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NachDenkSeiten – Die kritische Website
Titel: Midterms – der Kater kommt bestimmt
Datum: 4. November 2026 um 10:32 Uhr
Rubrik: USA, Wahlen
Verantwortlich: Jens Berger
Anna Planken giggelt wild durchs ARD-Morgenmagazin, Mathieu von Rohr feiert im SPIEGEL den „Anfang vom Ende der Ära Trump“. Keine Frage, die deutschen Medien sind heute vor Freude aus dem Häuschen. Die Demokraten haben die Midterms gewonnen. Nun wird wieder alles gut. Der böse orangefarbene Mann ist weg, die Guten haben gesiegt. Nun können wir uns wieder ohne Vorbehalte unterwerfen. Stopp! Ich habe so einen Rausch schon einmal miterlebt, und der Morgen danach war ziemlich ernüchternd. Ein Kommentar von Jens Berger.
Es war im November 2008. Ich war – zum ersten Mal überhaupt – auf einer Wahlparty der US-Community in einer deutschen Stadt. Es gab Sekt und Pappbecher, auf einer Leinwand lief CNN, und gegen Morgen lagen sich wildfremde Menschen in den Armen. Barack Obama hatte John McCain geschlagen. Und vor allem: George W. Bush war Geschichte. „Yes we can“ war damals mehr als ein Wahlslogan, es war eine Art Erlösungsversprechen. Die deutschen Journalisten waren nicht weniger berauscht als die Gäste. Endlich wieder ein Amerika, das man lieben durfte. Jetzt sollte alles anders werden. Und ja. Nennen Sie es Naivität oder Zweckoptimismus – auch ich war tief im Inneren berauscht. Die Demos gegen den Irakkrieg waren ein paar Jahre zuvor die ersten Demonstrationen meines Lebens. Die Kritik an Bush jr. hat zu meiner Politisierung maßgeblich beigetragen. Natürlich war ich froh, dass dieser Bush jr. nun Geschichte war.
Daran musste ich denken, als ich heute Morgen die Kommentarspalten las. Die Demokraten haben die Midterms gewonnen, Trump ist angeschlagen, und in den Redaktionsstuben weht ein Hauch von 2008. Man liest vom „Anfang vom Ende“ und vor allem liest man Erleichterung. Bald wird wieder alles gut, so der Tenor. Man muss nur noch zwei Jahre durchhalten. Es ist wie eine Party. Wie 2008. Doch wer schon einmal auf einer Party war, weiß, dass auf den Rausch der Kater folgt. Deshalb lohnt es sich, einmal nüchtern auf die Jahre nach jener Nacht im November 2008 zurückzublicken.
Der Friedensnobelpreisträger und seine Drohnen
Schon nach neun Monaten im Amt bekam Obama den Friedensnobelpreis, im Grunde als Vorschuss auf eine Leistung, die er nie erbracht hat. Die Kriege seines Vorgängers beendete er nicht. Er verlagerte sie nur dorthin, wo keine Kameras standen. Unter Obama stieg die Zahl der Drohnenangriffe in Pakistan, im Jemen und in Somalia um ein Vielfaches gegenüber der Bush-Ära. Jeden Dienstag segnete der Präsident im Weißen Haus die „Kill List“ ab. 2011 wurde Libyen „befreit“, und heute ist das Land ein Failed State mit offenen Sklavenmärkten. In Syrien rüstete die CIA „moderate Rebellen“ aus, die so moderat dann doch nicht waren. Im Jahr 2016, seinem letzten vollen Amtsjahr, warfen die USA nach Berechnungen des Council on Foreign Relations über 26.000 Bomben auf sieben Länder ab. Den kriegslustigsten Präsidenten der jüngeren Geschichte stellt man sich gemeinhin anders vor. Bush jr. und auch Trump würden besser zu diesem Bild passen. Aber vielleicht hatte Obama ja bloß die bessere PR-Abteilung?
Dann ist da noch die Ukraine. Wer die Eskalation von 2014 verstehen will, sollte sich das abgehörte Telefonat von Victoria Nuland anhören, Obamas Europa-Beauftragter im State Department. Darin wird ganz ungeniert besprochen, wer in Kiew künftig regieren soll, und ein knappes „Fuck the EU“ fällt auch. Nuland verteilte damals auf dem Maidan Kekse. Die Lunte für den Konflikt, der Europa bis heute in Atem hält, wurde nicht zuletzt in Washington gelegt, und zwar unter einem Präsidenten, der in Berlin vor 200.000 jubelnden Menschen an der Siegessäule gesprochen hatte. Dem Präsidenten, dessen Wahlsieg ich ein paar Jahre zuvor selbst naiv gefeiert hatte.
„Yes we can“ für die Wall Street
Okay, formulieren wir es zynisch: Wen interessieren schon ein paar tote Afghanen, Syrer und Ukrainer? Den Amerikanern selbst ging es unter Obama doch besser. Oder? Leider nein. Obama trat sein Amt mitten in der Finanzkrise an und er hatte die historische Chance, das Casino zu schließen. Stattdessen rettete er die Croupiers. Die Banken bekamen ihre Milliarden und die Hausbesitzer bekamen Zwangsräumungsbescheide. Millionen Familien verloren ihr Zuhause, während kein einziger Spitzenbanker ins Gefängnis musste. Den sogenannten Aufschwung danach muss man sich genauer ansehen. Nach den Daten des Ökonomen Emmanuel Saez landeten in den ersten Jahren der Erholung rund 90 Prozent der Einkommenszuwächse beim reichsten Prozent der Bevölkerung. Die Reichen wurden reicher und die Armen ärmer. Die Vermögensschere, die schon unter Bush weit offenstand, wurde unter Obama endgültig zum Scheunentor.
Yes we can? Fragt sich nur, wer dieses „we“ ist. Klar, unter Obama ging es den Ivy-League-Anwälten, Beratern und Silicon-Valley-Milliardären wirklich besser. Für die abgehängten Industriestädte im Rust Belt hatte man bestenfalls Weiterbildungsgutscheine übrig, und schlimmstenfalls Verachtung. Obamas designierte Nachfolgerin Hillary Clinton sollte diese Wähler später „Basket of Deplorables“ nennen – im Deutschen würde man das wohl mit einem „Haufen von Erbärmlichen“ übersetzen. Aber Clinton war ja auch eine von den „Guten“, der Aufschrei in Deutschland blieb aus.
Trump ist kein Betriebsunfall
Damit sind wir beim Kern der Sache. Donald Trump ist nicht wie ein Meteorit über Amerika hereingebrochen. Er ist das Produkt jener Jahre, in denen die Hoffnung von 2008 systematisch enttäuscht wurde. Wer acht Jahre lang erlebt, dass sich trotz aller schönen Reden für ihn nichts ändert, der wählt irgendwann jemanden, der verspricht, den ganzen Laden in die Luft zu sprengen. Die gesellschaftliche Spaltung, auf der Trump surft, hat Obama nicht erfunden, aber er hat sie vertieft. Ohne Obama hätte es Trump nicht gegeben.
Deshalb ist es so ärgerlich, mit welcher Naivität die deutschen Leitmedien nun wieder die Gläser heben. Man tut so, als bestünde das Problem Amerikas aus einem einzigen orangefarbenen Mann, nach dessen Abgang alles in die gute alte Normalität zurückkehrt. Diese gute alte Normalität bestand aber aus Kriegen, Bankenrettungen und einer Mittelschicht im freien Fall. Sie ist nicht die Lösung des Problems, sondern seine Ursache.
Die bessere Frage wäre, wofür die Demokraten eigentlich stehen, außer dafür, nicht Trump zu sein. Hat die Partei aus ihren Fehlern gelernt? Will sie die Kriege beenden, die Wall Street an die Leine nehmen und den Menschen im Rust Belt etwas anderes anbieten als Verachtung? Danach fragt in den Redaktionen kaum jemand. Wer feiert, will keine Spielverderber hören. Und das hat einen guten Grund. Unter dem Deckel der „Demokraten“ befindet sich nämlich heutzutage ein recht heterogener Haufen. Das reicht von der im deutschen Mainstream sehr beliebten, aber vollkommen inhalts- und farblosen Kamala Harris bis zum heutigen Wahlgewinner aus Michigan, Abdul El-Sayed, einem Politiker, der nach deutscher Lesart vom Mainstream eigentlich als „antisemitischer Enteigner“ gelesen werden müsste, vertritt er doch in Sachen Israel- und Sozialpolitik Positionen, die selbst in Deutschland als „links“ gelten würden.
Nüchtern bleiben
Ich will niemandem die Freude verderben. Dass Trump ein Dämpfer verpasst wurde, ist keine schlechte Nachricht. Aber wir sollten aus dem Kater von 2008 etwas gelernt haben: Ein Machtwechsel in Washington ist noch kein Politikwechsel, und schon gar keine Erlösung. Wer wirklich etwas verändern will, in Amerika wie bei uns, darf sich nicht auf neue angebliche Heilsbringer verlassen; und schon gar nicht auf die „Demokraten“, die mehrfach unter Beweis gestellt haben, dass sie eher Teil des Problems als dessen Lösung sind. Wer etwas zum Besseren verändern will, sollte die richtigen Fragen stellen – nach Krieg und Frieden, nach Arm und Reich, nach den Interessen hinter den Kulissen.
Also stellen wir den Sekt zurück in den Kühlschrank, setzen den Kaffee auf und bleiben wach. Es gibt viel zu tun.
Titelbild: Screenshot ARD Morgenmagazin
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