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Titel: Sechs Jahre nach Wirecard – die Bafin greift jetzt durch
Datum: 7. August 2026 um 14:00 Uhr
Rubrik: Banken, Börse, Spekulation
Verantwortlich: Redaktion
Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) hat im Wirecard-Skandal kläglich versagt. Anstatt den untergegangenen Zahlungsdienstleister zu kontrollieren, hatte die Behörde das Unternehmen lange Zeit sogar hofiert und protegiert. Nun hat die Finanzaufsicht mit zwei spektakulären Fällen erneut von sich reden gemacht. So hat die Bafin im Juni die Geschäftsleitung der in Hamburg ansässigen Berenberg Bank abgesetzt. Im Juli dann das gleiche Procedere bei der Raiffeisenbank Plankstetten. Beide Entscheidungen kamen quasi aus heiterem Himmel. Kommentatoren beschreiben das Vorgehen als „rigoros“ und „beispiellos“. Von Thomas Trares.
Doch was genau ist geschehen? Am 21. Juli hat die Berenberg Bank ihren mit Spannung erwarteten Jahresabschluss für 2025 vorgelegt und dabei gravierende Governance-Verstöße eingeräumt. „Bilanzierung und Bewertung einzelner Aktiengeschäfte im Eigenbestand der Bank hatten nicht den handelsrechtlichen Vorschriften entsprochen“, hieß es in der Pressemitteilung. Zudem hätten die damaligen Geschäftsleiter Organkredite für Mitglieder der damaligen Geschäftsleitung genehmigt, die „Einschränkungen insbesondere hinsichtlich der Marktgerechtigkeit aufweisen“. Anders ausgedrückt heißt dies: Die Berenberg Bank hatte das Ergebnis im Eigenhandel, also im Wertpapierhandel auf eigene Rechnung, geschönt und darüber hinaus ihren Managern ungerechtfertigt günstige Kredite gewährt. Das Kundengeschäft sei von diesen Vorgängen nicht betroffen, erklärte die Bank weiter. Unter dem Strich schrumpfte der Jahresüberschuss 2025 um 75 Prozent auf 20,2 Millionen Euro.
Das „Beben bei Berenberg“
Rund vier Wochen vor dieser Meldung, genauer gesagt am 19. Juni, kam es zu einem Vorgang, der in der Finanzpresse auch als das „Beben bei Berenberg“ bezeichnet wurde. An jenem Tag nämlich hatte die Bafin die komplette Geschäftsleitung der Berenberg Bank ohne Vorwarnung und mit sofortiger Wirkung abgesetzt. In der dazugehörigen Pressemitteilung hieß es: „Auf Anordnung der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) ruhen seit heute die Befugnisse der drei Geschäftsleitungsmitglieder von Berenberg. Während der Jahresabschlussprüfung für 2025 hatten sich Hinweise auf mögliche Corporate Governance-Verstöße ergeben. Dies betraf insbesondere bestimmte Markttransaktionen mit unklarem Hintergrund, bei deren Aufklärung die nötige Transparenz fehlte. Als Konsequenz wird die Geschäftsleitung ab sofort von zwei durch die Bafin eingesetzte Sonderbeauftragte wahrgenommen.“
Dabei ist Berenberg nicht irgendeine Provinzbank, sondern immerhin Deutschlands älteste Privatbank, deren Ursprünge bis ins Jahr 1590 zurückreichen. Derzeit kommt das Institut auf mehr als 1.500 Mitarbeiter und eine Bilanzsumme von 6,4 Milliarden Euro. Im Gegensatz zu anderen Privatbanken, die sich vor allem um die Vermögen reicher Privatkunden kümmern, ist die Berenberg Bank stärker auf den Kapitalmarkt ausgerichtet, also das Geschäft mit Börsengängen und Kapitalerhöhungen. Deutsche Tech-Investoren wie der Filmproduzent Christian Angermayer, die Gebrüder Marc, Oliver und Alexander Samwer (Rocket Internet), und Ralph Dommermuth (United Internet) nahmen bereits die Dienste der Bank in Anspruch.
Der „Hai aus Hamburg“
Der strategische Kopf der Berenberg Bank ist der persönlich haftende Gesellschafter Hendrik Riehmer, der nun von der Bafin seines Amtes enthoben wurde. Riehmer setzte voll auf das Investment Banking angelsächsischer Prägung. In der Presse erhielt der gebürtige Hamburger wegen seines aggressiven Managementstils auch schonmal den Beinamen „Wolf of Jungfernstieg“ oder „Hai aus Hamburg“. Nach seiner Lehre bei der Hamburger Sparkasse kam er 1990 als Aktienhändler zur Berenberg Bank. 2001 wurde er Leiter des Investment Banking, 2009 stieg er in die Führung der Bank auf. 2017 ermittelte dann die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Insiderhandel gegen Riehmer, das Verfahren wurde jedoch eingestellt. Auch die beiden anderen Berenberg-Gesellschafter, David Mortlock und Christian Kühn, wurden ihres Amtes enthoben. Sie galten als „treue Weggefährten“ Riehmers.
Das Aus der Berenberg-Führung ist letztlich auch Ergebnis einer „mutigeren“ Gangart, die sich die Bafin inzwischen auf die Fahnen geschrieben hat. „Zu spät einzugreifen kann viel folgenreicher sein als zu früh“, sagte Bafin-Präsident Mark Branson kürzlich in einem Gespräch mit der Börsen-Zeitung. Ausschlaggebend für das rigorose Vorgehen bei Berenberg war letztlich, dass die Bank bereits mit den Wirtschaftsprüfern im Clinch lag und bis zuletzt keinen Jahresabschluss vorgelegt hatte. Dies hat jetzt die neue Führung um den von der Bafin installierten Sonderbeauftragten Hans-Walter Peters nachgeholt. Peters wurde dazu extra aus dem Ruhestand zurückgeholt. Er stand lange neben Riehmer an der Spitze von Berenberg.
Bafin erlebt ihr Waterloo
Die Bafin ist die staatliche Finanzaufsichtsbehörde in Deutschland. Ihre Aufgabe ist es, Banken, Versicherungen und den Wertpapierhandel zu überwachen, um das Finanzsystem stabil zu halten und Kunden zu schützen. Ihr Waterloo erlebte die Behörde jedoch im Zuge des Wirecard-Skandals vor gut sechs Jahren. Anstatt den Betrugsvorwürfen gegen Wirecard nachzugehen, stellten die Aufseher lieber Strafanzeigen gegen investigative Journalisten und verhängten sogar ein Leerverkaufsverbot auf die Wirecard-Aktie. Als eine Konsequenz aus dem Skandal mussten Bafin-Chef Felix Hufeld und dessen Stellvertreterin Elisabeth Roegele gehen, die Behörde wurde danach als „zahnloser Tiger“ verspottet.
Unter ihrem neuen Chef, dem seit 2021 amtierenden Mark Branson, fährt die Bafin inzwischen einen deutlich restriktiveren Kurs. Dies drückt sich unter anderem in höheren Bußgeldern und einer verstärkten Entsendung von Sonderbeauftragten aus, laut Bafin eines der „schärfsten Instrumente“ der Behörde.Gleichwohl gilt das Vorgehen bei Berenberg als beispiellos. Normalerweise verhängt die Bafin zunächst Auflagen und schickt einen „beobachtenden Sonderbeauftragten“, der die Anordnungen der Behörde überwachen soll. Bei Berenberg indes wurde gleich die gesamte Führungsebene abgesetzt. In der Vergangenheit griff die Bafin erst dann zu solch drastischen Maßnahmen, wenn unmittelbar der Kollaps drohte, etwa bei Sal. Oppenheim oder der Greensill Bank. Bei Berenberg hingegen gibt es derzeit keine existenzielle Krise.
Raiffeisenbank Plankstetten im Fokus
Und nicht zuletzt sollte die Berenberg Bank auch kein Einzelfall bleiben. Denn vor gut drei Wochen hat sich der gesamte Vorgang bei der Raiffeisenbank Plankstetten wiederholt, einem kleinen, zur genossenschaftlichen Finanzgruppe gehörenden Institut aus dem Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz. Auch dort hat die Bafin die beiden Vorstände von ihren Aufgaben entbunden und an deren Stelle einen Sonderbeauftragten gesetzt. Die Vorstände Elmar Weiß und Walter Frank sollen sich in der Vergangenheit wiederholt mit der Behörde angelegt haben. Der von der Bafin eingesetzte Sonderbeauftragte Odo Steinmann bestätigte, dass es „Auffassungsunterschiede zwischen dem Vorstand der Bank und der Bafin zu bankaufsichtlichen Tätigkeiten“ gab. Die aus ihren Ämtern entfernten Vorstände wollen sich nun mit juristischen Mitteln gegen ihre Absetzung wehren.
Wie es bei der Raiffeisenbank Plankstetten weitergeht, ist noch unklar. Bei der Berenberg Bank jedenfalls gibt es bereits erste Konsequenzen. So soll das Institut einen Aufsichtsrat bekommen, der den Vorstand besser überwachen soll. Bislang ist Berenberg eine Kommanditgesellschaft (KG). In dieser führen die persönlich haftenden Gesellschafter die Geschäfte. Die anderen Gesellschafter, die Kommanditisten, haben zwar Informationsrechte, aber lange nicht die Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten von Aufsichtsräten einer Aktiengesellschaft.
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