{"id":997,"date":"2005-12-21T15:53:46","date_gmt":"2005-12-21T13:53:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=997"},"modified":"2016-02-23T09:33:42","modified_gmt":"2016-02-23T08:33:42","slug":"eine-strategie-die-nicht-versucht-den-arbeitnehmern-wieder-arbeitsplatzalternativen-zu-verschaffen-ist-keine-linke-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=997","title":{"rendered":"Eine Strategie, die nicht versucht, den Arbeitnehmern wieder Arbeitsplatzalternativen zu verschaffen, ist keine linke Strategie."},"content":{"rendered":"<p>Heute sitzen sie hoffnungslos am k&uuml;rzeren Hebel. Das muss anders werden. Das w&auml;re der Kern einer arbeitnehmernahen Strategie. In der FR vom 21.12. ist unter dem Titel &bdquo;Eine linke Agenda &ndash; Reflexionen &uuml;ber eine Neuordnung der Alterssicherung, des Arbeitsmarkts und des Gesundheitswesen&ldquo; ein <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/?cnt=773790\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/?cnt=773790\">Vortrag von Josef Esser<\/a> dokumentiert.<br>\nVieles k&ouml;nnte ich ohne weiteres unterschreiben. Bei anderem wundere ich mich nur noch &uuml;ber die Naivit&auml;t, denn diese &bdquo;Linke&ldquo; arbeitet im Ergebnis dem &bdquo;herrschenden Diskurs&ldquo; zu und kaschiert das Scheitern der Neoliberalen.<br>\n<!--more--><br>\nSehr zutreffend ist zum Beispiel der Hinweis von Esser, dass die nationalstaatlichen Regierungen durchaus Handlungsspielr&auml;ume besitzen und dass es eben nicht stimmt, dass global orientierte transnationale Unternehmen sozusagen &bdquo;standort-unsensibel&ldquo; ihre Investitionen t&auml;tigen. Auch die Anmerkungen zum F&ouml;deralismus und zu den dauerhaften Problemen bei der Bew&auml;ltigung der deutschen Einheit sind wichtig.<\/p><p>Aber dann kommt die in Soziologen-, Politologen- und Historiker-Kreisen inzwischen ganz g&auml;ngig gewordene Polemik gegen den &bdquo;Mythos Wachstum&ldquo;. Man will offensichtlich nicht begreifen, dass im bestehenden System Arbeitnehmer und Gewerkschaften erst dann aus der Defensive herauskommen, wenn sie auch mal nein sagen k&ouml;nnen und ihrerseits Druck aus&uuml;ben k&ouml;nnen. Das k&ouml;nnen sie aber nur, wenn sie Alternativen, das hei&szlig;t alternative Arbeitsplatzangebote, haben und nicht nur immer mit der Drohung des Verlustes ihrer Arbeitspl&auml;tze erpresst werden k&ouml;nnen. Und das geht eben nur &uuml;ber eine Belebung der Konjunktur und des Wachstums, vielleicht noch in Kombination mit Arbeitszeitverk&uuml;rzungen. Andernfalls sind sie den Drohungen der Unternehmen auch weiterhin ausgesetzt und ihre einmal erk&auml;mpften Anspr&uuml;che und Rechte werden immer weniger wert.<br>\nDie wiederkehrende Polemik dieser jedenfalls teilweise sich durchaus als &bdquo;links&ldquo; stehend begreifenden Kreise gegen diesen makro&ouml;konomischen Versuch verstehe ich nicht mehr. Die Polemik gegen mehr Wachstum und damit auch mehr Besch&auml;ftigung ist wie aus einem Automaten abrufbar. Ihre &ouml;konomische Begr&uuml;ndetheit geht jedoch gegen Null. Und diese Polemik passt nur zu gut in die Strategien des neoliberalen Mainstreams. Nehmen wir uns die entsprechenden Textpassagen von Josef Esser vor. Er meint: &bdquo;2. Wir m&uuml;ssen uns endlich von dem Mythos l&ouml;sen, viel mehr Wachstum als 2 oder 3 % w&auml;re m&ouml;glich und sinnvoll und w&uuml;rde die Arbeitsmarktprobleme ebenso l&ouml;sen wie die Finanzierungsengp&auml;sse der Sozialversicherungssysteme.<\/p><p>Schon allein die Mathematik lehrt, dass auf dem heutigen &ouml;konomischen Bestandsniveau Wachstumsraten von 1 oder 2 Prozent den 5 oder 6 Prozent der Nachkriegszeit entsprechen &ndash; und diese hohen Raten kann man heute noch in Schwellenl&auml;ndern oder den Transformationsl&auml;ndern Mittel- und Osteuropas erhoffen, aber nicht in den &ldquo;reifen&rdquo; Volkswirtschaften der kapitalistischen Kernl&auml;nder der Triade: USA, West-Europa oder Japan. Und wir k&ouml;nnen dieses hohe Wachstum auch gar nicht wollen, wenn wir zum einen &ouml;kologische Nachhaltigkeit bevorzugen und die Debatte um die &ldquo;Grenzen des Wachstums&rdquo; aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Ernst nehmen und zum zweiten in der Weltwirtschaft den unterentwickelten L&auml;ndern und den Schwellenl&auml;ndern faire Wachstumschancen einr&auml;umen wollen.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen also &uuml;ber so unangenehme Strategien des sozialvertr&auml;glichen Schrumpfens nachdenken und nicht weiter verdr&auml;ngen, dass dieses Schrumpfen bereits &uuml;berall im Gange ist, n&auml;mlich in St&auml;dten, unterentwickelten Regionen, bei den Sozialversicherungssystemen und auf den Arbeitsm&auml;rkten mit ihrer in die Millionen gehende &Uuml;berschussbev&ouml;lkerung.&ldquo;<\/p><p><strong>Dazu ist in aller K&uuml;rze zu sagen:<\/strong><\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Schweden erreichte zwischen 1994 und 2000 viermal &uuml;ber 4% Wachstum. Im ganzen Zeitraum einen Jahresdurchschnitt von 4,08%. Sogar Frankreich erreichte zwischen 1997 und 2000 einen Jahresdurchschnitt von &uuml;ber 3%, die USA erreichen in den letzten zwei Jahren knapp 4%, Luxemburg &uuml;ber 4%. In den meisten dieser F&auml;lle kann man nachweisen, dass die Erfolge mit einer klugen Makropolitik erreicht werden. Dass das Ergebnis bei uns so miserabel ist, f&uuml;hren international angesehene &Ouml;konomen wie auch jene in Deutschland, die nicht zum neoliberalen Mainstream geh&ouml;ren, genau auf die Unf&auml;higkeit der Meinungsf&uuml;hrer und Entscheidungstr&auml;ger in Deutschland zu einer pragmatischen antizyklischen Makropolitik zur&uuml;ck. &ndash; Mit seiner Feststellung, die Hoffnung, auf diese Weise Wachstum zu erreichen und Arbeitsmarktprobleme zu l&ouml;sen, sei ein Mythos, lenkt Josef Esser Wasser auf die M&uuml;hlen der Neoliberalen. Sie brauchen genau solche Behauptungen, um das Scheitern ihrer Ideologie zu verdecken. Zum Beispiel: Gestern war ich mit Meinhard Miegel in einem Streitgespr&auml;ch. Er sagt genau das, was Esser indirekt best&auml;tigt: Wir haben kein Konjunkturproblem, Wachstum gibt&rsquo;s nicht mehr. &ndash; Durch die st&auml;ndige Wiederholung wird diese Aussage noch nicht richtig. Aber sie erscheint dann zusehends als richtig, wenn sie aus verschiedenen Ecken kommt. Diesen Dienst leisten Josef Esser und seine &bdquo;linken&ldquo; Kampfgef&auml;hrten. <\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Den Hinweis auf die Mathematik im zweiten zitierten Absatz kann ich nur als bemerkenswert bezeichnen. Wo ist denn die Logik dieser Aussage? Wie vieles in dieser Debatte ist es aus dem Bauch heraus gesagt. Sonst nichts. Wenn etwas hoch ist, wieso ist dann das Wachstum begrenzt? Es fehlt nur noch der Hinweis auf den Baum und die Natur insgesamt: Wenn eine Eiche ausgewachsen ist, dann ist sie ausgewachsen. Logisch. Aber was hat das mit unserer Volkswirtschaft zu tun. Wir gieren ja nicht nach Wachstumsraten von 8 oder 9%. Aber wir brauchen einige Male um die 4%, wenn die Arbeitnehmer endlich wieder auf dem Arbeitsmarkt Alternativen finden sollen.<\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Der Hinweis auf die Grenzen des Wachstums und die &ouml;kologischen Belange ist zwar &bdquo;schlagend&ldquo; &ndash; aber nur in dem Sinne, dass man mit dieser Keule alles erschlagen kann. Wir haben in den NachDenkSeiten schon h&auml;ufig und detailliert beschrieben, was es alles an Sinnvollem zu wachsen g&auml;be, ohne, dass damit die begrenzten Ressourcen &uuml;berstrapaziert und ohne eine Zunahme der Belastung der Umwelt. Die Frage, die ich mir langsam stelle, ist eher die: Was sind die Hintergr&uuml;nde daf&uuml;r, dass eine sich als links verstehende Gruppe von Wissenschaftlern und Multiplikatoren sich einfach dagegen sperrt, diese Fakten und Argumente wahrzunehmen?<\/p><p><strong>Viertens:<\/strong> Wieso nehmen wir z.B. eigentlich den unterentwickelten L&auml;ndern und den Schwellenl&auml;ndern Wachstumschancen weg, wenn unsere Volkswirtschaft wieder w&auml;chst? Umgekehrt wird ein Schuh draus. Wenn wir weiterhin unsere &ouml;konomische Stagnation durch Export- und Leistungsbilanz&uuml;bersch&uuml;sse l&ouml;sen wollen, wenn wir uns wegen unserer eigenen Binnenmarkt- und Binnennachfrageprobleme gegen die Exporte der unterentwickelten L&auml;nder sperren, gerade dann nehmen wir ihnen Chancen!<\/p><p><strong>F&uuml;nftens:<\/strong> Wie der Autor ohne eine etwas bessere wirtschaftliche Dynamik unseres Landes die Finanzprobleme der Alterssicherung &ndash; und zwar unabh&auml;ngig davon, ob umlagefinanziert oder ob mit Kapitalabdeckung &ndash; l&ouml;sen will, habe ich einfach nicht verstanden. Im Untertitel der FR ist es angek&uuml;ndigt, in dem Vortrag werde &uuml;ber &bdquo;eine Neuordnung der Alterssicherung&ldquo; reflektiert. Begriffen habe ich das Ergebnis der Reflexion nicht.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute sitzen sie hoffnungslos am k&uuml;rzeren Hebel. Das muss anders werden. Das w&auml;re der Kern einer arbeitnehmernahen Strategie. In der FR vom 21.12. ist unter dem Titel &bdquo;Eine linke Agenda &ndash; Reflexionen &uuml;ber eine Neuordnung der Alterssicherung, des Arbeitsmarkts und des Gesundheitswesen&ldquo; ein <a href=\"http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/?cnt=773790\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.fr-aktuell.de\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/dokumentation\/?cnt=773790\">Vortrag von Josef Esser<\/a> dokumentiert.<br \/> Vieles k&ouml;nnte<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=997\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[141,202,30],"tags":[290,499,443,402],"class_list":["post-997","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitsmarkt-und-arbeitsmarktpolitik","category-postwachstumskritik","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-binnennachfrage","tag-handelsbilanz","tag-standortwettbewerb","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=997"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31503,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/997\/revisions\/31503"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=997"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=997"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=997"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}