{"id":99675,"date":"2023-06-25T16:00:57","date_gmt":"2023-06-25T14:00:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99675"},"modified":"2023-06-25T03:50:32","modified_gmt":"2023-06-25T01:50:32","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-ursula-von-der-leyens-besuch-in-der-region-war-ein-reinfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99675","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Ursula von der Leyens Besuch in der Region war ein Reinfall"},"content":{"rendered":"<p>Mit S&auml;tzen wie &bdquo;Europa ist zur&uuml;ck in Lateinamerika&rdquo; und &bdquo;Ein Neuanfang f&uuml;r alte Freunde&rdquo; besuchte die Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, Ursula von der Leyen, die Region mit dem klaren Ziel, die festgefahrenen Beziehungen wiederherzustellen, seit Langem geschlossene Abkommen (mit dem Mercosur und Mexiko) zum Abschluss zu bringen und neue Partner in Energiefragen zu finden, insbesondere im Hinblick auf gr&uuml;nen Wasserstoff und Lithium. Im Wesentlichen geht es Br&uuml;ssel darum, mit China in der Region zu konkurrieren, nachdem Europa abwesend war und der Handel mit dem asiatischen Riesen einen nie dagewesenen Aufschwung genommen hat. Doch der Empfang in den Hauptst&auml;dten der Region war meist k&uuml;hl und distanziert. Von <strong>Ociel Al&iacute; L&oacute;pez<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nW&auml;hrend der Reise bot von der Leyen Investitionen in H&ouml;he von zehn Milliarden Euro f&uuml;r die gesamte Region an, insbesondere Energieabkommen im Zusammenhang mit gr&uuml;nem Wasserstoff und Lithium: zwei Milliarden Euro f&uuml;r Brasilien, 225 Millionen Euro f&uuml;r Chile und eine mit Argentinien unterzeichnete Absichtserkl&auml;rung. All dies ist Teil der Global-Gateway-Strategie, die als Konkurrenz zu Chinas Seidenstra&szlig;enprojekt verstanden werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Die politischen Vereinbarungen scheinen sich jedoch nicht so schnell zu entwickeln.<\/p><p><strong>Stolperstein im S&uuml;den<\/strong><\/p><p>Die Kritik, die Brasiliens Pr&auml;sident Luiz In&aacute;cio Lula da Silva und der argentinische Pr&auml;sident Alberto Fern&aacute;ndez bei ihren getrennten Treffen mit ihr ge&auml;u&szlig;ert haben, kann als Stolperstein f&uuml;r die j&uuml;ngste Intensivierung der EU-Politik gegen&uuml;ber Lateinamerika verstanden werden. Diese Einw&auml;nde wurden durch die unterk&uuml;hlte Art noch verst&auml;rkt, mit der der mexikanische Pr&auml;sident Andr&eacute;s Manuel L&oacute;pez Obrador von der Leyen behandelte. Es gab&nbsp;keine gemeinsamen Erkl&auml;rungen, sondern nur ein diplomatisches Kommuniqu&eacute;.<\/p><p>Am Montag, nach dem Treffen, sagte Lula: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Ich habe Brasiliens Besorgnis &uuml;ber das von der Europ&auml;ischen Union vorgelegte zus&auml;tzliche Instrument des Abkommens zum Ausdruck gebracht, das die Verpflichtungen Brasiliens erweitert und im Falle der Nichteinhaltung Sanktionen vorsieht. Die Pr&auml;misse, die zwischen strategischen Partnern bestehen sollte, ist die des gegenseitigen Vertrauens, nicht des Misstrauens und der Sanktionen.&rdquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Am Dienstag war in Buenos Aires der argentinische Pr&auml;sident an der Reihe, der die Ausgestaltung des Handelsabkommens mit der EU kritisierte: &bdquo;Wir wollen auf jeden Fall ein Abkommen mit der Europ&auml;ischen Union, aber eines, das ein Gleichgewicht zwischen den Volkswirtschaften der Regionen herstellt und das die Asymmetrien ber&uuml;cksichtigt. Denn sonst k&ouml;nnte es zu dem kommen, was wir uns anfangs gedacht haben: dass es ein Abkommen werden soll, das ganz klar der EU n&uuml;tzt und dem Mercosur nicht so sehr n&uuml;tzt, um nicht zu sagen schadet.&rdquo;<\/p><p>Die Funktion&auml;rin strebt den Abschluss von Handelsabkommen nicht nur mit dem Mercosur, sondern auch mit Mexiko an. Jahrelange&nbsp;Verhandlungen sind zuletzt und immer wieder&nbsp;ins Stocken geraten. Beide sollen noch in diesem Jahr unterzeichnet werden.<\/p><p>Der Mittwoch war der angenehmste Tag der Reise, da der chilenische Pr&auml;sident Gabriel Boric weit davon entfernt war, sich mit seinem Gast unwohl zu f&uuml;hlen, und inmitten konkreter Vereinbarungen mit Chiles gr&uuml;ner Wasserstoff- und der Lithiumindustrie sich viel angepasster an europ&auml;ische Werte und westliche Positionen zur aktuellen geopolitischen Lage zeigte.<\/p><p>Im Gegenzug erhielt Boric von der europ&auml;ischen Kommissionspr&auml;sidentin den&nbsp;<a href=\"https:\/\/actualidad-rt.com\/actualidad\/469994-apetito-ue-litio-hidrogeno-verde-chile\">Ritterschlag<\/a>&nbsp;f&uuml;r sein Lithium-Entwicklungsprojekt, das von der Opposition in Chile aufgrund der zentralen Rolle des Staates stark kritisiert wird.<\/p><p>In Mexiko schlie&szlig;lich, einem Land, das in letzter Minute und auf Druck des Europ&auml;ischen Parlaments in die Tour aufgenommen wurde, gaben L&oacute;pez Obrador und von der Leyen ein gemeinsames Kommuniqu&eacute; heraus, allerdings ohne die &uuml;blichen Fotos oder Pressetermine. Nichtsdestotrotz sagten beide, dass sie das Handelsabkommen unterzeichnen wollen, &uuml;ber das seit 2016 diskutiert wird, sich aber aus verschiedenen Gr&uuml;nden verz&ouml;gert hat.<\/p><p><strong>Die Beziehungen wieder aufnehmen<\/strong><\/p><p>Das letzte Jahrzehnt war gekennzeichnet durch einen Boom chinesischer Investitionen in Lateinamerika und eine Verschlechterung der Beziehungen zu den USA und Europa.<\/p><p>Parallel dazu versch&auml;rften die EU und die USA die Spannungen mit der Region, indem sie Sanktionen gegen Venezuela verh&auml;ngten und Brasilien aufgrund der Umweltdebatte mit dem fr&uuml;heren Pr&auml;sidenten Jair Bolsonaro 2019 Finanzmittel strichen.<\/p><p>Heute stellt die Linke die Mehrheit der Regierungen in der Region, und vielleicht ist deshalb ihre Abkopplung von den Vorgaben so sp&uuml;rbar, die in der gegenw&auml;rtigen geopolitischen Situation von Washington ausgehen und denen im Grunde nur Europa vollst&auml;ndig gefolgt ist&nbsp;&ndash; auf Kosten seines eigenen Wohlergehens.<\/p><p>Trotz der neuen Rahmenbedingungen ist von der Leyen der Ansicht, dass die Voraussetzungen f&uuml;r Fortschritte in den Beziehungen zu Lateinamerika gegeben sind. Und sie will die Freihandelsabkommen mit dem Mercosur (nach zwanzig Jahren Wartezeit) und Mexiko (nach sieben Jahren) in diesem Jahr z&uuml;gig abschlie&szlig;en. Beides sind strategische Vorhaben, die allerdings angesichts des rasanten Tempos der Handelsbeziehungen mit China etwas sp&auml;t kommen.<\/p><p>Es ist wahrscheinlich, dass Europa zu sp&auml;t kommt, um tiefere Beziehungen zu Lateinamerika kn&uuml;pfen.<\/p><p>Auch wenn die angebotenen Investitionen im Energiesektor die Regionen einander n&auml;her bringen m&ouml;gen, k&ouml;nnten die politischen Unstimmigkeiten sie weiter auseinandertreiben. Und das ist es, was sich am Unbehagen einiger der Pr&auml;sidenten, die als Gastgeber fungierten, herauskristallisiert hat.<\/p><p><strong>Europa und der &bdquo;Vorschlaghammer&rdquo;<\/strong><\/p><p>Von den Funktion&auml;ren der EU, die nach Lateinamerika kommen, um den ziemlich blockierten politischen Fluss wieder in Gang zu bringen, kann man eine Menge &bdquo;Linksh&auml;ndigkeit&rdquo; erwarten, um sich mit der progressiven F&uuml;hrerschaft zu verstehen, die nicht nur auf dem Vormarsch ist, sondern mit China&nbsp;&ndash; Europas Konkurrenz &ndash; bereits einen &ouml;konomischen R&uuml;ckhalt in China hat.<\/p><p>Der Versuch, ein Handelsabkommen mit dem Mercosur zustande zu bringen und ein f&uuml;r alle Mal zu besiegeln, sollte eine Br&uuml;cke zu der Region werden. Nach dem Treffen in Bras&iacute;lia und Buenos Aires hat sich jedoch gezeigt, dass der Versuch, den Abschluss des Abkommens zu beschleunigen, zu einem neuen Konflikt f&uuml;hrt. Es geht um die von der EU gestellten Anforderungen, die f&uuml;r die s&uuml;damerikanischen L&auml;nder schwer zu erf&uuml;llen sind und zu Sanktionen seitens der EU, insbesondere im Umweltbereich, f&uuml;hren k&ouml;nnten.<\/p><p>Es liegt ein Geruch von &bdquo;Unilateralismus&rdquo; &uuml;ber&nbsp;den europ&auml;ischen Bedingungen, was als eine Fehlinterpretation Br&uuml;ssels der geopolitischen Ver&auml;nderungen und ihrer Auswirkungen auf Lateinamerika interpretiert werden k&ouml;nnte.<\/p><p>Der Subkontinent erlebt derzeit einen Zyklus linker Regierungen, seine gr&ouml;&szlig;ten Volkswirtschaften spielen ihre Karten bereits auf anderen Brettern aus (vor allem in den Brics, in denen Brasilien ein Protagonist ist, aber andere L&auml;nder auch den Beitritt anstreben), und die Handelsstr&ouml;me mit China haben die Bedeutung, die die Beziehungen zu Europa in fr&uuml;heren Zeiten hatten, minimiert.<\/p><p>Aus Europa zu kommen, um in der derzeitigen Situation Bedingungen zu stellen, scheint kein besonders geeigneter Weg zu sein, um die Beziehungen neu zu beleben.<\/p><p>Die brasilianische Regierung selbst hatte schon deutlich gemacht, dass sie unter den derzeitigen Umst&auml;nden das Abkommen mit der EU nicht unterzeichnen wird. Nach dem Treffen in Bras&iacute;lia scheint es so, dass dieser Prozess viel langsamer verl&auml;uft, als Europa es braucht, wenn es anfangen will, mit China in Lateinamerika zu konkurrieren. In Mexiko geschieht etwas &Auml;hnliches.<\/p><p><strong>Was als N&auml;chstes kommt<\/strong><\/p><p>In der zweiten Jahresh&auml;lfte 2023 wird Spanien, das Land mit der gr&ouml;&szlig;ten N&auml;he zu Lateinamerika, die rotierende Pr&auml;sidentschaft des Europ&auml;ischen Rates &uuml;bernehmen. Und Mitte Juli tagt der EU-Celac-Gipfel in Br&uuml;ssel, der seit 2015 nicht mehr stattgefunden hat und den von der Leyen auf ihrer Reise offensichtlich vorbereiten wollte.<\/p><p>Die Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission war auch gekommen, um die Anwesenheit der Pr&auml;sidenten der gr&ouml;&szlig;ten lateinamerikanischen Volkswirtschaften, Brasiliens und Mexikos, auf dem bevorstehenden Gipfel in Br&uuml;ssel zu sichern. Beide waren beim letzten Iberoamerika-Gipfel in Santo Domingo (Dominikanische Republik) im M&auml;rz dieses Jahres nicht anwesend. Dies lie&szlig; den Verdacht aufkommen, dass sie wenig Interesse daran haben, die Beziehungen zu Europa zu priorisieren.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund werden wir bis zum kommenden EU-Celac-Gipfel warten m&uuml;ssen, um zu sehen, ob von der Leyens Reise das Ziel erreicht hat, die Beziehungen zwischen den beiden Regionen wiederzubeleben,&nbsp;oder ob sie nicht zu neuen Unstimmigkeiten gef&uuml;hrt hat.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/264527\/europa-zurueck-lateinamerika\">Vilma Guzm&aacute;n, Amerika21<\/a><\/p><p>Titelbild: Ursula von der Leyen in Brasilien &ndash; <a href=\"https:\/\/fotospublicas.com\/presidente-lula-recebe-a-presidente-da-uniao-europeia\/\">fotospublicas.com<\/a><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97576\">Legal, illegal, schei&szlig;egal: Von der Leyen bricht EU-Recht, um 500 Millionen Euro in die Waffenproduktion investieren zu k&ouml;nnen<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90013\">Stimmen aus Kuba: Der europ&auml;ische Garten oder Borrells Eurozentrismus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/8770c6499b2e4fc18d0e1469025548a4\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit S&auml;tzen wie &bdquo;Europa ist zur&uuml;ck in Lateinamerika&rdquo; und &bdquo;Ein Neuanfang f&uuml;r alte Freunde&rdquo; besuchte die Pr&auml;sidentin der Europ&auml;ischen Kommission, Ursula von der Leyen, die Region mit dem klaren Ziel, die festgefahrenen Beziehungen wiederherzustellen, seit Langem geschlossene Abkommen (mit dem Mercosur und Mexiko) zum Abschluss zu bringen und neue Partner in Energiefragen zu finden, insbesondere<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99675\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":99676,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,30],"tags":[1613,3334,379,3360,2052,2145,2692,1570,626],"class_list":["post-99675","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-brasilien","tag-celac","tag-china","tag-europaeische-union","tag-investitionen","tag-lateinamerika","tag-mercosur","tag-mexiko","tag-von-der-leyen-ursula"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Cover_von-der-Leyen.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99675","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=99675"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99675\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99772,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/99675\/revisions\/99772"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/99676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=99675"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=99675"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=99675"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}