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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Tanzt!
Datum: 10. Oktober 2026 um 13:00 Uhr
Rubrik: Kultur und Kulturpolitik
Verantwortlich: Redaktion
Tanzt, liebe Mitmenschen, tanzt! Tanzen bereitet Freude, ist gesund in jeder Beziehung. Tanzen ist keineswegs nur Element des Besonderen, einzig bloßer Bestandteil eines Festes, der limitierten Freizeit und der Muse. Tanzen ist Alltag! Tanzen vereint, befriedet, bringt uns Menschen auf gute Ideen, macht uns vielleicht auch zu besseren Menschen. Wir tanzen eindeutig zu wenig. Schauen Sie sich um: Können Sie sagen, dass in Ihrer Heimat Tanzen immer und überall präsent ist? Viele andere Dinge werden als wichtiger angesehen, wird uns, den mehr und mehr den Gürtel enger schnallenden Deutschen eingebläut. Doch Tanzen ist essenziell, ein unersetzliches Lebensmittel wie die tägliche Nahrung. Von Frank Blenz.
Die alte Dame
Vor Kurzem traf ich sie in der Stadt für einen Moment alltäglichen Glücks, wie das von Zeit zu Zeit geschieht. Die mir bekannte alte Dame mit wunderschöner Lockenfrisur, in stilvollem Kleid – mit edler Brille und einem Lächeln, das jeder Oma sehr gut stünde – kam im kleinen Supermarkt um die Ecke mit dem Einkaufswagen direkt auf mich zu. Den Plausch mit ihr genoss ich.
Sie erzählte blumig und erfreut über ihr aufregendes Leben im Alter, sie und ihr Mann hätten viel zu tun. Vor allen Dingen: Sie seien so fit und froh, weil sie regelmäßig tanzen gingen in diesen schwierigen Zeiten, schwor sie. „Bald jede Woche geht es zum Tanz. Das ist unser Glück“, sagte sie und zählte Orte des Vergnügens auf. Hier ein Tanznachmittag in einem Möbelhaus, dort ein viel besuchtes Senioren-Treffen mit Musik in der Selbstbedienungsgaststätte eines großen Einkaufszentrums vor der Stadt, da in einem Mehrgenerationentreff ein feiner Tanz mit einem rüstigen Alleinunterhalter, der die großen Evergreens von A bis Z draufhat. Und da ist noch das Kulturzentrum meiner Heimatstadt, wo einmal im Monat zum „Tanztee“ in der Galerie eingeladen wird. Die alte Dame und ich kamen darauf zu sprechen, weil ich als Kulturorganisator genau dort vor Jahren Klinken putzen gegangen war, um dem Tanztee auf die Beine zu helfen. Zunächst skeptisch, gingen die Gastgeber dann doch auf meinen Vorschlag ein, für Senioren nachmittags Tanz anzubieten, der inzwischen eine feste Größe im Monatsprogramm ist.
Die alte Dame schob ihren Einkaufswagen weiter und sagte mit einem fordernden Lächeln: „Wir sind immer dort, das hält uns jung, wir sind zufrieden. Mensch, ich sage Dir, es braucht viel mehr Tanzveranstaltungen – für alle Generationen.“
Für jeden, für alle Generationen Tanz
Für alle Generationen Tanz: Diesen Gedanken nahm ich mit. Überlegen Sie mal, liebe Leser: Deutschland hat an die 11.000 Städte und Gemeinden. In wie vielen dieser Orte gibt es Orte, wo regelmäßig zum Tanz gebeten wird? Und wie viele Menschen wie die alte Dame können davon berichten, dass sie regelmäßig in ihrer Umgebung tanzen gehen, tanzen gehen können und womöglich dabei ihr Glück finden? Was für Senioren in meiner angeboten wird und Umgebung durchaus zum Alltag gehört, ist lobenswert. Doch wie schaut es mit Angeboten für alle Generationen aus?
Ich lehne mich aus dem Fenster und gebe meine Beobachtungen wieder: Tanzveranstaltungen für Jung und Alt, Tanzlokale, Tanznachmittage, gesellige Abende, Wochenenden – die Optionen dafür sind in meiner Heimat und in anderen Regionen, die ich besuche, wirklich sehr überschaubar. Ich sehe stattdessen junge Leute mangels eines geeigneten anderen Treffs in Wartehäuschen sitzen und die freie Zeit verbringen. Nach 18 Uhr werden in den Städten der Region „die Bürgersteige hochgeklappt“. Orte der Begegnung sind rar. Im Umkreis von 100 Kilometern gibt es kaum Diskotheken, keine Ballsäle, keine Clubs, keine gepflegte Bar, wo Woche für Woche eingeladen wird, das Tanzbein zu schwingen.
Die positive Habenseite lasse ich nicht außen vor: Volksfeste, Dorffeste, die eine oder andere Disko, Livemusik-Abende, bei denen Besucher nicht sitzen bleiben, gibt es auch noch – und das Tanzen in Gemeinschaft. In meiner Heimat gibt es durchaus organisiertes Tanzen: Tanzschulen, darüber hinaus Interessengemeinschaften, die Salsa, Tango und sonst was für Stile hegen und pflegen. Für die Kinder werden ab und an Teenie-Bälle veranstaltet. In der städtischen Festhalle gibt es Partys für die Erwachsenen mit Altersangaben: Ü30, Ü40, Ü50. Die finden eher selten statt und sind dann folglich sehr gut besucht. „Wer da nicht hingeht, lernt nie jemand kennen“, sagte mir vor Kurzem ein Bekannter.
Ein Blick zurück. Was wurde früher aufgetanzt
In meiner alten Schule gab es einen Raum, ein Fachkabinett, der mehrfach im Monat zu einer Disko umfunktioniert wurde. Zwei meiner Schulkameraden hatten sich eine ziemlich starke Musikanlage zusammengebastelt: Lautsprecherboxen und mehrere Holzkisten, in denen montierte bunte Lampen das passende Licht für die Klassendisko lieferten. Und los ging‘s mit Night Fever im Diskofox oder langsamen Liebesliedern zum „Engtanzen“. Solche Diskoräume gab es übrigens in allen Schulen …
In der Stadt gab es Dutzende Tanzlokale, Jugendklubs, eine Bar namens „Casino“, in der Profimusiker Abend für Abend gepflegt aufspielten. Es war möglich, von Montag bis Sonntag auszugehen. Jeden Tag! Tanzabende begannen gegen 19 Uhr und endeten gegen 23 Uhr, am Wochenende gegen Mitternacht. Auf den Dörfern um die Stadt herum gab es zahlreiche „Säle“, auf deren Bühnen richtige Kapellen aufspielten und wo von der Jugend bis zu den Älteren Tanz, Geselligkeit und die Musik selbst die Menschen zueinanderbrachten. Meine Aufzählung ist keine Werbung dafür, dass Menschen einzig das Feiern, das Tanzen und Ausgelassensein im Kopf haben – die Aufzählung zeigt das Machbare, die Option, im Alltag integriert Schönes zu erleben.
All diese Lokalitäten waren Orte der Begegnung, des Kennenlernens, des Beginns von Liebe und Glück. Waren. Viele sind verschwunden. Warum?
Tanzen geht überall, immer noch. Wieder
„Darf ich bitten?“ Die Frage, eine kleine Bitte, die bei Tanzabenden jeder Art einst zigmal ausgesprochen wurde, fiel mir ein, als ich letztens bei einem Stadtfest in meiner Heimat über den großen Platz schlenderte und die vielen Besucher beobachtete. Ich spürte, dass viele von ihnen Sehnsucht in sich trugen, zusammenkommen zu wollen – und es doch nicht schaffen. Die „modernen“ Zeiten vermögen mittels Smartphone und App auch nicht das zu ermöglichen, mehr noch, Musik, Tanz als Lebensmittel ganz unspektakulär zu sehen. Ich gebe zu, Tanzen löst zwar nicht die vielen Probleme der Menschen, die mehr und mehr Lasten aufgebürdet bekommen, die den sozialen Abriss Tag für Tag erleben. Doch hat Tanzen eine enorme Kraft, eine, die den Abriss eventuell stoppen helfen kann.
Tanzen wirkt für mich wie ein Signal, sich nicht unterkriegen zu lassen. Tanzen ist eine Errungenschaft, ein Schatz, Lebensfreude, die von keinem in Beschlag genommen werden kann. Tanzen ist Freiheit, Tanzen ist in Verbindung treten, Freundschaft, Freundlichkeit, Leidenschaft, Liebe. Getanzt werden kann überall. Zu Hause wird der Sofatisch zur Seite geschoben, der Teppich wird zum Dancefloor. Im Keller der Hausgemeinschaft kann der alte Partyraum reaktiviert werden. Der Parkettboden im Saal des lange geschlossenen „Dorfkrug“ wird gekehrt, die Musikbox aufgestellt, jeder aus dem Ort bringt etwas zu essen und zu trinken mit – los geht‘s. In der Schule kommen die Klassen zusammen, am späten Nachmittag, jeder hat seine Hits dabei, die er mobil abspielt. Tanzt!
Ich denke wieder an früher, an eine kleine Gaststätte in einem alten Stadtteil meiner Stadt: eine Eckkneipe mit Kamin im Zentrum des Gastraums. Der Wirt servierte rustikale Gerichte und lud am Wochenende immer zum Tanz. Auf dem Kamin standen dann ein großes Transistorgerät und eine sich drehende Diskokugel, die buntes Licht in den Raum sendete. Die Musik vom Band lief, die Gäste schwoften im Gang, während der Wirt mit seinem Tablett sie umkurvte. Und zu fortgeschrittener Stunde kam es stets zum Höhepunkt des Abends. Licht aus, Schwarzlicht an. Der Gastgeber erschien in weißer Kleidung: Seine Break Dance Vorführung, eine Mischung aus Roboterimitation und Tanzschulenswing, begeisterte die Kneipengäste.
Machen!
Wirte gibt es ja immer noch, Kneipiers, Kaffeehausbesitzer, Galeristen, Schuldirektoren, Kulturhausleiter etc. auch. Was im Privaten barrierefrei geht – zum Tanz aufzufordern –, das geht auch, wenn die vielen Gastgeber im Land, die Macher, ihre Räume, Säle, Gärten, ihre Refugien ohne viel Aufhebens im Sinne der Alltagskultur Tanz öffnen. Und das gelingt umso mehr, wenn die engagierten Akteure auch die notwendigen Möglichkeiten erhalten, diese Veranstaltungen stabil zu organisieren. Von wegen Rotstift: Der soll getrost anderswo eingesetzt werden, wo Tanz ein Fremdwort ist.
Darf ich bitten? Wo man singt (und tanzt), da lass Dich nieder, (nur) böse Menschen haben keine Lieder. Die Aufforderung „Tanzt!“ empfinde ich wie eine, sich darauf zu besinnen, dass wir in vollen Zügen leben sollen und dürfen, dass Tanz schöner Ausdruck unserer menschlichen Lebensfreude und Friedfertigkeit ist. Es ist beileibe nicht so, dass bei einem Tanzabend lediglich der nächste Hit Gesprächsthema ist. Dort, wo Menschen zusammenkommen, wird sich auch ausgetauscht, wird diskutiert, philosophiert, gestritten, gerungen. Tanzen ist lebendig und dem Leben zugewandt mit allem Drum und Dran.
Gitarren statt Knarren
Ich stelle mir vor, 11.000 Kommunen im Land sind Orte des Tanzes, der Lebensfreude. Tanzen gehen, tanzen gehen wollen und können ist Beleg, dass Menschen sich sicher und wohl und geborgen fühlen, dass eine Gesellschaft sich aufhellt und erwacht, dass die Prioritäten richtig und gut gesetzt sind. Tanzende Menschen sind womöglich auch unbequeme Menschen, solche, die nicht aufgegeben haben, die sich wehren und einfordern, was immerzu behauptet und doch nicht eingehalten wird: ein gutes, würdevolles, friedliches Leben.
Ein Freund erzählte mir vor Kurzem, dass eine große Musikalienfirma mehrere Tausend Gitarren per Versand an die Kundschaft verschickt – pro Tag. Er und ich sagten unisono: Tausend Gitarren jeden Tag statt Tausend Waffen jeden Tag. Ja auch mit ‘ner Gitarre kann gut Musik gemacht werden, die Menschen zum Tanzen bringt. Tanzt!
Titelbild: ChatGPT, erstellt mit künstlicher Intelligenz
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