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Titel: Wer länger lebt, prägt die Geschichtsschreibung…

Datum: 17. Juli 2023 um 16:54 Uhr
Rubrik: einzelne Politiker / Personen der Zeitgeschichte, Friedenspolitik
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…dargestellt am Beispiel der Urheberschaft der Entspannungspolitik und Egon Bahrs Rolle im Vergleich zu jener von Willy Brandt. – In diesen Tagen jährt sich eine wichtige Tagung an der Evangelischen Akademie in Tutzing. Dort hatten Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, und Egon Bahr, sein Pressesprecher, jeweils eine Rede gehalten und damit die Entspannungspolitik in die öffentliche Debatte eingeführt. Auf dem Blog der Republik hat Alfons Pieper gestern darüber geschrieben: „DISKUSSIONSBEITRAG WURDE ZUM PAUKENSCHLAG – VOR 60 JAHREN HIELT EGON BAHR SEINE TUTZINGER REDE: WANDEL DURCH ANNÄHERUNG“. Wenn man Überschrift und Text dieses Artikels liest, dann gewinnt man – wie auch bei anderen Einlassungen – den Eindruck, Egon Bahr sei der Erfinder der Entspannungspolitik. Er hat Großes dafür geleistet. Aber die Anfänge der neuen Überlegungen zur Ablösung des Kalten Krieges begannen schon Ende der Fünfzigerjahre, als Egon Bahr noch gar nicht Mitarbeiter von Willy Brandt war. Willy Brandt selbst spricht davon, dass ihm Egon Bahr in Tutzing die Schau gestohlen habe. Albrecht Müller.

Ich zitiere die einschlägige Passage aus „Willy Brandt: Erinnerungen“. Dort heißt es auf Seite 73:

„Im Juli 1963 machte Egon Bahr mit seiner Tutzinger Rede Furore, die vom „Wandel durch Annäherung” handelte und in der er unsere gemeinsamen Überlegungen in – wie es seine Art ist – prägnanter Form zusammenfasste. Er hatte auf jener Tagung im Juli 1963 nach mir sprechen sollen, war aber noch am Vorabend zu Wort gekommen und stahl mir, wie das so gehen kann, die Schau.“

Im Anhang sind vier Seiten aus den „Erinnerungen“ Willy Brandts einschließlich der zitierten Passage wiedergegeben.

Die Geschichtsschreibung orientiert sich wenig an diesen Fakten. Je mehr Zeit vergeht, desto deutlicher wird, dass der 1992 verstorbene Willy Brandt die Geschichtsschreibung über seine Entspannungspolitik weniger bestimmt hat als der im Jahre 2015 verstorbene Egon Bahr.

Nicht nur im Blog der Republik, auch der einschlägige Wikipedia-Beitrag über Egon Bahr folgt der gängigen und weitgehend von Egon Bahr und seinen Freunden geprägten Aussage:

Wandel durch Annäherung“ oder „Wandel durch Handel“ ist ein politisches Konzept, das in der Bundesrepublik Deutschland im Kalten Krieg im Zuge der „neuen Ostpolitik“ zum Tragen kam. Die Formulierung und auch die Erarbeitung gehen zurück auf den Leiter des Presse- und Informationsamtes des Landes Berlin, den SPD-Politiker Egon Bahr. Wandel durch Annäherung war die Grundlage für die Entspannungspolitik der seit 1969 regierenden sozialliberalen Koalition aus SPD und FDP.

Die Leistungen von Egon Bahr sind unbestreitbar. Er hat wesentlich und als engster Mitarbeiter Willy Brandts am Konzept der neuen Ostpolitik mitgearbeitet. Er hat für die Umsetzung Wesentliches geleistet, Egon Bahr hat den Moskauer Vertrag und den Warschauer Vertrag, also die für die Umsetzung der Entspannungspolitik wichtigen Verträge in Bonn und in den einschlägigen Hauptstädten ausgehandelt. Und er hat auch als erster die Formel „Wandel durch Annäherung“ gebraucht. In der Summe sind das große politische Leistungen. Eigentlich hat Egon Bahr es nicht nötig, dass seine Rolle übertrieben wird.

Willy Brandt hat als Regierender Bürgermeister Ende der Fünfzigerjahre mit der konzeptionellen Arbeit begonnen. Er hat dann als Außenminister ab Dezember 1966, als Parteivorsitzender und als Bundeskanzler ab Oktober 1969 die Hauptlast der Umsetzung getragen. Ich konnte und kann die Leistung beider einigermaßen gut beurteilen. Ich war ab Dezember 1969 zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der SPD und dann ab Februar 1973 Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt – am Anfang noch mit Egon Bahr als Bundesminister für besondere Angelegenheiten im Bundeskanzleramt –, habe die praktische Umsetzung der Ostpolitik erlebt, auch die ersten Schwierigkeiten 1973 und 74. Im Kontext dieser Arbeit habe ich sowohl mit Brandt als auch mit dem damaligen Chef des Bundeskanzleramtes, Horst Grabert, der die Anfänge der Ostpolitik Ende der Fünfzigerjahre in Berlin miterlebt hat, immer mal wieder über die Anfänge dieser für unser Land so wichtigen Politik gesprochen. Diese Erfahrungen sind – neben der Lektüre der „Erinnerungen“ von Willy Brandt – die Quelle der oben beschriebenen Einschätzung.

Anhang:

Seiten 72-75 der „Erinnerungen“ von Willy Brandt


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