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Titel: Studie: Innovationsschwäche deutscher Unternehmen hält an

Datum: 12. Januar 2007 um 8:23 Uhr
Rubrik: Wirtschaftspolitik und Konjunktur
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Als Ursachen identifizierten die Wissenschaftler des Instituts für angewandte Innovationsforschung (IAI) an der Ruhr-Universität Bochum fehlende Marktorientierung der Projekte, Over-Engineering und fehlende Prioritäten. Die würden die Entwicklungszeiten unnötig verlängern und so die Kosten in die Höhe treiben. Auf der anderen Seite würden Ideen, die sich später als bahnbrechend herausstellen, häufig in der Frühphase aussortiert oder gar nicht erst erkannt, wie die Hälfte der befragten Unternehmen einräumte. Einer unserer Leser, Reinald Babirat, mit Einblick in die Unternehmenswelt hat uns dazu seine Meinung geschrieben.

Innovatoren sind der Studie zufolge in den Betrieben oft auf sich alleine gestellt. 53 Prozent der Befragten beklagen, dass den Entscheidungsträgern die Zeit fehlt, sich überhaupt mit den kreativen Ideen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen. Rund 60 Prozent sehen Defizite bei der Informationsgewinnung und Marktaufklärung, und von 42 Prozent wird beanstandet, dass die Chancen einer Innovation eher unter-, die Risiken aber tendenziell überbewertet werden.

Dazu Reinald Babirat:

… sind offensichtlich doch eher die Kleinmütigkeit, Unfähigkeit oder Raffgier unserer Entscheider in Industrie und Politik der Gründe für die Innovationsschwäche deutscher Unternehmen.
Dies lässt sich aus einer Studie der Ruhr-Universität Bochum heraus lesen, obwohl es darin deutlich seriöser klingt.

Wozu Mühen und Risiken einer Innovation auf sich nehmen, wenn man auch durch geschicktes Taktieren Erfolg haben kann?
Wozu Brillanz und Fleiß zeigen, wenn man auch durch Bauernschläue reich werden kann?
Wozu investieren, wenn das Geld auch durch ergaunerte Subventionen in die Kasse fließt?
Wozu Überzeugungsarbeit leisten, wenn man auch durch Bestechung sein Ziel erreichen kann?
Wozu persönliche Wagnisse eingehen, wenn der finanzielle Erfolg auch durch Vetternwirtschaft gesichert werden kann?

Innovative Querdenker, die oft aber auch die Eigenschaft haben, unbequem zu sein, waren in Deutschland noch nie erwünscht.
Es regiert der Mainstream. Auf diese Weise können selbst Papageien Karriere machen, sofern sie nur 100 Fremdwörter akzentfrei aussprechen können (ohne freilich zu wissen, was diese eigentlich bedeuten).

So kann es passieren, dass ursprünglich revolutionäre technische Ideen von den Entscheidern solange zurechtgestutzt werden, bis wieder ein Hufeisen draus geworden ist. Hierfür kann man wenigstens den Markt vernünftig einschätzen und das finanzielle Risiko bleibt gering.

So kann es auch passieren, dass ursprünglich goldrichtige politische Ansätze später solange von den Entscheidergremien diskutiert (d.h. beschnitten, ergänzt, verbogen, zerquetscht, umlackiert etc.) werden, bis niemand mehr den Sinn versteht.

Klar, dass daraus dann leicht ein Flop werden kann. Dann werden Schuldige dringend gesucht. Man nimmt, wen man gerade kriegen kann (z.B. “Florida-Rolf” als Plünderer unserer Sozialkassen, das Arbeitsrecht und die Lohnnebenkosten als Saboteure des wirtschaftlichen Erfolges, die dummen Schüler als Grund für die (Aus-)Bildungsmisere, die Raucher, die Ballerspiele, den warmen Winter, Gott und die Welt, Laurel und Hardy und so weiter und so fort).

Ich glaube, dass unser einziges Problem die völlig verschrobene (Selbst-)Wahrnehmung unserer so genannten Eliten ist.

Anmerkung: Es gibt zwar keine vergleichenden Studien, ob es in den Unternehmen anderer Länder nicht vergleichbare Probleme mit Innovationen haben. Der zunehmende Einfluss von auf schnelle Gewinne ausgerichteten Hedge-Fondes (siehe z.B. bei der Neubesetzung der Vorstandsetagen bei der Telekom) dürfte aber mit Sicherheit keine positive Auswirkungen auf Innovationsstrategien haben.


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