&ldquo;, wie Veblen nannte, was wir heute Herrschaft des Finanzkapitals durch Aktien- und Fondsbesitz und andre Formen kennen. Russland hatte der Dominanz der Profittreiberei aus Grundeigentum und Finanzmitteln den Kampf angesagt, die heute wieder den Globus beherrscht.<\/p><p><strong>Interessengeleitete Nachsicht<\/strong><\/p><p>Veblen machte darauf aufmerksam, dass die nach au&szlig;en gegen Deutschland streng wirkende Vertragskonstruktion aber in Wirklichkeit von einer &bdquo;bemerkenswerte Nachsicht&ldquo; bestimmt sei, &bdquo;die auf eine Art von betr&uuml;gerischer Nachl&auml;ssigkeit hinausl&auml;uft&ldquo;. Das h&auml;tten sich vor allem die britischen Vertreter in Versailles ausgedacht, mit dem Ziel, Deutschland nicht so sehr zu l&auml;hmen, &bdquo;dass das kaiserliche Establishment in seinem Kampf gegen den Bolschewismus im Ausland oder den Radikalismus im Inland wesentlich geschw&auml;cht wird&ldquo;.<\/p><p>Zwar musste der Kaiser gehen, aber die Gener&auml;le, Industriellen und Junker, eben das ganze kaiserliche Establishment, blieben weitgehend unbehelligt. Die deutsche Oberschicht sollte verschont bleiben und das Elend der Kriegsfolgen nur die einfachen Deutschen treffen, erkannte Veblen. Der Zorn der Unterschicht sollten dann der N&auml;hrboden sein, auf dem die herrschenden Kreise in Deutschland im Sinne ihrer westlichen Gesinnungsgenossen ein reaktion&auml;res, antibolschewistisches Regime errichten konnten. &bdquo;In ihrem Bestreben, die bestehende politische und wirtschaftliche Ordnung zu sichern &ndash; die Welt f&uuml;r eine Demokratie der Investoren sicher zu machen &ndash; haben sich die Staatsm&auml;nner der Siegerm&auml;chte auf die Seite der kriegsschuldigen deutschen abwesenden Eigent&uuml;mer und gegen deren untergebene Bev&ouml;lkerung gestellt&ldquo;, urteilte Veblen, Jahre bevor der Faschismus sich in Deutschland breitmachte und 1933 an die Macht gehievt wurde.<\/p><p>Und danach zeigte sich der Westen gegen&uuml;ber dem deutschen Faschismus weiterhin sehr nachsichtig und lie&szlig; ihm fast alles durchgehen, von der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes 1936, &uuml;ber die Annexion der Tschechoslowakei 1938 bis hin zum &Uuml;berfall auf Polen 1939. Das wird allgemein als Appeasement-Politik aufgrund wirtschaftlicher Interessen oder gar des Friedens willens gedeutet, hatte aber handfeste ideologische Motive.<\/p><p><strong>N&uuml;tzlicher Kommunistenfresser<\/strong><\/p><p>Der Historiker und Gewerkschafter Peter Scherer schrieb dazu 1989 in seinem Buch &bdquo;Freie Hand im Osten &ndash; Urspr&uuml;nge und Perspektiven des Zweiten Weltkrieges&ldquo;: &bdquo;Nicht der Vertreter des deutschen Imperialismus wurde zwischen 1935 und 1938, ja bis 1940 hinein, von Gro&szlig;britannien und Frankreich hofiert, sondern der Kommunistenfresser und Antibolschewik. Ihm h&auml;tten sie ganz Ost- und S&uuml;dosteuropa ausgeliefert, wenn er sich nur auf diese Rolle des &sbquo;Exterminators&lsquo;, des politischen Kammerj&auml;gers und Massenm&ouml;rders h&auml;tte beschr&auml;nken lassen.&ldquo; Hitler sei der garantierte Krieg gegen Sowjetrussland gewesen, an dem auch die westlichen M&auml;chte interessiert gewesen seien.<\/p><p>Die Russische Revolution 1917 habe anders als von ihren deutschen Finanziers gedacht &bdquo;innerhalb weniger Wochen ein Loch in die Landkarte des Imperialismus, das sich so schnell nicht mehr schlie&szlig;en sollte&ldquo;, gebrannt. Das konnten sie Russland und sp&auml;ter der Sowjetunion nie verzeihen. &bdquo;Die imperialistische Welt sieht sich aus der Basis des europ&auml;ischen Kontinents heraus in Frage gestellt&ldquo;, so Scherer &uuml;ber die Folgen. Die Entwicklung der Sowjetunion, mit all ihren Folgen, dazu die chinesische Revolution, das sei selbst f&uuml;r &bdquo;so &uuml;beraus kultivierte und sanftm&uuml;tige Politiker wie den britischen Premier Chamberlain eine fundamentale Bedrohung&ldquo; gewesen.<\/p><p>&bdquo;Es lag nahe, dieser Bedrohung im Ma&szlig;stab ihrer geographischen Dimension entgegenzuarbeiten: im Osten mit Japan gegen die Revolution in China, im Westen mit Deutschland gegen die Sowjetunion.&ldquo; Und so best&auml;tigte 1937 der britische Politiker Edward Frederick Lord Halifax beim Besuch Adolf Hitlers auf dem Obersalzberg, was Veblen 1920 schon voraussagte: Hitler habe dem Kommunismus den Weg nach Westeuropa versperrt, indem er ihn im eigenen Land vernichtete und &bdquo;dass daher mit Recht Deutschland als Bollwerk des Westens gegen den Bolschewismus angesehen werden k&ouml;nne&ldquo;.<\/p><p><strong>Westliche Eroberungspl&auml;ne<\/strong><\/p><p>Scherer zitierte aus der &bdquo;New York Herald Tribune&ldquo; vom 12. Oktober 1939, die kurz nach dem polnischen Zusammenbruch schrieb: &bdquo;Die Frage besteht nicht darin, wo die Grenzen Deutschlands, Polens oder der Tschechoslowakei verlaufen. Die Frage besteht darin, wo in Europa die Grenze gegen die Verbreitung des Bolschewismus verl&auml;uft.&ldquo; Er erinnerte auch daran, dass die Westm&auml;chte selbst dann nicht Deutschland angriffen, als die faschistische Wehrmacht am 10. Mai 1940 ihren &bdquo;Westfeldzug&ldquo; begann. Daf&uuml;r hatten sie zuvor begonnen, Expeditionskorps gegen die Sowjetunion aufzustellen, die im sowjetisch-finnischen Winterkrieg 1939\/40 in Narvik, Petsamo und Murmansk landen sollten. Ebenso wurde in London und Paris geplant, die sowjetischen Erd&ouml;lgebiete von Baku und Batumi zu bombardieren. Bei den Pl&auml;nen blieb es aber.<\/p><p>Der Historiker machte auf die zunehmende Rolle des US-Kapitals hinter der britischen Politik aufmerksam und zitierte den sp&auml;teren US-Pr&auml;sidenten Harry Truman. Der hatte am 24. Juni 1941, zwei Tage nach dem faschistischen &Uuml;berfall auf die Sowjetunion, erkl&auml;rt: &bdquo;Sehen wir, dass Deutschland gewinnt, so m&uuml;ssen wir Russland helfen, wird aber Russland gewinnen, so m&uuml;ssen wir Deutschland helfen, und auf diese Weise sollen sich nur m&ouml;glichst viele totschlagen.&ldquo;<\/p><p>Der &Uuml;berfall am 22. Juni vor 82 Jahren war &bdquo;keine spezifisch deutsche Aktion&ldquo;, stellte Scherer klar. Briten, Franzosen, Tschechen, Japaner, Amerikaner und 1920 Polen h&auml;tten sich schon daran versucht, &bdquo;das bedrohliche Loch zu stopfen&ldquo;, dass das kommunistische Russland und dann die UdSSR &bdquo;in die Landkarte des Imperialismus gerissen hatte&ldquo;. Hitler habe als &bdquo;ideeller Gesamtimperialist&ldquo; gehandelt, es aber nicht vermocht, &bdquo;der imperialistischen F&uuml;hrungsmacht Gro&szlig;britannien ihren Segen zu seinem Kreuzzug abzuringen&ldquo; &ndash; die auch das Interesse hatte, dass der Konkurrent Deutschland geschw&auml;cht wird oder gar untergeht.<\/p><p><strong>Ungelernte Lektionen <\/strong><\/p><p>Mit Blick auf das Verhalten der Westm&auml;chte schrieb Scherer: &bdquo;Die Zeit nach Barbarossa kam nicht und die Westm&auml;chte zogen es endg&uuml;ltig vor, den deutschen Konkurrenten mehr zu f&uuml;rchten als den Bolschewismus, der ihnen auf Jahre hinaus ein n&uuml;tzlicher Verb&uuml;ndeter sein sollte.&ldquo; Zugleich gaben sie ihre antikommunistische Russophobie nicht auf: &bdquo;Deutschland wurde nach Meinung der US-Regierung und ihres Emiss&auml;rs Allan Dulles 1943 f&uuml;r &sbquo;Ordnung und Wiederaufbau&lsquo; hinter einem neuen antibolschewistischen &sbquo;sanit&auml;ren Riegel&lsquo; vorgesehen.&ldquo;<\/p><p>Wie einst Deutschland soll nun die Ukraine als Bollwerk gegen das heutige, nicht mehr kommunistische Russland dienen, samt Faschisten. Dazu wird sie missbraucht, aufger&uuml;stet und zerst&ouml;rt. Wenn auch der Bolschewismus Geschichte ist, ist Russland immer noch der Feind: Weil es bis heute nicht bereit, sich einfach dem Westen unterzuordnen. Wie damals wird auch dieser Versuch scheitern, den aber viele Menschen auf beiden Seiten mit dem Leben bezahlen. Die Interessen dahinter sind die gleichen wie <a href=\"https:\/\/springstein.blogspot.com\/2014\/03\/vor-100-jahren-krieg-aus-angst-vor.html\">vor mehr als 100 Jahren<\/a> beim Ersten Weltkrieg und vor mehr als 80 Jahren beim Zweiten Weltkrieg.<\/p><p>Am 28. Februar 2023 erkl&auml;rte der US-Generalleutnant Keith Kellogg in einer <a href=\"https:\/\/www.armed-services.senate.gov\/hearings\/to-receive-testimony-on-conflict-in-ukraine\">Anh&ouml;rung<\/a> des US-Senats zur Lage in der Ukraine: &bdquo;Wenn man einen strategischen Gegner besiegen kann und das ohne den Einsatz von US-Truppen, ist das der Gipfel der Professionalit&auml;t.&ldquo; Wenn die Ukrainer in die Lage versetzt werden w&uuml;rden, Russland zu besiegen, w&auml;re ein strategischer Gegner vom Tisch und die USA k&ouml;nnten sich um ihren Hauptgegner China k&uuml;mmern. Kellogg f&uuml;gte hinzu: &bdquo;Wenn wir dabei scheitern, m&uuml;ssen wir vielleicht einen weiteren europ&auml;ischen Krieg f&uuml;hren, das w&auml;re dann das dritte Mal.&ldquo; Die Lektionen der Geschichte sind im Westen anscheinend bis heute nicht gelernt und begriffen worden.<\/p><p>Titelbild: Bundesarchiv<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 82 Jahren begann das &bdquo;Unternehmen Barbarossa&ldquo;: Am 22. Juni 1941 hat das faschistische &bdquo;Gro&szlig;deutsche Reich&ldquo; die Sowjetunion &uuml;berfallen, vertragsbr&uuml;chig, aber dennoch angek&uuml;ndigt. Aber der &Uuml;berfall hat selbst die Deutschen &uuml;berrascht, wie Historiker zeigen. Es folgte ein Raub- und Vernichtungskrieg gegen ein Land, den es vorher so nicht gab. 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