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Titel: Kommerzfernsehen: Menschenverachtung als Programm

Datum: 22. Januar 2007 um 9:06 Uhr
Rubrik: Medienkritik, Wertedebatte
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Wer sich je einmal die mittäglichen oder vorabendlichen „Talk-Shows“ oder die sog. „Reality-TV“-Sendungen der privaten Sender angesehen hat, kann nur den Eindruck gewinnen, dass die Kommerz-Fernsehsender die niedrigsten und primitivsten Instinkte ihrer (meist noch jungen) Zuschauer ansprechen, um damit ihre Einschaltquoten zu steigern und die Werbung zu verkaufen. Das gilt inzwischen auch für die Massensendungen des Abendprogramms, etwa für die Sendung „Deutschland such den Superstar“. Ein entsetzter Vater hat uns dazu eine Zusammenstellung geschickt.

So was gucken wir natürlich nicht, aber was glaubst Du, was diese Menschenverachtung in den Köpfen der Jungen und Mädchen anrichtet, die an diesem Mist teilnehmen oder ihn sich anschauen? gb

Medienwächter rügt Bohlens Entgleisungen

Die Demütigungen, die Dieter Bohlen in der neuen Staffel von “Deutschland sucht den Superstar” allwöchentlich gegen Casting-Kandidaten loslässt, bescheren dem Sender RTL nicht nur Traumquoten, sondern auch heftigen Ärger: In einem Brief an RTL-Chefin Anke Schäferkordt kritisiert Norbert Schneider, Direktor der NRW-Landesanstalt für Medien, nun: “Es ist überflüssig, und es ist schädlich, wenn der Privatfunk in Deutschland seine Akzeptanz mit Mitteln zu erreichen versucht, die in die Nähe verletzter Menschenwürde geraten.” Bohlens Entgleisungen, am vergangenen Mittwoch von 7,31 Millionen RTL-Zuschauern verfolgt, seien “unsäglich und sollten in einem Haus wie RTL nicht folgenlos bleiben”, fordert der Medienwächter. Bei RTL hieß es dazu in der vergangenen Woche, man wolle sich ernstgemeinter Kritik stellen, andererseits sei es Teil des Konzepts der Sendung, auch “skurrile” Elemente des Castings zu zeigen. Die Show liefert RTL derzeit Marktanteile von über 20 Prozent.
(spiegel-vorabmeldung)

TV-Spiefilm onlineausgabe

Mit seinen Kommentaren macht Dieter Bohlen in der vierten Staffel der Castingshow “Deutschland sucht den Superstar” stets einige der Kandidaten lächerlich. Kirche und Politiker reagieren mit Entsetzen auf die deftigen Sprüche des 52-jährigen Musikers.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischof Wolfgang Huber, fordert vorbildliches Verhalten von Bohlen in dessen Casting-Show. “Wer Menschen verachtet, beleidigt Gott”, erklärte Bischof Huber der Berliner “B.Z.” Der Juror der RTL-Castingshow missachte mit seinem Verhalten die “einfachsten Umgangsformen” und verletze die Würde des Menschen. Huber forderte Bohlen auf, seiner Verantwortung als Vorbild gerecht zu werden.

Bischof Huber griff auch den Sender an. Beleidigungen und Fäkaliensprache dürften auch bei RTL keinen Raum haben. Nach Ausstrahlung der zweiten Folge am vergangenen Samstag hatten die ersten Kirchenvertreter und Politiker Bohlens Sprüche scharf kritisiert. Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper attackierte RTL in der “Bild am Sonntag”. Laut Pieper handele der Sender grob fahrlässig: “Gerade weil diese Sendung viele Kinder und Jugendliche anschauen, ist das absolut verantwortungslos. Ich appelliere an RTL, solche menschenverachtenden Bohlen-Äußerungen künftig zu verhindern”.

“Du bist Scheiße”

Der evangelische Bischof Christoph Kähler kritisierte ebenfalls die derben Sprüche Dieter Bohlens: “Ich kann nur an die Vernunft aufgeklärter Menschen appellieren, sich nicht durch den Kot ziehen zu lassen, der ihnen da vorgesetzt wird. Kandidaten, die dort antreten, stellen sich einem Musikwettbewerb und nicht mehr. Beleidigungen können zu schweren persönlichen Verletzungen führen.”

Bohlen hatte Bewerber bei den Castingshows unter anderem als “Scheiße” bezeichnet. RTL wies die Vorwürfe generell zurück. Es sei nicht Aufgabe des Senders “Erziehungsaspekten gerecht zu werden”.

Sind Ihnen die Sprüche Dieter Bohlens zu flach? Machen Sie hier einen besseren Vorschlag. TV SPIELFILM wird Dieter die besten Beiträge zuschicken. (TVS/ddp/dpa)

Bild, 14.1. FDP-Vize-Chefin: Bohlens Sprüche sind menschenverachtend
Von M. BETZ und A. HELLEMANN
Köln – Er macht sein brutales Versprechen wahr. Juror Dieter Bohlen (52) hatte vor dem Beginn der vierten Staffel der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) angekündigt: „Diesmal gibt’s von mir so harte Sprüche wie noch nie.“

Das bekamen gestern Abend wie auch zum Start am Mittwoch die Kandidaten hautnah zu spüren:
„Was ist der Unterschied zwischen euch und einem Eimer Scheiße? Der Eimer!“– „Wenn man deine Stimmbänder in Säure schmeißen würde, wäre das ein gelöstes Problem.“ – „Du klingst, als ob du eine Klobürste im Arsch hättest.“

Mit seiner beleidigenden Fäkalsprache löst Bohlen einen Sturm der Empörung aus. Politiker und Kirchenvertreter sind entsetzt. In Internetforen fordern Zuschauer, Bohlen vom Schirm zu nehmen.

Kai Gehring, jugendpolitischer Sprecher der Grünen, empfindet das Verhalten des Musik-Profis als Zumutung: „Dümmer, dreister, Bohlen. Der Verbalradikalismus gegenüber jungen Bewerbern hat auf der Mattscheibe nichts verloren. Wie sich Herr Bohlen in einer Musiksendung gebärdet, ist eine Zumutung für alle Zuschauer.“

Der stellvertretende Vorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Bischof Christoph Kähler:
„Ich kann nur an die Vernunft aufgeklärter Menschen appellieren, sich nicht durch den Kot ziehen zu lassen, der ihnen da vorgesetzt wird. Kandidaten, die dort antreten, stellen sich einem Musikwettbewerb und nicht mehr.“
Der Geistliche warnt: „Beleidigungen können zu schweren persönlichen Verletzungen führen.“ Für die stellvertretende FDP-Vorsitzende Cornelia Pieper muss mit Bohlens Entgleisungen Schluss sein.

Die Bildungspolitikerin: „Gerade weil diese Sendung viele Kinder und Jugendliche anschauen, ist das absolut verantwortungslos. Ich appelliere an RTL, solche menschenverachtenden Bohlen-Äußerungen künftig zu verhindern. Den Sender fordere ich auf, auf die Qualität der deutschen Sprache und den Erziehungsaspekt dieser Show zu achten.“

Was sagt RTL zu den Vorwürfen?
Tom Sänger, Unterhaltungs-Chef von RTL: „Es kann nicht Aufgabe der Unterhaltungssendung ,DSDS‘ sein, Menschen auf den rechten Weg zu bringen und Erziehungsaspekten gerecht zu werden.“

Das sieht SPD-Medienpolitiker Marc Jan Eumann, Landtagsabgeordneter in NRW, anders: „Der Sender trägt die Verantwortung, dass solche Gossensprache nicht Schule macht. Da muss RTL auf seinen Mitarbeiter Bohlen einwirken. Denn Dieter Bohlen verstößt gegen den Kanon der guten Sitten.“

Bundestagsabgeordnete Rita Pawelski (CDU), Kultur- und Medienexpertin: „Ich habe wegen der Primitivität von Dieter Bohlen abgeschaltet. Seine Bemerkungen gehen unter die Gürtellinie und haben im Fernsehen nichts verloren.“

Nicht nur Bohlen, auch RTL stellt die Bewerber gnadenlos bloß. Beim Auftritt der nicht ganz schlanken Kandidatin Nicole (21) wurden ihre Schritte mit schweren Stampfgeräuschen unterlegt, der Stuhl ächzte unter ihrem Gewicht. RTL gibt offen zu, dass das Lustigmachen über die Kandidaten zum Konzept der Talent-Show gehört.
RTL-Mann Sänger: „,DSDS‘ polarisiert, provoziert und zeigt witzige, skurrile Casting-Situationen. Alles, auch die nachträglich eingefügten Comedy-Elemente, sind durch die realen Situationen beim Casting entstanden und davon inspiriert.“

Die veralberten Kandidaten dürfte das kaum trösten. Nicole ist von der RTL-Häme tief getroffen, sagte gestern zu BamS: „Wenn ich gewusst hätte, dass sich bei ,DSDS‘ über mein Äußeres so lustig gemacht wird, wäre ich auf keinen Fall angetreten. Das alles hat mich verletzt.“

“Bohlens neue Hammer-Sprüche”: Bild listet auf der Homepage 34 Sprüche auf, u.a.:

„Das einzige, was du mit deinen Stimmbändern machen kannst, ist sie in Säure schmeißen.Dann haben wir ein gelöstes Problem.“

„Eins hast du: Du hast deinen eigenen Stil. Aber den find ich absolut scheiße.“

„Ich hab vorhin Schnitzel gegessen mit Gurkensalat. Der Gurkensalat war musikalischer als Du. Du kannst nicht singen, Mensch!“

„Deine Stimmbänder im Mülleimer – das wäre artgerechte Haltung.“

Anmerkung WL: Was soll dagegen das Elternhaus oder die Schule noch ausrichten?
Wozu haben wir Rundfunkgesetze, die auch beim Privatfernsehen noch von einem Informations- und Bildungsauftrag des Rundfunks sprechen?
Wo bleibt die Kritik der Medienforscher?
Man muss wissen, Kommerzfernsehen finanziert sich über Werbung. Der werbetreibenden Wirtschaft ist offenbar jedes Fernsehumfeld recht, um an Menschen heranzukommen – auch das primitivste und menschenverachtendste. Werbung ist das Maß aller Programminhalte bei den “Privaten”, sie bestimmt, was ins Programm kommt.
Solche Sendungen sind deshalb auch Ausdruck für das zynische Verhältnis, der werbetreibenden Wirtschaft zur Gesellschaft. Kommerzfernsehen ist das Propagandafernsehen einer kommerzialisierten Gesellschaft.


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