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Titel: Stimmungskanone Bild-Zeitung: Blatt lässt einen Russen (böse) gegen einen Ukrainer (gut) im Flugzeug kämpfen

Datum: 1. Oktober 2026 um 12:18 Uhr
Rubrik: Audio-Podcast, Kampagnen/Tarnworte/Neusprech, Medienkritik
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Pilot (Russe) will sich töten, Copilot (Ukrainer) verhindert Flugzeug-Absturz – so lautete eine Schlagzeile der Bild-Zeitung am Mittwoch (geändert ohne Korrekturhinweis). Wann sieht man in einer Überschrift schon mal eine Klammer? Vor lauter „Russe“ und „Ukrainer“ war das Stilistische der Bild egal – Hauptsache, es wird klar: Russe böse, Ukrainer Held. Das passt – wie soll man’s sagen? – ins Bild und hörte sich so an, wie es zur Politik passt. Nur: Die Schlagzeile passte nicht zur Realität. Die große Gefahr in dieser Zeit: Medien, die angebliche „Fakten“ möglichst schnell verbreiten wollen – und sich von ihrer Weltanschauung leiten lassen. Der Propaganda sind so alle Türen geöffnet. Ein Kommentar von Marcus Klöckner.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

„Get it first, but get it right“, also: „Sei der Erste, aber sei dir sicher, dass es stimmt“, lautete der Leitspruch des International News Service, einer US-amerikanischen Presse-Agentur. Falls die Bild-Zeitung sich an diesem alten Journalistenmotto orientiert haben sollte: Das Blatt hat die Nachricht weder zuerst noch richtig vermeldet.

Nun sind Fehler im Journalismus gewiss keine Seltenheit. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Das trifft auch auf den Nachrichtenjournalismus zu, wo oft unter hoher Geschwindigkeit gearbeitet wird.

Die Bild-Schlagzeile verweist allerdings auf ein tiefergehendes Problem.

Wie geht man als Redaktion mit Nachrichten in einer Zeit um, in der die NATO und Russland sich feindselig gegenüberstehen wie seit langem nicht?

In dieser Zeit muss sich jeder Journalist bewusst sein: Mit Propaganda von beiden Seiten ist zu rechnen. Ferner muss in dieser Zeit jeder Redaktion klar sein: Nachrichten, die die eine oder die andere Seite gut bzw. schlecht dastehen lassen, sind mit äußerster journalistischer Sorgfalt zu begegnen.

Was stimmt? Was stimmt nicht? Was kann eine Redaktion überhaupt sauber, unabhängig verifizieren, ohne sich dabei auf Quellen stützen zu müssen, die selbst einem Propagandaverdacht zu unterziehen sind (Regierungsbehörden etc.)?

Ist es Aufgabe von Journalisten, in dieser Zeit mit maximaler weltanschaulicher Distanz „Nachrichten“ zu begegnen? Oder sollen sich Journalisten als „Stimmungskanonen“ betätigen und „anheizen“, also Ressentiments gegen den „Feind“ schüren?

Was die Bild-Zeitung geleistet hat, ist klar zu sehen: Sie hat bei einem Vorfall, der – nach allem, was soweit bekannt ist – nichts mit dem Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu tun hat, in einer offensichtlich völlig unübersichtlichen Nachrichtenlage Informationsfetzen herangezogen und aus ihnen eine Medienwahrheit veröffentlicht.

Die „Wahrheit“ vom bösen Russen und dem guten, heldenhaften Ukrainer durchdringt die Schlagzeile.

Der Stand der Dinge ist derzeit allerdings der: Ein omanischer Copilot hat den indischen Piloten des flydubai-Flugs FZ1073 mit einem Messer angegriffen.

Sicherlich wäre es interessant, in Erfahrung zu bringen, wie überhaupt genau die Bild-Meldung zustandegekommen ist.

Bekannt ist: Propaganda wird von außen in die Kanäle der Medien gestreut. Und bekannt ist auch spätestens seit Günter Wallraffs Buch „Der Aufmacher – der Mann der bei Bild Hans Esser war“, dass bisweilen in der Bild-Zeitung ein überaus kreativer Umgang mit Schlagzeilen vorherrscht.

Aber lassen wir das.

Fakt ist, das Blatt hat die Öffentlichkeit mit einer Schlagzeile belästigt, die falsch war. Und Fakt ist auch, dass in weiten Teilen von Politik und Medien eine Anti-Russland-Haltung vorherrscht.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Stimmung gegen Russland gemacht wird und eine Berichterstattung zu beobachten ist, die kriegsvorbereitende Züge trägt.

In dieser Situation eine solche Schlagzeile zu veröffentlichen, wie es die Bild-Zeitung getan hat, ist unverantwortlich.

Die Schlagzeile bedient das propagandistisch verseuchte Bild vom bösen Russen und dem guten Ukrainer. Sie bedient den Erwartungshorizont von all jenen, die ohnehin erwarten, dass „der Russe“ an sich Schlechtes tut.

Besonders problematisch: Ein Korrekturhinweis ist nicht zu finden. Stattdessen ist zu lesen:

Zunächst hatte es geheißen, der Pilot sei russischer und der Copilot ukrainischer Herkunft. Das russische Generalkonsulat in Dubai teilte der Moskauer staatlichen Nachrichtenagentur Tass zufolge mit, die Berichte über einen russischen Piloten im Cockpit entsprächen nicht den Tatsachen. Das Konsulat habe von der Airline die Information erhalten, dass kein russischer Staatsbürger an Bord gewesen sei.

Die Formulierung „zunächst hatte es geheißen“ müsste lauten:

Zunächst haben wir berichtet, dass… Wir bedauern die falsche Schlagzeile.

Nicht nur die Schlagzeile, auch der Umgang mit der Fake News lässt also tief blicken.

Der Flugzeugvorfall ist im Hinblick auf seine Ausmaße noch von eher geringer Dimension.

Wie werden sich deutsche Medien verhalten, wenn die Nachricht von einem „Angriff“ Russlands in die Medienhäuser gespeist würde? Was wäre bei einer möglicherweise weitreichenden Aktion „unter falscher Flagge“?

Die Medienbeobachtung zeigt: Ein großer Teil der Medien ist nicht fähig und auch gar nicht gewillt, Nachrichten dieser Art mit journalistischer Professionalität zu begegnen. Geglaubt wird, was zur Politik und zur Weltanschauung passt.

Ein Ratschlag: Vertrauen Sie diesen Medien auf keinen Fall.

Titelbild: Screenshot Bild / Shutterstock


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