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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Der große Schwindel
Datum: 22. Mai 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Denkfehler Wirtschaftsdebatte, Wichtige Wirtschaftsdaten
Verantwortlich: Redaktion
Derzeit steigen die Preise für Kunstdünger und Lebensmittel aufgrund des Krieges gegen den Iran weltweit stark an. UN-Vertreter warnen daher vor vermehrt auftretenden Hungerkrisen. Bereits zweimal zuvor sind die Preise in den letzten 20 Jahren rapide angestiegen – während der Finanzkrise 2007/2008 sowie im Rahmen des Beginns des Krieges in der Ukraine 2021/2022. Damals wie heute wurden die Preissprünge bei Düngern mit einer Gemengelage von Faktoren erklärt – von explodierenden Gaspreisen über mangelnde Produktion bis hin zu höherem Fleischkonsum in Schwellenländern. Eine Überprüfung dieser Narrative fördert jedoch Erstaunliches zutage. Die ausschlaggebenden Ursachen waren immer die von den USA ausgelösten oder mitverantworteten globalen Krisen selbst. Von Karsten Montag.
Kürzlich äußerte der Leiter der Task Force der Vereinten Nationen für die Straße von Hormus, Jorge Moreira da Silva, gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP), dass die Sperrung der Meerenge für den Transport von Kunstdüngerprodukten aus den Anrainerstaaten des Persischen Golfs „weitere 45 Millionen Menschen in Hunger und Hungersnot treiben“ könnte – insbesondere in afrikanischen und asiatischen Ländern. Das Problem bestehe darin, dass die Pflanzsaison, die in einigen Ländern in Afrika bereits in wenigen Wochen endet, nicht warten könne. Zwar seien die Lebensmittelpreise noch nicht explodiert, so Moreira da Silva, doch es habe einen „massiven Anstieg“ der Düngemittelkosten gegeben. Dies könne nach Ansicht von Experten zu einem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität führen und die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben, schreibt die AFP.
In der Meldung der weltweit einflussreichen französischen Nachrichtenagentur findet sich zudem ein Absatz, der offensichtlich nicht aus dem Interview mit dem Leiter der UN-Task Force stammt, sondern von der AFP-Autorin ohne Angabe einer Quelle hinzugefügt wurde. Darin heißt es, dass durch die Straße von Hormus „normalerweise ein Drittel der weltweiten Düngemittel transportiert wird“. Auch in anderen Medien mit großer Reichweite werden ähnliche Zahlen genannt. So steht in einer Meldung der „Tagesschau“, „ein Drittel des globalen Handels mit Düngemitteln“ laufe durch die Straße von Hormus – ebenfalls ohne Angabe einer Quelle. Die gleiche Zahl findet sich auch in einer Nachricht des Österreichischen Rundfunks (ORF). Das Handelsblatt schreibt in einem Beitrag, insgesamt „bis zu 40 Prozent des weltweit gehandelten Harnstoffs“ würden „in Friedenszeiten die Straße von Hormus“ passieren.
Die kausale Kette erscheint logisch: Eine erhebliche Menge an Erdgas sowie mittels Erdgas hergestellter Kunstdünger könne die Straße von Hormus nicht passieren. Da die Nachfrage das Angebot übersteigt und die Produktionskosten anziehen, steigen auch die Preise der Dünger sowie konsequenterweise – mit etwas Verzögerung – auch die Lebensmittelpreise. Besonders in armen Ländern hat dies Folgen für die Ernährung von Millionen von Menschen. Die Abhängigkeiten scheinen so einleuchtend, dass kaum jemand sie anzweifelt. Doch es gibt eine ganze Reihe an deutlichen Hinweisen, dass dieses Narrativ nicht der Wahrheit entspricht.
Zusammenhang zwischen Kunstdüngerpreisen und Lebensmittelpreisen
Eine Auswertung der monatlichen Preise für Kunstdünger anhand von Daten der Weltbank zeigt tatsächlich einen deutlichen Anstieg seit März 2026. Insbesondere der Preis für Harnstoff hat sich zwischen Januar und April 2026 mehr als verdoppelt. Ein Vergleich der Kunstdüngerpreise mit dem Index der Lebensmittelpreise über einen längeren Zeitraum verdeutlicht die augenscheinlichen Auswirkungen der Preisänderungen von Düngemitteln auf die Kosten für Lebensmittel.
Abbildung 1: Preise Kunstdünger und Index der Lebensmittelpreise in US-Dollar pro Tonne bzw. Prozent, Datenquelle: Weltbank
Der erste große Preisschock bei Kunstdüngern und Lebensmitteln im 21. Jahrhundert fiel zeitlich mit der internationalen Finanzkrise 2007/2008 zusammen. Nach Informationen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) hat die Krise 75 Millionen Menschen weltweit zusätzlich in die Unterernährung getrieben. Allerdings blieb der Lebensmittelpreisindex in den Folgejahren weiterhin auf einem sehr hohen Niveau, obwohl die Preise für Düngemittel wieder deutlich gesunken sind.
Der zweite steile Anstieg der Dünger- und Lebensmittelpreise beginnt 2021 im Vorfeld des Krieges in der Ukraine und kulminiert mit dessen Ausbruch Anfang 2022. Die FAO schätzt, dass 2022 122 Millionen Menschen mehr von Hunger betroffen waren als 2019.
Der dritte Schock bei den Preisen von Lebensmitteln und einiger Kunstdünger geht mit dem Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran Ende Februar 2026 einher. Bereits im Sommer 2025 war ein kurzzeitiger steiler Preisanstieg bei einigen Kunstdüngern zu verzeichnen, der zeitlich mit dem zwölftägigen Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran zusammenfiel.
Eine Korrelation zwischen den Preisen für Kunstdünger und dem Index für Lebensmittelpreise scheint vorzuliegen. Allerdings erklären die Kunstdüngerpreise nicht den hohen Lebensmittelpreisindex zwischen den Schocks. Um eine Erklärung dafür sowie für die Ursachen der steilen Dünger- und Lebensmittelpreisanstiege in den unzähligen diesbezüglich verfügbaren Beiträgen und Studien zu finden, wurden die Sprachmodelle ChatGPT, Claude und Gemini bemüht – umgangssprachlich auch als künstliche Intelligenz (KI) bezeichnet.
Offizielle Erklärungsmuster verweisen auf eine Gemengelage an Faktoren als Grund für die extremen Preissprünge
Auf die erste Frage, welcher Zusammenhang zwischen Kunstdüngerpreisen und dem Index der Lebensmittelpreise besteht, antworteten alle drei Sprachmodelle, dass eine enge, aber zeitlich verzögerte Abhängigkeit besteht. Die Antwort widerspricht der in Abbildung 1 dargestellten Korrelation. Sowohl 2008 als auch 2022 treten die höchsten Lebensmittelpreise fast exakt in den gleichen Monaten auf wie die höchsten Düngerpreise. Allenfalls die jeweils danach weniger stark fallenden Lebensmittelpreise könnten sich mit der Verzögerung erklären lassen.
Auch auf die Fragen, warum die Düngerpreise zwischen 2007 und 2008 sowie zwischen 2021 und 2022 stark angestiegen sind, ähnelten sich die Antworten und deren Gewichtung fast aufs Wort. Als wichtigster Punkt wurde für beide Zeiträume die Verteuerung von Stickstoffdüngern (Harnstoff und andere auf Ammoniak basierende Dünger) aufgrund hoher Gaspreise genannt. Als weitere Gründe führten alle drei Sprachmodelle für den Zeitraum 2007/2008 eine wachsende Nachfrage aufgrund einer gesteigerten landwirtschaftlichen Produktion beziehungsweise eines höheren Fleischkonsums in Schwellenländern an. Weitere Ursachen sollen Exportzölle vornehmlich in China und – an jeweils letzter Stelle – hohe Transportkosten sein. Nicht durchgehend in allen Antworten wurde zudem für diesen Zeitraum auf die Förderung von Biokraftstoffen, Spekulation, historisch niedrige Getreidereserven, Nahrungsmittelkrisen, steigende Rohstoffpreise für Phosphat und Schwefel sowie Kapazitätsgrenzen der Industrie verwiesen.
Für den Zeitraum 2021/2022 kamen bei allen Sprachmodellen als weitere Gründe COVID-19-bedingte Lieferkettenprobleme, der Krieg in der Ukraine sowie Sanktionen gegen „Top-Exporteure“ wie Russland und Weißrussland hinzu. Laut Claude machten die beiden Länder zusammen 40 Prozent der weltweiten Kaliumexporte aus. Claude und Gemini bezeichneten das Zusammenwirken der verschiedenen Faktoren für den Preisschock 2007/2008 als „perfekten Sturm“.
Zudem ähnelten sich auch die Erwiderungen auf die Frage, warum der Index der Lebensmittelpreise nach 2008 und 2022 nicht in dem Maße gefallen ist wie die Kunstdüngerpreise. Demnach seien Lebensmittelpreise deutlich träger als Agrarrohstoffe. Gemini fasste diesen Effekt mit dem Begriff „Gierflation“ zusammen. So würden große Lebensmittelkonzerne und Supermarktketten die gestiegenen Kosten sehr schnell an die Verbraucher weitergeben, Einsparungen durch fallende Rohstoff- und Düngerpreise jedoch nur extrem verzögert oder unvollständig, um die eigenen Gewinnmargen zu vergrößern.
Schlussendlich gaben alle drei Sprachmodelle für die aktuelle Steigerung der Düngerpreise neben der Sperrung der Straße von Hormus erneut hohe Gaspreise, Exportbeschränkungen und Sanktionen sowie fehlende industrielle Kapazitäten an. Ob die genannten Gründe tatsächlich ausschlaggebend für die Preissteigerungen sind, lässt sich anhand eines gut verfügbaren Datenmaterials überprüfen.
Hohe Gaspreise als Grund für Preisspitzen inkonsistent
Harnstoff wird aus Kohlendioxid und Ammoniak hergestellt. Ammoniak wiederum wird weltweit fast ausschließlich mithilfe des Haber-Bosch-Verfahrens durch Zusammenführung von Stickstoff und Wasserstoff unter hohen Temperaturen und Drücken erzeugt. Sowohl die Energie als auch der Wasserstoff stammen bei diesem Prozess überwiegend aus der Nutzung von Erdgas. Auch weitere Kunstdünger wie beispielsweise Diammoniumphosphat basieren auf Ammoniak und damit auf der Nutzung von Erdgas. Ein Vergleich zwischen den Preisen für Harnstoff und Diammoniumphosphat sowie dem internationalen Gaspreis zeigt jedoch keine eindeutige Korrelation.
Abbildung 2: Preise für Harnstoff und Diammoniumphosphat in US-Dollar pro Tonne bzw. pro Megawattstunde, Datenquellen: Weltbank, Federal Reserve Bank of St. Louis
Einzig die Steigerung der Düngerpreise zwischen 2021 und 2022 scheint mit den zu dieser Zeit extremen Gaspreisen erklärbar zu sein. Allerdings fällt auf, dass die Preisspitzen für Dünger mit hohen Anteilen an Stickstoff bereits vor der höchsten Gaspreisspitze auftreten. In den übrigen Zeiträumen nach 2007 liegen die Düngerpreise deutlich über dem Niveau der Gaspreise.
Mangelnde Produktion, Exportbeschränkungen und Sanktionen als Preistreiber nicht plausibel
Auch eine Analyse der globalen Produktion und des weltweiten Exports der drei wichtigsten Kunstdüngertypen auf Basis von Stickstoff, Phosphat und Kalium erklärt die in Abbildung 1 dargestellten extremen Preissprünge größtenteils nicht.
Abbildung 3: Produktion und Export nach Kunstdüngertyp weltweit in Tonnen, Datenquelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations
Einzig der hohe Preis für Kaliumchlorid im Zeitraum 2008/2009 geht zeitlich mit einer deutlich geringeren Produktion und einem deutlich geringeren Export dieses Düngertyps einher. Diese sind jedoch auf eine zuvor geringe Nachfrage aufgrund bereits im Jahr 2008 hoher Preise für Kalidünger zurückzuführen. Bauern sind auf Dünger dieses Typs weniger angewiesen als beispielsweise auf Stickstoffdünger. Exportbeschränkungen, Sanktionen, fehlende industrielle Kapazitäten oder die Folgen der Corona-Krise können angesichts des deutlich konstanten Angebots über den übrigen Zeitraum nicht für die kurzfristigen enormen restlichen Preissteigerungen verantwortlich sein.
Vermehrte Nachfrage und höherer Fleischkonsum in Schwellenländern als Ursache vernachlässigbar
Als weiteren Grund für den extremen Preissprung 2007/2008 bei Kunstdüngern hatten die Sprachmodelle eine gesteigerte landwirtschaftliche Produktion beziehungsweise einen höheren Fleischkonsum in Schwellenländern angegeben. Tatsächlich lässt sich anhand des umfangreichen Datenmaterials der FAO zeigen, dass die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln eine deutliche Steigerung erfahren hat und dass sich auch der Anteil der Tierprodukte daran erhöht hat.
Abbildung 4: Weltbevölkerung, Nahrungsmittelproduktion und Anteil Tierprodukte in Anzahl, Tonnen bzw. Prozent, Datenquellen: Food and Agriculture Organization of the United Nations, Worldometer
Doch die Steigerung der Nahrungsmittelproduktion erfolgte nicht abrupt ab 2007, sondern kontinuierlich über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten – und ein stetiger Aufwärtstrend des Anteils der Tierprodukte ist erst ab 2014 erkennbar. Es ist angesichts der Daten nur schwer nachvollziehbar, wie eine gesteigerte Lebensmittelproduktion sowie eine höherer Fleischkonsum in den Schwellenländern für einen rapiden Preisanstieg der Dünger im Zeitraum 2007/2008 verantwortlich gewesen sein soll.
Im Prinzip müsste kein Mensch auf der Welt hungern
Aus Abbildung 4 lässt sich noch eine weitere Erkenntnis ableiten: Die Nahrungsmittelproduktion steigt seit 60 Jahren fast kontinuierlich stärker an als die Weltbevölkerung. Während 1970 im Schnitt eine Tonne pro Kopf produziert wurde, standen 2024 jedem Erdbewohner theoretisch 1,35 Tonnen Nahrungsmittel zur Verfügung – also eine Steigerung um 35 Prozent. In Deutschland verzehrt ein Mensch im Schnitt 330 Kilogramm an Lebensmitteln pro Jahr.
Anfang der 1970er-Jahre hungerten nach Informationen der Organisation „Brot für die Welt“ 880 Millionen Menschen weltweit – bei einer Bevölkerung von vier Milliarden. Nach Angaben der FAO waren 2024 673 Millionen Menschen von Unterernährung betroffen – bei einer Bevölkerung von mehr als acht Milliarden. Demnach ist der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung von 22 auf etwas über acht Prozent zurückgegangen – was einer Reduzierung von knapp 63 Prozent entspricht. Bei einer Steigerung der Nahrungsmittelproduktion um 35 Prozent folgt daraus, dass auch die Verteilung der Nahrungsmittel mittlerweile besser funktioniert. Doch nach Angaben des „World Wide Funds For Nature“ (WWF) landen bei der Ernte, entlang der Lieferkette und beim Konsum in Summe noch immer 40 Prozent der weltweit produzierten Lebensmittel im Müll.
Vermehrte Produktion von Biokraftstoffen kein ausschlaggebender Grund für Preisspitzen
Ein weiterer Grund für den starken Preisanstieg 2007/2008 bei den Düngemitteln soll laut ChatGPT die staatliche Förderung der Produktion von Biokraftstoffen in den USA und Europa gewesen sein. Dadurch sei mehr Mais für Ethanol angebaut worden, was den Flächenbedarf und den Düngemitteleinsatz erhöht habe. Doch auch diese Begründung lässt sich anhand der Daten nicht eindeutig bestätigen.
Abbildung 5: Biokraftstoffproduktion absolut sowie im Verhältnis zur Ölproduktion in Barrel Öläquivalent pro Tag bzw. Prozent, Datenquelle: Energy Institute
Zwar erfuhr die Produktion von Biokraftstoffen tatsächlich eine Steigerung, doch diese setzte bereits im Jahr 2000 ein und beschleunigte sich ab 2003. Wäre die Steigerung der Herstellung von Biokraftstoffen für die Preissteigerung 2007/2008 verantwortlich gewesen, hätte dies auch zu hohen Preisen nach 2009 führen müssen, was nicht der Fall war.
Angaben zum Düngemitteltransport durch die Straße von Hormus viel zu hoch dargestellt
Für den aktuellen Preisschock bei Düngerpreisen soll laut allen drei Sprachmodellen die Sperrung der Straße von Hormus verantwortlich sein. Wie eingangs bereits erwähnt, findet sich in vielen Medien mit großer Reichweite die Information, dass ein Drittel des globalen Handels mit Düngemitteln beziehungsweise 40 Prozent des Handels mit Harnstoff normalerweise durch die derzeit vom Iran und von den Vereinigten Staaten größtenteils blockierte Meerenge läuft. Doch diese Angaben halten einer Überprüfung anhand der Daten der FAO zum weltweiten Export von Kunstdüngerprodukten nicht stand.
Abbildung 6: Anteil Bahrain, Irak, Iran, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien, VAE am weltweiten Export von Kunstdüngern in Prozent, Datenquelle: Food and Agriculture Organization of the United Nations
Der Transport durch die Straße von Hormus betrifft die Golfstaaten Bahrain, Irak, Iran, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate (VAE). Deren Anteil am internationalen Export fällt deutlich geringer aus, als in den Medien angegeben wird. Nimmt man alle Düngemittel sowie auch einzelne Komponenten dafür zusammen, beträgt der Anteil dieser Länder am weltweiten Handel gerade einmal sechs Prozent – der Anteil an der weltweiten Ausfuhr von Harnstoff nur knapp 18 Prozent.
Wahrscheinlich liegt der Fehler von AFP, „Tagesschau“ und Co. darin, die Informationen nicht vollständig aus möglichen Primärquellen übernommen zu haben. So steht in einem Beitrag der US-Denkfabrik „Carnegie Endowment for International Peace“, dass „etwa ein Drittel des weltweiten Seehandels mit Düngemitteln“ [Hervorh. d. Verf.] normalerweise über die Straße von Hormus abgewickelt wird. Allein der Export der EU-Staaten von Kunstdüngern und deren Bestandteilen hat 2023 gemäß der Daten der FAO 13 Prozent des weltweiten Handels mit diesen Produkten betragen. Da die EU-Länder größtenteils untereinander Handel betreiben, dürften diese Mengen nicht über den Seeweg transportiert worden sein.
Lediglich das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) schreibt in einem Beitrag, dass „rund ein Drittel der weltweit verschifften Düngemittel“ die Straße von Hormus passiere. Allerdings hat sich auch in diesem Artikel ein Fehler eingeschlichen. So heißt es dort im selben Satz, dass auch der Oman ein wichtiges Herkunftsland von Düngemitteln sei. Das mag zwar stimmen, ein Blick auf Google Maps zeigt jedoch, dass die Industriehäfen des Landes nicht vor, sondern hinter der Meerenge liegen.
Ausschlaggebende Ursache: die Krise selbst
All die zuvor überprüften möglichen Faktoren mögen zwar einen Einfluss auf die extremen Preisspitzen bei Kunstdüngern gehabt haben, sind aber entweder nicht konsistent (wie bei Gas), nicht ausschlaggebend (wie beim Bedarf in Schwellenländern oder bei der Produktion von Biokraftstoffen) oder werden schlichtweg als übertrieben dargestellt (wie bei der Sperrung der Straße von Hormus). Auch das von den Sprachmodellen angegebene Narrativ, die Preise von Kunstdüngern hätten einen verzögerten Effekt auf die Lebensmittelpreise, lässt sich nicht bestätigen. Die Preisspitzen bei den Lebensmitteln verlaufen synchron mit denen bei den Düngern.
Den künstlich „denkenden“ Programmen kann man jedoch kaum einen Vorwurf machen, denn sie beziehen ihre Informationen wie wir Menschen aus Quellen im Internet und sie stellen keine eigenen Untersuchungen an – jedenfalls nicht ohne einen konkreten Auftrag. So ist es die FAO selbst, die wiederholt das Narrativ vom einem „perfekten Sturm“ als Zusammenspiel verschiedener Faktoren als Grund für die Preisspitzen verbreitet. Was diese Quellen – auch bei der FAO – verschweigen, ist die eindeutige Korrelation der Preisspitzen bei Kunstdüngern und Lebensmitteln mit dem Ölpreis für die Zeiträume 2007/2008, 2021/2022 sowie ab März 2026.
Abbildung 7: Ölpreis, Lebensmittelpreisindex, Kunstdüngerpreisindex in US-Dollar bzw. Prozent, Datenquellen: Macrotrends, Weltbank
Dass hierfür nicht allein die Transportkosten verantwortlich sein können, lässt sich an den Abweichungen zwischen den Verläufen des Ölpreises und der Dünger- und Lebensmittelpreise abseits der Preisspitzen ablesen. Der eigentliche Grund für die Preissprünge dürften daher die Krisen selbst sein. Panikkäufe aufgrund vermuteter zukünftiger Engpässe treiben die Preise ebenso kurzfristig nach oben wie Spekulationen von Händlern, die ein Produkt in großen Mengen zu einem niedrigeren Preis kaufen, um es später teurer zu verkaufen. Das führt dann auch zu den darauffolgenden hohen Preisstürzen, wenn der vermutete Mangel nicht eintritt. Dieses typische Marktverhalten im Rahmen einer globalen Krise erklärt auch die Gleichzeitigkeit der extremen Anstiege und Stürze der Preise bei Öl, Dünger und Lebensmitteln.
Auch Ölpreisschocks sind Folgen von Panikkäufen und Spekulation – ausgelöst durch globale Krisen
Echte Engpässe bei der Produktion und dem Export von Kunstdüngern – außer bei Kalidüngern 2009 – sowie bei der Nahrungsmittelproduktion hat es in der Vergangenheit nicht gegeben. Das belegen die Abbildungen 3 und 4. Gleiches zeigt sich auch beim Erdöl, wie eine Gegenüberstellung von Ölproduktion, Ölverbrauch und Ölpreis eindeutig belegt.
Abbildung 8: Ölproduktion, Ölverbrauch und Ölpreis in Barrel pro Tag bzw. US-Dollar, Datenquelle: Energy Institute
Aufgrund eines verminderten Angebots plausibel nachvollziehbare Preisanstiege sind während der beiden Ölkrisen in den 1970er-Jahren zu verzeichnen. Preisstürze aufgrund mangelnder Nachfrage finden sich wiederum während der Wirtschaftskrise 2009 – einer Folge der US-Finanzkrise 2007/2008 – sowie zu Beginn der Corona-Krise als Folge der weltweiten Lockdowns.
Der starke Anstieg der Ölpreise nach 2003 geht offensichtlich auf das Konto der US-Regierung mit dem Einmarsch in den Irak, einem der wichtigsten Ölförderländer der Welt. Nach einem tatsächlichen Einbruch der irakischen Ölproduktion von knapp 800.000 Barrel pro Tag im Jahr 2003 dürften Sabotageakte von Widerstandsorganisationen – im Westen vornehmlich als „Terrororganisationen“ bezeichnet – in dem besetzten Land sowie US-Sanktionen gegen den Iran die Angst vor vermeintlichen Versorgungsengpässen und damit die Preise angetrieben haben.
Die hohen Ölpreise zwischen 2010 und 2014 sind wiederum eine Folge des Arabischen Frühlings, der Erdölförderländer wie Libyen und Algerien ergriff und von westlichen Staaten für die Umsetzung eigener Interessen genutzt wurde. Beispielhaft dafür waren 2011 die vornehmlich von den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada durchgeführten Angriffe auf Libyen, um einen Regime Change in dem Land durchzuführen.
Befürchtungen um Knappheiten bei der Ölversorgung nach der einseitigen Aufkündigung des Atomabkommens durch die US-Regierung sowie die US-Sanktionen gegen Venezuela dürften auch für die Ölpreisspitze im Jahr 2018 verantwortlich sein. Das direkte Eingreifen der russischen Armee in den ukrainischen Bürgerkrieg findet man häufig als Grund für den Ölpreisschock im Jahr 2022. Geschichtlich Interessierte wissen jedoch, dass auch dieser Krieg durch westliche Provokationen mit verursacht wurde – von der vorgeschlagenen Aufnahme der Ukraine in die NATO auf dem Gipfel des Militärbündnisses in Bukarest 2008 über die maßgebliche Beteiligung der US-Regierung am Regime Change in Kiew 2014 bis hin zur Aufrüstung des Landes durch die NATO-Staaten.
Aktuell ist es der Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran, der die Ölpreise in neue Gipfelregionen stürmen lässt. Aufgrund der Blockade der Straße von Hormus könnte der Preissprung tatsächlich auf ein verknapptes Angebot zurückzuführen sein.
Vereinigte Staaten profitieren von den Krisen
Zwar liest man in vielen Medien zu den Gründen der Preissprünge beim Öl in der Vergangenheit immer wieder, dass eine gestiegene Nachfrage in Schwellenländern und eine nicht nachkommende Produktion dafür verantwortlich sein sollen. Doch dies ist aufgrund der konstanten Steigerung der Ölförderung über die vergangenen Jahrzehnte, wie sie in Abbildung 8 abzulesen ist, nicht plausibel.
Viel wahrscheinlicher ist, dass die von den USA verursachten und mitverantworteten globalen Krisen, die in den betroffenen Ländern zu erheblichen humanitären Notlagen und zum Verlust von Menschenleben führen, Auslöser für die immer wieder auftretenden Preisspitzen sowohl beim Öl als auch bei Kunstdüngern und Lebensmitteln sind. Der US-Wirtschaft schadet das kaum – im Gegenteil. Dem mittlerweile wieder größten Ölproduzenten der Welt nutzen die hohen Energiepreise der Produktion im eigenen Land. Da der US-amerikanische Öl- und Gasboom hauptsächlich auf der aufwendigen Förderung von Schieferöl und Schiefergas beruht, sind hohe Öl- und Gaspreise sogar notwendig, um in der Konkurrenz mit anderen Förderländern gewinnbringend produzieren zu können.
Die USA schlagen mit ihren militärischen und geheimdienstlichen Interventionen zwei Fliegen mit einer Klappe. Zum einen verfolgen sie geopolitische Interessen wie die Aufrechterhaltung des Petrodollars oder die Kontrolle über die Energieflüsse in der Welt. Zum anderen nutzen die dadurch entstehenden Preissprünge bei den Energiekosten der heimischen Öl- und Gasindustrie.
Nicht überall auf der Welt können Menschen höhere Preise für Lebensmittel kompensieren
Während die meisten Menschen in den reichen Ländern die Preissprünge ohne große Verzichte ausgleichen können, sieht dies in den weniger entwickelten Ländern deutlich anders aus. Niemand verhungert in Deutschland, wenn 500 Gramm Nudeln mittlerweile das Doppelte kosten wie noch vor wenigen Jahren. In Ländern mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf von zum Teil weit unter 1.000 US-Dollar pro Jahr können derartige Preissprünge bei den Grundnahrungsmitteln darüber entscheiden, ob große Teile der Bevölkerung an Unterernährung leiden oder gar sterben.
Abbildung 9: Reales BIP pro Kopf weltweit und in ausgewählten Ländern sowie Ölpreis in US-Dollar, Datenquellen: Weltbank, Energy Institute
Während das globale BIP – mit Ausnahme kurzzeitiger Krisen – in den letzten Jahrzehnten konstant gewachsen ist, ist es insbesondere in einigen Ländern, die Ziele militärischer Angriffe der USA oder ihrer Verbündeten waren, gesunken. Hierzu gehören Afghanistan, Syrien und Jemen. Treffen derartige Wohlstandverluste auf höhere Lebensmittelpreise, ist die Hungerkrise vorprogrammiert. Zu den weiteren Ländern, in denen große Teile der Bevölkerung an Unterernährung leiden, gehören Burkina Faso, Mali, Nigeria, die Demokratische Republik Kongo, Sudan, Südsudan, Somalia, Tschad, Madagaskar, Myanmar und Haiti.
Wenn Organisation wie die Vereinten Nationen und große Medienhäuser extreme Preissprünge bei Düngern und Lebensmitteln immer wieder mit einer Gemengelage aus unterschiedlichen Faktoren erklären, tragen sie gewollt oder ungewollt dazu bei, die eigentliche ausschlaggebende Ursache – von den USA ausgelöste und mitverantwortete Krisen – zu verheimlichen. Dieser Schwindel verhindert eine ernsthafte Bekämpfung der Unterernährung. Der Widerstand gegen die Vereinigten Staaten könnte beispielsweise in einer Ächtung und Verurteilung der US-amerikanischen Außenpolitik auch durch enge Verbündete bis hin zu einem Boykott von US-Produkten bestehen.
Titelbild: Mahesh Bhavana Mohan / Shutterstock
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