{"id":99640,"date":"2023-06-23T11:00:46","date_gmt":"2023-06-23T09:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99640"},"modified":"2023-06-23T11:58:50","modified_gmt":"2023-06-23T09:58:50","slug":"europa-zwischen-eurasien-und-den-usa-ein-wcr-gespraech-mit-gregor-gysi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99640","title":{"rendered":"Europa zwischen Eurasien und den USA &#8211; Ein WCR-Gespr\u00e4ch mit Gregor Gysi"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Muss sich Europa zwischen Eurasien und den USA als Handelspartner entscheiden?&ldquo; &ndash; das war die Leitfrage einer Veranstaltung des sogenannten &bdquo;WCR-Kaminabends&ldquo;, die am 21. Juni in Berlin stattfand. Gast und Interviewpartner war Dr. Gregor Gysi, au&szlig;enpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Die LINKE. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDie Abk&uuml;rzung WCR steht f&uuml;r &bdquo;West-Ost Communication &amp; Relations&ldquo; und ist aus dem &bdquo;Wirtschaftsclub Russland&ldquo; hervorgegangen. Angesichts des Krieges Russlands gegen die Ukraine entstand eine multidimensionale Z&auml;sur, die nicht nur unmittelbar die au&szlig;en- und sicherheitspolitische Ebene betrifft, sondern sich auch bis auf die Ebenen der Wirtschaft, des Mittelstandes sowie der Wirtschaftsverb&auml;nde auswirkt. <\/p><p>So gelangte auch der WCR zu dem Schluss, dass eine Umbenennung und eine Erweiterung des geographischen Abhandlungsraumes unausweichlich sein w&uuml;rde. Aus dem &bdquo;Wirtschaftsclub Russland&ldquo; wurde so ein Wirtschaftsclub, der den gesamten eurasischen Raum abzudecken beansprucht. In diesem Zusammenhang wurde auch ein neues Format, das Kamingespr&auml;ch, eingef&uuml;hrt. Ziel ist es, mehrfach im Jahr au&szlig;enpolitische, au&szlig;enwirtschaftspolitische und geo&ouml;konomische Themen mit einem Gast aus der Bundespolitik zu diskutieren. Dabei soll die Teilnehmerrunde &uuml;berschaubar bleiben, sodass eine tiefergehende Diskussion mit dem Gast m&ouml;glich ist. Im Februar war der au&szlig;enpolitische Sprecher der FDP, Ulrich Lechte, zu Besuch. Am 21. Juni war es nunmehr Gregor Gysi gewesen. <\/p><p><strong>Neuorientierung in einer neuen Welt<\/strong><\/p><p>Dass angesichts der un&uuml;bersehbaren geopolitischen und geo&ouml;konomischen Zeitenwende weg von der seit Jahrhunderten w&auml;hrenden westlichen Globalhegemonie hin zu einer neuen Weltordnung mit mehreren politischen und &ouml;konomischen Zentren dies auch Fragen und Entscheidungen f&uuml;r Europa und somit auch f&uuml;r Deutschland mit sich bringen wird, versteht sich von selbst. Es ist davon auszugehen, dass in der neuen multipolaren Weltordnung neben den USA auch China, Indien, Russland sowie einige Mittelm&auml;chte (Brasilien, Iran, T&uuml;rkei etc.) eine zentrale Rolle in der politischen und &ouml;konomischen Gestaltung spielen werden.<\/p><p>Wohin soll die Reise Europas gehen? Welche Rolle wird Europa, genauer gesagt die EU, spielen? Wird die EU auch geo-&ouml;konomisch ein Anh&auml;ngsel der USA werden und dadurch eigene Interessen hintenanstellen oder wird die EU eigene Akzente setzen, d.h. in welchem Ausma&szlig; auch immer eigene wirtschaftliche Interessen verfolgen, die mit den Interessen der USA nicht nur nicht kompatibel w&auml;ren, sondern diesen sogar diametral gegen&uuml;berst&uuml;nden?<\/p><p><strong>Europas und Deutschlands Interessen<\/strong><\/p><p>Gysis Antworten dazu waren eindeutig. Er kritisierte die einseitige Ausrichtung Deutschlands und der EU hinsichtlich der Energielieferungen aus den USA. Von einer einseitigen Importabh&auml;ngigkeit (Russland) in die andere Importabh&auml;ngigkeit (USA). Deutschland und die EU sollten ihre Bezugsquellen st&auml;rker streuen. Insgesamt warb er daf&uuml;r, die eigenen europ&auml;ischen und deutschen Interessen selbstbewusster zu benennen und auch zu verfolgen. Sein favorisiertes Modell orientiert auf eine Partnerschaft mit den USA auf Augenh&ouml;he. So ist auch seine Erkl&auml;rung zu verstehen: Wenn man sich als Pudel behandeln lasse, dann werde man auch als Pudel behandelt. Wenn man nicht auftrete wie ein Pudel, dann werde man auch ernst genommen.<\/p><p>China als Handelspartner sei als eine tragende S&auml;ule unseres Wohlstandes unverzichtbar, die nicht auch noch zerschlagen werden d&uuml;rfe, nachdem das Ende der billigen Energielieferungen aus Russland sich bereits negativ auf die Wirtschaft auswirke. Dabei gehe es nicht darum, menschenrechtliche Defizite zu &uuml;bergehen, sondern darum, wie man diese anspricht, um eine wirkliche Verbesserung zu erzielen. Der derzeit praktizierte konfrontative Ansatz bringe eben keine Verbesserungen mit sich, sondern belaste die Beziehungen zu China vielmehr. Viel effektiver sei es, in Gespr&auml;chen diese Themen jenseits der &Ouml;ffentlichkeit kooperativ und nicht konfrontativ anzusprechen. Er verwies auf die positiven Auswirkungen der Ost-Politik Willy Brandts, die in der DDR zu menschenrechtlichen Verbesserungen gef&uuml;hrt h&auml;tten.<\/p><p>Mit Blick auf den Verbleib deutscher Unternehmer in oder den R&uuml;ckzug aus Russland konnte oder wollte Gysi nicht mit einer direkten Empfehlung aufwarten. Er beantwortete die Frage eher mittelbar, indem er feststellte, dass jene Unternehmen, die in Russland verblieben, nach dem Krieg und der tendenziellen Beruhigung des deutsch-russischen Verh&auml;ltnisses gegen&uuml;ber den Unternehmen, die auf den russischen Markt zur&uuml;ckkehren wollten, nat&uuml;rlich im Vorteil seien. Diese seine Feststellung basiert auf einem ganz nat&uuml;rlichen Aspekt. Die Leerstellen, die deutsche Unternehmen durch ihren R&uuml;ckzug hinterlassen, werden entweder durch russische Akteure oder durch neue Investoren aus China, Indien und weiteren Staaten, die sich den westlichen Sanktionen gegen Russland nicht anschlie&szlig;en, besetzt.<\/p><p>Die Antworten Gysis auf die Eingangsfrage sind sehr deutlich: Keine Entscheidung f&uuml;r die eine oder andere Seite, sondern das selbstbewusste Verfolgen eigener (wirtschaftlicher) Interessen.<\/p><p><em>Transparenzhinweis der Redaktion: Unser Gastautor Alexander Neu war Moderator des Gespr&auml;chs mit Gregor Gysi im Rahmen der WCR-Gespr&auml;chs.<\/em><\/p><p>Titelbild: WCR e.V. <\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94013\">&bdquo;Die Zeitenwende auf der M&uuml;nchner SiKo&ldquo; &ndash; Eine Lageeinsch&auml;tzung der Eurasien-Gesellschaft<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98241\">Europa, ein Vasall der USA? &ndash; Europas Weigerung, erwachsen zu werden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89302\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 1<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89314\">Krieg in der Ukraine: Warum sich der Westen so schwertut, Kompromisse einzugehen &ndash; Teil 2<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/a4a62e80f25c4c8d9d1a44e077603dab\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Muss sich Europa zwischen Eurasien und den USA als Handelspartner entscheiden?&ldquo; &ndash; das war die Leitfrage einer Veranstaltung des sogenannten &bdquo;WCR-Kaminabends&ldquo;, die am 21. 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