{"id":996,"date":"2005-12-21T15:51:25","date_gmt":"2005-12-21T13:51:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=996"},"modified":"2016-02-23T09:36:02","modified_gmt":"2016-02-23T08:36:02","slug":"der-unertragliche-versuch-familien-gegen-kinderlose-in-stellung-zu-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=996","title":{"rendered":"Der unertr\u00e4gliche Versuch, Familien gegen Kinderlose in Stellung zu bringen"},"content":{"rendered":"<p>Um Missverst&auml;ndnisse gleich auszuschlie&szlig;en: Die Zahl meiner Kinder liegt mehr als doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der M&auml;nner. Ich k&ouml;nnte also mit Genugtuung verfolgen, wie eine Meldung und ein Kommissionsergebnis nach dem andern die Kinderreichen lobt und die Kinderlosen anprangert. Ich neige eher dazu, die Kinderlosen unter unseren Lesern aufzurufen, sich endlich gegen diese Diffamierung zu wehren. Denn hier werden von verschiedenen Akteuren die Probleme der Belastung aller in einer wirtschaftlich schwierigen Situation vornehmlich der Kinderlosigkeit zugeschoben. Dies geschieht obendrein mit unlauteren Argumenten und Berechnungen.<br>\n<!--more--><br>\nEnde letzter Woche pr&auml;sentierte eine Kommission der Robert Bosch-Stiftung einen Bericht mit der Behauptung, jedes Kind bringe dem Staat &ndash; und damit auch den Kinderlosen &ndash; fast 77.000 &euro; im Laufe seines Lebens. Die Berechnung wurde vom ifo-Institut angestellt. Mir hat sich diese nicht erschlossen. Ich halte sie im Gegenteil f&uuml;r abenteuerlich. Jetzt kommt der r&uuml;hrige Sozialrichter J&uuml;rgen Borchert in einem Interview mit dem Deutschlandfunk mit der Schlagzeile: <a href=\"http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/450431\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.dradio.de\/dlf\/sendungen\/interview_dlf\/450431\/\">&ldquo;Familien sind die Sparschweine und Melkk&uuml;he der Nation&rdquo;<\/a> und der Behauptung, die Belastung von Familien gegen&uuml;ber Kinderlosen sei durch Mehrwertsteuererh&ouml;hung, &Ouml;kosteuer und Steuerreform rasant gestiegen. <\/p><p>Ich bestreite ja nicht, dass kinderreiche Familien sehr belastet sind. Aber so zu tun, als l&auml;ge dies an den Menschen ohne oder mit wenigen Kindern, das ist wirklich die falsche Sto&szlig;richtung. Denn diese tragen schon einen Teil der Ausgleichslast. Ob dieser Ausgleich gr&ouml;&szlig;er sein sollte, wie jetzt im Zusammenhang mit dem Elterngeld diskutiert wird, dar&uuml;ber kann man streiten. Aber die unterschwelligen Angriffe auf die Kinderlosen und kinderarmen Familien sind unertr&auml;glich. Die Angreifenden arbeiten auch mit unlauteren Argumenten, wie der folgende Text von J&uuml;rgen Borchert zeigt: <\/p><p>&bdquo;Richtig wird der Schuh erst dann, wenn man sich die Transferverh&auml;ltnisse wie das &uuml;brigens im Tr&uuml;mmerfrauenurteil vom Bundesverfassungsgericht 1992 mal gemacht wurde, wenn man sich mal anschaut, <strong>was kostet ein kinderloser Ruhest&auml;ndler vom Eintritt in den Ruhenstand bis zum Tode<\/strong> an Gesundheitskosten und was kosten die Kinder von 0 bis 20. Und da ist das Ergebnis so, dass ein kinderloser Ruhest&auml;ndler, <strong>der ja ausnahmslos versorgt wird von den Kindern anderer Leute in diesen Umlageverfahren, das zehnfache an Kosten verursacht<\/strong> gegen&uuml;ber den Kindern von 0 bis 20. Also auch da laufen die Verteilungsverh&auml;ltnisse ganz entgegengesetzt dem, was man so &uuml;blicherweise in der &Ouml;ffentlichkeit annimmt.&ldquo;<\/p><p>Borchert macht den &uuml;blichen Denkfehler: Er l&auml;sst au&szlig;er acht, dass die kinderlosen Ruhest&auml;ndler w&auml;hrend ihres Arbeitslebens in der Regel Beitr&auml;ge und Steuern bezahlt haben. Das ist ihr Beitrag zum Umlageverfahren gewesen, von dem w&auml;hrend der Zeit ihrer Arbeit die damals im Ruhestand Befindlichen bezahlt wurden. Jetzt als Rentner nehmen sie die Zahlung der heute arbeitenden Generation in Anspruch. Grunds&auml;tzlich gilt so, dass jeder letztlich f&uuml;r seine Rente und f&uuml;r seine Krankenkasse in der Rentenzeit selbst vorgesorgt hat. Bei allen neuen &Uuml;berlegungen, etwa dem Vorschlag, dass Kinderlose die Rentenbeitr&auml;ge der Kinderreichen bezahlen sollen, wird einfach abgeschnitten, was ein kinderloser Rentner fr&uuml;her gezahlt hat. Oder andersherum: Auch die Kinder aus kinderreichen Familien, die angeblich die Renten der anderen bezahlen, werden einmal Rentner und nehmen dann das von ihnen &bdquo;Vorgeleistete&ldquo; wieder von anderen in Anspruch, denn jedes Kind, wird wenn es die statistische Lebenserwartung erreicht eben auch einmal Rentner.<br>\nEs f&uuml;hrt eben kein Weg daran vorbei, dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der jeweils laufenden Periode gedeckt werden muss. Es gibt keine andere Quelle daf&uuml;r und hat auch noch nie eine andere gegeben. Egal ob Umlagefinanzierung oder Kapitaldeckung (denn die Zinsen m&uuml;ssen ja auch erwirtschaftet werden) gibt es keine Ansammlung von Periode zu Periode, also kein &bdquo;Ansparen&ldquo; im privatwirtschaftlichen Sinne. Es gibt einfach keine andere Quelle als das jeweils laufende Volkseinkommen f&uuml;r den Sozialaufwand.<br>\nWieso wie im Falle der ifo-Berechnungen die gro&szlig;e Summe von 77.000 &euro; &ndash; f&uuml;r die kinderlosen Rentner &uuml;brig bleiben soll, ist unerkl&auml;rlich. Irgendwie wird hier eine wundersame Mehrwert-Konstruktion eingebaut. Die Logik erschlie&szlig;t sich mir nicht.<\/p><p>Hinweis f&uuml;r Leser der &bdquo;Reforml&uuml;ge&ldquo;: Auf den Seiten 123 bis 125 wird ausf&uuml;hrlich auf dieses Thema eingegangen.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Missverst&auml;ndnisse gleich auszuschlie&szlig;en: Die Zahl meiner Kinder liegt mehr als doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der M&auml;nner. Ich k&ouml;nnte also mit Genugtuung verfolgen, wie eine Meldung und ein Kommissionsergebnis nach dem andern die Kinderreichen lobt und die Kinderlosen anprangert. 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