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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: „Wir kommen frei nach wenigen Tage, aber Palästinenser wissen … das ist ihre Existenz“
Datum: 9. Juli 2026 um 10:58 Uhr
Rubrik: Das kritische Tagebuch
Verantwortlich: Redaktion
Die Global Sumud Flotilla vereint die verschiedensten Menschen mit dem Ziel, Gaza zu erreichen. So auch die Menschenrechtsaktivistin Zohar Regev. Die gebürtige Israeli ist langjähriges Mitglied der Bewegung und versucht seit über einem Jahrzehnt, die Hungerblockade Gazas zu durchbrechen. Die Anfänge der Global Sumud Flotilla hat sie miterlebt und wirkt inzwischen bei der Planung mit. Sie hatte Kontakt zu Überlebenden, die an Bord der ersten Flotilla waren, auf der 10 Aktivisten infolge von Gewalteinwirkung des IDF getötet und über 50 weitere Aktivisten verletzt wurden. Dieser tragische Vorfall schaffte es nicht, die Bewegung im Keim zu ersticken, sondern brachte sie erst in Fahrt. Mit dem Journalisten Hassan Al Khalaf sprach die Aktivistin über die erste Flotilla, über die Gewalt, deren Zeugin sie in israelischer Haft wurde, über die ungleiche Behandlung der Palästinenser, die sie als Kind in Israel miterlebte, und wieso sie trotz alldem ihre israelische Staatsbürgerschaft behält. Das Interview führte Hassan Al Khalaf.
Über die Interviewpartnerin: Zohar Chamberlein Regev ist 1970 in Israel geboren, als ihre Vorfahren aus Polen, Belarus und Deutschland einwanderten. Durch ihre Großeltern erhielt sie neben der israelischen Staatsbürgerschaft auch die deutsche. Die langjährige Aktivistin lebte dort bis 2004. Als Jugendliche hat sie ihr Bein bei einem Autounfall verloren und trägt seitdem eine Prothese. Bis 2018 hat sie in Spanien gelebt, wo sie als Mitglied des Komitees an der Organisation für die Global Sumud Flotilla mitgewirkt hat und selbst an Bord vieler Boote segelte, etwa die Al Awda Segelflotte 2018. Von 2019 bis 2022 lebte sie in Bethlehem, wo sie an dem Palestinian Museum of National History mitwirkte, ihren heutigen Mann kennenlernte und zum Islam konvertierte. Seit 2022 lebt die Aktivistin in Frankfurt und segelte kürzlich auch wieder auf der Global Sumud Flotilla Richtung Gaza.
Wie war es für Dich, in Israel aufzuwachsen?
Ich bin in einem Kibbuz geboren und groß geworden, einer Siedlung im Galilee nahe Nazareth. Auf der einen Seite waren wir umgeben von Palästinensern, denen es erlaubt war, in unserer Siedlung zu arbeiten. Auf der anderen Seite waren wir immer noch strikt von ihnen getrennt und lebten in einer rein jüdischen Siedlung. Meine Eltern brachten mir von klein auf bei, jedem Menschen Solidarität zu zeigen, doch das stand im Widerspruch dazu, wie Palästinenser behandelt wurden. Als ich aufwuchs, fühlte ich mich so, als ob ich den Platz von jemand anderem einnahm. Somit war ich damals schon eine Nonkonformistin in der israelischen Gesellschaft.
Was waren Deine frühesten Interaktionen mit Palästinensern?
Als ich noch im Kindergarten war, erinnere ich mich daran, stets einen palästinensischen Mann besucht zu haben. Er war der Förster und Hüter des Waldes. Er besaß ein Pferd, auf dem er mir erlaubte zu reiten, und er bot mir immer Tee an. Anstatt zu meinen Eltern bin ich immer zu ihm gegangen.
Als ich etwa fünf Jahre alt war, waren wir mit einer palästinensischen Familie aus Nazareth befreundet, die Land besaß und auf diesem Land ihr Haus baute, ohne Genehmigung der Regierung. Jemand aus unserem Kibbutz meldete das bei den Behörden. Daraufhin wurde ihr Haus zerstört. Meine Familie und ich besuchten sie aus Solidarität. Sie lebten nun in einer zusammengebastelten Notunterkunft. Ihr Baby haben sie verloren, weil es keinen Schutz vor Kälte gab. Dies war meine erste Begegnung mit Ungerechtigkeit, die ich selbst bezeugt habe. Ich stand auf den Ruinen ihres Hauses. Das ist der wichtigste Unterschied zwischen mir und anderen Israelis, die nicht mal die Namen von Palästinensern wissen wollen und sich auch nicht für ihre Geschichten interessieren. Dies ist das Hauptproblem, welches Entmenschlichung zulässt. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Ungerechtigkeit verschwindet, wenn Israelis und Palästinenser nur aufeinander zugehen. Es ist ein strukturelles Problem der Entmenschlichung und dieses System muss zuerst abgeschafft werden.
Was wurde Dir an israelischen Schulen über den Konflikt und die Palästinenser beigebracht?
Was uns ständig erzählt wurde, ist, dass die Geschichte jüdischer Menschen von Verfolgung geprägt ist. Das zionistische Projekt kam als Antwort auf jene Verfolgung. Die Lösung sei, dass Juden einen Platz haben, wo sie frei leben können. Dabei wurde impliziert, dass die Palästinenser, selbst wenn wir nicht leugnen können, dass sie dort gelebt haben, bevor der zionistische Plan umgesetzt wurde, andere Orte haben, wo sie hinkönnen. Sie seien Araber und Muslime. Deshalb hätten sie über 20 Länder, wo sie hinkönnen.
Meine Auffassung ist, dass dies alles auf Lügen basiert. Die Lösung zur „Judenfrage“ ist dieselbe Lösung zu jeder Unterdrückung: zu akzeptieren, dass Menschenrechte universal sind. In jedem Fall, indem man die Rechte von jemand anderem nimmt, löst man kein Problem, sondern erschafft ein neues. Juden in und außerhalb Israels sind nicht sicherer, da Israel für sich beansprucht, alle Juden zu repräsentieren. So werden Juden global dafür verantwortlich, da Israel behauptet, all das in ihrem Namen zu machen. Israel vertrieb Palästinenser, als es kreiert wurde, und so schafften sie die Palästinafrage. Die Antwort auf die Judenfrage und die Palästinafrage ist nicht, ein neues Problem zu erschaffen, sondern auf Menschenrechte zu achten.
Die Prinzipien von universellen Menschenrechten beinhalten die Tatsache, dass es einer Person freisteht, in dem Ort zu leben, wo sie geboren ist, aber auch an diesen Ort zurückzukehren. Es gibt kein Recht, Menschen, die aus Palästina verbannt wurden, die Rückkehr zu verweigern. Juden brauchen keinen Sonderplatz zum Leben, sie können überall leben und respektiert werden.
Hatten Deine Eltern zuvor Kontakt mit Palästinensern?
Das ist eine interessante Geschichte. Meine beiden Eltern wurden 1947 geboren. Auf ihren Geburtsurkunden steht „Palästina“, denn es war das britische Mandat Palästina. Sie kamen aus europäischen Familien, die entweder als Flüchtlinge oder als Siedler aus Europa nach Palästina kamen.
Meine Mutter stammte aus einem liberalen Haus und so wurde ihr der Wert eines jeden Menschen beigebracht. Mein Vater sagte, als er klein war, er hasst „Araber“. Als Kind zählte er, wie viele „Araber“ getötet wurden. Palästinenser, die aus ihren Dörfern binnenvertrieben wurden, versuchten zurückzukehren, aber sie wurden wie Eindringlinge behandelt und erschossen. Als Kind verinnerlichte er dieses menschenfeindliche Bild.
Sein Vater arbeitete am Hafen von Haifa und so beschaffte er seinem Sohn eine Stelle für den Sommer. Er traf einen jungen palästinensischen Mann, der auch dort arbeitete. Plötzlich hatte er einen palästinensischen Freund und er fühlte sich schlecht zu sagen, sie gehören alle getötet. Plötzlich verschwand sein Freund. Es wurde gesagt, er sei ein Terrorist, der verhaftet wurde und im Gefängnis starb. Er fragte seinen Vater, der ihm nur antwortete: „Menschen, die du magst, können auch schlimme Dinge tun.“ Mein Vater akzeptierte dies nicht und so besuchte er die Familie seines Freundes in Jaffa. Von ihnen fand er heraus, dass er verhaftet wurde, weil er gegen den Verkauf des muslimischen Friedhofs für den Bau des Hilton-Hotels demonstrierte.
Dies brachte meinen Vater zum Nachdenken. Wir nennen jemanden Terrorist, weil er gegen die Zerstörung eines Friedhofs protestiert? Sein Freund machte von seinem Recht zum Demonstrieren Gebrauch, wurde aber wie ein Schwerverbrecher behandelt.
Später trat mein Vater einer Jugendbewegung bei, die ihn zum Leben im Kibbuz verleitete. Ein Kibbuz ist eine kommunale Siedlung, in der Menschen gemeinsam leben und sich einen Speiseraum teilen. Palästinensische Arbeiter mussten aber immer außerhalb des Speiseraumes essen. Mein Vater hinterfragte dies und ihm wurde gesagt: „Die mögen es nicht, mit uns zu essen. Sie haben ihre eigenen Bräuche und ihr eigenes Essen.“ Mein Vater akzeptierte dies nicht und bestand darauf, dass sie mindestens eingeladen werden sollten, um dann selbst zu entscheiden. So durften sie endlich auch im gemeinschaftlichen Speiseraum essen.
Mein Vater wurde 1967 in den Krieg eingezogen. Er war 19 und wurde Zeuge von zahlreichen Kriegsverbrechen. Er sah die Kämpfe bei Nablus und wie ein unbewaffneter alter Mann wie ein Gefangener festgehalten und erschossen wurde. Seine Kameraden und er waren damit nicht einverstanden, aber sie taten nichts, um es zu stoppen. Dieser Vorfall hatte einen tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen, weil er nicht dazwischengegangen ist.
Als der Krieg beendet war, war er strikt und konsequent gegen die Besatzung. So bin ich in einem Haus zur Welt gekommen, dass die Palästinenser als Menschen anerkannte. Als Kind wurde ich auf viele Demos gegen die Besatzung im Westjordanland mitgenommen. Ich erinnere mich, dass wir nach dem Massaker von Sabra und Shatila im Libanon bei einem Protest waren, der eine Untersuchung der Rolle der israelischen Armee beim Massaker forderte. Es war keine Mehrheit, aber es gab Menschen in Israel, die wussten, dass das Flüchtlingscamp in Beirut zu diesem Zeitpunkt noch von israelischen Soldaten besetzt war. Es bestand öffentlicher Druck auf den damaligen Verteidigungsminister Ariel Sharon. Die Untersuchungskommission kam zum Entschluss, dass er der Beihilfe am Massaker schuldig war und deshalb zurücktreten sollte, doch die damalige Regierung wollte seinen Rücktritt verhindern.
In Jerusalem nahmen wir an einer Demonstration teil, die seinen Rücktritt forderte. Während dieses Protests warf ein rechtsradikaler Fanatiker eine Granate in die Menschenmenge und tötete den Friedensaktivisten Emil Greenzweig. Ich war erst 12, doch dieses Ereignis war wichtig in meinem Leben. Ich denke nicht, dass sich die meisten Israelis in meinem Alter an diesen Teil der Geschichte erinnern, geschweige denn, dass es sie interessiert.
Hast Du jemals Antisemitismus von Palästinensern erfahren?
Nein, ich denke nicht, dass ich das jemals habe. Mir sind anti-israelische Haltungen begegnet, die ich verstehen kann. Es ist etwas verwirrend, dass man im Arabischen als Bezeichnung für ein Volk nicht Israeli, sondern „al Yahud“ ( die Juden) verwendet. Wir sagen auch ständig Araber und nie Palästinenser im Hebräischen.
Ich würde nicht sagen, dass Antisemitismus total abwesend ist von Solidaritätsbewegungen für Palästina, besonders wenn Menschen sagen, „die jüdischen Lobbys in den USA haben so viel Geld und Einfluss“. Natürlich gibt es einflussreiche jüdische Lobbys, aber zionistische Lobbys sind nicht zwingend jüdisch. Christliche zionistische Lobbys haben deutlich mehr Macht und Einfluss.
Ich identifiziere mich immer noch als Jüdin und die Werte des Judentums stehen im Widerspruch zu dem, was Zionismus ist und Zionisten tun. Da besteht ein Unterschied. Zionismus ist lediglich eine Ideologie, aber eine rassistische und problematische. Sie glorifiziert den Staat und ebenso die Gewalt. Sie ist rassistisch, weil sie einer spezifischen Bevölkerungsgruppe Macht nimmt und eine andere Bevölkerung unterdrückt. Die Menschen leben diese Ideologie aus.
Gewalt ist nicht immer, zur Waffe zu greifen und jemanden zu töten. Gewalt sind auch Maßnahmen, die Menschen den Zugang zu Grundbedürfnissen wie Wasser, Nahrung, Bewegungsfreiheit, Gesundheitsversorgung und Obdach verwehren. Wie im Falle der palästinensischen Familie, die ich kannte. Eines ihrer Kinder ist gestorben und niemand musste kommen, um das Kind zu töten. Die Lebensbedingungen waren so unmenschlich, dass das Baby gestorben ist. Er ist erfroren, weil er nicht die Unterkunft hatte, die seiner Familie zusteht. Er hätte nicht sterben müssen, verfügte seine Familie noch über ihr Haus. Dasselbe passiert heute immer noch mit Babys in Gaza.
Welche Privilegien hast Du in Israel, die Palästinensern verwehrt werden?
In Palästina, das 1948 besetzt wurde, herrschen keine gleichen Bürgerrechte. Palästinenser haben nicht dieselbe Möglichkeit, Häuser zu bauen oder ihre Dörfer und Städte zu planen. Viele von ihnen wurden zu Binnenvertriebenen und es wurde ihnen nicht erlaubt, in die Dörfer zurückzukehren, wo sie lebten, bevor Israel gegründet wurde. Einige der Bürger beduinischer Herkunft leben in Dörfern, die in Israel nicht anerkannt werden. Als Israeli bekam ich die Freiheit, mich überall zu bewegen und überall zu leben, wo ich will. Ein Recht, das nicht mal Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft besitzen.
Darüber hinaus gibt es noch andere Faktoren, die Palästinenser diskriminieren. Die Rechte, die Israelis erhalten, kommen durch die Wehrpflicht. Es bestehen gewisse Vorteile wie die Möglichkeit, kostenfrei zu studieren, selbst wenn man den Militärdienst nicht geleistet hat, aber trotzdem zum Dienst gerufen wurde. Ich musste keinen Dienst leisten, weil ich mein Bein bei einem Autounfall verloren habe, aber weil ich zum Dienst gerufen wurde, stehen mir alle Privilegien zu. Es gibt aktuell Debatten in Israel darüber, ob religiöse Juden die Wehrpflicht leisten müssen, aber weil sie ohnehin schon gerufen werden, können sie die Vorteile beanspruchen, ohne in der Armee tätig zu sein. Deshalb sagen wir, Israel ist ein Apartheidstaat.
Palästinenser, die über die israelische Staatsbürgerschaft verfügen, erhalten nicht dieselben Rechte und für jene, die unter Militärherrschaft leben, ist es nochmal schlimmer. Als ich von 2019 bis 2022 in Bethlehem lebte, konnte ich problemlos als israelische Staatsbürgerin rein und raus gehen, aber den Menschen, die in Bethlehem lebten, stand dies nicht zu. Sie konnten die Checkpoints nur mit einer speziellen Genehmigung passieren.
Das ist nur eine von vielen Diskriminierungen. Palästinenser, die unter israelischer Militärbesatzung leben, brauchen eine Genehmigung für den Zugang zu ihrem Land. Sie haben nicht denselben Zugang zu Wasser oder ihrem Land wie israelische Siedler. Durch den Bau neuer Mauern wird ihnen ihre Landfläche genommen. Wenn eine Siedlung zu nah an ihrem Land gebaut wird, kann die Armee ihnen verbieten, dahin zu gehen. Dann richten sie Pufferzonen zwischen israelischen Siedlungen und palästinensischen Dörfern ein, sodass Palästinenser diese nicht mehr betreten dürfen.
Was veranlasste Dich dazu, Israel zu verlassen?
Ich habe bis 2004 dort gelebt. Mir wurde klar, dass dort zu leben, bedeutet, mit einem System zu kollaborieren, von dem ich kein Teil sein wollte. Aber auch, um mich selbst davor zu bewahren, gegenüber dieser schweren Ungerechtigkeit abzustumpfen. In Palästina, das seit 1948 besetzt ist, sehe ich, wie die Menschen gegenüber dem Leid der Palästinenser abgestumpft sind. Selbst die Konsequenz aggressiver Außenpolitik, dass sie nun vom Iran bombardiert werden, wird von Israelis einfach hingenommen. Sie sehen es als selbstverständlich an, dass junge Menschen in den Krieg ziehen und Kriegsverbrechen begehen. Das ist der Lauf der Dinge und davon wollte ich kein Teil mehr sein. Ich verfüge immer noch über Privilegien, die mich begleiten, egal wo ich hingehe. Wenn ich mit einem deutschen Pass nach Spanien gehe, habe ich mehr Rechte als Menschen, die als Geflohene ankommen. Es ist unmöglich, meine Privilegien einfach abzulegen, aber ich kann meine privilegierte Position nutzen, um für die zu sprechen, die Ungerechtigkeit ausgesetzt sind.
Wie war Deine Zeit im Westjordanland?
Das erste Mal war ich 2019 dort. Es war eine sehr interessante Zeit. Es waren viele andere internationale Freiwillige wegen des Projekts Palestinian Museum of Natural History da. Ich bin einigen Palästinensern begegnet und hatte die Gelegenheit, ihre Sichtweisen zu verstehen.
Die erste Frage, die man bekam, war: Woher kommst du? Ich sagte immer, ich bin israelische Jüdin. Dann begrüßten sie mich gleich zweimal mit dem arabischen Gruß. Sie sagten einmal, weil ich mit den anderen hier war, und das zweite Mal, weil es nicht selbstverständlich war, dass ich dort sein würde. Während der Corona-Pandemie kam ich 2020 erneut und konnte mehr Palästinenser treffen. In jedem Haus, wo ich war, hörte ich, wie es ist, unter Besatzung, unter Vertreibung, unter Todesgefahr mit dem Gefühl, dass die Welt euch nicht sieht, zu leben.
Identifizierst Du Dich immer noch als Israeli und siehst Du Israel als Deine Heimat an?
Es ist nicht meine Heimat, sondern nur dort, wo ich geboren bin. Ich verfüge immer noch über die Staatsbürgerschaft, also bin ich Israeli. Solange Israel existiert, habe ich die Möglichkeit, meine Stimme bei Wahlen abzugeben. Viele Israelis, die so denken wie ich, haben ihre Staatsbürgerschaft bereits abgelegt. Ich beschloss aber, meinen israelischen Pass zu behalten, damit ich an Wahlen für das Parlament teilnehmen kann.
Israel behauptet, eine Demokratie zu sein. Natürlich ist es keine, aber inmitten dieses Spiels erlaubt es den palästinensischen Bürgern Israels, ihre eigenen Parteien zu gründen. Jene sind die einzigen Parteien, die ich wähle. Sie sind wenige und es wird nicht von ihnen erwartet, dass andere Parteien Koalitionen mit ihnen eingehen. Trotzdem möchte ich für Palästinenser mit der israelischen Staatsbürgerschaft nicht die Hoffnung aufgeben. Sie machen 20 Prozent der Bevölkerung aus und wenn sie alle für nicht-zionistische Parteien stimmen, bilden sie eine Präsenz, die nicht ignoriert werden kann. Von anderen Israelis verlange ich, auch diese Parteien zu wählen, denn sie stehen für die gleichen Rechte für alle. Sie sind die einzigen, die noch Hoffnung bringen können. Das zionistische Projekt schadet auch Juden. Wir brauchen keine Privilegien, sondern Gleichberechtigung wie jeder andere auch.
Hast Du Israel jemals besucht, seitdem Du das Land verlassen hast?
Während der Zeit, als ich in Spanien lebte, kam ich zurück zum Wählen und für kurze Aufenthalte. Ich betrat das Westjordanland über Israel und es stand mir frei, überall in ganz Palästina zu sein. Von den vielen Flottillen, auf denen ich war, wurde ich mehrmals gegen meinen Willen nach Israel gebracht. Ich gehe trotzdem nicht regelmäßig dorthin und erst recht nicht für Familienfeiern wie etwa zur Hochzeit meines Bruders. Wann immer ich komme, sind es nur politische Anliegen.
Wie hast Du die Übernahme durch das israelische Militär erlebt?
Wir haben damit gerechnet und dementsprechend haben wir uns vorbereitet. Als das Speedboot der Soldaten nah genug kam, befahlen sie uns allen, zur Vorderseite des Bootes zu kommen. Wir antworteten, dass einige von uns nicht dazu in der Lage sind. Ich zum Beispiel habe nur ein Bein. Zwei ältere Teilnehmer sagten, sie können nicht zur Vorderseite laufen, weil sie sich nicht sicher fühlen. So waren wir vom Rest getrennt.
Die Soldaten kamen mit ihren Waffen zu uns. Das Erste, was sie taten, war, die Internetverbindung zu zerstören. Sie beschädigten die Kamera und warfen sie ins Meer. Was sie am meisten fürchten, ist die Wahrheit. Sie wollen nicht, dass die Welt sieht, was hier geschieht. Sie wollen auch nicht individuell erkannt werden, also waren alle von ihnen maskiert. Sie machten sich nicht die Mühe, uns zu durchsuchen. Sie fragten nur, ob wir etwas in unseren Taschen haben und schauten auf unsere Pässe. Als sie realisierten, dass ich Israeli bin, fragten sie, ob ich Hebräisch spreche. Ich sagte ihnen, ich werde nicht Hebräisch mit euch sprechen, weil hier Leute sind, die die Sprache nicht verstehen. Sie sprachen auf Hebräisch zu mir, aber ich weigerte mich zu antworten.
Nach einer Weile kam das Speedboot zurück und sieben von uns wurden von unserem Segelboot auf dieses Boot abtransportiert und dann auf ein Gefängnisschiff gebracht. Auf diesem Schiff sollten wir jede Schicht an zusätzlicher Kleidung und jede Form von Palästina-Solidarität ablegen. Ich trug eine Keffiyeh auf meinem Kopf und mir wurde befohlen, sie abzulegen. Dann durchsuchten sie uns und brachten uns in einen Hof aus Containern, auf deren Oberseite Stacheldraht angebracht war. Einer der Container diente als Tür, um hineinzukommen, aber von dort konnten wir nicht wieder hinausgehen. Die anderen fünf Container hatten eine Öffnung zum Hof hin, sodass wir hinein- und herausgehen konnten.
Wir konnten uns nur innerhalb oder außerhalb der Container bewegen. Entlang der Wand des Hofes befanden sich etwa 15 Plastiktoiletten. Der Boden im Inneren dieses Hofes ist nass, und während der Zeit, die ich dort war, liefen die Toiletten über und schmutziges Wasser lief auf den Hof. Als ich reinkam, wurde ich von Menschen, die ich kannte, begrüßt, aber plötzlich hörte ich jemanden schreien. Wenige Minuten bevor ich reinkam, hatten sie geschossen. Einer Aktivistin, Mathilda Mallet, schossen sie sogar in ihr Bein. Wir verbrachten 48 Stunden auf diesem Schiff, ehe man uns in den Hafen von Ashdod brachte.
Wurdest Du in israelischer Haft anders behandelt aufgrund Deiner Staatsbürgerschaft?
Ja, insbesondere das juristische Vorgehen. Internationalen Aktivisten wird vorgeworfen, nach Israel eingedrungen zu sein, obwohl sie verschleppt und gegen ihren Willen nach Israel gebracht wurden. Das Endziel war es, diese Aktivisten zu deportieren. Sie trennten mich von den restlichen Aktivisten und brachten mich in eine Polizeistation. Dann verhafteten sie mich formal mit erfundenen Anschuldigungen. Sie warfen mir „illegales Vordringen“ vor, den unbefugten Aufenthalt in einem Militärgebiet sowie das Betreten und Verbleiben in einer verbotenen Zone. Für all diese erdachten Anschuldigungen bekam ich keinen Prozess, sondern nur eine Anhörung bezüglich der Bedingungen meiner Freilassung.
Ich habe dieselben Erfahrungen schon 2018 und 2025 gemacht, als ich von Bord der jeweiligen Flotilla gekidnappt wurde. Sie wollten meine „Verbrechen“ nicht untersuchen, weil sie wussten, dass es keinen Tatbestand gibt. Das Erste, was meine Anwältin von der palästinensischen NGO Adala die Staatsanwaltschaft fragte, war: Bezeugen Sie, dass die Übernahme in internationalen Gewässern stattfand? Die Staatsanwältin bestätigte dies. Daraufhin fragte meine Anwältin, wie man mich des illegalen Vordringens, des unbefugten Aufenthalts sowie des Betretens einer verbotenen Zone beschuldigen könne, wenn ich mich in internationalen Gewässern befand. Zum Zeitpunkt der Verschleppung war ich noch nahe Zypern, weit entfernt von Israel oder Gaza. Wenn sie von Gaza als Militärgebiet reden, war ich nicht mal in der Nähe Gazas. Sie können mir die Anklagepunkte nicht vorwerfen, weil ich nicht dort war.
Die Staatsanwältin sagte daraufhin nur, „wir beschuldigen Sie des versuchten Eindringens“, aber das ist nicht, was dort geschrieben stand. Dieser Fehler der Staatsanwaltschaft hätte sofort meine Freilassung erwirken sollen, weil die Anklage nicht korrekt verfasst wurde. Das ist kein Rechtssystem, das ist eine Besatzung, die tut, was sie will, weil unsere Regierungen in Europa, den USA und anderen Staaten sich mitschuldig machen, wenn sie Israel alles gewähren lassen. Wir haben uns nur deshalb in diese Situation gebracht, um den Fokus auf Palästina und die Illegalität der Besatzung, des Genozid und der ethnischen Säuberungen zu richten.
Welche Formen von physischer Gewalt hast Du in der Haft erlebt?
Manchmal schubsten sie, als sie mich vom Boot in den Hafen führten, aber nicht allzu sehr. Meine Hände waren mit Kabelbindern gefesselt. Ein Soldat zerrte mich an den Fesseln, während ein anderer meinen Hals eng umklammerte und meinen Kopf runterdrückte. Er wollte, dass ich mit gesenktem Kopf laufe. Als wir den Hafen erreichten, fasste er mir plötzlich mit der anderen Hand an den vorderen Hals und würgte mich mit beiden Händen. Sie wollten, dass ich meine Beinprothese ausziehe und sie in den Scanner lege. Ich sagte der Frau, die das anordnete, „ihr müsst mich losbinden und er muss aufhören, mich zu würgen. Wenn er mich würgt, kann ich meine Beinprothese nicht ausziehen.“ Danach hörten sie auf und weil ich ohne meine Prothese nicht laufen kann, mussten sie mich tragen. Ich konnte spüren, dass sie darüber nicht glücklich waren.
Die männlichen Soldaten waren noch anwesend, als die Frauen mich durchsuchen wollten, aber ich machte ihnen klar, ich werde mich im Beisein der Männer nicht ausziehen. Sie haben mich nicht getreten, meine Rippen gebrochen oder mir ins Bein geschossen wie vielen anderen Aktivisten. Es ist sehr willkürlich, wieso sie manche Aktivisten misshandeln und andere nicht. Es könnte mit ihrer Hautfarbe oder ihrer Nationalität zu tun haben. Manche Soldaten und Polizisten sind gewalttätiger als andere. Es ist schwer, vorauszusagen, was sie tun werden, weil sie unberechenbar handeln.
Ich finde, es ist wichtig zu betonen, dass wir uns in diese Situation begeben haben. Die Erfahrung der Vergangenheit zeigt, wir kommen nach wenigen Tagen frei. Aber Palästinenser, ob sie eingesperrt werden oder nicht, wissen, es geht um ihre Existenz. Sie könnten jederzeit verhaftet, getötet, gefoltert oder sogar vergewaltigt werden. Sie erleiden systematischen Missbrauch, aber niemand eilt ihnen zu Hilfe. Sie werden nicht daraus befreit und niemand zieht Israel zur Rechenschaft dafür, was sie Palästinensern antun.
Welchen Methoden von mentaler Folter warst Du ausgesetzt?
Sie haben mir allerlei Anschuldigen an den Kopf geworfen, etwa ob ich mich nicht schäme, an Bord der Flotilla zu sein. Im Gefängnis gab es ein Problem mit dem Kopftuch, das ich trage, obwohl im Gefängnis ein Schild hing, das die Rechte der Gefangenen in drei Sprachen erklärte. Eines dieser Rechte beinhaltet das Recht auf Religionsfreiheit, aber die Leiterin des Shikma-Gefängnisses sagte mir, ich darf mein Kopftuch nicht tragen. Sie drohte mir, mein Kopftuch mit Scheren zu zerschneiden.
Ich verstand wirklich nicht, worauf sie hinauswollte. Letztendlich konnte ich es zwar tragen, aber nicht wie üblich um meinen Hals binden. Vor Gericht habe ich dies auch angesprochen. Sowas ist intolerant und nicht nur, weil es mir passiert ist. Wenn diese Frau palästinensische, muslimische Frauen genauso behandelt und sie keinerlei Möglichkeit haben, sich zu beklagen, werde ich meine Chance vor Gericht nutzen, um für sie zu sprechen. Ich würde nicht so weit gehen und es Folter nennen, aber meine Rechte wurden missachtet und es ist meine Pflicht, mich darüber zu beschweren.
Weißt Du, wieso die Rechte der Gefangenen dort noch auf Arabisch stehen, wenn man bedenkt, dass es zahlreiche Missbrauchsfälle an Palästinensern in israelischen Gefängnissen gibt?
Arabisch ist eine offizielle Sprache in Israel, auch wenn sie seit dem Nationalstaatsgesetz 2018 nicht auf einer Stufe mit Hebräisch gestellt wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sie dadurch zeigen wollen, „das sind zwar eure Rechte, aber ihr habt nicht die Macht, sie zu erwirken“. Israel hat das Internationale Rote Kreuz kein Gefängnis seit dem 7. Oktober besuchen lassen, aber wenn internationale Organisationen wieder Zugriff kriegen, können sie ihnen zeigen, „die Rechte stehen sogar an den Wänden“. Ob sie umgesetzt werden oder nicht, spielt keine Rolle.
Wurdest Du vor dem israelischen Gericht gerecht behandelt?
Es war eine Anhörung über die Bedingungen meiner Freilassung und es war alles andere als fair. Es war illegaler Arrest und Verschleppung aus internationalen Gewässern. Das ganze Verfahren ist rechtswidrig. Auf den Papieren, die ich für meine Freilassung unterzeichnen musste, stand, dass ich Gaza für 60 Tage nicht betreten darf, dass ich der Polizei Folge zu leisten habe, wenn sie mich zu einem Verhör rufen, und sollte ich nicht kooperieren, muss ich fünftausend Schekel zahlen.
Wie hat Deine Konvertierung zum Islam Deinen Aktivismus beeinflusst?
Ich war Aktivistin, bevor ich Muslima geworden bin. Den Islam anzunehmen, hat sich angefühlt, als ob man nach Hause kommt. Besonders die Tatsache, dass Gerechtigkeit ein integraler Teil der Religion ist. Gerechtigkeit war mir persönlich immer wichtig und im Islam ist sie fest verankert. Es hat sehr gut zu meinem Drang gepasst, mich Ungerechtigkeit entgegenzustellen. Von einer bekannten Überlieferung des Propheten Mohammed habe ich persönlich viel gelernt.
Konfrontiert mit Unrecht, musst du es mit deiner Hand stoppen. Wenn du es nicht mit deiner Hand stoppen kannst, so stoppe es mit deiner Zunge. Sprich gegen das Unrecht und wehre es mit der Wahrheit ab. Wenn du nicht mal reden kannst, musst du dir das Unrecht wenigstens mit deinen Augen anschauen. Du kannst nicht wegschauen. Wenn selbst das zu gefährlich ist, musst du es im Herzen tragen, um nicht zu vergessen, dass dieses Unrecht existiert. Man kann zwar gegen das Unrecht beten, aber, so heißt es, das ist der schwächste Weg, um Unrecht zu bekämpfen. Als Muslime ist es unsere Pflicht, zuallererst zu handeln.
Wenn mir Muslime begegnen, die sagen, „aber wir können doch für Gaza beten“, muss ich ehrlich sagen, es tut mir leid, das ist nicht der Islam, an den ich glaube. Ich glaube an einen Islam mit direkten Taten gegen Unrecht. Auf meiner vorherigen spirituellen Reise, bevor ich es überhaupt in Erwägung zog, Muslima zu werden, bin ich Muslimen und Christen begegnet, die ihren Glauben ausgelebt haben und das hat einen Eindruck bei mir hinterlassen. Wenn man die Dinge, an die man glaubt, im eigenen Leben praktiziert, schöpft man die Kraft zum Weitermachen. Wenn die Frage ist, wie der Islam meinen Aktivismus beeinflusst, er stärkt nur, was vorher schon vorhanden war.
Was vereint all die verschiedenen Menschen an Bord der Global Sumud Flotilla?
Der Drang unsere eigene Menschlichkeit zu bewahren. Ich denke, genau das ist unsere Botschaft. Wir sind normale Menschen, keine Helden. Wir sind keine außergewöhnlichen Menschen. Jeder Mensch kann etwas unternehmen und das bedeutet nicht zwingend, dass jeder nach Gaza segeln muss. Trotzdem kann jeder mehr tun, um aus seiner Komfortzone zu kommen, sich der eigenen Furcht zu stellen, sich mit anderen Menschen zu vernetzen, um sich zu organisieren und gemeinsam die Todesmaschinerie zu stoppen.
Wie hast du von der Bewegung erfahren?
2009 bin ich mit etwa 14.000 anderen Aktivisten, die aus aller Welt kamen, nach Kairo gegangen, um an dem Freiheitsmarsch für Gaza teilzunehmen. In Kairo wurden wir zwar gestoppt und daran gehindert, Gaza zu erreichen, aber ich bin spanischen Aktivisten begegnet, die später auf der ersten Flotilla 2010 sein werden. Anders als einige andere Aktivisten kehrten die spanischen Aktivisten an Nord der Marvi Marmara kehrten zurück. Ich fragte danach, auf dem nächsten Boot aus Spanien dabei zu sein. Seit 2012 wurde ich Teil der Organisation für die Flotillas. Damals waren es noch ein oder zwei Boote. Es war niemals so groß, wie die Global Sumud Flotilla heute ist. Es war der Samen, der zu einem Baum herangewachsen ist. So wurde ich ein Teil der Flotilla Bewegung und inzwischen bin ich schon seit über 14 Jahren Mitglied.
Wie hast du die Tötung der Aktivisten an Bord der Mavi Marmara erlebt?
Es war ein Schock. Ich denke nicht, dass irgendjemand sowas kommen sehen hat. Fast genauso schlimm wie die Ermordungen ist die mediale Berichterstattung. So als ob Israel in Selbstverteidigung reagierte. Für jene von uns, die die Opfer kannten und mit der Bewegung vertraut waren, war klar, dass die Gewalt nur von israelischer Seite ausging. Soldaten kamen an Bord kamen und erfuhren von den Aktivisten Widerstand. Sie wurden von den Aktivisten entwaffnet und warfen ihre Waffen ins Meer. Sie haben die Waffen, mit denen die Soldaten kamen, nicht gegen sie eingesetzt. Stattdessen haben sie diesen Soldaten medizinische Versorgung zukommen lassen. Als sie diese Soldaten zurückgeben wollten, wurde auf sie geschossen. Selbst als die israelische Armee gerade ihre Geiseln empfing, schossen sie auf die Aktivisten. Sie nahmen sogar die leben ihrer eigenen Leute in Kauf. Dasselbe konnten wir auch in Gaza beobachten, wo Gefangene durch ihre eigenen Streitkräfte getötet wurden.
Dir ist bewusst, dass es eine gefährliche Reise ist. Was motiviert dich trotzdem weiterzumachen?
Weil es gefährlicher ist, zuhause zu bleiben und nichts zu tun. Aus der Vergangenheit wissen wir, wenn wir schweigen während andere Menschen Repressionen ausgesetzt sind und ihnen keine Solidarität entgegenbringen, dass die selben Repressionen eines Tages auch uns treffen können. Es ist genau wie es in dem berühmten Gedicht Martin Niemöller heißt. Es ist nicht nur so, dass niemand für mich da sein wird, wenn sie mich holen kommen. Die Lehre dir wir von Niemöller ziehen, ist nicht nur, dass wir allein und verfolgt sein werden, wenn wir nicht für andere einstehen. Sondern auch dass die Probleme für jeden von uns größer werden, wenn wir jetzt nicht zusammenhalten.
Natürlich rechnen wir die Gefahren mit ein. Jede Seereise bringt potenzielle Gefahren mit sich. Wir haben erfahrene Kapitäne an Bord, die die Sicherheit der Boote gewährleisten. Wir wissen von den möglichen Gefahren, dass Israel Druck auf unsere Regierungen aufbaut, uns zu stoppen oder unsere Boote zu sabotieren. Natürlich gibt es auch die Gefahr, dass sie uns direkt attackieren werden, wie sie es bisher immer getan haben. Wir rechnen mit alldem und nachdem wir uns auf alle möglichen Szenarien vorbereitet haben, trotzdem bleiben wie entschlossen uns diesen Gefahren gegenüberzustellen. Unsere Mission ist notwendig. Unsere Mission besteht darin, die genozidale Entität zu konfrontieren und niemals ihre Praktiken zu akzeptieren.
Wie werden die Mitglieder der Flotilla auf die Reise vorbereitet?
Sie erhalten ein vielfältiges Training. Deeskalationstraining. Medientraining.
Sicherheitstraining und vieles mehr. Es ist eine umfassende Vorbereitung für alles was passieren kann. Wir erklären den Teilnehmern, dass wir viel Zeit auf sehr engem Raum verbringen werden. Wir müssen zusammenleben, ein Badezimmer teilen, verschiedene Bräuche und Sprachen respektieren. Es gibt viele Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Jemand muss nachts Wache schieben und Ausschau vor Drohnen halten. Für den Fall einer plötzlichen Übernahme sind wir auch vorbereitet. Wir reden immer aus Erfahrung, aber betonen dabei auch, es kann sein, dass wir diesmal endlich Gaza erreichen.
Sie begegnen uns stets mit Gewalt, doch wir erwidern diese Gewalt nicht. Es gibt Menschen, die beim Training disqualifiziert werden, weil wir der Überzeugung sind, dass sie nicht bereit sind oder Panikattacken erleiden können. Psychologisch kann das ganze sehr belastend für viele sein. Deshalb vollziehen wir das Training, um zu wissen, wie die Teilnehmer reagieren. Unsere Grenze besteht darin, keinen Widerstand zu leisten gegen den gewaltsamen Versuch uns zu stoppen. Wir glauben nicht, dass Widerstand in diesem Fall das Ziel der Mission voranbringt. Das ist eine strategische Entscheidung. Wir müssen sehen, dass die Teilnehmer diszipliniert mit der Situation umgehen. Deshalb trainieren wir sie mehrmals und führen Simulationen durch.
Du bist mit einem Palästinenser verheiratet. Hat dich seine Familie als Israeli akzeptiert?
Ja, natürlich. Ich habe meinen Mann kennen gelernt, als wir beide beim Palestinian Museum of National History gearbeitet haben. Er hat mich eingeladen, seine Familie kennen zu lernen, lange bevor ich zum Islam konvertiert bin oder wir geheiratet haben. Ich kam als israelische Jüdin zu Besuch und sie haben mich herzlich empfangen. Wir haben über viele Dinge diskutiert. Sie haben mich als Mensch akzeptiert und heute behandeln sie mich wie ein Mitglied der Familie.
Welche Diskriminierungen muss seine Familie verkraften?
Die Palästinenser im Westjordanland und besonders in Bethlehem oder den Flüchtlingsheimen leben wie in einem wortwörtlichen Käfig. Sie dürfen nicht überall arbeiten, wo sie wollen. Selbst innerhalb des Westjordanlandes dürfen sie sich nicht frei bewegen. Es gibt Checkpoints und willkürliche Einschränkungen, die bestimmen, wo sie hindürfen. In ihren heiligen Stätten wie der Al Aqsa-Moschee dürfen sie nicht beten, weil sie keine Genehmigung erhalten. Sie sind wirtschaftlich eingeschränkt und von Gesundheitsversorgung als auch Bildung abgeschnitten. Es ist sehr schwer für sie, trotzdem sagen sie, sie wollen sich nicht beschweren, weil in Gaza alles viel schlimmer ist. Auch im Westjordanland wird es jeden Tag schlimmer, weil sich die illegalen Siedlungen und die Armee immer weiter ausbreiten. Seit über 50 Jahren können Soldaten mitten in der Nacht in die Häuser von Palästinenser stürmen. Siedler können ungestraft Palästinenser angreifen, ausrauben und lebendig verbrennen. Niemand hält sie auf.
Italien und Spanien haben Schiffe zum Schutz der Mannschaft entsandt. War das hilfreich?
Dass andere Länder endlich Maßnahmen gegen die Taten Israels ergreifen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Sie wollten Israel zeigen “Ihr könnt diese Menschen nicht einfach ohne Konsequenzen töten.” Dass sie umgekehrt sind und nicht präsent zum Zeitpunkt der Entführungen waren, bleibt trotzdem ein Akt der Mitschuld. Sie spendeten damit ein Signal: es ist nicht okay sie zu töten, aber sie aus internationalen Gewässern zu entführen, in einem Gefängnisschiff festzuhalten und schwer zu foltern, schon.
Was wäre der Plan, wenn ihr Gaza endlich erreicht?
Ich bin keine offizielle Sprecherin der Bewegung aber als eine Person, die seit vielen Jahren versucht die Hungerblockade zu durchbrechen, sage ich, wir möchten den Menschen aus Gaza, die isoliert vom Rest der Welt werden, zeigen, dass wir sie nicht vergessen. Uns ist bewusst, dass wir mit unseren beschränkten Mitteln ihren Bedarf nicht decken können und es ist auch nicht unsere Aufgabe, sie zu retten. Indem wir Gaza mit ein paar Booten erreichen, beenden wir nicht die Hungerblockade, den Völkermord und die Apartheid. Aber wir werden weiter segeln, bis Palästina befreit ist.
Was motiviert dich weiterzumachen, trotz dem ganzen schlimmen Nachrichten aus Gaza und dem Westjordanland?
Es sind genau diese schlimmen Nachrichten, die mich motivieren. Palästinenser leisten Widerstand, indem sie diese schrecklichen Realitäten seit Jahren durchleben. Wir können uns nicht erlauben, danebenzustehen und zuzusehen. Wir müssen handeln, um unsere Menschlichkeit zu bewahren. Auch glaube ich, dass wir alle die freie Entscheidung haben. Selbst die Besatzung und die Personen, die anderen Menschen sowas antun. Wir versuchen auch, ihre Menschlichkeit zu wecken. Wir versuchen sie zu erinnern, dass sie auch Menschen sind und dass sie nicht nur dabei sind, Palästinenser zu zerstören, sondern auch sich selbst.
Titelbild: Freedom Flotilla Coalition/shutterstock.com
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