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Titel: Skandal um Ed Sheeran und Macklemore: Israels „Südafrika-Moment“?
Datum: 18. September 2026 um 9:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich: Maike Gosch
Der Rauswurf des US-Rappers Macklemore von Ed Sheerans Tour wegen seiner Solidarität mit Palästina sollte offenbar ein Exempel statuieren. Doch er entwickelt sich zum Bumerang: Musiker springen von der Tour ab, Fans boykottieren Sheeran und die Solidarität mit Macklemore wächst. Erleben wir gerade einen Wendepunkt – einen „Südafrika-Moment“ der Palästina-Bewegung? Ein Artikel von Maike Gosch.
Es ist viel in Bewegung zurzeit. Ein Skandal in der Musikbranche zieht gerade besonders große Kreise. Der Rapper Macklemore wurde wegen pro-palästinensischer Aussagen von der US-Tour des britischen Musikers Ed Sheeran ausgeschlossen. Macklemore war im Vorprogramm von Ed Sheeran aufgetreten und hatte bei zwei Konzerten in seiner Anmoderation eines Liedes den Völkermord Israels kritisiert. Dabei erklärte er ausdrücklich, dass sich die Kritik nicht gegen seine „jüdischen Brüder und Schwestern“ richte, sondern gegen das Vorgehen der israelischen Regierung und Armee. Er rief dabei auch „Free Palestine“.
Auf Instagram hatte Macklemore die Hintergründe aus seiner Sicht geschildert. Er schreibt: „Ed Sheeran und sein Team haben die Entscheidung getroffen, mich von der ‚Loop‘-Tour zu nehmen“, und erzählt dann weiter, wie der US-amerikanische Milliardär Robert Kraft, der Inhaber des „Gillette Stadiums“, Ed Sheeran unter Druck gesetzt habe, ihn aus dem Programm zu streichen. Der Unternehmer und Milliardär Robert Kraft gehört seit Jahrzehnten zu den einflussreichsten Unterstützern Israels in den USA und ist eng mit Benjamin Netanjahu verbunden, der ihm 2019 in Jerusalem den Genesis-Preis überreichte und ihn als „einen der loyalsten Freunde Israels“ würdigte. Kraft finanzierte mit Millionenbeträgen Kampagnen gegen die BDS-Bewegung (Boycott-Divestment-Sanctions) und unterstützte die israelischen Soldaten. Außerdem finanzierte er über seine Kraft Group mit mindestens zwei Millionen Dollar den mit AIPAC verbundenen Super-PAC „United Democracy Project“. Sein Name taucht zudem mehrfach in den Epstein-Akten auf. Unter anderem vermittelte Epstein ihm einen seiner Anwälte in einem Strafverfahren, in dem es um Prostitution ging.
Laut Ed Sheerans eigener Stellungnahme auf Instagram habe er die Kündigung Macklemores nicht selbst vollzogen. Wörtlich schrieb er: „Die Entscheidung, Macklemore von der Tour zu nehmen, hat der Veranstalter getroffen, nicht ich. Macklemores Vertrag bestand mit dem Veranstalter, nicht mit mir.“ Es gab einen großen „Shitstorm“ gegen Ed Sheeran und Robert Kraft und viel Solidarität mit Macklemore.
Daraufhin sagten sämtliche Vorgruppen und sogar Ed Sheerans Begleitband Beoga ihre Teilnahme an der Tour ab, was wieder sehr viel Unterstützung von anderen Musikern, Prominenten und der breiten Bevölkerung nach sich zog. Die irischen Musiker Aaron Rowe und Beoga bezogen sich in ihrer Begründung zur Absage auch auf die irische Geschichte und die Erfahrung ihres eigenen Volkes mit Völkermord, dem Aushungern und Kolonialismus durch die Briten.
Auf Social-Media-Plattformen explodieren seitdem Lieder, Stellungnahmen und Kommentare von Musikern, Komikern, Experten aus der Musikbranche, aber auch ganz normalen Bürgern, die sich mit der Kontroverse beschäftigen oder sich über Ed Sheeran lustig machen.
Seit Bekanntwerden des Macklemore-Rauswurfs hat Ed Sheeran auf Instagram mehr als 200.000 Follower verloren. Macklemore dagegen gewann auf Instagram rund 1,25 Millionen neue Follower. Der irische Sender Classic Hits Radio hat auf Druck seiner Zuhörer inzwischen sogar Ed Sheerans Musik aus seinem Programm genommen. Billy Bragg, einer der bekanntesten britischen Protestmusiker und seit den Thatcher-Jahren eng mit der Gewerkschafts-, Anti-Apartheid- und antirassistischen Bewegung verbunden, kritisierte Sheeran ebenfalls scharf. Während sich zahlreiche prominente Musiker öffentlich mit Macklemore solidarisierten, ist bislang kein prominenter Künstler bekannt, der dessen Rauswurf guthieß oder sich hinter Sheerans Entscheidung stellte.
Macklemore hat jetzt erklärt, seine Nettoeinnahmen aus der Tour in Höhe von einer Million Dollar an Wohltätigkeitsorganisationen zu spenden, die sich für das palästinensische Volk einsetzen, und Robert Kraft dazu aufgefordert, seine Spende zu verdoppeln. Robert Kraft erwiderte darauf, Ed Sheeran habe ihn bereits vor Macklemores öffentlicher Aufforderung selbst angerufen und gebeten, zwei Millionen Dollar zur Unterstützung der Menschen in der Region zu spenden. Man sieht also, dass die PR-Berater auf Hochtouren arbeiten, um die enormen Auswirkungen dieses Skandals – auch die finanziellen – für Ed Sheeran und für Robert Kraft zu begrenzen.
Jetzt könnte man natürlich argumentieren, dass das „Canceln“ Ed Sheerans ebenfalls repressiv und autoritär sei. Aber das wäre eine massive Verkennung der Machtverhältnisse und Umstände der Situation. Wenn Milliardäre, Stadionbesitzer und pro-israelische Lobbyorganisationen ihre ökonomische und institutionelle Macht einsetzen, um einen Künstler von der Bühne zu drängen, weil er seine Stimme gegen den Völkermord in Gaza erhebt, dann ist das der Versuch, Widerstand gegen einen Völkermord mundtot zu machen. Wenn Menschen darauf reagieren, indem sie Sheeran entfolgen, seine Musik nicht mehr hören und keine Konzertkarten mehr kaufen, ist das dagegen oft die einzige Waffe der strukturell Machtloseren: Boykott. Von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bis zum Kampf gegen die südafrikanische Apartheid war der organisierte Entzug von Geld, Aufmerksamkeit und Zustimmung ein Mittel, mit dem Menschen ohne Milliardenvermögen, Medienmacht oder institutionellen Einfluss Druck auf diejenigen ausübten, die diese Macht besaßen.
Viele Kommentatoren glauben, dass dieser Skandal und die massiven Reaktionen aus der Kulturszene einen Epochenbruch markieren. Einige sprechen von einem „Südafrika-Moment“ der pro-palästinensischen Bewegung und beziehen sich damit auf den Erfolg der Boykottbewegung gegen das südafrikanische Apartheidregime in den 1980er-Jahren. Der Boykott Südafrikas existierte damals schon lange, doch 1984 und 1985 sprang er endgültig in die westliche Pop- und Jugendkultur über: „Free Nelson Mandela“ wurde zum Hit, und für die „Sun City“-Kampagne schlossen sich mehr als 50 internationale Stars den „Artists United Against Apartheid“ an und erklärten öffentlich, nicht mehr in Südafrika aufzutreten. Damit begannen sich auch die gesellschaftlichen Kosten umzukehren: Nicht mehr der Boykott Südafrikas musste gerechtfertigt werden, sondern zunehmend dessen Bruch. Genau darin sehen viele die Parallele zu den Ereignissen dieser Woche: Palästina-Solidarität scheint gerade den Schritt von einer politisch und beruflich riskanten Position hin zu einer Haltung zu vollziehen, die die Massen begeistern und ihren Respekt erweckt – während umgekehrt das Schweigen zum Völkermord und die Sanktionierung seiner Kritiker erstmals erhebliche Reputationskosten nach sich zieht.
Viele schlugen auch vor, den „Streisand-Effekt“ in den „Sheeran-Effekt“ umzubenennen, denn durch diese Kontroverse ist das Thema Palästina-Solidarität im Mainstream angekommen. Dadurch, dass es hier um einen so bekannten Musiker wie Ed Sheeran geht, ist es kein Nischenthema mehr. Die oft gescholtene „Promi-Kultur“ (also der übertriebene Fokus auf Prominente) wirkte als Katalysator und Aufmerksamkeitsverstärker für ein Thema, das bisher eher für linke politische Aktivisten und Auslandskorrespondenten relevant war.
Die Geschichte zieht immer weitere Kreise. Es scheint, als hätten Israel und die pro-israelischen Lobbyisten die Unterstützung eines großen Teils der Jugend und von Popkultur-Akteuren verloren. Und es ist eine demokratische Bewegung von unten. Der Druck und die Zensur, das israelische Vorgehen nicht zu kritisieren, kommen von den Führungsetagen der Medien, von Politikern, von den Besitzern von Stadien, Filmstudios, von großen Agenturen. Der Widerstand dagegen kommt von unabhängigen Musikern und Fans, denen gerade erst ihre wirkliche Macht bewusst zu werden scheint. Und sie unterstützen die Musiker, die wegen ihrer pro-palästinensischen Positionierung finanzielle und berufliche Schäden erleiden, mit Plattenkäufen, Downloads und vielen andere praktischen Formen von Solidarität, um sie zu entschädigen. Und natürlich mit massiv gestiegener Aufmerksamkeit, der Währung unserer Zeit.
Und noch ein anderer Aspekt ist zu beobachten: Mut macht Mut. Macklemore war bereit, für seine Überzeugungen auf viel Geld zu verzichten und vielleicht sogar seine Karriere zu riskieren. Das hat die anderen jungen Bands und Musiker von Ed Sheeran ermutigt, ebenfalls Entscheidungen zu treffen, die ihnen finanziell wehtun und Risiken für ihre Karrieren bedeuten. Und ihre Schritte und öffentlichen Äußerungen haben jetzt offensichtlich sehr vielen Prominenten und Nicht-Prominenten Musikern und Künstlern Mut gemacht, sich öffentlich zu äußern.
Das Schweigen der Mehrheit bei Ungerechtigkeit und Unterdrückung ist immer der beste Schutz der Täter. Oder wie Martin Luther King Jr. es formulierte:
„Die größte Tragödie ist nicht die Unterdrückung und Grausamkeit der Bösen, sondern das Schweigen der Guten dazu.“
Dieses Schweigen wird gerade von vielen gebrochen.
Titelbild: Sugar Wolf / Andrea Raffin / Shutterstock
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