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Titel: „Was Merz den Deutschen nicht sagt“ – Kritik an Welt-Artikel

Datum: 6. Oktober 2026 um 16:00 Uhr
Rubrik: Außen- und Sicherheitspolitik, Medienkritik
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Die Welt will in einem Artikel zum Ukraine-Krieg erklären, was „Merz den Deutschen nicht sagt“. Ein Journalistenkollege aus dem Hause Springer macht auf der Plattform X auf den Beitrag aufmerksam. Dann hagelt es Kritik. Daraufhin schließt er die Kommentarfunktion mit launigen Worten. Eines der Grundprobleme, das seit Jahrzehnten besteht, kommt deutlich zum Vorschein: Weite Teile des journalistischen Mainstreams sind unfähig, Kritik anzunehmen – auch nicht bei Veröffentlichungen, die Kritik verdienen. Eine Kurzanalyse von Marcus Klöckner.

„Kommentare zu. Zu viele Beleidigungen, zu viel Leseschwäche, zu viel Dummheit.“

Mit diesen Worten finden die Reaktionen unter dem Tweet des ehemaligen Chefredakteurs der NZZ, Marc Felix Serrao, ein Ende. 147 Kommentare stehen unter dem Tweet, der auf einen in vielerlei Hinsicht problembeladenen Welt-Artikel verweist.

Jedem Leser sei empfohlen, den Beitrag (leider hinter einer Bezahlschranke) durchzulesen, um sich dann die Kommentare anzuschauen. Manche der Kommentare sind in einem etwas aufgeregten Ton verfasst und mit einem spitzen Zungenschlag versehen. Nach „Beleidigungen“, „Dummheit“ und „Leseschwäche“ muss man lange suchen. Ob man fündig wird, liegt offensichtlich im Auge des Betrachters.

Aber der Reihe nach.

In dem Artikel von Thorsten Jungholt, politischer Korrespondent, geht es im Kern um die Gründe, warum Deutschland, aber letztlich auch die anderen NATO-Staaten die Ukraine „unterstützen“. Genauer gesagt: Um einen aus Jungholts Sicht verborgenen Grund, den der Kanzler der Bundesrepublik aus politischen Gründen verschweigen muss.

Das klingt spannend und – das muss man zugeben – ein Artikel dieser Art wäre in Anbetracht der machtelitären Tiefenpolitik, die in der Ukraine spätestens seit 2014, wenn nicht gar früher, veranschlagt wird, dringend angebracht.

Doch was Jungholt abliefert, ist ein Beitrag, der vor allem durch eine Untererfassung der tatsächlichen Verhältnisse geprägt ist.

Jungholt schreibt:

„Das aus deutscher Sicht wichtigste Interesse kann der Kanzler dagegen überhaupt nicht öffentlich benennen: Die Ukraine kauft Deutschland und den anderen Europäern Zeit für die Wiederherstellung ihrer Verteidigungsfähigkeit. Weder die Bundeswehr noch viele ihrer europäischen Partnerstreitkräfte gelten derzeit als ausreichend verteidigungs- und durchhaltefähig. Der Wiederaufbau militärischer Fähigkeiten, die nach dem Ende des Kalten Krieges als Friedensdividende eingespart wurden, dauert nach einer Faustregel der Bundeswehr etwa zehn Jahre. Im Fall einer russischen Aggression gegen Nato-Gebiet würden sich deshalb viele Hoffnungen noch immer darauf richten, dass die USA ihren Bündnisverpflichtungen nachkommen. Ob sie das unter Präsident Donald Trump im Ernstfall tun würden, weiß niemand. Merz sagte bei seinem Besuch in Kiew: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns.“ Hinter vorgehaltener Hand formulieren hohe Bundeswehroffiziere den Gedanken etwas direkter: „Wir beten jeden Abend, dass die Ukraine noch möglichst lange durchhält.“ Genau diesen Satz kann ein Bundeskanzler nicht sagen. Denn darin steckt unausgesprochen die Botschaft: Die Ukrainer kämpfen und sterben heute, während Europa die Zeit gewinnt, um seine Streitkräfte wieder aufzubauen. Politisch wäre das kaum vermittelbar. Strategisch beschreibt es jedoch ziemlich genau, warum die Unterstützung Kiews aus Sicht vieler Militärs so wichtig ist.“

Dieser Auszug des Artikels steht für seine Gesamtheit. Der komplette Beitrag bewegt sich auf jener Ebene, die der Öffentlichkeit hinlänglich bekannt ist – und die die allgemeine politische Erzählung (Propaganda) zum Krieg in der Ukraine zur Basis nimmt.

Kein kritisches Wort zur komplexen Vorgeschichte des Krieges, zu den Todesschüssen auf dem Maidan, zum frühen Agieren der CIA in der Ukraine usw. Kritisch einordnende Sätze wären aber an dieser Stelle dringend notwendig, um nicht den Kitt für die propagandistische Grunderzählung der Politik zu liefern.

Jungholt spricht von der „Wiederherstellung“ der deutschen und europäischen „Verteidigungsfähigkeit“ und davon, dass „weder die Bundeswehr noch viele ihrer europäischen Partnerstreitkräfte“ derzeit als „ausreichend verteidigungs- und durchhaltefähig“ gelten.

Solche „Feststellungen“ wiederzugeben, ohne kräftig an jenem Fundament zu rütteln, das sie stützt, ist journalistisch untragbar.

Hier wird – so wie in nahezu allen Beiträgen großer Medien – über die „Wiederherstellung von Verteidigungsfähigkeit“ gesprochen, als ob ein solches Unterfangen eine unabdingbare Notwendigkeit wäre.

Hier wird die Betonung auf eine derzeit nicht ausreichende Verteidigungs- und Durchhaltefähigkeit der Armeen Europas gelegt, so als ob selbstverständlich zu diesem Zeitpunkt darüber zu sprechen sei.

Da gibt der Autor wieder, was im Falle einer „russischen Aggression“, also einem Angriff auf NATO-Gebiet, wäre, so als ob ein solches Szenario nun befreit von jeder Grundsatzkritik unwidersprochen auf dem Radarschirm der Öffentlichkeit zu erscheinen habe.

Dass der Autor hier lediglich Positionen „wiedergibt“ und im Konjunktiv formuliert, macht es nicht besser.

So ziemlich alles, was in diesem Abschnitt wiedergegeben wird, sind hochgradig propagandistisch kontaminierte Positionen. Dass überhaupt diese Positionen zur „Debatte“ stehen (eine echte Debatte gibt es ohnehin nicht), wird nicht im Ansatz hinterfragt – genau so wenig wie die macht- und geopolitischen Prämissen, auf die sie bauen.

Dass in einem solchen Beitrag, wo es heißt, „Die Ukrainer kämpfen und sterben heute, während Europa die Zeit gewinnt, um seine Streitkräfte wieder aufzubauen“, nicht einmal der Begriff Stellvertreterkrieg auftaucht, verweist wie ein blinkender roter Pfeil auf die eklatanten Inhaltslücken des Artikels.

Doch es wird noch besser – genauer gesagt: schlimmer.

„Strategisch beschreibt es jedoch ziemlich genau, warum die Unterstützung Kiews aus Sicht vieler Militärs so wichtig ist.“

Die Idiotie, die in dieser Skizzierung der angeblichen „Realität“ liegt, muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Zunächst unterlässt man es, einen Krieg, der auch ein Stellvertreterkrieg ist, als solchen zu bezeichnen, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass aus Sicht vieler Militärs die Unterstützung der Ukraine deshalb so wichtig sei, um selbst Zeit für den Wiederaufbau des eigenen Militärs zu gewinnen.

Warum aber sich Deutschland überhaupt in einer Situation befindet, die dazu führt, dass Militärs – offensichtlich mit einem sehr beschränkten Horizont – glauben, die Ukraine unterstützen zu müssen, um dann die eigene Armee hochrüsten zu können, wird völlig ausgeblendet.

Diese beschränkte Sicht setzt auf den Grundgedanken, dass Russland die Ukraine überfallen hat, also aggressiv sei und deshalb Europa hochrüsten müsse.

Allerdings: Dieser Blickwinkel bedingt dummerweise genau die Verhältnisse, von denen Militärs nun meinen, sie müssten sich damit auseinandersetzen.

Wer nicht die Tiefenpolitik begreift, die überhaupt erst dazu geführt hat, dass dieser Krieg in der Ukraine seit bald fünf Jahren am Laufen ist, agiert wie ein Maurer, der versucht, einen Anbau für ein Luftschloss zu bauen.

Hinzu kommt: Nur weil etwas aus „Sicht vieler Militärs so wichtig ist“, heißt das nicht, dass man als Journalist nicht einmal kräftig auf das Brett vor dem Kopf der Militärs klopfen darf.

Und noch etwas: Ob Merz nun diese „unbequeme Wahrheit“ über Deutschlands angeblich „wahre“ Absichten offen oder verklausuliert ausspricht, ist längst egal.

Hat der Autor nicht mitbekommen, dass seit langem selbst die Spatzen mit bissiger Ironie den Kampf „bis zum letzten Ukrainer“ von den Dächern pfeifen?

Anders gesagt: Wer weiß ernsthaft noch nicht, dass die Ukraine aus „Gründen“ vonseiten der NATO massiv gegen Russland geschoben wird?

Was soll daran ein „Geheimnis“ sein?

Ferner ist es mitnichten so, dass deutsche Politiker die angeblich verborgene Grundintension öffentlich verschweigen.

Im März dieses Jahres sagte etwa Roderich Kiesewetter (CDU): „Ukraine schützt uns und gewinnt Zeit“.

Der damalige Minister in NRW, Nathanael Liminski, sagte im Oktober 2025: „Die Ukraine hat dem Westen Zeit verschafft“.

Vonseiten Marie-Agnes Strack-Zimmermann heißt es etwas allgemeiner formuliert: „Die Ukraine kämpft auch für uns“.

Mit anderen Worten: Die Position, wonach die Ukraine „uns“ Zeit zur Aufrüstung verschaffe, steht seit langem klar im Raum – von den diversen weiteren Äußerungen aus militärischen und sicherheitspolitischen Kreisen gar nicht erst angefangen.

Deutlich wird: Der Artikel erweckt den Eindruck, eine „unbequeme Wahrheit“ auszusprechen – die aber längst oft genug auf die eine oder andere Weise offen bekundet wurde. Es geht hier nicht um ein Tabu – es ist das zentrale Argument für die Unterstützung der Ukraine.

Außerdem: Nachdem Boris Pistorius das Ziel „Kriegstüchtigkeit“ vorgegeben hat, Johann Wadephul sagte, „Russland wird immer ein Feind für uns bleiben“, und Merz davon sprach, dass es Frieden auf „jedem Friedhof“ gibt, sind doch ohnehin die Tabus gebrochen.

Was in dem Artikel zum Vorschein kommt, ist im Grunde genommen heiße Luft – allerdings eben auch fehlende Grundsatzkritik.

Daran entzündet sich die Kritik in dem Tweet von Serrao.

Eine Stefanie schreibt:

„Nicht Ihr Ernst????!? Deshalb soll die männliche Bevölkerung der Ukraine also ausradiert werden?“

Anmerkung: Die Kritik zielt wohl auch darauf, dass in dem Artikel kein Wort zu den brutalen Rekrutierungsmethoden in der Ukraine zu finden ist und ziemlich nüchtern eine im Grunde genommen eiskalte Politik skizziert wird.

„spom“ schreibt:

„„Im Fall einer russischen Aggression gegen Nato-Gebiet“ Schon hier beginnt der Denkfehler schon. Kein vernünftig denkender Mensch glaubt doch, dass die Russen einmarschieren. Seit Jahrzehnten wird immer wieder vor dem Einmarsch der Russen gewarnt. Dabei waren die es, die nach dem Fall der Mauer unser Land verlassen haben. Und selbst wenn die Gefahr eines militärischen Konflikts bestehen würde, wäre es Aufgabe von Politikern alles zu tun, um diese Eskalation zu verhindern. Doch stattdessen wird verbal und technisch aufgerüstet. Während Handwerker mit dem Lastenrad fahren sollen, werden Panzer, Kriegsschiffe uva militärisches Gerät gebaut, dessen Herstellung schon klimaschädlicher ist, als alles andere. Wem Klima und Frieden wichtig sind, der setzt auf Abrüstung und Diplomatie.“

„R_“ ist der Ansicht:

„Die Ukraine kauft überhaupt nichts. Sie verblutet in einem von den USA eingefädelten sinnlosen Stellvertreterkrieg, den sie nicht gewinnen kann und nicht gewinnen soll. Und wir zahlen die Rechnung. Das ist alles. Es ist widerwärtig.“

Siegmund Reichel äußert sich mit den Worten:

„„Wir“ bezahlen, die Ukrainer sterben! Und wenn wir dann mit der Aufrüstung fertig sind und von der Ukraine kaum etwas übrig ist, werden wir „dem Russen“ den Hintern versohlen? Das ist bewusst salopp formuliert. Klartext: Krieg in Europa endet im Armageddon! JEDER weiß das!“

„Halvar“ sagt:

„Erkläre doch erst mal jemand schlüssig, warum die Russen ein Land angreifen sollten, dass keine Bodenschätze hat, dessen Bildungssystem am Ende ist und Bürger irr sind. Ein Grund fiele mir selbst ein: Hier werden die Waffen produziert, mit der die Ukraine Russland angreift.“

Die Beispiele sollen genügen. Was daran „dumm“, „beleidigend“ oder von „Leseschwäche“ geprägt sein soll, erschließt sich nicht.

Dafür erschließt sich etwas anderes: Für einen kritikwürdigen Beitrag gibt es nun mal Kritik. Angenommen wird sie nicht. Der Kommentarbereich ist geschlossen. Ein Sinnbild entsteht.

Weite Teile der großen Medien veröffentlichen Beiträge, die aufgrund ihrer Einseitigkeit auf Kritik stoßen. Auf Kritik folgt Empfindlichkeit, einem Dialog mit den Kritikern wird sich verschlossen. So ist es bei nahezu allen großen politischen Themen. Gerade in einer Zeit, in der die Politik hochgefährliche Weichenstellungen in Richtung Krieg vornimmt, ist eine Presse, die blind und noch taub dazu ist, ein Problem.

Titelbild: WELT


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