{"id":9967,"date":"2011-07-01T15:47:42","date_gmt":"2011-07-01T13:47:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9967"},"modified":"2016-06-03T07:58:49","modified_gmt":"2016-06-03T05:58:49","slug":"insm-und-raffelhuschen-angriff-auf-die-familie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9967","title":{"rendered":"INSM und Raffelh\u00fcschen: Angriff auf die Familie"},"content":{"rendered":"<p>Dass Bernd Raffelh&uuml;schen mit seinem Freiburger &bdquo;Zentrum Generationsforschung&ldquo; ein verl&auml;ngerter pseudo-wissenschaftlicher Schreibtisch der Versicherungswirtschaft und der am gleichen Strick ziehenden &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) ist, das haben wir auf den NachDenkSeiten unz&auml;hlige Male belegt (z.B. <a href=\"\/?p=1294\">hier<\/a> oder aktuell <a href=\"\/wp-print.php?p=9322\">hier<\/a>) Die neueste Raffelh&uuml;schen-&bdquo;Studie&ldquo; mit dem Titel &bdquo;Fehlfinanzierung in der deutschen Sozialversicherung&ldquo;, finanziert von der INSM, wird als ein besonders raffinierter Versuch genutzt, wieder einmal die Lieblingsthemen dieser <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/finanzen\/versicherungen\/article13457703\/Kostenlose-Mitversicherung-ist-grob-ungerecht.html\">allein in diesem Jahr mit &uuml;ber 7 Millionen Euro arbeitgeberfinanzierten PR-Agentur<\/a>, n&auml;mlich die Senkung der sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; zum &ouml;ffentlichen Thema zu machen und gleichzeitig den (inzwischen finanziell schw&auml;chelnden) privaten Krankversicherern Kunden zuzutreiben. Von Wolfgang Lieb<br>\n<!--more--><\/p><p>Die &bdquo;Studie&ldquo; komme &ndash; so der Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der INSM Hubertus Pellengar &ndash; zum Ergebnis: Der Beitragssatz zur Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) k&ouml;nne um 0,7 Prozentpunkte gesenkt werden, wenn die &bdquo;Herdpr&auml;mie&ldquo;, also die Mitversicherung von rund f&uuml;nf Millionen Hausfrauen und Hausm&auml;nnern abgeschafft und die jeweiligen Ehegatten zus&auml;tzlich einen eigenen Krankenversicherungsbeitrag <a href=\"http:\/\/www.insm.de\/insm\/Presse\/Pressemeldungen\/Fehlfinanzierung-Sozialversicherung.html\">von 126 Euro im Monat zahlen m&uuml;ssten<\/a>.<\/p><p>Die Forderung nach einer Senkung des Beitragssatzes kommt &ndash; interessanterweise &ndash; in der Raffelh&uuml;schen-&bdquo;Studie&ldquo; (Siehe Download Pr&auml;sentation der Studie) gar nicht vor, muss also von Pellengahr frei &bdquo;gesch&ouml;pft&ldquo; worden sein, um das Lieblingsthema der INSM, n&auml;mlich die Senkung der sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo; wieder einmal ins Spiel zu bringen. Raffelh&uuml;schen st&ouml;rt aber diese offensichtliche Manipulation seiner &bdquo;Studie&ldquo; durch die INSM offensichtlich nicht. <\/p><p>In der &bdquo;Studie&ldquo; wird zwar der familienpolitische &bdquo;Umverteilungsstrom&ldquo; im Jahr 2008 mit 44,2 Milliarden Euro beziffert, wobei allerdings zwei Drittel dieses Betrags (28,6 Milliarden Euro) auf die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. (S.42) <\/p><p>(Diese Mitversicherung der Kinder will aber selbst die INSM (noch) nicht abschaffen. Mit Einf&uuml;hrung des sog. Gesundheitsfonds soll im &Uuml;brigen die beitragsfreie Mitversicherung der Kinder nicht mehr durch Beitragseinnahmen, sondern ab 2008 zunehmend durch Steuermittel finanziert werden.) <\/p><p>Die beitragsfreie Mitversicherung von Familienangeh&ouml;rigen als Element des Familienausgleichs geh&ouml;rt seit &uuml;ber hundert Jahren zu den Kernbestandteilen des Solidarprinzips bei der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Die politische Absicht war und ist, Familien mit nur einem Einkommen durch die beitragsfreie Mitversicherung von Angeh&ouml;rigen beitragsm&auml;&szlig;ig zu entlasten. Die Gesundheitskosten f&uuml;r die beitragsfrei Mitversicherten m&uuml;ssen von den beitragspflichtigen Mitgliedern der GKV insgesamt mitfinanziert werden. <\/p><p>Bei den Privaten Krankenkassen (PKV)  werden zwar Sondertarife f&uuml;r Ehepartner und f&uuml;r Kinder angeboten, aber keine Familienversicherung &ndash; es herrscht grunds&auml;tzlich nicht das Solidar- sondern das &Auml;quivalenzprinzip. W&uuml;rde man also bei der GKV vom bisher mitversicherten Ehegatten einen zus&auml;tzlichen Beitrag abverlangen, dann w&uuml;rden bei entsprechendem Einkommen private Krankenversicherungen f&uuml;r Familien erheblich attraktiver. Das ist wohl das Hauptmotiv f&uuml;r die Forderung der INSM nach einer Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung von Ehepartnern bei der GKV und der Polemik gegen die &bdquo;Herdpr&auml;mie&ldquo;. <\/p><p>Nun ist die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern schon seit l&auml;ngerer Zeit in die Kritik geraten. Die Bundes&auml;rztekammer meinte, dies sei nicht mehr &bdquo;zeitgem&auml;&szlig;&ldquo; und auch der Sachverst&auml;ndigenrat blies schon 1997 in dieses Horn. Man mag dar&uuml;ber streiten, ob es gerecht ist, wenn der meist weibliche Ehepartner schon mit einer geringf&uuml;gigen Besch&auml;ftigung zu eigenen Krankenversicherungsbeitr&auml;gen herangezogen wird, der erwerbslose Ehepartner jedoch nicht. Auch dass bei kinderlosen Ehepaaren der Partner zu Lasten der Versichertengemeinschaft automatisch mitversichert ist, erscheint fraglich. <\/p><p>Die bisherige Regelung stellt nicht auf das Einkommen des in der Familie jeweils Erwerbst&auml;tigen sondern auf das gesamte Haushaltseinkommen ab. Sie geht (realistischerweise) davon aus, dass durch die Ehelichung eines Erwerbslosen sich das Einkommen des (allein) Erwerbst&auml;tigen sozusagen halbiert. Ob nun aber zweimal das halbe Familieneinkommen zur Beitragsberechung herangezogen wird oder einmal das ganze, ist f&uuml;r die H&ouml;he der Gesamtbeitragszahlung weitgehend unerheblich. W&uuml;rde man f&uuml;r den bisher mitversicherten Ehepartner einen zus&auml;tzlichen Krankenversicherungsbeitrag erheben, so w&auml;re das Haushaltseinkommen dieses Ehepaars jedenfalls um diesen Betrag gemindert. <\/p><p>Kritisch w&auml;re dagegen einzuwenden: Wenn man schon auf das Haushaltseinkommen abstellt, w&auml;re es umverteilungspolitisch allerdings nur konsequent, wenn auch die Beitragsbemessungsgrenze f&uuml;r Ehepaare verdoppelt w&uuml;rde. Geht n&auml;mlich bei dem allein erwerbst&auml;tigen Ehepartner das Einkommen &uuml;ber die Beitragsbemessungsgrenze hinaus und unterstellt man wieder eine gleichm&auml;&szlig;ige Zurechnung des Einkommens und damit auch der Beitragszahlungen auf beide Ehepartner, so zahlen beide weniger, als es der Beitragssatz <a href=\"http:\/\/www.allinger.biz\/Mitversicherung.pdf\">vorgeben w&uuml;rde [PDF &ndash; 32.1 KB]<\/a>.<\/p><p>Aber &uuml;ber diese ungerechte &bdquo;Fehlfinanzierung&ldquo; zugunsten der Besserverdienenden innerhalb der GKV, die durch eine Erh&ouml;hung dieser Beitragsbemessungsgrenze (also derzeit einem Monatseinkommen von 3.712,50 Euro, ab dem die Beitr&auml;ge in die GKV gedeckelt werden) beseitigt werden k&ouml;nnte, verlieren nat&uuml;rlich weder Raffelh&uuml;schen noch die INSM auch nur ein Wort. Geriete doch damit auch gleichzeitig auch die Versicherungspflichtgrenze  von 4.125 Euro pro Monat (also der Betrag, bis zu dem bis zu dem eine Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung besteht) in Gefahr. W&uuml;rde n&auml;mlich auch diese Versicherungspflichtgrenze nach oben verschoben, dann ginge das &ndash; jedenfalls bei Familien &ndash; zu Lasten der privaten Krankenversicherungen. <\/p><p>Das w&auml;re nun aber gar nicht im Sinne von Raffelh&uuml;schen und der INSM. Da bringt man doch lieber wieder die schon einmal politisch gescheiterte Gesundheitspr&auml;mie, alias &bdquo;Kopfpauschale&ldquo; ins Spiel &ndash; also ein nicht lohnabh&auml;ngiges Finanzierungsmodell, bei dem vom Generaldirektor bis zum Pf&ouml;rtner alle den gleich hohen Beitrag bezahlen. <\/p><p>Die Umverteilung der Kosten von unten nach oben w&auml;re dann endlich auch f&uuml;r die Gesetzliche Krankenversicherung erreicht. <\/p><p>Nicht nur bei der Krankenversicherung sondern auch bei der gesetzlichen Rente und bei der Pflegeversicherung fordert die Raffelh&uuml;schen-&bdquo;Studie&ldquo; eine Abkehr von familienpolitischen Komponenten und einen Systemwechsel vom Solidar- zum &Auml;quivalenzprinzip, bei dem sich der Leistungsanspruch grunds&auml;tzlich nicht mehr nach der Bed&uuml;rftigkeit sondern nach der jeweiligen Beitragszahlung richtet. <\/p><p>So fordert Raffelh&uuml;schen, dass auch die Hinterbliebenenrente entweder &uuml;ber eine Zusatzversicherung im Rahmen der Gesetzlichen Rente finanziert wird oder aber als reine F&uuml;rsorgeleistung an eine &Uuml;berpr&uuml;fung der Bed&uuml;rftigkeit des &uuml;berlebenden Ehepartners gekoppelt wird. (S. 29, 32). Auch bei der Pflegeversicherung verlangt Raffelh&uuml;schen einen Systemwechsel zu lohnunabh&auml;ngigen pauschalen Pflegepr&auml;mien und eine Abschaffung der Mitversicherung der Ehe- und Lebenspartner und einen Einstieg in ein kapitalgedecktes System der Zusatzvorsorge. (S. 55ff.)<\/p><p>Bei allen Vorschl&auml;gen Raffelh&uuml;schens, geht es vor allem<\/p><ul>\n<li>um den Abbau des Solidarit&auml;tsprinzips im Rahmen der sozialen Sicherungssysteme, <\/li>\n<li>um die Senkung oder zumindest die Stabilisierung der von Arbeitgebern und Arbeitnehmern parit&auml;tisch finanzierten Versicherungsbeitr&auml;ge (Senkung der sog. &bdquo;Lohnnebenkosten&ldquo;), <\/li>\n<li>um die Einf&uuml;hrung von lohnunabh&auml;ngigen Kopfpauschalen, <\/li>\n<li>um die Verbesserung der Wettbewerbssituation der privaten Konkurrenz zu gesetzlichen Sicherungssystemen (etwa durch zus&auml;tzliche Beitr&auml;ge von Ehepartnern oder durch privat zu finanzierende Pauschalbeitr&auml;ge) und<\/li>\n<li>um die Er&ouml;ffnung von zus&auml;tzlichen Gesch&auml;ftsfeldern f&uuml;r die Versicherungswirtschaft durch einen Systemwechsel zu privat zu finanzierenden, kapitalgedeckten Vorsorgesystemen oder zumindest um die Einf&uuml;hrung von kapitalgedeckten Zusatzversorgungen.<\/li>\n<\/ul><p>Unter dem Deckmantel der demografischen Entwicklung und finanziellen Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme wird so die Umverteilung von unten nach oben vorangetrieben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass Bernd Raffelh&uuml;schen mit seinem Freiburger &bdquo;Zentrum Generationsforschung&ldquo; ein verl&auml;ngerter pseudo-wissenschaftlicher Schreibtisch der Versicherungswirtschaft und der am gleichen Strick ziehenden &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; (INSM) ist, das haben wir auf den NachDenkSeiten unz&auml;hlige Male belegt (z.B. <a href=\"\/?p=1294\">hier<\/a> oder aktuell <a href=\"\/wp-print.php?p=9322\">hier<\/a>) Die neueste Raffelh&uuml;schen-&bdquo;Studie&ldquo; mit dem Titel &bdquo;Fehlfinanzierung in der deutschen Sozialversicherung&ldquo;, finanziert von<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9967\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[25,149,128],"tags":[1128,769,273,363,221],"class_list":["post-9967","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-lohnnebenkosten","category-gesundheitspolitik","category-insm","tag-beitragsbemessungsgrenze","tag-kopfpauschale","tag-privatvorsorge","tag-raffelhueschen-bernd","tag-versicherungswirtschaft"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9967","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9967"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9967\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9971,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9967\/revisions\/9971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9967"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9967"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9967"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}