{"id":99984,"date":"2023-06-28T13:30:46","date_gmt":"2023-06-28T11:30:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99984"},"modified":"2023-06-28T15:24:35","modified_gmt":"2023-06-28T13:24:35","slug":"wie-konnte-es-soweit-kommen-fragen-in-russischen-talk-shows-zu-dem-gescheiterten-putschversuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=99984","title":{"rendered":"Wie konnte es so weit kommen? Fragen in russischen Talk-Shows zu dem gescheiterten Putschversuch"},"content":{"rendered":"<p>In einigen Sendungen der gro&szlig;en russischen Fernsehanstalten wird durchaus kritisch &uuml;ber den Putschversuch am Samstag diskutiert. Die Position von Pr&auml;sident Wladimir Putin wird nicht infrage gestellt. Aber in einigen Sendungen stellt man sich Fragen, die in der Bev&ouml;lkerung diskutiert werden, zum Beispiel: Wie konnte es so weit kommen? <a href=\"https:\/\/rutube.ru\/video\/d4a3e92c8cf9d0f72cf5559a6b8fe827\/\">Am Sonnabend<\/a> und <a href=\"https:\/\/rutube.ru\/video\/918a0354fa8c2cf94da79300d1e87e07\/\">am Dienstag<\/a> <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2023\/01\/16\/vciom-vladimir-solovev-stal-liderom-rejtinga-rossijskih-zhurnalistov-2022-goda.html\">fragte der bekannteste russische Talkmaster, Wladimir Solowjow, in seiner Sendung<\/a> Personen, die in den russischen Talk-Shows einen festen Platz haben und einem Millionen-Publikum bekannt sind, zu ihrer Einsch&auml;tzung &uuml;ber den Putschversuch. Die Antworten der Befragten habe ich hier stichwortartig wiedergegeben. Sie k&ouml;nnen das Bild &uuml;ber den Putschversuch, &uuml;ber den in Deutschland oberfl&auml;chlich und falsch unter dem Stichwort &bdquo;Putins Macht br&ouml;ckelt&ldquo; berichtet wird, erg&auml;nzen. Von <strong>Ulrich Heyden<\/strong>, Moskau.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9991\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-99984-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=99984-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"230623-Russische-Talk-Shows-zum-gescheiterten-Putschversuch-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Der Filmregisseur<\/strong><\/p><p>Der Filmregisseur Karen Schachnasarow (Jahrgang 1952) fragte, wie es sein k&ouml;nne, dass sich der Konflikt zwischen dem Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin und dem russischen Verteidigungsminister Sergej Schojgu &uuml;ber mehrere Monate hinzog. Wenn der Pr&auml;sident davon gewusst h&auml;tte, &bdquo;dann h&auml;tte er wohl Jemanden entlassen oder die Streitenden vers&ouml;hnt&ldquo;, so der Regisseur. Schachnasarow mahnte an, dass der Oberkommandierende &ndash; also Wladimir Putin &ndash; &bdquo;alle Informationen bekommt&ldquo;.  <\/p><p>Der Filmregisseur forderte, dass Russland seine Zwiesp&auml;ltigkeit &uuml;berwinden m&uuml;sse. Schachnasarow spielte offenbar auf die Tatsache an, dass der russischen Bev&ouml;lkerung bis heute nicht &uuml;berzeugend vermittelt werden konnte, warum sich die russische Armee aus den Gebieten Kiew, Charkow und Cherson zur&uuml;ckgezogen hat. Der Regisseur sagte, es m&uuml;sse die Frage gekl&auml;rt werden, &bdquo;k&auml;mpfen wir oder k&auml;mpfen wir nicht?&ldquo;.<\/p><p>Schachnasarow erkl&auml;rte, das System mit den privaten Sicherheitsfirmen sei bisher gut gelaufen, jetzt m&uuml;sse man es aber &auml;ndern. Man m&uuml;sse &bdquo;die Rote Armee&ldquo; schaffen, was wohl bedeuten sollte, dass man sich von autonom agierenden privaten Sicherheitsfirmen verabschieden muss.  <\/p><p>Au&szlig;erdem meinte er, es sei merkw&uuml;rdig, dass in einer Zeit, in der russische Soldaten in der Ukraine gegen eine von den USA aufger&uuml;stete ukrainische Armee k&auml;mpfen, das russische Kulturministerium einen amerikanischen Kriegsfilm zur Auff&uuml;hrung genehmigt.  <\/p><p>Man k&ouml;nne &ndash; so der Regisseur &ndash; hoffen, dass der Westen nach dem Putschversuch verstanden habe, dass es auch nicht gut ist, wenn in Russland &ndash; einem Land mit Atomwaffen &ndash; B&uuml;rgerkrieg und Chaos herrschen. <\/p><p><strong>Der in Moskau geborene Israeli<\/strong><\/p><p>In der Solowjow-Sendung trat auch Jakow Kedmin (Jahrgang 1947) auf. Der israelische Staatsb&uuml;rger kommentiert h&auml;ufig in russischen Politik-Sendungen. Er vertritt patriotisch-russische Positionen. Kedmin wurde 1947 in Moskau geboren und wanderte 1969 nach Israel aus. Als israelischer Staatsb&uuml;rger arbeitete er von 1977 bis 1999 in der staatlichen israelischen Organisation &bdquo;Nativ&ldquo;, die f&uuml;r die &Uuml;bersiedlung von ehemaligen Sowjetb&uuml;rgern nach Israel zust&auml;ndig war. <\/p><p>In der Talk-Show bei Solowjow erkl&auml;rte Kedmin, Grund f&uuml;r den Konflikt mit den Wagner-Leuten sei &bdquo;zu viel Nachsicht&ldquo;. Er fragte, warum man den &bdquo;Abenteurer&ldquo; Prigoschin nicht eher gestoppt habe. Es habe schon &auml;hnliche F&auml;lle gegeben, wo f&uuml;r den russischen Staat gro&szlig;er Schaden entstanden sei und die Macht &bdquo;zu nachsichtig war&ldquo;. Als Beispiel nannte Kedmin Anatoli Tschubais, der Anfang der 1990er Jahre f&uuml;r die Privatisierung der russischen Staatsbetriebe zust&auml;ndig war. <\/p><p>Zuviel Nachsicht habe es auch gegen&uuml;ber Anatoli Serdjukow gegeben, der von 2007 bis 2012 russischer Verteidigungsminister war und einen gro&szlig;en Teil der russischen Armee-Immobilien verkaufte hatte, was in Teilen des russischen Milit&auml;rs auf heftige Kritik stie&szlig;. <\/p><p>&bdquo;Prigoschin meinte, ihm ist alles erlaubt&ldquo;, sagte Kedmin. Er habe sich als &bdquo;kleiner Zar&ldquo; aufgef&uuml;hrt. Der Chef der privaten Sicherheitsfirma Wagner versuchte, &bdquo;seine pers&ouml;nlichen Probleme mit dem russischen Verteidigungsministerium &uuml;ber Erpressung zu l&ouml;sen&ldquo;. Das sei &bdquo;unzul&auml;ssig f&uuml;r einen Rechtsstaat&ldquo;. Man habe Prigoschin zu sp&auml;t gezwungen, mit dem russischen Verteidigungsministerium einen Vertrag zu unterschreiben. Die Berater von Prigoschin &ndash; so Kedmin &ndash; seien &bdquo;Banditen&ldquo;. Prigoschin selbst sei ein &bdquo;Demagoge und Bandit&ldquo;. Man h&auml;tte das eher erkennen m&uuml;ssen. <\/p><p>Die Wagner-Soldaten h&auml;tten Russland gegen die Streitkr&auml;fte der Ukraine verteidigt. Aber man habe sich in den Wagner-Leuten get&auml;uscht. Das Strafverfahren gegen die Wagner-Leute werde nicht fallengelassen, sondern nur ausgesetzt. Es sei zun&auml;chst vor allem darum gegangen, &bdquo;diese Leute aus Russland zu werfen&ldquo;. In Wei&szlig;russland &bdquo;werden sie ihre Taten nicht wiederholen k&ouml;nnen&ldquo;. Wagner sei &bdquo;ein gemeinsames russisch-wei&szlig;russisches Problem&ldquo;.<\/p><p>Kedmin lobte Putin, der nicht so reagiert habe wie erwartet und einen Ausweg &bdquo;ohne Blutvergie&szlig;en&ldquo; gefunden habe.<\/p><p><strong>Der tschetschenische General <\/strong><\/p><p>Ein weiterer Teilnehmer der Talk-Show war der tschetschenische General Apti Alaudinow (Jahrgang 1973), Kommandeur der tschetschenischen Spezialeinheit &bdquo;Achmat&ldquo; und stellvertretender Leiter des zweiten Armeekorps im Donbass. Alaudinow erkl&auml;rte, er habe am Wochenende den Befehl bekommen, Kr&auml;fte von den Stellungen im Donbass abzuziehen und nach Rostow am Don zu &uuml;berf&uuml;hren, wo die Wagner-Einheiten mit Panzern die Innenstadt besetzt und verschiedene strategisch wichtige Geb&auml;ude unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Alaudinow erkl&auml;rte, unter seinem Kommando sei eine Kolonne von 300 Milit&auml;rfahrzeugen gebildet worden. Am Sonnabend um die Mittagszeit habe man nicht weit von der Stadt Rostow Stellung bezogen. &bdquo;Ich bekam den Befehl, die Wagner-Leute zu umgehen und nicht mit ihnen in Kontakt zu kommen. Wir sollten auf keinen Fall schie&szlig;en.&ldquo;<\/p><p>Die Situation sei sehr schwierig gewesen, &bdquo;weil in den Stra&szlig;en von Rostow am Don sehr viele Zivilisten und auch Polizei unterwegs waren&ldquo;. Auch f&uuml;r ihn pers&ouml;nlich sei die Situation sehr schwer gewesen. Mit den Wagner-Soldaten habe er in der Ukraine &bdquo;sieben Monate lang Schulter an Schulter&ldquo; gek&auml;mpft. Aber man habe ihn als General gelehrt, &bdquo;ein Feind kann jeder werden&ldquo;. Der Oberkommandierende, Wladimir Putin, treffe die Entscheidung. &bdquo;Wenn wir den Befehl bekommen h&auml;tten, dann h&auml;tten wir sie (die Wagner-Leute) angegriffen.&ldquo; Doch man sagte uns, dass die M&ouml;glichkeit besteht, dass es zu einer Einigung kommt. Auch Soldaten der Wagner-Einheiten h&auml;tten mit ihm Kontakt aufgenommen und erkl&auml;rt, dass eine Einigung m&ouml;glich sei. <\/p><p>Dass im russischen Fernsehen zum Teil sehr offen &uuml;ber den Putsch-Versuch debattiert wird, ist wohl unausweichlich. Denn in der russischen Bev&ouml;lkerung kommen nat&uuml;rlich Fragen auf, wie es so weit kommen konnte. Zudem verfolgen die Russen die Berichte von Milit&auml;rkorrespondenten und anderen politisch aktiven Zeitgenossen &uuml;ber diverse Telegram-Kan&auml;le, wo eine offene Diskussion gef&uuml;hrt wird und die Wagner-Einheiten im Minutentakt mit Videos &uuml;ber den Putschversuch berichteten.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/66ac99e9c9d048fbbe8b9500432be240\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einigen Sendungen der gro&szlig;en russischen Fernsehanstalten wird durchaus kritisch &uuml;ber den Putschversuch am Samstag diskutiert. Die Position von Pr&auml;sident Wladimir Putin wird nicht infrage gestellt. 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