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Titel: Warum eigentlich vereinbarten Machthaber Trump und Genosse Kim noch immer kein neuerliches Tête-à-Tête? Der Glosse 2. Akt

Datum: 30. August 2026 um 12:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik
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Vor neun Jahren, genau am 28. August 2017, erschien auf diesen Seiten der erste Text unseres mittlerweile Ost- und Südostasienexperten Rainer Werning, den Sie hier nachlesen können. Er gab dieser Glosse den Titel „(Sur-)Reales aus FernOstWest: Warum Mister President und Genosse Kim nicht einfach mal zusammen einen Hamburger essen gehen“. Was den NDS-Herausgeber Albrecht Müller zur Kurznotiz bewog: „Den Wahnsinn gut auf den Punkt gebracht.“ Nun, der Wahnsinn ist nicht nur geblieben: Er nahm in all den verflossenen Jahren – erst recht mit der zweiten Amtszeit von Machthaber Big Don im Weißen Haus – exponentiell zu. Zwischenzeitlich entdeckte dieser pikanterweise so etwas wie eine Art Männerfreundschaft mit dem international geächteten nordkoreanischen Genossen Kim Jong-Un. Dieser wiederum – offiziell Vorsitzender des Komitees für Staatsangelegenheiten der Demokratischen Volksrepublik Korea (DVRK), Oberbefehlshaber der Koreanischen Volksarmee, Generalsekretär der Partei der Arbeit Koreas (PdAK) und seit dem 29. Dezember 2011 „Oberster Führer“ genannt – weiß nur zu gut, dass Big Don mit Iran und anderen unprovozierten Angriffskriegen dermaßen „beschäftigt“ ist, dass ein viertes direktes Zusammentreffen seit Herbst 2017 (noch) nicht auf der Agenda steht. Wenngleich ein solches Tête-à-Tête fällig wäre, meint Rainer Werning in seiner Fortsetzungsglosse.

Tobender Big Don

Oh, wie unbarmherzig Mr. Trump noch zur Jahreswende 2017/18 mit seinem Kollegen im fernen Pjöngjang umsprang. Er schalt ihn einen „Raketenmann“, drohte ihm und seinem Land, es „mit Feuer und Zorn“ zu überziehen und „auszulöschen“. Nun, der Oberste Führer hielt wacker dagegen und prahlte seinerseits damit, „den geistig verwirrten US-Greis mit Feuer zu zähmen“. Beide Politiker brüsteten sich in egomanischem Wettstreit auch damit, über den jeweils größten – na ja – Atomknopf zu verfügen. Nur: Big Don hatte seine Drohung im Herbst 2017 vor versammelter UN-Vollversammlung vorgetragen. Einen solchen Poltergeist live hatte das erlauchte Gremium bis dato noch nicht erlebt.

Doch wie wir es zwischenzeitlich trefflich erahnten, ist der Mann gemäß Einschätzung international namhafter Psychiater und Psychotherapeuten wie Reinhard Haller und Otto F. Kernberg als „maligner (bösartiger) Narzisst“ zu klassifizieren. Doch Obacht und gemach: Dabei handelt es sich lediglich um eine öffentliche Einschätzung, mitnichten um eine offizielle Diagnose. Das wäre sie nur dann, hätte sich der eitle Big Don einer persönlichen Untersuchung seines Astralleibes und seines von Allmachtfantasien getrübten Hirns unterzogen. So müssen wir uns als ahnungslose Laien einfach darauf verlassen, was uns die Gurus der Wissenschaft mit solchem Befund sagen wollen. Verdutzt reiben wir uns die Augen, sobald wir erfahren, welch merkwürdige Dinge sich hinter einem diagnostizierten „malignem Narzissten“ verbergen: Da ist vom Gefühl extremer Überlegenheit, verbunden mit der Abwertung anderer Menschen die Rede, gar vom offenkundigen Mangel an Mitgefühl und dem Nutzen von Mitmenschen für eigene Zwecke. Schlimmer noch: Solch sonder- wie unberechenbare Personen sind aggressiv, rachsüchtig bei Kritik, ausgeprägt antisozial und sadistisch sowie von Paranoia befallen, sodass sie allerorten Feinde am Werk wähnen, wo keine sind.

Tastende Kims

Als der Oberste Führer Kim das erste Mal solch ungewöhnliche Dinge über seinen Kollegen am Potomac River vernahm, konsultierte er umgehend den engsten Weggefährten seiner Familie – den alten weisen Kim Yong-Nam. Dieser Anfang November 2025 97-jährig verstorbene Doyen und Grandseigneur nordkoreanischer Politik und Diplomatie, lange Zeit Außenminister und als Vorsitzender des Präsidiums der Obersten Volksversammlung nominelles Staatsoberhaupt der DVRK, sprang seinem Obersten Führer hurtig mit Rat und Tat zur Seite.
Als kosmopolitisch versierte Persönlichkeit votierte Kim Yong-Nam für Augenmaß und empfahl eine Politik der ruhigen Hand, um mit erratischen Berserkern vom Schlage Trumps angemessen umzugehen. Was heißt Berserkern? Dialektisch bestens geschult, wusste der kluge Kim Yong-Nam nur zu gut, dass Machthaber Trump samt dessen MAGA-Raunen doch Unglaubliches geleistet hatte, was der international(istisch)en Linken bis dato vergönnt blieb. Trump schwelgt doch in Allmachtfantasien, scheißt buchstäblich aufs Völkerrecht und droht jedem und allem mit „Feuer, Zorn und Schwert“, gar „Vernichtung“, die sich seinem imperialen Diktat widersetzen. In diesem Sinne demaskierte sich Big Don bis zur Kenntlichkeit und mutierte so zum ideellen Gesamtimperialisten „in god’s own country“. Imperialismus unverhüllt – ohne Wenn und Aber!

Mit dieser Erkenntnis im Gepäck reiste Kim Yong-Nam gemeinsam mit des Obersten Führer jüngeren Schwester, der innerhalb der DVRK-Nomenklatura nicht minder mit Macht und Einfluss ausgestatteten Kim Yo-Jong, Anfang Februar 2018 zu den XXIII. Olympischen Winterspielen ins südkoreanische Pjöngjang, um dort deren Eröffnungsfeier beizuwohnen. Dort gab’s unter anderem ein Tête-à-Tête mit Präsident Moon Jae-In (2017 – 2022), was so etwas wie einen Sesam-öffne-dich-Effekt bewirken sollte. Zwar sind beide Koreas noch de jure im Kriegszustand, doch diese Personen pflegten untereinander einen gesitteten Umgang. In dieser politischen Gemengelage fiel Präsident Moon nolens volens eine Mittlerrolle zu, die er meisterlich erfüllte. Südkorea ist aus nordkoreanischer Sicht ein „Vasall des US-Imperialismus“, wiewohl sich Moon als bekennender Befürworter der sogenannten „Sonnenscheinpolitik“ verstand – der südkoreanischen Variante der unter Willy Brandt praktizierten Politik des „Wandels durch Annäherung“. Seine Politik war mitausschlaggebend dafür, dass es wenige Wochen später zum wahrlich historischen US-amerikanisch-nordkoreanischen Gipfeltreffen in Singapur kam.

Singapur – Hanoi – 38. Breitengrad: Stationen einer temporären Männerfreundschaft

Am 12. Juni 2018 fand im Hotel Capella auf der Insel Sentosa in Singapur ein Treffen statt, das politische Beobachter und Analysten Wochen zuvor für schier undenkbar gehalten hätten. Da trat anstelle langjährig genährten politischen Hasses plötzlich ein diplomatisches Lächeln. Wie das? Es gibt Mitmenschen, die als langjährige CIA-Mitarbeiter zahlreiche ebenso verdeckte wie schmutzige Operationen deckten oder diese gar (mit-)inszenierten und sich nach all ihren Dienstjahren – auf einmal geläutert – ihres Verstandes bedienen und zu stupenden Erkenntnissen gelangen. Ein Mann dieser Spezies ist Donald P. Gregg, der in den frühen 1990er-Jahren US-Botschafter in Seoul war und zu einem intimen Korea-Kenner avancierte. Nach intensivem Studium der US-Politik vis-à-vis Nordkorea gelangte er zu dem Schluss: Washington betreibt keine konsistente Nordkorea-Politik; es offenbart allenfalls eine hartnäckige Haltung gegenüber diesem Land – und die ist durchtränkt mit Hass.

Das Treffen in Singapur hatte hohen Symbolcharakter, von dem konkrete Ergebnisse von vornherein nicht zu erwarten waren. Ergebnisse sollte es auf dem vereinbarten Nachfolgetreffen am 27. und 28. Februar 2019 geben, das ausgerechnet dort stattfand, wo die USA ein bis heute nicht verwundenes Debakel erlitten hatten – in Vietnams Hauptstadt Hanoi. Dazu war der Oberste Führer eigens in einem gepanzerten Zug angereist. Die Rückreise wurde zum Trauma, da das Treffen in Hanoi ergebnislos verlief. Genosse Kim setzte auf einen Abbau von Sanktionen gegen sein Land, während Big Don Nordkoreas Denuklearisierung anstrebte. Letztlich war es sein eigener Nationaler Sicherheitsberater John R. Bolton, der da kräftig in die Suppe spuckte und durch immer höher geschraubte Forderungen ein Scheitern des zweiten Gipfels billigend in Kauf nahm.

Bolton war und blieb während seiner politischen Karriere ein „Falke“ par excellence und trieb seinen Chef in Hanoi zu Maximalforderungen (wie die vollständige Übergabe aller nordkoreanischen Atomwaffen), was für die Gegenseite natürlich unannehmbar war. Der langjährige CIA-Analyst und Kritiker der US-Außenpolitik Ray McGovern hatte bereits John R. Bolton ein Jahr zuvor (2018) als „Irren“ im Westflügel des Weißen Hauses bezeichnet. McGovern kritisierte damit scharf dessen Berufung zum Nationalen Sicherheitsberater und warf der US-Politik und insbesondere Bolton vor, eine aggressive, von Konfrontation und Wut geprägte Haltung – unter anderem in der Nordkorea- und Iran-Politik – zu vertreten. Bolton schreckte nicht davor zurück, einen „Militärschlag“ gegen beide Länder in Betracht zu ziehen. Mit Blick auf Korea hatte US-General Gary Luck – Ex-Kommandeur der US-Streitkräfte in Korea – bereits im Sommer 1994 Präsident Bill Clinton gewarnt, dass jeder Militärschlag oder jede Präventivbombardierung nordkoreanischer Atomanlagen einen verheerenden zweiten Koreakrieg auslösen würde. Er schätzte die Kosten einer solchen „Operation“ auf über eine Million Menschenleben und eine Billion US-Dollar an wirtschaftlichem Schaden!

In Hanoi hatte man zwar unverrichteter Dinge den Verhandlungstisch verlassen, nicht aber die Türe zugeschlagen. Vier Monate später kam es zum dritten Zusammentreffen zwischen Big Don und dem Obersten Führer. Ersterer genoss am 30. Juni 2019 das Privileg, als erster oberster Staatsmann der USA die innerkoreanische Demarkationslinie entlang des 38. Breitengrads überschritten zu haben. Die Bilder dieser Zusammenkunft bildeten den denkbar schärfsten Kontrast zum martialischen Gehabe und Drohen um die Jahreswende 2017/18. Man begrüßte sich herzlich, hielt gar Händchen, der Gastgeber ließ übersetzen „Schön, Sie wieder zu sehen. Ich hätte nie erwartet, Sie hier zu treffen”, während sich der verdutzte Gast nach einem späteren Briefwechsel mit Kim zu der Bemerkung hinreißen ließ: „Wir haben uns verliebt.“

Reaktiviertes Feindbild – hüben wie drüben

Wie zu erwarten war, dauerte dieser Honeymoon nicht lange. Seitdem fand man schnell wieder zurück zu ebenso altbekannten wie schrillen Tönen. Und Politiken auf der koreanischen Halbinsel erwiesen sich wieder einmal – zumal unter harschen Bedingungen der Covid-19-Pandemie – als das, was sie seit Ende des Koreakrieges im Sommer 1953 waren – betuliche Bewegungen in der Starrheit.

Diesmal war es der Oberste Führer im Verbund mit seiner Schwester Kim Yo-Jong, welche zwischenzeitlich innerhalb der PdAK-Propagandaabteilung eine steile Karriere durchlief, die das Feindbild USA reaktivierten, die Vereinigten Staaten als „größten Feind” ihres Landes titulierten und damit drohten, die eigenen nuklearen Fähigkeiten weiter auszubauen. Beide fügten hinzu, dass sich die Politik Washingtons gegen Pjöngjang nicht ändern wird, unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt. Als Tribüne hatte man den 8. Kongress der regierenden PdAK gewählt, der im Januar 2021 stattfand – wenige Tage vor der Amtseinführung von Joe Biden als Nachfolger von Big Don.

Auf diesem Parteitag wurde auch und gerade Bilanz gezogen, wie man sich das Verhältnis zu Washington nach dem No-Deal-Gipfel in Hanoi vorstellt. Laut der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA

„ist der Schlüssel zum Aufbau neuer nordkoreanisch-amerikanischer Beziehungen die Rücknahme der feindseligen Nordkorea-Politik der USA. Das Prinzip Auge um Auge wird weiterhin gegenüber Washington die Regel sein. (…) Unsere außenpolitischen Aktivitäten sollten sich darauf konzentrieren, die USA, das Haupthindernis und den größten Feind unserer revolutionären Entwicklung, zu unterdrücken und zu bezwingen.”

Unter Bezugnahme auf die Gipfeltreffen sagte Kim, die feindselige Politik der USA habe sich trotz der „Bemühungen” des Nordens und „maximaler Geduld” zum Abbau der Spannungen in der Region „verschlechtert”. Es gelte nunmehr, die militärische Macht der DVRK zu stärken – qua Verbesserungen bei der Fähigkeit zum Raketenangriff auf Objekte mit einer Reichweite von 15.000 Kilometern und der Miniaturisierung von Atomsprengköpfen. Auf dem 8. Parteitag wurde ebenfalls bekannt, dass das Land das Design eines neuen Atom-U-Boots fertiggestellt hat. Laut KCNA hieß es:

„Die Realität zeigt, dass wir die nationalen Verteidigungsfähigkeiten ohne einen Moment des Zögerns stärken müssen, um die nuklearen Drohungen der USA abzuschrecken und Frieden und Wohlstand auf der koreanischen Halbinsel zu bringen. (…) Wir müssen die Sicherheit unseres Volkes, das Schicksal unserer Revolution, die selbstständige Entwicklung des Landes sowie den Aufbau der Atomenergie unnachgiebig verfolgen.”

Stärkere Hinwendung zu Russland und zur Volksrepublik China

In Bezug auf Südkorea war die Friedensstimmung wie im Jahr 2018 verflogen, da die innerkoreanischen Beziehungen seit dem Gipfeltreffen in Hanoi ins Stocken gerieten und Sanktionen dem grenzüberschreitenden Austausch und der Zusammenarbeit im Wege standen. Überhaupt: Seit dem 8. Parteitag der PdAK verfolgte Pjöngjang anstelle einer Süd- eine Westpolitik mit stärkerer Hinwendung zur VR China und mehr noch zu Russland. Im Juni 2024 unterzeichneten Kim Jong-Un und Wladimir Putin bei einem Treffen in Pjöngjang einen Partnerschaftsvertrag, der im November desselben Jahres ratifiziert wurde. Dieser sieht u. a. einen gegenseitigen Beistand im Falle einer Aggression gegen eine der Vertragsparteien vor.

Eine Win-win-Situation, wodurch die DVRK durch die Lieferung von Hochtechnologien und Russland im Gegenzug durch die Entsendung nordkoreanischer Soldaten, von Kriegsgerät und Munition profitiert, die es in der Ukraine einsetzt. Eine Sanktionspolitik verpufft unter solchen Bedingungen, und die vom „Westen“ gehegte Vorstellung, eine vielfältige Güterverknappung würde in Nordkorea den Unmut gegen die Herrschenden schüren, erwies sich als Wunschtraum. Wie denn mittlerweile auch das Postulat einer Denuklearisierung der DVRK aus deren Sicht ein für alle Mal vom Tisch und kein Thema ist. Mehr noch: Kim Yo-Jong, seit Anfang dieses Jahres Leiterin der Abteilung Agitation und Propaganda im Zentralkomitee der PdAK, hat mehrfach in öffentlichen Stellungnahmen den Status ihres Landes als (neunte) Atomwaffenmacht für nicht verhandelbar erklärt – eine aus ihrer Sicht „unumkehrbare Realität – unabhängig davon, ob andere ihn anerkennen oder nicht.“

Ambitioniertes Atomwaffen- und Raketenprogramm

Nordkorea hat sein Atomwaffen- und Raketenprogramm seitdem stark beschleunigt und den Status als Atommacht in seiner Verfassung verankert, um ein „exponentielles Wachstum“ seines Arsenals gesetzlich zu untermauern. Laut aktuellen Berichten unabhängiger US-Analysten und Experten von 38 North verfügt das Land schätzungsweise über 60 bis 100 einsatzbereite Nuklearwaffen und besitzt die Infrastruktur, um jährlich Material für weitere sieben bis 18 Sprengköpfe zu produzieren. Das Raketenarsenal hat sich technologisch stark diversifiziert und zielt darauf ab, feindliche Luftabwehrsysteme zu durchbrechen. Mit Modellen wie der Hwasong-19 und der Hwasong-20 (benannt nach dem Planeten Mars) verfügt das Regime über Interkontinentalraketen (ICBM), die das US-amerikanische Festland erreichen können. Die Nutzung von Feststoffantrieben verkürzt die Startvorbereitungszeit drastisch und erschwert Frühwarnungen.

Überdies testet Nordkorea regelmäßig manövrierfähige Kurzstreckenraketen, Marschflugkörper sowie Hyperschallwaffen, die im Tiefflug radargestützte Abwehrsysteme in Südkorea und Japan umgehen sollen. Ein strategischer Schwerpunkt liegt auf der Nuklearisierung der Seestreitkräfte. Die Volksrepublik treibt den Bau großer Überwasserschiffe und U-Boote voran, die mit nuklearfähigen Marschflugkörpern (SLCM) und ballistischen Raketen (SLBM) bestückt sind. All das geschieht im Kontext ihrer offiziellen Pyŏngjin-Strategie, worunter die gleichzeitige Entwicklung der nationalen Wirtschaft und der nationalen Verteidigung verstanden wird. Tatsächlich wächst das Bruttoinlandsprodukt und erfreuen sich Urlaubsorte wie beispielsweise die östliche Hafenstadt Wonsan mit ihren ausgedehnten Badestränden und neu errichteten Hotelkomplexen großer Beliebtheit.

Postscript oder Neuerliche Bewegungen in der Starrheit

Dieser Text war im Wesentlichen abgeschlossen, als einmal mehr unverhoffte Bewegung in die Starrheit kam. Diesmal war es Big Don, der am 16. August, just einen Tag vor Beginn des jährlich gemeinsam stattfindenden US-amerikanisch-südkoreanischen Sommermanövers Ulchi Freedom Shield, anordnete, dieses deutlich zu reduzieren. Wenige Stunden vor dem geplanten Beginn der Übungen erklärte Trump auf seiner Plattform Truth Social, er sei „nicht glücklich“ darüber, dass die USA einer Teilnahme zugestimmt hätten, und hob seine „sehr guten Beziehungen“ zu Kim Jong-Un hervor:

„Diese Übungen sind nicht nur kostspielig […], sondern senden auch ein völlig unangemessenes und feindseliges Signal an ein Land, das, solange Donald J. Trump Präsident ist, keine Bedrohung darstellt und respektvoll ist.“

Jamei, welch eine Steilvorlage für das agitprop-geschulte Schwesterherz des Obersten Führers! Kim Yo-Jong nahm den Ball des Big Don gern auf, bezichtigte die Regierung in Seoul des „Vasallentums“ und sah die Politik ihrer eigenen Regierung vollauf bestätigt, die stets solche Manöver als „feindselig“ eingestuft hatte und darin eine akute Bedrohung sah. So kann sie sich, die Big Don zum kleinen Donald schrumpfen lässt, mit ihrem Bruderherz erst einmal ganz entspannt zurücklehnen und an den Ufern des Taedong-Flusses, der durch Pjöngjang fließt, angeln gehen. Anders formuliert: Die eigene Partitur stimmt und das langjährig aus strikt systemimmanenter Sicht genährte Kalkül gewiefter (Außen-)Politik und Diplomatie geht auf: Wenn man schon nicht in der internationalen Gemeinschaft als Freund geachtet ist, sind sämtliche Hebel in Bewegung zu setzen, um wenigstens als Feind auf Augenhöhe geächtet zu sein.

Wenn denn noch in diesem Jahr die vierte Zusammenkunft von Big Don und dem Vorsitzenden Kim zustande kommt, werden Symbolik und Händchenhalten, gespickt mit netten Worten und Gesten, ausgedient haben. Dann wird es um Tacheles gehen, auf Gegenseitigkeit Resultate auszuhandeln, die konkrete Schritte in Richtung Deeskalation der vielfältigen Konflikte auf der koreanischen Halbinsel weisen – Abbau von Sanktionen, gänzliche Einstellung weiterer Militärmanöver, Reduzierung von Raketentests und die Überführung des seit dem Ende des Koreakrieges (27. Juli 1953) bestehenden Waffenstillstandsabkommens in einen Friedensvertrag. In diesem Kontext ist daran zu erinnern, dass Südkorea kein Unterzeichner dieses Abkommens ist, da sein erster Präsident Rhee Syngman den Krieg unbedingt bis zu „seinem“ Sieg fortsetzen wollte. Last, but not least: Im Falle eines Krieges agiert ein in Korea stationierter US-amerikanischer Viersternegeneral (seit 20. Dezember 2024 General Xavier T. Brunson) gleichzeitig als Oberkommandierender der eigenen sowie der gesamten südkoreanischen Streitkräfte – ein Relikt des Kalten Krieges, dessen erste „heiße“ Phase ausgerechnet auf der Halbinsel ausgefochten ward!

Moon Chung-In, ehemaliger Sonderberater von Ex-Präsident Moon Jae-In für Außenpolitik und nationale Sicherheit, ist zuzustimmen, wenn er betont, dass bei alledem umfangreiche Vorarbeiten erforderlich sind – darunter die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, der Austausch persönlicher Briefe und Sonderbeauftragter sowie eine klare Auflistung dessen, was jede Seite bereit ist, zu erhalten und im Gegenzug anzubieten:

„Vorsitzender Kim wird nicht nur aus rein diplomatischen Gründen zum Gipfeltreffen mit Präsident Trump zurückkehren. Dieses Mal wird er substanzielle Erfolge erzielen wollen, mit denen er sein eigenes Volk zu Hause beeindrucken kann. Kim wird versuchen, das Scheitern von Hanoi zu vermeiden.“

Aus dieser Perspektive betrachtet hat Big Don schlechtere Karten und gerät unter Zeitdruck, da sein Kalkül einzig und allein darin besteht, im Vorfeld der Halbzeitwahlen im November innenpolitisch zu punkten – und sich wieder einmal in fataler Selbstüberhöhung als Anwärter auf den Friedensnobelpreis zu gerieren …

Rainer Werning ist u.a. Co-Autor der beiden Bücher:

Korea: Von der Kolonie zum geteilten Land (zusammen mit Du-Yul Song), Wien 2012: Promedia und

Brennpunkt Nordkorea: Wie gefährlich ist die Region? Berichte, Daten und Fakten (zusammen mit Helga Picht), Berlin 2018: edition berolina.

Anmerkung: Da es nicht Usus ist, Texte dieser Art mit Anmerkungen beziehungsweise Quellen zu versehen, finden geneigte Leser, die sich näher mit dem Thema und vor allem mit der jüngeren Geschichte Koreas befassen möchten, hier ein PDF mit weiterführender Lektüre & Links, in dem auch die im Text verwendeten (wörtlichen) Zitate der Protagonisten enthalten sind.

Titelbild: Rawpixel.com / Shutterstock


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