{"id":9994,"date":"2011-07-04T09:48:33","date_gmt":"2011-07-04T07:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9994"},"modified":"2019-07-30T12:15:51","modified_gmt":"2019-07-30T10:15:51","slug":"das-denken-in-institutionen-eine-spezifisch-deutsche-ideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9994","title":{"rendered":"Das Denken in Institutionen &#8211; Eine spezifisch deutsche Ideologie"},"content":{"rendered":"<p>Ein grundlegendes Defizit unter deutschen Intellektuellen bei der Diskussion &uuml;ber die derzeitige europ&auml;ische Krise ist die Ausblendung der &ouml;konomischen Ursachen dieser Krise und damit &ndash; notwendigerweise &ndash; das Fehlen von effektiven L&ouml;sungsans&auml;tzen f&uuml;r die Europa zu sprengen drohende Euro-Krise. Die &ouml;konomische Krise wird in j&uuml;ngsten Abhandlungen etwa von J&uuml;rgen Habermas oder von Heribert Prantl vor allem als eine Krise der Institutionen interpretiert. Dieser Denkansatz greift jedoch zu kurz. Die europ&auml;ischen Institutionen und schon gar deren demokratische Legitimation werden vielmehr umgekehrt zunehmend dem &bdquo;Protektorat&ldquo; der herrschenden Wirtschaftsdoktrin unterstellt. Von Volker Bahl<br>\n<!--more--><\/p><p>Sowohl der Sozialphilosoph J&uuml;rgen Habermas wie jetzt auch der Journalist und Jurist Heribert Prantl finden emphatische Worte f&uuml;r ein Weiter-Bestehen der Europ&auml;ischen Union.  (Was durchaus meine uneingeschr&auml;nkte Sympathie findet.) Jedoch&nbsp;geht bei beiden die Suche nach einer L&ouml;sung der gegenw&auml;rtigen Krise in eine m.E. wenig erfolgversprechende Richtung. Und zwar deshalb, weil sie nur einer eingeschr&auml;nkten Betrachtungsweise folgen. Sie reduzieren die &ldquo;gr&ouml;&szlig;te Weltwirtschaftskrise&rdquo; seit 80 Jahren auf institutionelle Fehler und M&auml;ngel. <\/p><p>Dieses institutionelle Denken unter Ausblendung der zugrundeliegenden &ouml;konomischen Dynamik hat gerade in Deutschland eine lange Tradition. Schon gegen&uuml;ber der gro&szlig;en Wirtschaftskrise der 30er Jahre fehlt es im deutschen Sprachraum an einer &ouml;konomisch angemessenen Krisen-Aufarbeitung, wie wir sie etwa von John Galbraith, Charles Kindlesberger u.a. im angels&auml;chsischen Raum vorfinden. Auch die politischen Folgen der Weltwirtschaftskrise sind &ndash; jedenfalls in Deutschland &ndash; h&ouml;chst selten aus einer &ouml;konomischen Perspektive analysiert worden.&nbsp;<\/p><p>So&nbsp;dr&uuml;ckt sich&nbsp;etwa J&uuml;rgen Habermas in seiner vor kurzem gehaltenen Rede in der Berliner Humboldt-Universit&auml;t an der doch ganz zentralen Frage vorbei, wie diese Finanz-, Wirtschafts-und Schuldenkrise mit ihrem &ouml;konomischen Ausgangspunkt von den deregulierten Finanzm&auml;rkten <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/kultur\/aufloesung-der-schreckstarre\/-\/1472786\/8568888\/-\/index.html\">&uuml;berwunden werden k&ouml;nnte<\/a>.&nbsp;Habermas beschr&auml;nkt sich vor allem auf die institutionellen und legitimatorischen Probleme innerhalb der Europ&auml;ischen Union, doch damit geht der Blick auf eine politisch-&ouml;konomische &Uuml;berwindung der europ&auml;ischen Krise verloren. <\/p><p>Sind es bei Habermas in erster Linie demokratische und identit&auml;tsstiftende Defizite des &bdquo;Eliteprojektes&ldquo;, die die unsoziale Schlagseite <a href=\"\/?p=9130#h06\">von Europa verursachten<\/a>, so sind es bei Prantl  vor allem das europ&auml;ische Wirtschaftsrecht und die wettbewerbsfreundliche Rechtssprechung des EuGH&nbsp; &ndash; oder wie er es an diesem Wochenende in der SZ ( 2.\/3. Juli 2011) ausf&uuml;hrte: &ldquo;Eine Aufgabenteilung &ndash; die EU ist zust&auml;ndig f&uuml;r Wirtschaft und Wettbewerb, w&auml;hrend die Nationalstaaten f&uuml;r das Soziale da sind &ndash; kann nicht funktionieren, wenn die EU vor allem die Vorfahrt f&uuml;r die Wirtschafts- und Wettbewerbsfreiheit propagiert &ndash; dann n&auml;mlich wird die Sozialpolitik der Mitgliedsstaaten, dann werden die nationalen Sozialpolitiken als Hindernisse betrachtet, die beiseite ger&auml;umt werden m&uuml;ssen nach dem Motto: freie Bahn der Freiz&uuml;gigkeit, der Dienstleistungsfreiheit, dem Waren- und Kapitalverkehr &ndash; weg mit allem, was dabei st&ouml;rt.&ldquo; Auch der Europ&auml;ische Gerichtshof in Luxemburg sei in diesem Denken verhaftet. Er agiere und urteile oft so, als w&auml;re er noch der Gerichtshof der Europ&auml;ischen Wirtschaftsgemeinschaft, als habe er noch nicht gemerkt, dass aus der Europ&auml;ischen &bdquo;Wirtschafts&ldquo;-Gemeinschaft eine Europ&auml;ische &bdquo;Union&ldquo; geworden ist. Die unternehmerische Freiheit gelte &ndash; ganz wie im unregulierten Fr&uuml;hkapitalismus &ndash; als Haupt und Grundfreiheit, das Streikrecht als St&ouml;rung, die nur ganz ausnahmsweise berechtigt sei (<a href=\"\/?p=4043#h21\">vgl. auch<\/a>). Die sozialen Grundrechte h&auml;tten im h&ouml;chsten EU-Gericht noch keinen H&uuml;ter.<br>\n&nbsp;<br>\n(Da diese gegen&uuml;ber seiner Rede in Weimar noch etwas&nbsp;pr&auml;ziseren Ausf&uuml;hrungen vom 2.\/.3. Juli 2011 im Wochenend-Teil der SZ nicht im Netz stehen, habe ich auf&nbsp;Heribert Prantl`s &nbsp;Rede (im Netz), die er am 3. April im Deutschen Nationaltheater zu Weimar gehalten hat, zur&uuml;ckgegriffen: &ldquo;<a href=\"http:\/\/www.tlz.de\/startseite\/detail\/-\/specific\/Heribert-Prantl-Europa-zweite-Heimat-1701436392\">Europa, zweite Heimat<\/a>&rdquo; (siehe auch den Link zum zweiten Teil der Rede am Ende))<\/p><p>(Anmerkung: Erstaunlich bei dieser berechtigten Kritik Prantls an der europ&auml;ischen Rechtsprechung ist, dass die j&uuml;ngsten Tendenzen auf der politischen EU-Ebene hin zu einer weiter neoliberal fixierten &ldquo;Europ&auml;ischen Wirtschaftsregierung&rdquo; <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/eu\/wipo\/bahl_wr.html\">keine Erw&auml;hnung findet<\/a>.)<\/p><p>Neulich wurde&nbsp;sehr klug auf den Nachdenkseiten analysiert&nbsp; &ndash; wie es einerseits die (marxistische) Linke vereint mit der rechten (neoliberalen) &ouml;konomischen Lehre fertig bringen , nicht nur das politische Handeln&nbsp;gering zu&nbsp;achten, ja noch mehr, wie&nbsp;die herrschenden &ouml;konomische Denkschule es&nbsp;sogar f&uuml;r unm&ouml;glich oder jedenfalls (f&uuml;r den Markt) f&uuml;r sch&auml;dlich halten, politisch gestalten zu wollen. Es herrscht das Motto: &ldquo;Die &Ouml;konomie determiniert sowieso alles, deshalb wird politisches Handeln nicht nur &uuml;berfl&uuml;ssig, sondern <a href=\"\/?p=9922\">sogar kontraproduktiv<\/a>&ldquo;.<br>\n&nbsp;<br>\nUmgekehrt verleiten uns die Denker in den Kategorien der politischen Institutionen&nbsp;dazu, die Krise des Euro und&nbsp;mit ihr die Krise der Europ&auml;ischen Union sich einfach &ldquo;nat&uuml;rw&uuml;chsig&rdquo; selbst erledigen zu lassen und  sie sie vor allem mit Hilfe besserer Rechtssetzung und entsprechender Rechtsprechung in den Griff bekommen oder k&uuml;nftig verhindern zu wollen.<br>\n&nbsp;<br>\nNotwendig w&auml;re es aber, dieses institutionelle Denken vom Kopf auf die Beine zu stellen: Alle Proteste und alle Emp&ouml;rung k&ouml;nnen ihren demokratischen und sozialen Zielen allenfalls dann n&auml;her kommen, wenn die der aktuellen Krise angemessenen &ouml;konomischen Krisenl&ouml;sungen &ndash; nebst nat&uuml;rlich ihren institutionellen Voraussetzungen (aber eben nur in diesem Wechselverh&auml;ltnis!) &nbsp;politisch durchgesetzt werden k&ouml;nnten. Dies verlangte aber, auf die &bdquo;Unsicherheiten des Marktgeschehens&ldquo; (Keynes)&nbsp;politisch (staatlich) und &ouml;konomisch-ad&auml;quat zu reagieren. Eine blo&szlig; institutionelle Betrachtungsweise greift zu kurz. Ohne eine Analyse der &ouml;konomischen Ursachen und ohne eine Kritik der bisher eingeschlagenen (&ouml;konomischen) L&ouml;sungswege aus dieser Krise besteht die Gefahr, dass das wettbewerbliche&nbsp; &ldquo;Kriegsgeschehen&rdquo; seinen Lauf nimmt und dass gro&szlig;e Teile Europas (wie jetzt schon <a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/europa\/:schuldenkrise-souveraenitaet-der-griechen-wird-massiv-eingeschraenkt\/60073240.html\">Griechenland<\/a> oder Portugal) und letztlich sogar ganz Europa dem &bdquo;Protektorat&ldquo; der Wirtschaftsdoktrin der Troika von IWF, EZB und EU-Kommission unterstellt werden. Die politischen &bdquo;Institutionen&ldquo; Europas h&auml;tten dann vollends ausgedient und deren demokratische Legitimation w&auml;re allenfalls noch eine Farce (Siehe auch <a href=\"http:\/\/www.labournet.de\/diskussion\/eu\/wipo\/krise_bahl5.html\">hier<\/a>&nbsp;und <a href=\"\/?p=9796#h01\">hier<\/a>)&nbsp; <\/p><p><em><strong>Anmerkung WL:<\/strong> W&auml;hrend Habermas und Prantl, wenigstens noch die &bdquo;europ&auml;ische Idee&ldquo; hochhalten, rechnet Hans Magnus <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/artikel\/C31315\/europa-in-der-krise-zurueck-zur-nation-30432025.html\">Enzensberger in der FAZ<\/a> in populistischer Manier mit der Br&uuml;sseler &bdquo;Bananenb&uuml;rokratie&ldquo; ab und reiht sich damit in den chauvinistischen Chor der Wilders, der Le Pens oder der &bdquo;Wahren Finnen&ldquo; ein. Enzensberger schl&auml;gt auf den &bdquo;Sack&ldquo; Br&uuml;ssel ein und sieht den &bdquo;Esel&ldquo; schon gar nicht mehr. Unter dem &bdquo;Sack&ldquo;, auf den er einschl&auml;gt, oder &ndash; wie er es nennt &ndash;  hinter dem <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/sanftes_monster_bruessel_oder_die_entmuendigung_europas-hans_magnus_enzensberger_6172.html\">&bdquo;Sanften Monster&ldquo; Br&uuml;ssel (Enzensberger)<\/a> verbergen sich doch nichts anderes die nationalen Regierungen in Berlin, Paris oder anderswo. (Siehe dazu Rudolf Walther, Europa neue denken, in der Printausgabe der taz vom 2.\/3.Juli 2011). Enzensbergers Kritik ist ein Beispiel f&uuml;r das Elend, in dem deutsche Intellektuelle inzwischen versunken sind.  <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein grundlegendes Defizit unter deutschen Intellektuellen bei der Diskussion &uuml;ber die derzeitige europ&auml;ische Krise ist die Ausblendung der &ouml;konomischen Ursachen dieser Krise und damit &ndash; notwendigerweise &ndash; das Fehlen von effektiven L&ouml;sungsans&auml;tzen f&uuml;r die Europa zu sprengen drohende Euro-Krise. Die &ouml;konomische Krise wird in j&uuml;ngsten Abhandlungen etwa von J&uuml;rgen Habermas oder von Heribert Prantl vor<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=9994\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[139,22,161],"tags":[284,1101,1155,805,476],"class_list":["post-9994","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-wertedebatte","tag-deregulierung","tag-europaeischer-gedanke","tag-habermas-juergen","tag-prantl-heribert","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9994","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=9994"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9994\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":53803,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/9994\/revisions\/53803"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=9994"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=9994"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=9994"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}